In der aktuellen Ausgabe des FPS-Newsletters ist ein kurzes wissenschaftliches Porträt über Horst Pöttker erschienen, das ich als Grußadresse anlässlich seines 65. Geburtstages beigesteuert habe. Da der Text mit allerlei unschönen Satzfehlern durchzogen ist, dokumentiere ich den Wortlaut hier noch einmal ohne Trennstriche.
1996, als Horst Pöttker seine Antrittsvorlesung am Dortmunder Institut für Journalistik hielt, war der Status der Journalistik als eigenständige Disziplin im System der Wissenschaften noch weitgehend ungeklärt. In seinem Vortrag machte der frisch berufene Professor für Theorie und Praxis des Journalismus es sich daher zur Aufgabe, ein „Programm der Journalistik“ zu skizzieren. Es kreiste im Wesentlichen um zwei Fragen: Was ist die konstitutive gesellschaftliche Aufgabe von Journalismus? Was kann die Wissenschaft, was kann die Journalistik zur Erfüllung dieser Aufgabe, dem Herstellen von Öffentlichkeit, beitragen? Die Beantwortung dieser beiden Fragen ist gleichsam eine Art Leitmotiv für die gesamte Berufsbiographie Horst Pöttkers, das er seit seinen Studientagen bis heute in verschiedensten Rollen und Funktionen aufgegriffen hat. Sein „Programm der Journalistik“ liest sich daher auch wie ein Programm seiner selbst.
Horst Pöttker studierte in Hamburg, Zürich und Kiel Soziologie, Philologie, Philosophie und Mathematik, bevor er seinem Lehrer Paul Trappe an die Universität Basel nachfolgte. Sein dortiges Studium schloss er 1978 mit der Promotion im Fach Soziologie ab. Aus seinen langjährigen Recherchen entstand das 1023 Seiten schwere Buch „Zum demokratischen Niveau des Inhalts überregionaler westdeutscher Tageszeitungen“, das in verschiedener Hinsicht charakteristisch für seine weitere berufliche Tätigkeit ist: Zum einen legte er damit ein methodologisches Fundament im Geiste des Kritischen Rationalismus, das ihm als Wissenschaftler bis heute Halt gibt. Zum anderen verdeutlichte er mit der Studie einen gesellschaftskritischen und aufklärerischen Anspruch, der auch gegenwärtig noch sein Verständnis von Wissenschaft und Journalismus prägt. Dieser Anspruch spiegelte sich auch in seiner praktisch-journalistischen Tätigkeit für die „Blätter des iz3w“, der Zeitschrift des Freiburger „informationszentrums 3. welt“, für die er während und nach seiner Baseler Zeit als Redakteur arbeitete.
Nach seinem Ausscheiden beim iz3w wandte sich Horst Pöttker wieder mehr dem Wissenschaftsbetrieb zu. Nach Lehraufträgen an der Universität Freiburg und an der Bundeswehr-Universität Hamburg nahm er 1982 eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Siegener Soziologie-Lehrstuhl von Rainer Geißler an. Nur drei Jahre später zog es ihn jedoch zurück in den praktischen Journalismus: Horst Pöttker wurde Alleinredakteur von „medium“, der medienjournalistischen Zeitschrift des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), die er zu einer anerkannten Reflexionsinstanz für den Journalismus machte. Das ständige Wandeln zwischen den Welten, der Versuch eines Brückenschlags zwischen wissenschaftlicher Forschung und journalistischer Praxis – dies ist ein typisches Merkmal für das professionelle Selbstverständnis Horst Pöttkers. Es ist daher nur konsequent, dass er auch während seiner Arbeit beim GEP weiterhin wissenschaftlich tätig war, 1992 für drei Jahre eine Gastprofessur für Ethik der Kommunikationsberufe an der Universität Leipzig übernahm und 1995 auch noch Vertretungsprofessor an der Universität Dortmund wurde – all dies wohlgemerkt parallel zur Redakteurstätigkeit für „medium“.
1996 erwarb Horst Pöttker die Venia Legendi für das Fach Soziologie (mit dem Schwerpunkt Soziologie der Kommunikation und der öffentlichen Meinung). Seine Siegener Habilitationsschrift veröffentlichte er unter dem Titel „Entfremdung und Illusion. Soziales Handeln in der Moderne“. In dieser Arbeit spürt er im Anschluss an Max Weber und Theodor Geiger der Frage nach, warum sich Individuen von den komplexen Organisationen der Moderne manipulieren lassen und welche Optionen zur Reduktion derartiger Fremdbestimmungstendenzen bereitstehen. Auch hier macht sich ein deutlich aufklärerischer Anspruch bemerkbar, der Horst Pöttkers wissenschaftlichen Analysen bis heute innewohnt.
