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Tradition and alimitation in German literary journalism

The study of German-language literary journalism is usually preoccupied with the genre’s rich history in the 19th and early 20th century, focusing on prominent protagonists such as Heinrich Heine and Egon Erwin Kisch. However, there is hardly any systematic knowledge about current developments in this field: Who are the actors of contemporary literary journalism in Germany? What are their journalistic aims and role perceptions? Which structural settings have a lasting influence on their work? And how do they judge the legacy of their historical predecessors? These were some of the questions which I addressed in my presentation at the Sixth International Conference for Literary Journalism Studies (IALJS-6) in Brussels this week.

Relating to a series of problem-centered interviews with practitioners of literary journalism, which I am currently conducting for my PhD project, I could describe typical changes in the state of the genre in Germany: From the perspective of systems theory, it can be noted that the journalism system has been adapting itself to the challenge of literary journalism. In the past, the literary approach was judged as an irritation and a threat for the integrity of professional journalism, but the internal structures of the journalism system have reacted to this irritation. By adapting its structures and by allowing to integrate literary techniques into mainstream reporting, the journalism system has reprogrammed itself. As a consequence, literary journalism has moved from the periphery of the journalism system towards its centre, thus converting the actors of literary journalism from former outlaws to key pillars of the system.

This development has consequences for the identity of the subsystem of literary journalism. Whereas the actors of literary journalism have been a relatively cohesive group throughout most of the 20th century, the boundaries of their subsystem are now slowly dissolving. A clear distinction between literary journalism and journalism in general (that is between the subsystem and its mother system) is becoming ever more difficult. This development can be described as a process of “alimitation” (Entgrenzung). Although journalism in general may clearly benefit from this alimitation, it will probably entail severe problems for the scientific analysis of literary journalism, because under the given circumstances it becomes harder and harder to find a clear definition for its object of study.

This argument is also visualized in my slides:

Journalismus und Nationalsozialismus

jojo_klein.jpgDie aktuelle Ausgabe des “Journalistik Journals” ist eine besondere: Zum letzten Mal wird das Heft eingeleitet durch ein Editorial von Horst Pöttker. Er war es, der die Zeitschrift 1998 ins Leben gerufen hat. Nach 13 Jahren als Herausgeber gibt er die Verantwortung für Konzept und Finanzierung der Publikation nun ab. Insofern war es naheliegend, sich im neuen Heft 1/2011 noch einmal auf ein Thema zu konzentrieren, das den JoJo-Gründer seit langer Zeit fesselt: das Verhältnis von Journalismus und Nationalsozialismus. Die Texte im Schwerpunkt-Teil durchleuchten dieses Verhältnis aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Die Print-Version der neuen Ausgabe wird ab der kommenden Woche ausgeliefert. Schon jetzt sind einige ausgewählte Beiträge online — unter anderem:

Verdrängung, Öffnung, Instrumentalisierung
Was vom Umgang mit der NS-Vergangenheit über den Nachkriegsjournalismus zu lernen ist
Von Horst Pöttker

Zwischen den Weltkriegen
Zum Wandel des Pressejournalismus im Nationalsozialismus
Von Gabriele Toepser-Ziegert

Im Schatten von Joseph Goebbels
Otto Dietrich war einer der ranghöchsten Vertreter im Propagandaministerium
Von Stefan Krings

Derricks Erfinder fesselte schon die Hitlerjugend
Die große Frage nach der Mitschuld am Hitler-Regime hat sich Herbert Reinecker nie stellen lassen
Von Christina Kiesewetter

Produkte der Krise
Warum die Auseinandersetzung mit der Publizistik des Exils höchst aktuell ist – eine Verteidigungsrede
Von Gaby Falböck

Außerhalb des Schwerpunkts befassen sich verschiedene Texte mit Fragen der Ethik und Qualität im Journalismus, etwa der Beitrag “Achtsamkeit – Grundzüge eines integralen Journalismus” von Claus Eurich oder Lars Rinsdorfs Analyse zu den Auswirkungen des gemeinsamen Newsdesks auf Qualität und Vielfalt in der Mantelberichterstattung von WAZ, NRZ und WR.

