Tag-Archiv für 'rezeption'

Partizipativer Journalismus – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

jojo-1-2012-klein.jpgDer Begriff Partizipation ist in den vergangenen Jahren zu einem vermeintlichen Zauberwort geworden – nicht nur im politischen Diskurs, sondern auch im Journalismus. Vor dem Panorama der Werbe- und Medienkrise werteten viele Beobachter die stärkere Einbindung der Nutzer als Wundermittel im Kampf gegen die Erosion redaktioneller Ressourcen. Was genau jedoch unter sinnvoller Nutzerpartizipation zu verstehen ist, blieb vielen der beteiligten Akteure dabei unklar. Viele Verlagshäuser verordneten sich ein “Mitmachen beim Mitmachen”, häufig jedoch ohne zielgerichtete Strategie. “Irgendwas 2.0″ nennt Thorsten Quandt derartige Vorstöße. Liest man seinen Beitrag in der neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” (JoJo), eine pointierte Zusammenfassung einer internationalen Vergleichsstudie zum Status quo des Mitmach-Journalismus, wirkt Partizipation eher wie ein “Plastikwort”, eine jener “sprachlichen Attrappen” also, die sich mit Uwe Pörksen auf alles anwenden lassen, im Inneren jedoch leer bleiben. Von Zauber keine Spur!

Das neue JoJo-Themenheft möchte dazu beitragen, die Diskussion über Partizipation im Journalismus zu systematisieren – und ihr dadurch zu ein wenig mehr Sub­stanz verhelfen. Dazu gehört nicht nur eine grundsätzliche Beschäftigung mit Begriff und Gegenstand des partizipativen Journalismus, wie Sven Engesser sie anbietet. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit der historischen Dimension des Themenfeldes. Denn Mitmach-Journalismus ist keineswegs ausschließlich an netzbasierte Anwendungen wie Weblogs, Wikis, Video- oder Netzwerkplattformen gebunden. Wie vor allem Thomas Birkner und Wiebke Loosen zeigen, gab es User Generated Content schon lange vor dem Aufkommen des Web 2.0: “Jahrhunderte der Mediengeschichte wären ohne die aktive Partizipation von Bürgern in den Medien gar nicht möglich gewesen. Im Jahre 1899 bat beispielsweise die Berliner Illustrierte Zeitung ihre Leser darum, Fotos … einzusenden – bei Veröffentlichung gab es dafür 200 Mark.” Und auch der klassische Leserbrief, das Hörer-/Zuschauertelefon und die Offenen Kanäle waren (und sind) etablierte Plattformen der Nutzerbeteiligung, die nicht erst auf die Verbreitung des Internets warten mussten, um ihre unbestrittenen Potenziale unter Beweis zu stellen.

Unbestritten ist allerdings auch, dass die Partizipationsbarrieren durch die technischen Möglichkeiten des Internets heute so niedrig wie nie zuvor sind. Insofern ist es lohnenswert zu analysieren, wie sich die etablierten Instrumente der Publikumsinklusion unter den Bedingungen des Web 2.0 verändern und weiterentwickeln. Die neue JoJo-Ausgabe untersucht dies in verschiedenen Fallstudien: Annika Sehl, Hannah Lobert und Michael Steinbrecher stellen Ergebnisse ihrer Begleitforschung zum partizipativen TV-Lernsender nrwision vor und vergleichen dessen Merkmale mit denen des Social Web. Ilka Lolies erörtert das diskursive Potenzial von Online-Kommentaren im Vergleich zum herkömmlichen Leserbrief. Wiebke Möhring diskutiert die besonderen Möglichkeiten der Nutzerbeteiligung im Lokaljournalismus. Und Hanna Jo vom Hofe und Chris­tian Nuernbergk präsentieren Befunde einer Redaktionsbefragung zur Nutzung des Microblogging-Dienstes Twitter im professionellen Journalismus.

