Tag-Archiv für 'wirkung'

Alles, was Recht ist

jojo-klein.jpg„Ich glaube, wir können Juristen in die Kategorie der Monster einreihen“, räsonierte einst der englische Lyriker John Keats – und es gibt wohl auch heute nicht wenige Menschen, die der Juristerei mit einem Grundgefühl des Unbehagens begegnen. Zu hermetisch erscheint häufig die Sprache des Rechts, zu undurchdringlich der Dschungel unterschiedlicher Paragraphen und Gesetzestexte. Dieses Unbehagen ist auch unter Medientreibenden weit verbreitet. Leider, denn eigentlich müssten gerade Journalisten ein gesteigertes Interesse an rechtlichen Zusammenhängen haben. Sie bilden – im Falle der Gerichtsberichterstattung – ein wichtiges Themenfeld journalistischer Arbeit. Mehr noch: Sie stellen sogar eine wesentliche Grundlage dieser Arbeit dar, sei es indem sie dem Journalisten besondere Rechte bei der Informationsbeschaffung einräumen – oder indem sie die öffentliche Aufgabe der Massenmedien grundsätzlich legitimieren.

Das komplexe Zusammenspiel von Journalismus und Recht in einer verständlichen Sprache und mit nachvollziehbarem Praxisbezug aufzubereiten – das ist das Ziel der neuen Herbstausgabe des Journalistik Journals. Bei der Umsetzung dieses Ziels gehen die Autoren ganz unterschiedliche Wege:

Udo Branahl diskutiert in seinem Überblicksbeitrag die wesentlichen Funktionen einer gelingenden Justizberichterstattung – und formuliert auf dieser Grundlage einige Aufgaben für die Journalismusforschung und die hochschulgebundene Journalistenausbildung. Hans Mathias Kepplinger untersucht den Einfluss von Medien auf Strafverfahren. Seine Befragung von über 700 Richtern und Staatsanwälten weist vielfältige Wechselwirkungen zwischen Gerichtsberichterstattern und Prozessbeteiligten nach – und räumt gleichzeitig mit einem fundamentalen Irrtum der traditionellen Medienwirkungsforschung auf.

Thomas Vesting legt mit seinem medientheoretischen Beitrag den Grundstein für ein zeitgemäßes Rechtsverständnis, indem er die Entwicklung von den „Büchern des Rechts“ über die „Massenmedien des Rechts“ bis hin zu neuartigen „Netzwerken des Rechts“ verfolgt. Jutta Stender-Vorwachs und Natalia Theissen bieten einen kenntnisreichen Überblick über neue Entscheidungen zum Persönlichkeitsrecht und der Freiheit der Berichterstattung.

Gleich zwei Texte widmen sich der aktuellen Diskussion um ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage: Karl-Heinz Ladeur erörtert die grundsätzliche Sinnhaftigkeit eines solchen Schutzrechtes, Christopher Buschow skizziert die konkreten Folgen für den Journalismus.

Den Schlusspunkt in der Aufbereitung des Titelthemas bildet eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Medienrechtsblogs: Lars Harden formuliert in diesem Zusammenhang einige Thesen zum Einfluss derartiger Blogs auf den medienrechtlichen Diskurs. Simon Assion ergänzt diese Überlegungen mit einem aufschlussreichen Perspektiv-Wechsel. Er berichtet aus dem Innenleben des Internetprojekts Telemedicus und zeigt dabei eindrucksvoll, wie die so genannte „Blawgosphäre“ tickt und welche Faktoren die Arbeit an einem medienrechtlichen Weblog zu einem Erfolgsmodell machen können.

Vor allem die beiden letztgenannten Beiträge machen noch einmal deutlich, wie wichtig eine angemessene Vermittlung medienrechtlicher Themen ist, wenn sie auch außerhalb juristischer Fachkreise wahrgenommen und aufgegriffen werden sollen: „In einem Artikel auf Telemedicus hat der typische juristische ‚Kanzleistil‘ nichts verloren“, schreibt beispielsweise Simon Assion. „Passivkonstruktionen werden neuen Autoren ebenso ausgetrieben wie das häufige Substantivieren oder juristische Floskeln.“ Sofern dies beherzigt wird, entwickeln sich breite gesellschaftliche Diskussionen fast von allein, resümiert Assion. In solchen Fällen, prognostiziert Lars Harden, „werden herausragende Medienrechtsblogs zu Ankern und Orientierungspunkten für Interessierte – damit man sich im Gewirr der verschiedenen Stränge der Rechtsgelehrtheit zu Recht finden kann.“

