Tag-Archiv für 'theorie' pt. 2 von 3



Call: Digital Media Technologies Revisited

Soeben erreicht mich der offizielle Call for Papers für die diesjährige Tagung der DGPuK-Fachgruppe “Computervermittelte Kommunikation“. Es handelt sich um eine internationale Gemeinschaftstagung, die in Kooperation mit der ECREA-Sektion “Digital Culture & Communication” und der DGPuK-Fachgruppe “Soziologie der Medienkommunikation” durchgeführt wird. Schauplatz ist am 20. und 21. November 2009 die Universität der Künste in Berlin.

Der inhaltliche Fokus der Veranstaltung wird durch den Titel (”Digital Media Technologies Revisited: Theorising social relations, interactions and communication”) treffend umrissen. Ziel ist es “to understand contemporary developments in digital media and digital media theory by looking backwards as well as forwards. We set out to explore an in-between time: a time, when much of the hype concerning digital media has died down, much research material has been gathered and analyzed and quite a bit about the possibilities and limitations of digital media (especially in comparison to older media forms) has been understood.” In diesem Sinne nimmt sich die Tagung vor “to return to earlier models and theories that attempted to explain new (digital) media in its ‘first wave’ forms. Additionally, we would like to address the question of what kind of alterations and additions can be used to adapt existing models and theories for current purposes (e.g. mediated person-to-person communication; para-social interactions with virtual agents; pseudo-social interactions with intelligent machines, etc.).”

Wer sich mit einem Paper beteiligen möchte, kann sich bis zum 31. Mai 2009 bei der lokalen Veranstalterin (Maren Hartmann) mit einem Extended Abstract bewerben. Nähere Informationen enthält der ausführliche Call for Papers.

Steckt der Online-Journalismus in der Aktualitätsfalle?

Das Institut für Journalistik beteiligt sich heute und morgen mit einer Vertiefungsveranstaltung am Studium Fundamentale der TU Dortmund. Das übergreifende Thema unseres Blockseminars lautet “Beschleunigte Informationsprozesse und Journalistische Qualität”. Auch ich habe am heutigen Veranstaltungstag einen Vortrag beigesteuert: “Qualitätssicherung auf der Datenautobahn — Steckt der Online-Journalismus in der Aktualitätsfalle?” Hier kommen nun — wie versprochen — die Folien zu meiner Sitzung:

Den Veranstaltungsteilnehmern sei an dieser Stelle noch einmal herzlich für ihre aufmerksame Mitarbeit gedankt. Falls es nachträglich noch Rückfragen oder Anmerkungen gibt: Ab damit nach unten in die Kommentare! ;)

Was ist Journalismus?

Journalismusdefinitionen gibt es in der wissenschaftlichen Literatur mittlerweile wie Sand am Meer. Besonders einprägsam finde ich nach wie vor die folgende von Emil Dovifat:

Der Beruf fordert eine eigene stilistische Kraft und Ausdrucksfähigkeit von charaktervoller und tiefgreifender Wirkung. Alle diese Eignungsvoraussetzungen liegen gleich den künstlerischen Begabungen in der Persönlichkeit. […] Der Beruf verlangt ein hohes Maß an opferbereitem Idealismus und moralischer Grundsatzfestigkeit sowie den ganzen Einsatz der Person. Widerstandsfähige, größten Arbeitsanforderungen standhaltende Gesundheit, starke Nerven, Ruhe, Beweglichkeit, gutes Sehen und Hören, keine Gehbehinderung. Gepflegtes Äußeres.

Journalist müsste man sein… ;)

Quelle:

Dovifat, Emil (1965): Journalist. In: Bundesanstalt für Arbeit (Hrsg.): Blätter zur Berufskunde, Bd. 1-3 (Sondergebiete). Bielefeld. (zit. n. Weischenberg, Siegfried (2004): Journalistik. Medienkommunikation: Theorie und Praxis. Band 1: Mediensysteme — Medienethik — Medieninstitutionen. 3. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 39)

Ich und Ich: New Journalism gestern und heute

Auf die Verbindungslinien zwischen Blogging und Erzähljournalismus habe ich kürzlich schon einmal hingewiesen. Klaus Jarchow hat nun einige weitere Indizien gesammelt, die zeigen, dass Weblogs mit einigem Recht als Fortführung der Tradition des New Journalism (in Sinne von Tom Wolfe) gesehen werden können. Für die Medienlese stellt er suggestiv einige Beispiele für gängigen deutschen Zeitungsjournalismus, “neuen Journalismus” US-amerikanischer Prägung und aktuelle deutschsprachige Blog-Einträge gegenüber. Sein Fazit:

Die Grenze zwischen dem “alten Journalismus” und dem hochgerühmten “new journalism”, die verläuft im deutschsprachigen Raum zwischen den Holzmedien und den Blogs, oder zwischen dem “Es” und dem “Ich”.

