Tag-Archiv für 'socialweb'

Brauchen wir einen Presserat für den Online-Journalismus — und wenn ja, wie viele?

“Journalismus in einer digitalen Welt — Prognosen, Erwartungen, Fragen” lautete der Titel einer Fachtagung, die heute auf Einladung des Instituts für Zeitungsforschung in Dortmund stattfand. Inhaltlich drehte sich alles um die aktuellen Wandlungserscheinungen im Journalismus: Claus Eurich sprach über “Die neue mediale Unübersichtlichkeit als ethische und inhaltliche Herausforderung”, Klaus Meier “Über die Veränderung publizistischer Qualität durch das Internet” und Christian Nuernbergk schließlich über die “Chancen einer integrierten Öffentlichkeit” im Web 2.0.

Ich selbst hatte das (zweifelhafte) Vergnügen, am frühen Nachmittag parallel zum zweiten WM-Gruppenspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu referieren. Die ganz große Fluktuation, die ich zunächst befürchtet hatte, blieb dann allerdings doch aus, sodass ich ausreichend Ruhe hatte, um meine Befunde zu präsentieren. Für meinen Vortrag hatte ich die Beschwerdearbeit des Deutschen Presserats im Jahr 2009 analysiert — dem ersten Jahr, in dem der Presserat nicht mehr nur für Presse-Erzeugnisse, sondern auch für online-journalistische Publikationen zuständig war. Im Ergebnis zeigte sich, dass vor allem der Umgang mit Nutzerkommentaren und sonstigem User Generated Content den Presserat vor Herausforderungen stellt, die eine Neuausrichtung der journalistischen (Presse-)Selbstkontrolle notwendig machen.

Für Interessierte stelle ich im Folgenden die Präsentationsmaterialien zur Verfügung:

Das vollständige Programm der Tagung findet sich hier.

Medienbeobachtung in Tagespresse und Weblogs

An der Hochschule Luzern fand am Freitag und Samstag die Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM) statt. Inhaltlich drehte sich alles um das Thema “Online-Kommunikation: Aktuelle Tendenzen und Dynamiken”, wie auch ein Blick in den Abstractband belegt, der alle Referate in Kurzform dokumentiert. (Die äußerst anregenden Key- bzw. Endnotes von Christoph Neuberger und Miriam Meckel werden dort leider ausgespart.)

Ergänzend dokumentiere ich an dieser Stelle auch meine eigene Präsentation unter dem Titel “Innensichten, Außensichten. Medienbeobachtung in Tagespresse und Weblogs”, in der ich Ergebnisse einer vergleichenden Inhaltsanalyse von Medienseiten in Qualitätszeitungen und Medienblogs vorstelle. Die teilweise blogkritischen Befunde hatten Ende des vergangenen Jahres bereits für Diskussionen gesorgt, nachdem ich sie für “KoopTech” in einem kurzen Essay verarbeitet hatte. Vielleicht können die Daten aus meiner Präsentation zu einer Versachlichung der Debatte beitragen.

Update 7. April 2010:

Weitere Präsentationsmaterialien sind ab sofort hier abrufbar.

Medienblogs im Selbstgespräch

Christiane Schulzki-Haddouti hat mich eingeladen, für “KoopTech” an einer Art Jahresrückblick mitzuwirken, der für die vergangenen zwölf Monate einige Entwicklungen im Social Web pointiert. Ich habe mich gerne beteiligt — auch weil sich dadurch eine schöne Gelegenheit bot, erste Befunde aus einem Forschungsprojekt zu den Potenzialen und Problemen von Medienblogs zusammenzutragen. Meine Sichtweise auf dieses Thema hat sich im Verlauf der Projektphase auffällig gewandelt: Während ich die Möglichkeiten medienkritischer Blogs zunächst sehr optimistisch betrachtet habe, hat sich nach meiner systematischen Inhaltsanalyse eine gewisse Ernüchterung eingestellt. Mehr dazu in meiner Kolumne, die — wie ich erfreut sehe — bereits jetzt einige Resonanz hervorruft.