Dass Generationen von Journalistik-Studierenden diese Lehre bereits vor dem Aufkommen der „Medienblawgosphäre“ verinnerlicht hatten, ist vor allem einem zu verdanken: dem langjährigen Dortmunder Medienrechts-Professor Udo Branahl. Für die Inspiration des neuen Schwerpunkt-Heftes gilt ihm daher besonderer Dank – ebenso wie seinem Nachfolger Tobias Gostomzyk, der maßgeblich zur konkreten Themenplanung und zur Feinabstimmung mit den Autoren beigetragen hat. Lässt man sich auf ihre Herangehensweise an das Themengebiet „Journalismus und Recht“ ein, braucht wohl niemand mehr Angst vor Monstern zu haben.

Zur neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” geht es hier!

Neues Journalistik Journal: “Journalismus in Europa”

jojo.jpgGerade rechtzeitig zum Beginn der Vorlesungszeit sind wir heute mit dem letzten Feinschliff an der neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” fertig geworden. Die Herbstausgabe 2/2008 ist bereits im Druck und wird ab nächster Woche ausgeliefert. 28 Autorinnen und Autoren haben mitgeholfen, auch das neue Heft wieder zu einer anregenden Lektüre werden zu lassen. Für die Zusammenarbeit sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt.

Der Themenschwerpunkt befasst sich diesmal mit “Journalismus in Europa“. Einige der Texte sind bereits vorab online verfügbar — und zwar:

Gerd G. Kopper: „Keine Schnecke, sondern die Maus“. Zwei Jahrzehnte europäische Journalistik

Andrea Czepek: Alles geht. Oder? Tabus im europäischen Journalismus

Horst Pöttker: Braucht Europa einen Presserat? Optionen einer supranationalen Selbstkontrolle

Michael Grytz: Dschungel wäre keine schlechte Bezeichnung. Erfahrungen eines Brüssel-Korrespondenten

Julia Lönnendonker: Die große Unbekannte. Journalisten wissen nur wenig über die EU

Weitere Beiträge zum Schwerpunkt Europa stammen von Andreas Hepp, Michael Brüggemann, Katharina Kleinen-von Königslöw, Swantje Lingenberg und Johanna Möller (”Segmentierte Transnationalisierung. Forschungsprojekt zum Wandel der EU-Öffentlichkeit”), Mirjam Stöckel (”Mehr Aufmerksamkeit für das graue Brüssel? So berichten Regionalzeitungen über die EU”), Marcus Kreutler (”Journalistische Ethik — oder Ethiken? Eine Untersuchung europäischer Medienkodizes”), Liane Rothenberger (”Arte auf dem Vormarsch. Europäisches Fernsehen zwischen Hoch- und Popkultur”), Christian Schwarzenegger (”Von gallischen und potemkinschen Dörfern. Die EU-Kampagne der ‘Kronen Zeitung’”) und Juliana Lofink (”Die Vergangenheit wirkt noch nach. Zum Zustand der Journalistenausbildung in Russland”). Diese Texte können in der Print-Ausgabe des JoJos nachgelesen werden. Bei Interesse reicht eine formlose Mail an mich, wir stellen die Hefte gerne kostenfrei zur Verfügung!

Auch jenseits des Themenschwerpunkts bietet das neue JoJo noch einigen Lesestoff: Frank Siebel trägt Ergebnisse einer Studie zur “zwiespältigen Rolle von Qualitätsmedien in mediatisierten Wahlkämpfen” zusammen; Sven Engesser und Jeffrey Wimmer diskutieren unter dem Titel “Renaissance der Gegenöffentlichkeit?” über die Potenziale des partizipativen Internet-Journalismus; Michael Schulte erklärt, “Warum extreme Fotoformate ihre Wirkung verfehlen” usw. usf.

Und wem das alles nicht passt, der kann sich schon auf Heft 1/2009 freuen. Das wird sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Journalismus und Wirtschaft befassen. Konkrete Themenvorschläge an die Redaktion sind herzlich willkommen!