Klaus Jarchows Analyse ist ein klares Plädoyer für mehr Subjektivität in der journalistischen Berichterstattung, für mehr “Journalismus in der ersten Person”. Dass es daran nach wie vor mangelt, hat erst vor kurzem Christoph Moss gezeigt. In einer empirischen Untersuchung zu den sprachlichen Merkmalen von Weblogs hat er 500 Blog-Texte und 500 Kommentare aus Zeitungen und Zeitschriften inhaltsanalytisch ausgewertet und miteinander verglichen. In einer Zusammenfassung der Ergebnisse für das Handelsblatt stellt er fest:

Durchschnittlich mehr als zweimal pro Blogeintrag taucht in den untersuchten Texten das Wort “ich” auf, fast zehnmal so häufig wie in einem vergleichbaren journalistischen Text.

Für sich genommen mögen die beiden angeführten Sichtweisen zwar kaum überraschen. Ich verstehe sie jedoch als weitere Belege für die These, dass ein subjektives, literarisch geprägtes Journalismusverständnis keineswegs exklusiv an die historische Phase des (klassischen) New Journalism gebunden war, sondern bis in die Gegenwart fortlebt und sich kontinuierlich weiterentwickelt. Der “neue Journalismus” in Wolfe’scher Auslegung war in den USA in den späten 1960er und den -70er Jahren vor allem deswegen erfolgreich, weil er ein willkommenes Gegenkonzept zum objektiven Mainstream-Journalismus anbot und damit dessen Glaubwürdigkeitsprobleme ausgleichen konnte. Gleiches gilt für die Weblog-Publizistik der Gegenwart, die damit das Programm des New Journalism unter neuen medialen Bedingungen fortführt.

Systemtheoretisch gewendet, lassen sich sowohl New Journalism als auch Blogs als Subsysteme des Systems Journalismus auffassen. Wie ihr Muttersystem haben sie vor allem eine Funktion: das Herstellen von Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Transparenz. Bei der Umsetzung dieser Funktion werden jedoch unterschiedliche Strategien verfolgt. Während der (im Zentrum des Muttersystems angesiedelte) Mainstream-Journalismus vor allem auf nachrichtliche, um Objektivität bemühte Darstellungsformen setzt, nutzen New Journalism und Blogs in erster Linie das Erlebnispotenzial subjektiver Vermittlungsmuster. Damit sind sie eher in der Peripherie des Journalismus-Systems verortet. Ob ihre publizistischen Bemühungen aber — wie von Klaus Jarchow erhofft — zu einer (Re-)Subjektivierung des journalistischen Mainstreams führen, scheint eher fraglich. Im Falle des traditionellen New Journalism ist der Zug wohl ohnehin schon abgefahren. Und auch die gegenwärtigen Blog-Trends sind eher als Ergänzung zum etablierten Objektivitäts-Journalismus zu verstehen, weniger als potenzieller Ersatz. Auf Dauer könnten sie sogar eher systemstabilisierend wirken. Durch ihre spezifischen Leistungen gleichen sie Mängel des Journalismus-Systems aus und tragen damit zu dessen Selbsterhaltung bei.

Literatur:

Jarchow, Klaus (2008): Journalismus in der ersten Person. Ich? Ich! In: Medienlese vom 30. Mai 2008. Online unter: http://medienlese.com/2008/05/30/journalismus-in-der-ersten-person-ich-ich/

Moss, Christoph (2008a): Weblogs und die Liebe zum Ich. In: Handelsblatt vom 23. April 2008. Online unter: http://www.handelsblatt.com/News/Journal/Vermischtes/_pv/_p/204493/_t/ft/ _b/1421193/default.aspx/weblogs-und-die-liebe-zum-ich.html

Moss, Christoph (2008b): Viel Luft nach oben. In: Absatzwirtschaft, Heft 5/2008, S. 29-33

Call: Perspektiven Kritischer Kommunikations- und Medientheorien

Eine Tagung zu den “Perspektiven Kritischer Kommunikations- und Medientheorien” findet vom 30. Oktober bis zum 1. November 2008 an der Universität Lüneburg statt. Ziel ist es, “die Tragfähigkeit und Weiterentwicklung gesellschaftstheoretisch fundierter kritischer Theorien zu diskutieren und voranzutreiben sowie diese im Hinblick auf ihre gemeinsamen Grundlagen zu durchleuchten”. Willkommen sind Beiträge, die

