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Ein Vademekum für den Sportjournalisten?

jojo.jpgMedienkritik ist nichts Neues. Auch wenn der kritische Diskurs über Journalismus und Medien in der heutigen Erregungsgesellschaft, beflügelt durch web-basierte Themenschleudern wie Twitter oder Facebook, so lebendig ist wie nie zuvor – es gibt ihn schon lange, so lange, wie es Medien gibt.

In kaum einem Bereich wurde und wird dieser Diskurs jedoch so lautstark und emotional geführt wie im Sportjournalismus. Warum das so ist, zeigt die neue Ausgabe des „Journalistik Journals“ (JoJo) mit zahlreichen Beiträgen zum Titelthema „Medien und Sport – eine variantenreiche Verbindung“. „Kein anderes Ressort im Journalismus ist derart von Ökonomisierungs- und Kommerzialisierungsprozessen betroffen wie das Sportressort“, stellt Michael Schaffrath in seiner kritischen Bilanz zur bisherigen Sportkommunikatorforschung fest. Christoph Bertling beschreibt eine „schwierige Gratwanderung des Sportjournalismus“ zwischen Aufklärung und Entertainment. Weitere Analysen widmen sich spezifischen Problemen und Herausforderungen des Berichterstattungsfeldes: unter anderem dem (Vor-)Urteil, dass Sportjournalisten in Wirklichkeit schlecht getarnte Fans sind, die am liebsten selbst eine Sportkarriere gestartet hätten (Michael Steinbrecher); dem unübersehbaren „Sexualisierungsdruck“, der sich vor allem in der redaktionellen Darstellung von Sportlerinnen bemerkbar macht (Jörg-Uwe Nieland und Daniela Schaaf); und den zahlreichen Widrigkeiten, mit denen Sportjournalisten bei der Berichterstattung etwa über Korruption (Daniel Drepper) und Doping (Angelika Mikus) zu kämpfen haben.

Einfache Lösungen für diese Probleme können die Autoren nicht anbieten. So verweist Thomas Horky zwar auf die besonderen Chancen, die beispielsweise soziale Netzwerkmedien bei der Berichterstattung über Sport-Großereignisse mit sich bringen. Gleichzeitig stellt er jedoch fest, dass ein verstärkter Einsatz von Social Media auch mit zahlreichen Folgeproblemen verbunden ist, die den vermeintlichen Mehrwert relativieren. Ein Vademekum für den Sportjournalisten ist das neue JoJo also nicht.

Wohl aber kann es helfen, viele der häufig beklagten Fehlentwicklungen der Sportberichterstattung zu verstehen, ohne sie damit entschuldigen zu wollen. So erklärt etwa Christoph Bertling, dass Sportjournalismus, historisch betrachtet, gerade nicht aus einem aufklärenden Anspruch heraus entstanden ist, sondern als Unterhaltungsprodukt: „Von Anfang an wurde Sport als Berichterstattungsobjekt genutzt, um die Massen durch populäre Inhalte anzusprechen. Zahlreiche Events, beispielsweise die Tour de France, wurden seitens der Medien als Berichterstattungsobjekt geschaffen. Entsprechend entwickelte sich nicht das gleiche Selbstverständnis wie in anderen Ressorts: Viele Sportjournalisten verstehen sich als Teil der Unterhaltungsindustrie, haben nicht dieselbe Distanz.“ Während emotional aufgeheizte Pauschal-Kritiken meist wenig Konstruktives leisten, tragen Analysen wie diese zu einer Versachlichung der Diskussion über den Sportjournalismus bei – und können damit das Qualitätsbewusstsein bei seinen Akteuren umso nachhaltiger steigern.

Zur neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” geht es hier!

Derby Day — 1970 und 2008

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Ich war noch nie in Kentucky. Und ein großer Freund des Pferdesports bin ich auch nicht. Dennoch hat das traditionsreiche Kentucky Derby für mich eine gewisse Strahlkraft. Das hängt vor allem mit Hunter S. Thompsons großartiger Reportage “The Kentucky Derby is decadent and depraved” zusammen. Erstveröffentlicht im Jahr 1970 in der Juni-Ausgabe von “Scanlan’s Monthly”, zählt sie zu den Klassikern der New-Journalism-Literatur, nicht zuletzt aufgrund ihrer späteren Anthologisierung in Tom Wolfes Sammelband “The New Journalism”. Der rasende, fast psychotische Erzählstil macht den Text zu einem anschaulichen Beispiel für Thompsons so genannte Gonzo-Berichterstattung, die später in Buch-Projekten wie “Fear and Loathing in Las Vegas” ihre weitere Ausformung fand.

Die Hochphase des Gonzo Journalism liegt inzwischen lange hinter uns, die Strahlkraft des Derbys ist jedoch ungebrochen. Das Louisville “Courier-Journal”, die Lokalzeitung vor Ort, lieferte am vergangenen Wochenende den eindrucksvollen Beweis dafür. In ihrer Internet-Ausgabe widmete sie der 134. Auflage der Sportveranstaltung ein umfängliches Special. Neben zahllosen Fotostrecken und Bewegtbild-Einspielern finden sich dort auch mehrere Blogs zum Thema und vielfältige Möglichkeiten zur Leserbeteiligung. Ganz “state of the art” eben. Was hätte Hunter S. wohl dazu gesagt? (via)

Literatur:

Hunter S. Thompson (1996): The Kentucky Derby is decadent and depraved. In: Tom Wolfe: The New Journalism. With an anthology edited by Tom Wolfe und E. W. Johnson. London etc.: Picador, S. 195-211.

Foto: Jeff Kubina

Immer noch “Unter Druck!”

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Wie bereits angekündigt: Am 15. und 16. Februar 2008 fand in Dortmund auf Einladung des Sportnetzwerks und des Instituts für Journalistik eine große Sportjournalismus-Konferenz statt. Unter dem Motto “Unter Druck!” befassten sich mehr als 150 Journalisten, Wissenschaftler und Studierende in fast 40 Vorträgen und Workshops mit dem Thema Qualitätssicherung in der Sportberichterstattung. Inzwischen liegt auf den Seiten den Sportnetzwerks eine ausführliche Dokumentation der Tagung vor. Auch auf der IfJ-Homepage finden sich einige Berichte, die es Nichtdabeigewesenen erlauben, in die spannenden Diskussionen der Veranstaltung einzutauchen.

Foto: Julia Seifert

“Unter Druck!”

Bereits seit einiger Zeit laufen die Vorbereitungen für eine Sportjournalismus-Konferenz, die das Dortmunder Institut für Journalistik am 15. und 16. Februar 2008 gemeinsam mit dem Sportnetzwerk veranstaltet. Gerade ist mir ein aktueller Flyer auf den Schreibtisch gesegelt. Das Programm, das meine Kollegin Stefanie Opitz mit ihrem Planungsteam auf die Beine gestellt hat, ist wirklich beachtlich. Bislang haben fast 40 Moderatoren und Referenten zugesagt, die im Dortmunder Erich-Brost-Haus unter dem Motto “Unter Druck!” zum Thema Qualitätssicherung im Sportjournalismus sprechen werden — darunter u. a. Andrew Jennings, David Walsh, Michael Schaffrath, Claus Eurich, Hans Leyendecker, Michael Steinbrecher, Kai Pahl und andere. Wie ich höre, sind noch einige (wenige) Restplätze frei. Interessierte können sich hier anmelden.