Zusammengenommen zeigen die Beiträge, dass trotz günstiger Rahmenbedingungen nach wie vor eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit im partizipativen Journalismus klafft. Ebenso geben sie aber zahlreiche Ratschläge, wie diesem Missverhältnis im Bedarfsfalle entgegenzuwirken ist.

Zur neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” geht es hier!

Back to the Basics?

Ethik, Verantwortung, Qualität – dies sind Fundamente des Journalismus, ohne die eine ernsthafte Berichterstattung kaum möglich erscheint. „The Basics of Journalism“ lautete folgerichtig auch der Titel einer internationalen Fachtagung, die sich am vergangenen Wochenende mit diesen Themen auseinandersetzte.

26 zum Teil hochkarätige Referenten aus dem Aus- und Inland waren der Einladung von Klaus-Dieter Altmeppen nach Eichstätt gefolgt. Gemeinsam spürten sie verschiedenen Konzepten der Journalismus- und Medienethik nach, verglichen normative Qualitätskriterien mit den Ansprüchen und Erwartungen des Publikums und fragten sich, was dies alles in Zeiten des digitalen Medienum­bruchs bedeuten möge. Eine Antwort im Sinne des Tagungsmottos lag nahe: Back to the Basics! Oder? – Nicht zwingend, wie die verschiedenen Vorträge zeigten. Sie näherten sich den verhandelten Themen aus höchst unterschiedlichen Perspektiven und lieferten dementsprechend auch verschiedenartige Problemlösungen.

Einen eher analytischen Blickwinkel nahm beispielsweise Clifford G. Christians (University of Illinois) ein. Er versuchte, allen konstruktivistischen Unkenrufen zum Trotz, den Begriff der Wahrheit („Truth“) als universelles Konzept der Journalismusethik zu revitalisieren. Auf breiter philosophischer Basis erläuterte er die Idee der aletheia und wendete sie auf seinen Untersuchungsgegenstand an: Journalisten dürften Wahrheit nicht als reine Ansammlung von Fakten missverstehen, sondern müssten stattdessen versuchen, unter die Oberfläche zu schauen. Ziel ihrer Berichterstattung könne nicht die bloße Wiedergabe externer Ereignisse sein, sondern eine möglichst authentische Offenlegung der Zusammenhänge – oder in Christians‘ Worten: „getting to the heart of the matter“. Derartig verstanden, sei Wahrheit für den Journalismus auch heute noch, ungeachtet aller Vorbehalte, ein zentraler Bezugspunkt.

Einen eher normativen Zugang zum Tagungsthema wählte unter anderem Barbara Thomaß (Ruhr-Universität Bochum). Sie stellte die UNESCO-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in den Mittelpunkt ihres Vortrags und forderte, den Diversity-Begriff als zentrale Kategorie journalistischer Berufs­ethik anzuerkennen. Ihren Appell untermauerte sie durch viele konkrete Vorschläge, wie dies im redaktionellen Alltag umgesetzt werden könnte.

Auch die empirisch-deskriptive Perspektive kam bei der Eichstätter Tagung nicht zu kurz: So stellte etwa Thomas Hanitzsch (Universität Zürich) einige neue Befunde aus seiner international vergleichenden „Worlds of Journalisms“-Befragung vor und konnte dabei zeigen, dass die ethischen Ideologien in unterschiedlichen journalistischen Kulturen stark differieren. C. Ann Hollifield und Lee B. Becker (University of Georgia) kombinierten die Daten zweier unterschiedlicher Erhebungen und wiesen damit nach, dass die gängigen berufsethischen Konventionen gegenwärtig weltweit einem Erosionsprozess unterworfen sind. John McManus (San José State University) präsentierte eine von ihm entwickelte „scorecard“ zur Messung der Qualität journalistischer Nachrichten. Damit griff er vor auf ein späteres Panel, in dem Hugh J. Martin (Ohio University) und Klaus Arnold (KU Eichstätt) weiter ausgreifende Konzeptionen journalistischer Qualität erörterten.