  • [sich] unter Bezug auf Bourdieus Kapitalkonzept kritisch mit dem gesellschaftlichem Wandel durch die Aneignung digitaler Medien und deren Folgen für die Menschen und ihre Lebenschancen beschäftigen und dabei technizistische Konzepte wie ‘Digital Divide’ überwinden,
  • Überlegungen zur Kulturindustrie revitalisieren und die damit verbundenen Begriffe wie etwa den der ‘Selbstverdinglichung’ für die Analyse von Medienhandeln aufgreifen,
  • in der Tradition von Gramsci und den Cultural Studies die Verbindung von Hegemonie und Ideologie für die Analyse von Medien bzw. Medienangeboten fruchtbar machen,
  • die Bedeutung der politischen Ökonomie herausstellen und dem Zusammenhang von Gesellschaftsveränderung und geänderten Bedingungen von Medienproduktion, -repräsentation und -aneignung nachgehen,
  • im Anschluss an Foucault Medien als Kulturtechnologien diskutieren bzw. verfolgen, wie Machtverhältnisse in Mediendiskursen zum Ausdruck kommen oder mediale Angebote als Modus der Subjektivierung und Form der Selbsttechnik in den Mittelpunkt stellen,
  • aktuelle feministische Theoriebildung für Fragestellungen der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Geschlechterforschung aufgreifen.

Abstracts von 4000 bis 5000 Zeichen nehmen die Organisatoren Tanja Thomas, Friedrich Krotz und Jan Pinseler bis zum 15. Juni 2008 entgegen. Zum vollständigen Call for Papers geht es hier! (via)

“Beruf: Journalist” — Neues Journalistik Journal

jojo.jpgNach einem längeren Endspurt konnten wir heute die Schlussproduktion des neuen “Journalistik Journals” abschließen. Die Frühjahrsausgabe 2008 (Heft 1/2008) geht morgen in den Druck; die Auslieferung dürfte ab kommender Woche beginnen. Das Schwerpunktthema widmet sich diesmal den Arbeitsbedingungen im Journalismus. Unter dem Titel “Beruf: Journalist” diskutieren zehn Autorinnen und Autoren über aktuelle Entwicklungen rund um den journalistischen Arbeitsplatz.

Einige Beiträge sind bereits vorab auf der Webseite des “Journalistik Journals” zu finden — zum Beispiel:

Fokus: Beruf: Journalist. Zum gegenwärtigen Stand der Journalismusforschung — von Johannes Raabe

Schneller, vielfältiger, anspruchsvoller. Journalisten von morgen: Wer sind sie, was machen sie? — von Sylvia Egli von Matt

Bürgerreporter: Ergänzung mit vielfältigem Potenzial. Übernehmen Laien die Redaktionen? — von Philomen Schönhagen

Die unbekannten Medienmacher. Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor — von Miriam Bunjes

Können, Köpfchen oder Körper? Zu den Karrierechancen von Frauen — von Tina Groll

Weitere Beiträge zum Themenschwerpunkt gibt es von Annika Sehl (”Ökonomisches Qualitätsmanagement? Wie die ARD-Anstalten mit Videojournalismus umgehen”), Frank Biermann (”Besser wird es nicht. Immer mehr Ein-Zeitungs-Kreise in NRW”), Judith Pfeuffer (”Macht der Journalismus krank? Ergebnisse einer Befragung”), Julia Eggs (”Volontariat unter der Lupe. Neue Daten zur journalistischen Ausbildungssituation”) und von mir (”Wider den Journalismus der Unterhosen. Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg über Qualitätsberichterstattung in den Zeiten der Medienkonvergenz”).

Aber auch jenseits des Schwerpunktthemas bietet das JoJo wieder einigen Lesestoff. Hervorzuheben ist sicherlich der spannende Aufsatz von Ingo Fischer (”Eher unbekannt als anerkannt“), in dem er empirisch nachweist, dass ein Großteil der Journalisten noch nie etwas von Pressekodex und Presserat gehört hat. Unbedingt lesenswert sind aber auch die Beiträge von Karola Graf-Szczuka (”Die Persönlichkeit der Zeitungsleser. Neue Erkenntnisse zur Mediennutzung von Jugendlichen”), Nadine Bilke (”Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus”), Sonja Roy (”Auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Korruption beeinflusst auch die bulgarischen Medien”) und Holger Noltze (”So eine richtig schöne Umstrittenheit. Ein Beitrag zur Debattenkultur im deutschen Feuilleton”).