Call: Bestandsaufnahme zur Rezeption und Wirkung politischer Medienangebote

“Zwischen Medienallmacht und -ohnmacht. Rezeption und Wirkung politischer Medienangebote” — so lautet der Titel einer Tagung der DGPuK-Fachgruppe “Rezeptions- und Wirkungsforschung“, die vom 22. bis zum 24. Januar 2009 in Zürich stattfindet. Anliegen der Organisatoren ist es, eine Bestandsaufnahme zur Rezeption und Wirkung (massen-)medial vermittelter Politik zu leisten und damit einen Überblick über die kaum noch zu durchschauende Vielfalt an Studien zu diesem Thema zu ermöglichen. Im Mittelpunkt der Tagung stehen damit Leitfragen und Themenkreise wie:

  1. Welche (massen-)medialen Politikangebote haben politisch relevante Wirkungen beim Publikum?
  2. Worin genau bestehen Wirkungen medialer Politikangebote auf das Publikum?
  3. Über welche Prozesse wirken sich mediale Politikangebote beim Publikum aus?
  4. Reviews und Meta-Analysen zur Wirkung (massen-)medialer politischer Angebote beim Publikum
  5. Methodischer Zugang zum Nachweis von politischen Medienwirkungen

Vortragsvorschläge können bis zum 15. September 2008 an Carsten Wünsch gerichtet werden. Zum vollständigen Call geht es hier! (via)

Einführung in die Medienwirkungsforschung — online

Noch ein Link nach Augsburg: Am dortigen Institut für Medien und Bildungstechnologie bastelt man seit Beginn des laufenden Sommersemesters mit interaktiven audiovisuellen Veranstaltungsmitschnitten. Versuchskaninchen ist Christiane Eilders. Ihre Vorlesung “Einführung in die Medienwirkungsforschung” kann seit einigen Tagen auch online goutiert werden. Eine RM-Datei mit der Auftaktveranstaltung steht hier zum Download zur Verfügung (243 MB), ein etwas handlicheres MP3 gibt es hier (74 MB). Die nachfolgenden Sitzungen werden nach und nach auf dem Server des Medienlabors ergänzt.

Fiktionale Medieninhalte und der Glaube an eine gerechte Welt

Manchmal muss man den Blick schon auf die internationalen Fachzeitschriften richten, um auf Forschungsarbeiten aufmerksam zu werden, die im deutschen Sprachraum entstanden sind. In der aktuellen Ausgabe des “Journal of Communication” bin ich auf einen lesenswerten Beitrag von Markus Appel (Linz) gestoßen, der für mich im Kontext meines Dissertationsvorhabens interessant ist. Der Titel lautet “Fictional Narratives Cultivate Just-World Beliefs“.

In seinem Aufsatz verarbeitet Appel die Erkenntnisse aus zwei Befragungen zur Fernsehnutzung von 128 Deutschen und 387 Österreichern. In beiden Erhebungen konnte er nachweisen, dass die Rezeption fiktionaler Fernseherzählungen beim Publikum den Glauben an eine gerechte Welt (”where people get what they deserve”, S. 76) fördert. Gleichzeitig bestätigte sich jedoch die Hypothese, dass eine hohe Gesamtdauer der Fernsehnutzung positiv mit Vorstellungen von einer bösen und beängstigenden Welt korreliert ist. Der Autor geht dabei davon aus, dass fiktionale Narrationen in der Regel den gleichen Schemata entsprechen. “Their endings typically include a resolution that brings together unconnected story lines, thus restoring balance and, ultimately, justice.” (S. 64) Andere Fernsehinhalte, unter anderem auch die Nachrichtensendungen der Boulevardmagazine, würden hingegen eine negative Weltsicht kultivieren.

Der Beitrag von Markus Appel ist nicht nur deswegen spannend, weil die Erforschung von fiktionalen Medieninhalten in der Kommunikationswissenschaft generell vernachlässigt ist. Ich habe mich auch deswegen ein wenig intensiver damit befasst, weil der Transfer in mein eigenes Forschungsprojekt zu den Traditionen des literarisch-narrativen Journalismus mir einige neue Denkanstöße geliefert hat.

Direkt übertragbar auf meinen Forschungsgegenstand sind die dargelegten Befunde aber sicherlich nicht. Das hängt zum einen mit den unterschiedlichen Medien zusammen (ich konzentriere mich vorwiegend auf Printberichterstattung, Appel auf das Fernsehen), zum anderen mit den unterschiedlichen Handlungssystemen (mir geht es um Journalismus, Appel berücksichtigt auch und gerade nicht-journalistische Medieninhalte). Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich für die Rezeption von literarisch-journalistischen Printerzeugnissen andere Wirkungsmuster nachweisen lassen würden. Allerdings ist die Forschung dazu bislang allenfalls bruchstückhaft, zumal diese Journalismusgattung selbst schon nicht sonderlich weit verbreitet ist. Ich hoffe, demnächst mehr dazu beitragen zu können.