Die eigentlich drängenden Fragen gerieten jedoch erst am dritten Konferenztag in den Fokus: Welche Implikationen ergeben sich aus der zunehmenden Medienkonvergenz? Brauchen wir vor allem für den Online-Journalismus neue professionelle Standards? Die Antworten in den Vorträgen und den angeregten Diskussionen fielen zwiespältig aus: Zwar behalten die fundamentalen Übereinkünfte der Journalismus­ethik offenkundig auch angesichts des Medienwandels ihre Gültigkeit. Gleichzeitig kommen jedoch neue Herausforderungen dazu. So arbeitete beispielsweise Renita Coleman (University of Texas) in ihrer Präsentation einige spezifische Fallstricke heraus, die sich bei einer journalistischen Internet-Recherche ergeben können. Und Ari Heinonen (Universität Tampere) zeigte anhand eines Vergleichs europäischer Ethikkodizes, dass die nationalen Institutionen der Medienselbstregulierung diesen und anderen neuen Problemdimensionen bislang in keinster Weise gerecht werden.

Mit einem einfachen „Back to the Basics!“ ist es ganz offensichtlich nicht getan. Ethik, Verantwortung und Qualität bleiben zentrale Themen für die Journalismusforschung – angesichts noch zu erwartender Wandlungsprozesse mehr denn je!

Typen und Funktionen von Medienblogs

Jan Schmidt hat bereits darauf hingewiesen: In der aktuellen Ausgabe der “Media Perspektiven” ist ein Aufsatz erschienen, der einige zentrale Ergebnisse der “BILDblog”-Leserbefragung bündelt, die er und mehrere Bamberger Kollegen im vergangenen Jahr durchgeführt haben (vgl. Mayer et al. 2008b). Ich habe mich über den Text sehr gefreut. Zwar enthält er im Vergleich zum ersten Projektbericht, der bereits im Februar 2008 vorlag (vgl. Mayer et al. 2008a), keine zentralen neuen Befunde. Schön ist aber, dass er die Fallstudie zu “BILDblog” diesmal in einen etwas breiteren Kontext setzt und auch Überlegungen zu verschiedenen Medienblog-Typen und deren Funktionen und Leistungen dokumentiert. (Eine entsprechende Einbettung hatte ich Anfang des Jahres ja schon einmal zaghaft angemahnt.)

Die vorgeschlagene Typologie der Medienblogs (vgl. Mayer et al. 2008b: 589) entspricht im Wesentlichen dem Ansatz, den Kristina Wied und Jan Schmidt schon im aktuellen Tagungsband der DGPuK-Fachgruppen “Journalismusforschung” und “Computervermittelte Kommunikation” vorstellen (vgl. Wied/Schmidt 2008: 181f.). So wird unterscheiden zwischen

  • persönlichen Blogs von Rezipienten,
  • Watchblogs,
  • Redaktionsblogs und
  • Kritikerblogs.

Im neuen Text in den “Media Perspektiven” ist der Bereich der Watchblogs dabei noch untergliedert in mehrere Unterpunkte.

Aus funktionaler Perspektive beschreiben die Autoren Watchblogs als “ein Instrument zur Beobachtung des Journalismus im Sinne einer Kontrolle der Kontrolleure” (Mayer et al. 2008b: 589) und rücken sie damit in die Nähe des Medienjournalismus. Als weitere Potenziale dieses Blogtyps werden angeführt (vgl. ebd.):

  • Verbesserung und Sicherung von Qualität im Journalismus
  • Herstellung von Transparenz hinsichtlich der Regeln und Praktiken des Journalismus
  • Orientierungshilfe für die Rezipienten
  • Förderung deren Medienkompetenz