Wer Interesse an den nicht-verlinkten Beiträgen hat, kann sich gerne an die Redaktion wenden. Wir stellen auch die gedruckten Hefte auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung.

Neues ICA-Journal für qualitative Kommunikationsforschung

Mit “Communication, Culture & Critique” hat die International Communication Association eine neue Fachzeitschrift ins Leben gerufen, die sich der Kommunikationsforschung vorwiegend aus qualitativer und interpretativer Perspektive annähern soll. Als ich von diesem Ansinnen, das dem kommunikationswissenschaftlichem Mainstream komplett zuwiderläuft, zum ersten Mal gehört habe, war ich positiv überrascht und gespannt. Das klang nach einem lohnenswerten Projekt. Nachdem ich nun die Zeit gefunden habe, die erste Ausgabe des Journals genauer zu prüfen, hat sich diese positive Grundstimmung ein wenig relativiert. Obwohl mich das Themenspektrum des Hefts durchaus anspricht und die Anlage stimmig scheint, wirkt in der Ausführung vieles unfertig. Besonders störend ist der essayistische Plauderton einiger Beiträge, der jegliche wissenschaftliche Fundierung vermissen lässt. Vielleicht ist das Absicht. Vielleicht soll so ein wenig Programmatik in die Premierenausgabe gebracht werden. Ich weiß es nicht. Das knappe Editorial von “Inaugural Editor” Karen Ross (Liverpool) schweigt sich dazu aus.

Symptomatisch für das Geschilderte ist u. a. der Beitrag von Barbie Zelizer (Philadelphia) zur Frage “How Communication, Culture, and Critique Intersect in the Study of Journalism” — einer von zwei enthaltenen Texten, die dem Bereich der Journalismusforschung zuzuordnen sind. Die Autorin skizziert hier holzschnittartig drei divergierende Journalismuskonzepte: das des “[j]ournalism as communication [which] privileges the important role in information gathering and disseminating which journalism fulfills”, das des “[j]ournalism as culture [which] addresses the function of journalism in imparting value preferences and mediating meaning about how the world does and should work” und das des “[j]ournalism as critique [which] highlights the particular value of criticism and opinion as a modality through which journalism can make explicit its response to events and issues of the public sphere” (S. 90). In ihrem Schlussplädoyer fordert Zelizer, diese Konzepte als gleichberechtigt anzuerkennen, und stellt fest: “It is high time we developed the analytical tools necessary to recognize the different facets of their activities and how they interact.” (ebd.) Das ist sicherlich alles nachzuvollziehen und auch durchaus gutzuheißen. Allerdings mangelt es dem Ganzen doch sehr an inhaltlicher Substanz. So fehlen etwa jegliche (!) Bezüge auf bereits existierende Forschung zu den aufgeworfenen Fragen. Der sechsseitige Text kann somit kaum mehr als ein programmatisches Statement sein; ein ernst zu nehmender Forschungsbeitrag ist er offenkundig nicht.

Deutlich überzeugender ist da schon der Aufsatz “Crossing Boundaries: New Media and Networked Journalism” von Charlie Beckett und Robin Mansell (London). Sie beschreiben ihr Konzept eines von Weblogs und anderen kollaborativen Medienformaten geprägten Netzwerk-Journalismus, der sich gegenwärtig mehr und mehr etabliert und dem traditionellen (Gatekeeper-)Journalismus den Raum streitig zu machen scheint. Unter Hinzuziehung einschlägiger Literatur diskutieren sie die Spannungen zwischen neuem und altem Journalismus und erörtern die ethischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Um die dargelegten Probleme zu lösen, drängt sich den Autoren zu Folge vor allem eine Lösung auf: “[T]here must be substantial investment in the new media literacies that extend beyond basic reading and writing.” (S. 100) Das funktioniere aber nicht ohne eine entsprechende Begleitforschung: “An ethically grounded reserach strategy for understanding the changes associated with networked journalism would begin the task of assessing both the potential and the risks of the way the news media are evolving.” (S. 102)

Wenn künftige Ausgaben von “Communication, Culture & Critique” ähnlich sorgfältig gearbeitet sind wie der Beitrag von Beckett und Mansell, werde ich mich mit dem Zeitschriftenkonzept sicherlich noch anfreunden können. Man darf gespannt sein, wie sich das Journal entwickelt.