Detaillierte Ergebnisse aus meiner Studie werde ich im kommenden Jahr vorstellen — unter anderem auf der nächsten SGKM-Jahrestagung zum Thema “Online-Kommunikation: Aktuelle Tendenzen und Dynamiken”, die im März in Luzern stattfindet. In der vergangenen Woche erreichte mich die frohe Kunde, dass mein dort eingereichtes Paper angenommen wurde.

Wenn die anderen Medien nicht berichten, tut es das “Journalistik Journal”

jojo.jpgMomentan jagt ein Abgabetermin den nächsten: In dieser Woche war die neue Ausgabe des “Journalistik Journals” an der Reihe. Das aktuelle Heft ist seit vergangenem Montag im Druck und wird ab dem kommenden Montag ausgeliefert. Der Themenschwerpunkt befasst sich mit Nicht-Thematisierung in Journalismus und Massenmedien. Mit anderen Worten: Es geht um die zentrale Frage, warum es manche Inhalte nicht schaffen, Eingang in die Berichterstattung zu finden, obwohl sie relevant wären. Diese Frage wird im Heft aus vielen verschiedenen Perspektiven diskutiert. Eine kleine Auswahl der Texte ist ab sofort online — und zwar:

Ich selbst bin im Themenschwerpunkt mit einem Aufsatz zu den Chancen und Stolpersteinen journalistischer Recherche in sozialen Netzwerkplattformen vertreten. Er trägt den Titel “Auf Themenfang im neuen Netz” und pointiert nochmals einige der Befunde, die ich im Februar in München auf der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik vorgestellt habe. Nachdem mich dort aber vor allem die journalistischen Potenziale von Wikis und Blogs beschäftigt haben, liegt der Fokus diesmal eindeutig auf den Social Networks, die im Zeitraum nach der Tagung ja gleich mehrfach auf eher zweifelhafte Art und Weise vom Journalismus nutzbar gemacht wurden (Stichwort: Winnenden etc.). Mein Text reflektiert die zentralen Problemdimensionen und will damit einen Beitrag dazu leisten, den journalistischen Umgang mit dem Social Web zu professionalisieren. Sofern richtig eingesetzt, können soziale Netzwerkplattformen nämlich ein sehr nützliches Hilfsmittel zum Aufspüren vernachlässigter Themen sein.

Ich freue mich, dass ich zudem Michael Steinbrecher für einen Beitrag in der neuen JoJo-Ausgabe gewinnen konnte. Im Beitrag “Olympische Spiele und Fernsehen” stellt er Zielsetzung, Anlage und einige Ergebnisse seiner Dortmunder Dissertation vor.

Wer die Printausgabe des “Journalistik Journals” beziehen möchte, kann sich gerne bei mir melden. Wir nehmen alle Interessenten in den Verteiler auf!

Weblogs und Social-News-Plattformen im Journalismus

“Themenscan im Web 2.0″ lautet der Titel eines lesenswerten Aufsatzes in der neuen Ausgabe (Heft 2/2009) der “Media Perspektiven“. Darin untersucht Jan Schmidt gemeinsam mit Beate Frees und Martin Fisch von der ZDF Medienforschung die neuen Öffentlichkeiten im Social Web. Forschungleitend ist für sie die Frage, welche Bedeutung vor allem Weblogs und Social-News-Plattformen für den professionellen Journalismus haben. Ihr Fazit: Soziales Netz und Journalismus stehen durchaus in einem Konkurrenzverhältnis, gleichzeitig entfalten Blogs und Social-News-Plattformen für Journalisten jedoch einen hohen praktischen Nutzwert:

Zwar stehen die klassischen Massenmedien im Web 2.0 in Aufmerksamkeitskonkurrenz zu nichtinstitutionellen Anbietern, die möglicherweise aus Sicht mancher Rezipienten ungerichtete oder konkrete Informationsbedürfnisse sowie thematische und gruppenbezogene Interessen besser befriedigen. Die Inhalte etablierter Medienorganisationen sind allerdings auch ein wichtiger Bestandteil der beschriebenen neuen Themen- und Nachrichtenkreisläufe und machen in vielen Fällen die Mehrheit der aufgegriffenen Inhalte aus. Sie werden dadurch einem erweiterten Personenkreis zugänglich, was durch den Effekt verstärkt werden kann, dass die Position in Suchmaschinen durch die Verlinkung der aufgenommenen Themen erhöht wird. Der zusätzliche Rückkopplungskanal, der über das Feedback auf der eigenen Internetpräsenz hinausgeht, kann zudem Informationen über Relevanz und Beurteilung der eigenen Inhalte beim Publikum liefern. In dieser Hinsicht können die Webangebote der klassischen Massenmedien von Weblogs und Social-News-Plattformen im Web 2.0 auch profitieren. (Schmidt/Frees/Fisch 2009: 58)