Besonders die funktionale Beschreibung von Medienblogs finde ich sehr spannend, denn sie geht deutlich über den Beitrag von Kristina Wied und Jan Schmidt hinaus. Dort wurden Medienblogs noch vorwiegend als Instrument journalistischer Qualitätssicherung verstanden und entsprechend analysiert. Für den neuen Aufsatz legen die Autoren nun ein erweitertes Funktionsverständnis von Medienjournalismus zu Grunde (als Referenz sind hier m. E. vor allem Michael Beuthner und Stephan Weichert zu nennen, die die genannten Funktionen anschaulich aus Weischenbergs “Zwiebel-Modell” hergeleitet haben [vgl. Beuthner/Weichert 2005: 19]) und übertragen es auf die Gattung der Medienblogs. Inwiefern Medienblogs diese Funktionen tatsächlich umsetzen können, ist bislang noch nicht umfassend untersucht. Der Aufsatz in den “Media Perspektiven” leistet in diesem Sinne eine willkommene Anregung für die weitere Forschung.

Diskutabel erscheint mir hingegen die vorgestellte Typologie der Medienblogs. Da ich mich in einem anderen Projektzusammenhang gerade auch mit diesem Problem auseinandersetze, seien mir einige Anmerkungen erlaubt:

Aus meiner Sicht ist die gewählte Einteilung etwas unglücklich, da sie als Gliederungsmerkmale mal auf die Organisationsform abstellt (Wer betreibt das Blog?) und mal eher die Funktion in den Vordergrund rückt. So definieren sich Redaktionsblogs den Autoren zu Folge über die Mitgliedschaft der Betreiber zu einer journalistischen Redaktion, Kritikerblogs werden hingegen von redaktionsexternen Kritikern betrieben, sind aber trotzdem in ein redaktionelles Angebot eingebunden. Demgegenüber gibt es bei persönlichen Blogs von Rezipienten überhaupt keine organisatorische Anbindung an ein journalistisches Medium. Nicht mit dieser Herangehensweise in Einklang zu bringen ist der Begriff des Watchblogs, der sich laut Mayer et al. (2008b: 589) in erster Linie über die “Fremdbeobachtung und kritische Begleitung journalistisch produzierter Inhalte” definiert. Die Betonung liegt bei dieser Definition scheinbar eher auf der Funktion des Blogtyps, weniger auf dessen Organisationsform. Zwar sind der zitierten Definition zufolge auch die Betreiber von Watchblogs außerhalb journalistischer Redaktionen angesiedelt. Allerdings ergibt sich dadurch eine teilweise Überschneidung mit der Kategorie der persönlichen Blogs von Rezipienten, denn auch diese können — und tun es in der Praxis ja auch — eine kritische Fremdbeobachtung des Journalismus leisten. Die vorgeschlagene Typologie der Medienblogs operiert damit nicht ganz trennscharf, was sie für die Anwendung in künftigen Forschungszusammenhängen problematisch macht.

Einen etwas systematischeren Vorschlag zur Typologisierung von Medienblogs machen David Domingo und Ari Heinonen (2008: 7ff.) in einem neueren Aufsatz in der “Nordicom Review”. Sie unterscheiden zwischen

  • Citizen Blogs: Journalistic Weblogs Written by the Public Outside the Media,
  • Audience Blogs: Journalistic Weblogs Written by the Public within the Media,
  • Journalist Blogs: Journalistic Weblogs Written by Journalists Outside Media Institutions und
  • Media Blogs: Journalistic Weblogs Written by Journalists within Media Institutions.