Wer an einem (kostenlosen) Bezug dieser und/oder künftiger JoJo-Ausgaben interessiert ist, kann sich — wie immer — bei mir in der Redaktion melden. A propos: Das “Journalistik Journal” wird auch ohne Horst Pöttkers Mitwirkung weiterhin erscheinen. Dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr. Für heute begnüge ich mich mit einem herzlichen Dank an den Gründungsherausgeber für die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ich hoffe, dass auch er Freude an dieser “Abschiedsausgabe” hat!

Rezensionswesen

Dem Verriss haftet immer etwas Peinliches an. Wer Vergnügen am Verreißen hat, der setzt sich immer dem Verdacht aus, dass er ein Wichtigtuer sei, ein Anfänger, ein Grünschnabel, ein kleiner Mensch, der einem großen gegens Schienbein tritt, damit er, wenn der Große fällt, auf den herabschauen kann. Dem Werk der Liebe gibt auch der Leser lieber recht, wer hasst, soll damit nicht fremde Leute belästigen.

Quelle:

Seidl, Claudius (2009): Gute Bücher, die wir hassen. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 8. März 2009, S. 23

Hat die Inverted Pyramid ausgedient?

weldon.jpgDas Inverted-Pyramid-Prinzip, demzufolge alle wichtigen Informationen eines Ereignisses bereits im ersten Satz einer journalistischen Meldung beantwortet werden sollen, galt lange Zeit als ureigenstes Merkmal des modernen Nachrichtenjournalismus. Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass die Bedeutung der traditionellen Nachrichtenform zurückgeht. Aus meiner regelmäßigen Zeitungslektüre meinte ich schon häufiger schließen zu können, dass mehr und mehr narrative Darstellungsformen Einzug in die Berichterstattung erhalten, während klassische Nachrichten abnehmen. Empirisch fundiert habe ich diese Vermutung nie.

Das hat für den US-amerikanischen Zeitungsjournalismus nun Michele Weldon nachgeholt. In ihrem Buch “Everyman News” trägt sie Ergebnisse einer Inhaltsanalyse von 20 unterschiedlichen US-amerikanischen Tageszeitungen zusammen. Ihre Daten zeigen, dass sich das Verhältnis von Inverted-Pyramid-Nachrichten und erzählenden Darstellungsformen auf den Titelseiten der Zeitungen im Verlauf dieses Jahrzehnts deutlich gewandelt hat: Während 2001 noch 65% der Texte “hard news” waren, traf das 2004 nur noch auf 50% zu. Demgegenüber stieg der Anteil an Features. Die weiterführende Analyse der untersuchten Beiträge macht deutlich, dass sich auch die Quellenlage der Journalisten gewandelt hat: 2004 wurden deutlich mehr inoffizielle Quellen (d. h. solche, die nicht einer staatlichen Institution, einem Unternehmen o. ä. zuzuordnen sind) verarbeitet als noch 2001. Dementsprechend orientierten sich auch die Inhalte der Texte mehr an persönlichen Geschichten einzelner Personen und waren somit näher an den Alltagserfahrungen der Durchschnittsleser. Weldon schlussfolgert: US-amerikanische Zeitungen sind keine “newspapers” mehr, sie seien zu “story papers” geworden. Damit einher geht ein Abschied vom klassischen Gatekeeper-Journalismus, der einem neuartigen “everyman journalism” weiche:

„Everyman and everywoman news is reporting through the eyes of nondeliberate, accidental newsmakers, unofficial sources – the recipients, the customers in line at the movies, not the stars on the red carpet.“ (Weldon 2008: 28f.)

Interessant finde ich, dass Michele Weldon den beschriebenen Wandel in der journalistischen Darstellungshaltung nicht ausschließlich auf den zunehmenden Einfluss Weblogs und Bürgerjournalismus (von der Autorin etwas abfällig als “Chicken Little Journalism” bezeichnet; vgl. Weldon 2008: 9) zurückführt. Darüber hinaus diagnostiziert sie eine allgemeine Sensibilisierung und Humanisierung US-amerikanischer Journalisten, vor allem in der Folge von 9/11. Den narrativen Ansatz begreift sie dabei als “A New Way to Portray Grief” (Weldon 2008: 94). Er könne eine ähnliche Wirkung entfalten wie die narrative Therapie in der Psychologie — Freuds Katharsis-Theorie lässt grüßen.