Was dies konkret für den journalistischen Alltag bedeutet, zeigen die Autoren mit einem Vergleich ausgewählter Social-News-Plattformen (Digg, Yigg und Wikio) und Blogmonitoring-Dienste (Technorati, Blogpulse, Rivva und Google Blogsearch). Vor allem Letztere können, sofern richtig eingesetzt, im Rechercheprozess ein wichtiges Hilfsmittel sein. Aktuelle Befragungs- und Beobachtungsstudien zeigen jedoch, dass die meisten Journalisten bei der Internetrecherche kaum über eine einfache Google-Suche hinauskommen. Gerade deswegen wäre es wichtig, dass die von Jan Schmidt et al. vermittelten Befunde auch in den journalistischen Redaktionen zur Kenntnis genommen werden. In diesem Sinne halte ich den Aufsatz nicht zuletzt für (angehende) Journalisten für eine wichtige Lektüre.

Literatur:

Schmidt, Jan/Frees, Beate/Fisch, Martin (2009): Themenscan im Web 2.0. Neue Öffentlichkeiten in Weblogs und Social-News-Plattformen. In: Media Perspektiven, Heft 2/2009, S. 50-60. Online unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/02-2009_Schmidt.pdf

Recherche im Social Web — Ethische Perspektiven

An der Hochschule für Philosophie in München fand am Donnerstag und Freitag die Tagung “Web 2.0 — Neue Kommunikations- und Interaktionsformen als Herausforderung der Medienethik” statt. Veranstalter waren die DGPuK-Fachgruppe „Kommunikations- und Medienethik” sowie das “Netzwerk Medienethik“. Dankenswerterweise hat Jan Schmidt die zentralen Erkenntnisse bereits in einem ersten Tagungsbericht zusammengetragen. Ergänzen kann ich an dieser Stelle die Folien zu meinem eigenen Vortrag: Dafür hatte ich gemeinsam mit Horst Pöttker einige Hypothesen zum Themenfeld “Journalistische Recherche im Social Web” anhand einer quantitativen Inhaltsanalyse und verschiedener leitfadengestützter Experteninterviews überprüft. Die Kernbefunde konnte ich in München nun erstmals öffentlich diskutieren. Stichpunktartig lassen sie sich so zusammenfassen:

  • Internetquellen generell, aber auch Quellen im Social Web, werden für die journalistische Recherche zunehmend wichtiger.
  • Der Einbezug von Web-2.0-Quellen in die journalistische Berichterstattung eröffnet zahlreiche neue Potenziale, kann aber herkömmliche Techniken der (Offline-)Recherche nicht ersetzen.
  • Der Einbezug von Web-2.0-Quellen ist gleichzeitig mit verschiedenen ethischen Problemen verbunden, die Journalisten im Recherche-Alltag berücksichtigen müssen.
  • Die ethischen Problemdimensionen sind nicht vollständig neu: Die journalistische Berufsethik hält verschiedene grundlegende Handlungsempfehlungen bereit, um ihnen angemessen zu begegnen.
  • Die Operationalisierung der gängigen berufsethischen Richtlinien im Kontext des neuen Anwendungsfeldes Social Web scheint bei vielen journalistischen Akteuren noch unzureichend – eine neue Herausforderung für die Journalistenausbildung!

Einige nähere Informationen finden sich in der unten eingebetteten Präsentation — und demnächst dann in der verschriftlichten Fassung des Vortrags!