Hier wird konsistent auf den Grad der Institutionalisierung als Unterscheidungsmerkmal zurückgegriffen, weswegen der Begriff Watchblog nicht auftaucht. Watchblogs lassen sich hier in verschiedenen Kategorien verorten, je nachdem welche Definition zugrunde gelegt wird. (Ohnehin scheint mir der Begriff der “Fremdbeobachtung” von Journalismus, d. h. der Beobachtung von Journalismus durch Nicht-Journalisten, als Definitionsmerkmal unpassend, denn gerade im deutschen Sprachraum werden die populärsten Medienwatchblogs ja durchaus von Journalisten betrieben, auch wenn sie nicht in redaktionelle Angebote eingebunden sind.) Wollte man den Begriff Watchblog als Bestandteil einer Medienblog-Typologie retten, müsste diese durchgängig auf die Funktionen unterschiedlicher Medienblogs rekurrieren. Dies scheint mir zum gegebenen Zeitpunkt jedoch kaum sinnvoll, da der Wissensstand über die tatsächlichen Funktionen von Medienblogs bislang noch ungenügend ist.

Literatur:

Beuthner, Michael/Weichert, Stephan Alexander (2005): Zur Einführung: Internal Affairs – oder: die Kunst und die Fallen medialer Selbstbeobachtung. In: dies. (Hrsg.): Die Selbstbeobachtungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 13-41.

Domingo, David/Heinonen, Ari (2008): Weblogs and Journalism. A Typology to Explore the Blurring Boundaries. In: Nordicom Review 29, Nr. 1/2008, S. 3-15. Online unter http://www.nordicom.gu.se/common/publ_pdf/264_domingo_heinonen.pdf

Mayer, Florian L./Mehling, Gabriele/Raabe, Johannes/Schmidt, Jan/Wied, Kristina unter Mitarbeit von Tom Binder und Oda Riehmer (2008a): Leserschaft, Nutzung und Bewertung von BILDblog. Befunde der ersten Online-Befragung 2007. Online unter http://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/split_professuren/journalistik/Fonk/bildblog/Studie_BILDblog-Nutzerbefragung_2007__Uni_Bamberg_.pdf

Mayer, Florian L./Mehling, Gabriele/Raabe, Johannes/Schmidt, Jan/Wied, Kristina (2008b): Watchblogs aus der Sicht der Nutzer. Befunde einer Onlinebefragung zur Nutzung und Bewertung von Bildblog. In: Media Perspektiven, Heft 11/2008, S. 589-594. Online unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/Mayer.pdf

Wied, Kristina/Schmidt, Jan (2008): Weblogs und Qualitätssicherung. Zu Potenzialen weblogbasierter Kritik im Journalismus. In: Quandt, Thorsten/Wolfgang Schweiger (Hrsg.): Journalismus online: Partizipation oder Profession? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 173-192.

Neues vom kommunikationswissenschaftlichen Buchmarkt

Der Rezensionsteil der “Publizistik”-Ausgabe 2/2008 ist druckfertig. Soeben habe ich die letzten Korrekturen an unser Satzbüro geschickt. Spätestens in vier Wochen sollten die gedruckten Hefte vorliegen. Ich merke zwar, dass es immer schwieriger wird, den gesamten kommunikationswissenschaftlichen Buchmarkt im Auge zu behalten. Nichtsdestotrotz haben wir wohl auch in der neuen Ausgabe wieder einen substanziellen Teil davon abgebildet: Insgesamt wurden 61 Neuerscheinungen rezensiert, davon 15 im Rahmen von Kurzbesprechungen. Der Anteil der fremdsprachigen Bücher lag bei gut elf Prozent. Unter dem Strich wurden Publikationen aus 34 verschiedenen Verlagen berücksichtigt. Bei der Verarbeitung haben 43 Rezensenten mitgewirkt. Viel mehr ist auf 50 gedruckten Heftseiten wohl nicht möglich…

Inhaltlich ist wieder der Rezensionsessay herauszuheben. Er kommt diesmal von Volker Gehrau, der sich unter dem Titel “Was machen die Menschen mit den Medien?” mit einigen neuen Grundlagenwerken zu Theorien, Ansätzen und Daten der Mediennutzungsforschung auseinandersetzt. Lesenswert sind aber natürlich auch die anderen Rezensionen, z. B. Walter Hömbergs Überblick über verschiedene Anthologien zu und mit “Vorbildern des Journalismus” oder Hazel Dicken-Garcias Vergleich aktueller Studien zur US-amerikanischen Journalismusgeschichte. Diesen und allen anderen Rezensenten sei herzlich für die gute Zusammenarbeit gedankt!