Im Jahr seiner Habilitation nahm Horst Pöttker einen Ruf auf die Dortmunder Professur für Theorie und Praxis des Journalismus an. Wesentliche – wenn auch nicht alle – Bausteine seiner Tätigkeit am Institut für Journalistik der Universität Dortmund hat er bereits in seiner Antrittsvorlesung vorgezeichnet:
- Universitätsmedien: Ein wesentlicher Vorteil der hochschulgebundenen Journalistenausbildung ist die Option, Studierenden durch die Tätigkeit in Lehrredaktionen ein Experimentierfeld zu bieten, das Forschung, Lehre und Berufspraxis integriert. Horst Pöttker hat an der Organisation und Ausgestaltung der Dortmunder Lehrredaktionen aktiv mitgewirkt und zudem mit dem „Journalistik Journal“ und seinem Online-Pendant „Medien Monitor“ zwei medienjournalistische Foren ins Leben gerufen, in denen sich Journalistik-Studierende in kritischer Medienbeobachtung üben.
- Berufsethik: Eine systematische Berufsethik für Journalisten kann und soll dabei helfen, professionelle Qualitätsstandards des Journalismus zu begründen, um damit die Erfüllung der Öffentlichkeitsaufgabe zu erleichtern. Horst Pöttker hat diese Zielsetzung durch seine zahlreichen Analysen zur Qualität im Journalismus und zur Medienselbstkontrolle, vor allem durch seine kritische Exegese der Publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserats, nachhaltig vorangetrieben. Dies spiegelt auch sein Engagement als Mitbegründer und Vorsitzender des „Vereins zur Förderung der publizistischen Selbstkontrolle“ (FPS) und als Geschäftsführer der „Initiative Nachrichtenaufklärung“ (INA).
- Aufbereitung von Sachwissen: Qualitätsvoller Journalismus ist nur unter Einbeziehung von berufsnotwendigem Sachwissen möglich. Horst Pöttker konnte dieser Einsicht als Hochschullehrer vor allem durch seine Expertise in der empirischen Sozialforschung gerecht werden. Gemeinsam mit Bernd Klammer hat er ein Methodenlehrbuch für die wissenschaftliche Journalistenausbildung konzipiert, das inzwischen zur Standardliteratur gehört. Und auch seine umfangreichen Forschungen zur „Medialen Integration von ethnischen Minderheiten in Deutschland, den USA und Kanada“ im Rahmen des Siegener DFG-Sonderforschungsbereichs/Forschungskollegs „Medienumbrüche“ dürfen als notwendiges gesellschaftswissenschaftliches Rüstzeug für den journalistischen Berufsalltag gelten.
- Elementarpublikationen: Grundlagenliteratur ist für eine Wissenschaftsdisziplin wie die Journalistik nicht nur wichtig, um ein systeminternes Selbstbewusstsein herauszubilden; sie ist auch ein notwendiges Bindeglied zur journalistischen Praxis, die die Befunde des Fachs natürlich erst einmal wahrnehmen muss, um mit ihnen zu wachsen. Horst Pöttker pflegt die Verbindung zwischen Journalistik und Journalismus nicht nur mit der Herausgabe der bereits erwähnten Publikationen „Journalistik Journal“ und „Medien Monitor“. Er hat, gemeinsam mit Fachkollegen, auch ein Basiswerk zur „Stilistik für Journalisten“ vorgelegt, das 2010 in zweiter, erweiterter Auflage erscheint, sowie über viele Jahre die Edition eines „Deutsch-russischen Wörterbuchs der Journalistik“ angetrieben, dessen erster Teilband ebenfalls kurz vor der Veröffentlichung steht.
Ein wesentliches Anliegen Horst Pöttkers harrt freilich noch der Umsetzung: die Erarbeitung einer konsistenten Berufsgeschichte des Journalismus, die die Entstehung und Entwicklung der Profession im Kontext der Aufgabe Öffentlichkeit von Beginn an nachzeichnet. Zu einigen Episoden dieser Geschichte, etwa zur Bedeutung des Judentums für den modernen Journalismus, zur Entstehung des Nachrichtenparadigmas oder zu Journalismus und Öffentlichkeit im Nationalsozialismus, hat er zwar bereits bemerkenswerte Analysen präsentiert – teilweise mit beträchtlichem öffentlichem Nachhall. Dass eine Gesamtdarstellung jedoch noch auf sich warten lässt, liegt wohl auch an den kniffligen hochschulpolitischen Problemen, denen sich Horst Pöttker an der Universität Dortmund bis 2008 als Prodekan für Haushalt und Organisation und seitdem als Dekan der Fakultät Kulturwissenschaften mit einiger Leidenschaft gewidmet hat und weiterhin widmet. Seine professionshistorische Weiterentwicklung der Pressegeschichte dürfte damit zum Alterswerk werden. Am 29. Dezember ist Horst Pöttker 65 Jahre alt geworden.
Diskussionswürdig
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