Diese Auslegung mag man teilen oder nicht. Fest steht, dass Weldon mit ihrer Studie spannende quantitative Daten vorlegt, die dabei helfen können, die gegenwärtige Entwicklung des Nachrichtenjournalismus einzuordnen. Die Befunde zeigen, dass die klassische Nachrichtenform zwar nicht ausgedient hat, aber auch nicht mehr als unangefochtenes Paradigma der Mainstream-Berichterstattung gelten kann. Für den deutschen Sprachraum sind mir entsprechende Erhebungen bislang nicht bekannt. Ich vermute jedoch, dass sich hierzulande ein ähnlicher Trend feststellen ließe. Ein Grund mehr für die deutsche Journalismusforschung, dem Phänomen des narrativen Journalismus endlich mehr Beachtung zukommen zu lassen.

Wer die lesenswerte und auch stilistisch elegante Arbeit von Michele Weldon nicht greifbar hat, sei auf die vorbildlich gestaltete Website und auf das Weblog zum Buch verwiesen. Hier finden sich u. a. einige der Originaldaten aus der Studie, teilweise sogar in aktualisierter Form.

Literatur:

Weldon, Michele (2008): Everyman News. The Changing American Front Page. Columbia, London: University of Missouri Press.

Nieman Foundation rüstet sich für die digitale Zukunft

Die Nieman Foundation for Journalism an der Harvard University, bislang vor allem für ihre traditionsreichen Fellowship-Programme und ihre Aktivitäten zum Narrativen Journalismus bekannt, hat ein spannendes neues Projekt: das Nieman Journalism Lab. Ziel ist es “to help journalism figure out its future in an Internet age”. Geplant sind einige viel versprechende Forschungsinitiativen in Kooperation mit der Harvard Business School, dem Berkman Center for Internet and Society und dem Hauser Center for Nonprofit Organizations. Gemeinsam sollen neue Geschäftsmodelle entwickelt und Best-Practice-Beispiele identifiziert werden, um vor allem Printjournalisten dabei zu helfen, mit den Herausforderungen der Medienkonvergenz umzugehen.

Ergebnisse aus diesen Forschungsvorhaben liegen bislang nicht vor. Schon jetzt interessant ist aber das Projekt-Blog. Ein Redaktionsteam um Nieman-Fellow Joshua Benton beobachtet dort seit Mitte Oktober 2008, wie traditionelle Medienunternehmen sich bei ihren Vorstößen in die Welt des digitalen Journalismus schlagen — oder daran scheitern. Die Produktivität der drei Redakteure ist durchaus beachtlich: Schon jetzt gibt es mehr als 50 Postings. Die Resonanz von außen hält sich zwar noch in Grenzen, aber das kann ja noch werden. Es lohnt sich auf jeden Fall, das Projekt im Blick zu behalten.

Auf Josh Benton habe ich vor gut einem halben Jahr übrigens schon einmal hingewiesen. Damals hatte er mit einem Vortrag zu den Parallelen zwischen Blogging und Erzähljournalismus auf sich aufmerksam gemacht und dafür ein Sonderlob von Roy Peter Clark eingeheimst. Mal sehen, wie das Feedback für das neue Projekt ausfällt…

“Publizistik”-Rezensionen online

Nachdem ich das gedruckte Heft 2/2008 der “Publizistik” als Abonnent bereits vor ein paar Tagen im Briefkasten hatte, ist die neue Ausgabe nun auch online verfügbar. Erfreut stelle ich fest, dass der von Horst Pöttker und mir betreute Rezensionsteil diesmal wieder auch für Nicht-Abonnenten frei zugänglich ist. Die Rezensionen müssen zwar etwas umständlich als Einzel-PDFs gedownloadet werden, aber immerhin…

Auch auf die — leider kostenpflichtigen — Inhalte des Aufsatzteils sei kurz hingewiesen:

Silke Adam: Medieninhalte aus der Netzwerkperspektive

Sonja Glaab: Wilhelm II. und die Presse — Ein Medienkaiser in seinem Element?

Nikolaus Jackob/Thomas Petersen/Thomas Roessing: Strukturen der Wirkung von Rhetorik

Uli Bernhard/Wilfried Scharf: „Infotainment“ in der Presse

Die Kolumne (”Mega-Müll oder Mega-Chance? Bedenken und Bedenkenlosigkeiten aus dem Gratisblätterwald“) stammt diesmal von Marlis Prinzing. Das European Journalism Observatory stellt den Volltext netterweise umsonst zur Verfügung!