Mehr dazu in Bälde hier!

Call: Bestandsaufnahme zur Rezeption und Wirkung politischer Medienangebote

“Zwischen Medienallmacht und -ohnmacht. Rezeption und Wirkung politischer Medienangebote” — so lautet der Titel einer Tagung der DGPuK-Fachgruppe “Rezeptions- und Wirkungsforschung“, die vom 22. bis zum 24. Januar 2009 in Zürich stattfindet. Anliegen der Organisatoren ist es, eine Bestandsaufnahme zur Rezeption und Wirkung (massen-)medial vermittelter Politik zu leisten und damit einen Überblick über die kaum noch zu durchschauende Vielfalt an Studien zu diesem Thema zu ermöglichen. Im Mittelpunkt der Tagung stehen damit Leitfragen und Themenkreise wie:

  1. Welche (massen-)medialen Politikangebote haben politisch relevante Wirkungen beim Publikum?
  2. Worin genau bestehen Wirkungen medialer Politikangebote auf das Publikum?
  3. Über welche Prozesse wirken sich mediale Politikangebote beim Publikum aus?
  4. Reviews und Meta-Analysen zur Wirkung (massen-)medialer politischer Angebote beim Publikum
  5. Methodischer Zugang zum Nachweis von politischen Medienwirkungen

Vortragsvorschläge können bis zum 15. September 2008 an Carsten Wünsch gerichtet werden. Zum vollständigen Call geht es hier! (via)

“Beruf: Journalist” — Neues Journalistik Journal

jojo.jpgNach einem längeren Endspurt konnten wir heute die Schlussproduktion des neuen “Journalistik Journals” abschließen. Die Frühjahrsausgabe 2008 (Heft 1/2008) geht morgen in den Druck; die Auslieferung dürfte ab kommender Woche beginnen. Das Schwerpunktthema widmet sich diesmal den Arbeitsbedingungen im Journalismus. Unter dem Titel “Beruf: Journalist” diskutieren zehn Autorinnen und Autoren über aktuelle Entwicklungen rund um den journalistischen Arbeitsplatz.

Einige Beiträge sind bereits vorab auf der Webseite des “Journalistik Journals” zu finden — zum Beispiel:

Fokus: Beruf: Journalist. Zum gegenwärtigen Stand der Journalismusforschung — von Johannes Raabe

Schneller, vielfältiger, anspruchsvoller. Journalisten von morgen: Wer sind sie, was machen sie? — von Sylvia Egli von Matt

Bürgerreporter: Ergänzung mit vielfältigem Potenzial. Übernehmen Laien die Redaktionen? — von Philomen Schönhagen

Die unbekannten Medienmacher. Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor — von Miriam Bunjes

Können, Köpfchen oder Körper? Zu den Karrierechancen von Frauen — von Tina Groll

Weitere Beiträge zum Themenschwerpunkt gibt es von Annika Sehl (”Ökonomisches Qualitätsmanagement? Wie die ARD-Anstalten mit Videojournalismus umgehen”), Frank Biermann (”Besser wird es nicht. Immer mehr Ein-Zeitungs-Kreise in NRW”), Judith Pfeuffer (”Macht der Journalismus krank? Ergebnisse einer Befragung”), Julia Eggs (”Volontariat unter der Lupe. Neue Daten zur journalistischen Ausbildungssituation”) und von mir (”Wider den Journalismus der Unterhosen. Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg über Qualitätsberichterstattung in den Zeiten der Medienkonvergenz”).