Crossmedia für Gedankenlose

jakubetz.jpgIn der UVK-Buchreihe “Praktischer Journalismus” liegt seit einigen Wochen eine neue Einführung in die crossmediale Berichterstattung vor. Laut Klappentext holt sie “die Journalisten in Zeitungen, Radio, Fernsehen oder Internet ab und vermittelt ihnen die notwendigen Kenntnisse, die sie benötigen, um über Mediengrenzen hinweg zu publizieren und Texte, Fotos, Audios und Videos miteinander zu vernetzen”. Der Band “Crossmedia” scheint genau zum richtigen Zeitpunkt zu kommen. Wie der Autor Christian Jakubetz, Journalist und Dozent u.a. an der Deutschen Journalistenschule, zu Recht feststellt, ist die Journalistenausbildung vielerorts noch auf der Suche nach einleuchtenden Konzepten, um der fortschreitenden Medienkonvergenz zu begegnen. Eine praxisorientierte Handreichung zu diesem Thema stellt daher auch für mich ein willkommenes Hilfsmittel dar, die eigenen Lehrtätigkeiten zu überdenken und zu verbessern. Kurz: Ich habe mich über das Erscheinen des Bandes zunächst sehr gefreut.

Nach der Lektüre hat sich diese positive Grundstimmung etwas relativiert. Sicher: In seiner Struktur ist das Buch sinnvoll angelegt. Dem Anspruch, der Leserschaft die Praxis des crossmedialen Arbeitens anhand von zahlreichen Beispielen vor Augen zu führen, kommt es durchaus erfolgreich nach. Zwar lassen die gut 180 Textseiten nicht allzu viel Raum, um in die Tiefe zu gehen, und zwingen daher an vielen Stellen zur Vereinfachung. Gerade die beiden Abschnitte zum Umgang mit Audio- und Videomaterial jedoch geben dem Berufseinsteiger vom Equipment-Kauf bis zur Verarbeitung des produzierten Contents viele nützliche Tipps an die Hand. Hier hat der Band seine Stärken.

Positiv hervorzuheben ist auch der professionelle Umgang des Autors mit der kurzen Halbwertszeit seines Themas: Aktualisierungen und neue Trends, die im Buch nicht mehr berücksichtigt werden konnten, werden in seinem Blog fortlaufend ergänzt. Auch so kann crossmediales Publizieren funktionieren!

Problematisch — und teilweise sogar ärgerlich — wird das Buch allerdings in den Passagen, wo der Autor übergreifende Journalismusentwicklungen fokussiert und analysiert. Zwar fließen dann und wann auch Erkenntnisse der Journalismusforschung in die Darstellung ein. Die Auswahl der verwendeten Daten ist jedoch zum Teil hochgradig selektiv und damit irreführend. Zudem erschwert der fast schon gedankenlos anmutende Umgang mit den verwendeten Quellen die Nachprüfbarkeit. Ein Literaturverzeichnis, das die erwähnten Quellen zusammenfasst und präzisiert, sucht man vergeblich. Als expliziten Ersatz dafür listet der Autor am Ende sechs einschlägige Weblogs auf, eines davon ist das von ihm selbst betriebene. Die genannten Blogs sind zwar allesamt lesens- und empfehlenswert. An dem eklatanten Mangel an Zitiersorgfalt und Quellentransparenz können sie jedoch wenig ändern. Gerade in einem Buch, das sich gezielt an Journalismus-Einsteiger richtet, wiegen solche Defizite besonders schwer. Sie missachten einige Grundregeln journalistischen Arbeitens und vermitteln damit genau das falsche Signal.

Dass der Autor der (akademischen) Journalistik auch unabhängig von dieser Frage scheinbar nicht sonderlich viel abgewinnen kann, zeigt nicht zuletzt das abschließende Kapitel zur “Aus- und Weiterbildung” im (Crossmedia-)Journalismus: Der enthaltene Überblick über entsprechende Ausbildungseinrichtungen listet ausschließlich Journalistenschulen und Akademien auf — als ob die hochschulgebundene Journalistenausbildung zu diesem Thema gar nichts beizutragen hätte.

Aus den genannten Gründen kann ich das Buch “Crossmedia” leider nicht für den Einsatz in der Lehre empfehlen.

Literatur:

Jakubetz, Christian (2008): Crossmedia. Konstanz: UVK.

Bild: UVK