Aber auch jenseits des Schwerpunktthemas bietet das JoJo wieder einigen Lesestoff. Hervorzuheben ist sicherlich der spannende Aufsatz von Ingo Fischer (”Eher unbekannt als anerkannt“), in dem er empirisch nachweist, dass ein Großteil der Journalisten noch nie etwas von Pressekodex und Presserat gehört hat. Unbedingt lesenswert sind aber auch die Beiträge von Karola Graf-Szczuka (”Die Persönlichkeit der Zeitungsleser. Neue Erkenntnisse zur Mediennutzung von Jugendlichen”), Nadine Bilke (”Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus”), Sonja Roy (”Auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Korruption beeinflusst auch die bulgarischen Medien”) und Holger Noltze (”So eine richtig schöne Umstrittenheit. Ein Beitrag zur Debattenkultur im deutschen Feuilleton”).

Wer Interesse an den nicht-verlinkten Beiträgen hat, kann sich gerne an die Redaktion wenden. Wir stellen auch die gedruckten Hefte auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung.

Fiktionale Medieninhalte und der Glaube an eine gerechte Welt

Manchmal muss man den Blick schon auf die internationalen Fachzeitschriften richten, um auf Forschungsarbeiten aufmerksam zu werden, die im deutschen Sprachraum entstanden sind. In der aktuellen Ausgabe des “Journal of Communication” bin ich auf einen lesenswerten Beitrag von Markus Appel (Linz) gestoßen, der für mich im Kontext meines Dissertationsvorhabens interessant ist. Der Titel lautet “Fictional Narratives Cultivate Just-World Beliefs“.

In seinem Aufsatz verarbeitet Appel die Erkenntnisse aus zwei Befragungen zur Fernsehnutzung von 128 Deutschen und 387 Österreichern. In beiden Erhebungen konnte er nachweisen, dass die Rezeption fiktionaler Fernseherzählungen beim Publikum den Glauben an eine gerechte Welt (”where people get what they deserve”, S. 76) fördert. Gleichzeitig bestätigte sich jedoch die Hypothese, dass eine hohe Gesamtdauer der Fernsehnutzung positiv mit Vorstellungen von einer bösen und beängstigenden Welt korreliert ist. Der Autor geht dabei davon aus, dass fiktionale Narrationen in der Regel den gleichen Schemata entsprechen. “Their endings typically include a resolution that brings together unconnected story lines, thus restoring balance and, ultimately, justice.” (S. 64) Andere Fernsehinhalte, unter anderem auch die Nachrichtensendungen der Boulevardmagazine, würden hingegen eine negative Weltsicht kultivieren.

Der Beitrag von Markus Appel ist nicht nur deswegen spannend, weil die Erforschung von fiktionalen Medieninhalten in der Kommunikationswissenschaft generell vernachlässigt ist. Ich habe mich auch deswegen ein wenig intensiver damit befasst, weil der Transfer in mein eigenes Forschungsprojekt zu den Traditionen des literarisch-narrativen Journalismus mir einige neue Denkanstöße geliefert hat.

Direkt übertragbar auf meinen Forschungsgegenstand sind die dargelegten Befunde aber sicherlich nicht. Das hängt zum einen mit den unterschiedlichen Medien zusammen (ich konzentriere mich vorwiegend auf Printberichterstattung, Appel auf das Fernsehen), zum anderen mit den unterschiedlichen Handlungssystemen (mir geht es um Journalismus, Appel berücksichtigt auch und gerade nicht-journalistische Medieninhalte). Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich für die Rezeption von literarisch-journalistischen Printerzeugnissen andere Wirkungsmuster nachweisen lassen würden. Allerdings ist die Forschung dazu bislang allenfalls bruchstückhaft, zumal diese Journalismusgattung selbst schon nicht sonderlich weit verbreitet ist. Ich hoffe, demnächst mehr dazu beitragen zu können.