Tag-Archiv für 'recherche' pt. 2 von 3



Steckt der Online-Journalismus in der Aktualitätsfalle?

Das Institut für Journalistik beteiligt sich heute und morgen mit einer Vertiefungsveranstaltung am Studium Fundamentale der TU Dortmund. Das übergreifende Thema unseres Blockseminars lautet “Beschleunigte Informationsprozesse und Journalistische Qualität”. Auch ich habe am heutigen Veranstaltungstag einen Vortrag beigesteuert: “Qualitätssicherung auf der Datenautobahn — Steckt der Online-Journalismus in der Aktualitätsfalle?” Hier kommen nun — wie versprochen — die Folien zu meiner Sitzung:

Den Veranstaltungsteilnehmern sei an dieser Stelle noch einmal herzlich für ihre aufmerksame Mitarbeit gedankt. Falls es nachträglich noch Rückfragen oder Anmerkungen gibt: Ab damit nach unten in die Kommentare! ;)

Studie zur journalistischen Internet-Recherche — jetzt auch online

Bereits vor einigen Monaten habe ich an dieser Stelle auf die breit angelegte Leipziger Erhebung zur journalistischen Recherche im Internet hingewiesen, deren Ergebnisse der Vistas-Verlag in Buchform veröffentlicht hat. In der neuen Ausgabe der “Media Perspektiven” (Heft 10/2008) legen Marcel Machill und Markus Beiler die wichtigsten Befunde nun noch einmal in Aufsatzform vor. Im Vergleich zum Buch kann der Beitrag keine neuen Erkenntnisse bringen. Schön ist aber, dass alle zentralen Tabellen nun auch online und frei verfügbar sind. Hier geht’s zum Text!

Literatur:

Machill, Marcel/Beiler, Markus/Zenker, Martin (2008): Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Berlin: Vistas.

Machill, Marcel/Beiler, Markus (2008): Die Bedeutung des Internets für die journalistische Recherche. Multimethodenstudie zur Recherche von Journalisten bei Tageszeitung, Hörfunk, Fernsehen und Online. In: Media Perspektiven, Heft 10/2008, S. 516-531.

Netzwerk Recherche sucht einen Geschäftsführer

Wer die jüngste Jahrestagung des “Netzwerks Recherche” besucht hat, dürfte es bereits wissen: Das nr plant die Einrichtung einer Geschäftsstelle, um die Strukturen des Vereins auf eine professionellere organisatorische Basis zu stellen. Diese Pläne nehmen nun konkrete Formen an: Wie ich gerade per Rundmail erfahre, wird bereits nach Bewerbern für den Posten des Geschäftsführers gesucht, der den Aufbau der Geschäftsstelle in den Räumen der Henri-Nannen-Journalistenschule in die Wege leiten soll. Eine entsprechende Anzeige erscheint morgen in der “Zeit“. Hier ist schon einmal der Ausschreibungstext:

Netzwerk Recherche sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt

eine Geschäftsführerin / einen Geschäftsführer (20 Wochenstunden)

mit Dienstsitz in Hamburg (im Haus der Henri-Nannen-Journalistenschule).

Zu den Aufgaben gehören u. a.

  • die Mitgliederbetreuung und die Koordination der Vereinsaktivitäten
  • die Konzeption und Organisation von Fachtagungen, Seminaren und der nr-Jahreskonferenz
  • die Pflege der Homepage
  • die Entwicklung und Betreuung von Projekten zur Förderung der Recherchekultur

Qualifikationsprofil:

Journalistische Erfahrungen, sehr gute Computer-Kenntnisse, Teamfähigkeit, Bereitschaft zum eigenständigen Arbeiten sowie ein ausgeprägtes Organisations-Talent sind Voraussetzungen für diese Aufgabe.

Bewerbungen bis zum 15. September 2008 an: netzwerk recherche (nr), z. Hd. Dr. Thomas Leif, Walkmühltalanlagen 25, 65195 Wiesbaden

Nach dem Aufbau der Geschäftsstelle können gerne auch weitere Aufgaben von unserem Geschäftsführer/unserer Geschäftsführerin übernommen werden, zum Beispiel:

  • Beobachtung und Auswertung der Gesetzgebungsprozesse in Bund und Ländern
  • Vorschläge für Auftragsstudien und Preisträger (Verschlossene Auster/Leuchtturm)
  • Kontaktpflege mit anderen Organisationen, Unterstützern und potentiellen Sponsoren
  • Redaktionelle Unterstützung bei der Erstellung des Newsletters und anderer Publikationen
  • Unterstützung bei der Finanzverwaltung
  • Koordination der Anfragen und die Vermittlung von Gesprächspartnern
  • Versand von Pressemitteilungen, Publikationen und Informationsmaterial
  • Organisatorische Unterstützung bei der Vorbereitung von Vorstandssitzungen
  • Pflege der Kontaktlisten und Verteiler, insbesondere des Medienverteilers
  • Dokumentation der Ergebnisse der Recherche-Stipendien
  • Erstellen eines Netzwerk-Recherche-Pressespiegels
  • Stellvertretende Repräsentation des Vorstands bei öffentlichen Veranstaltungen
  • etc.

Viel Spaß beim Bewerben!

Neue Studie: Netz verändert die Recherchekultur

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Google ist (noch) nicht das journalistische Rechercheinstrument Nummer eins. Aber dennoch: Computergestützte Wege der Informationsbeschaffung haben sich in den Redaktionen auf breiter Ebene etabliert und beeinflussen die Recherchekultur nachhaltig. Das sind zwei zentrale Ergebnisse einer neuen Studie, die der Leipziger Lehrstuhl für Journalistik II heute im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt hat.

Kernstück der Mehrmethodenerhebung war eine Beobachtung von 235 Journalisten bei 34 Medien-Angeboten (Print, Hörfunk, Fernsehen und Online). Sie wurde ergänzt durch eine standardisierte Befragung und ein Experiment, mit deren Hilfe analysiert werden sollte, wie Online-Recherchierverfahren den journalistischen Alltag verändern.

Die Auswertung der Daten von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker zeigt: Das am meisten verwendete Recherchemittel ist nach wie vor das Telefon (15% aller beobachteten Handlungen). Insgesamt überwiegen jedoch computergestützte Recherchetätigkeiten gegenüber klassischen, nicht computergestützten Wegen der Informationsbeschaffung (47 zu 41%). Als wichtigste computergestützte Recherchetools führen Machill und sein Team E-Mails (12%), Suchmaschinen/Webkataloge (8%) und redaktionelle Websites (ebenfalls 8%) an.

Der zunehmende Einfluss des Internets auf den Recherche-Alltag manifestiert sich der Studie zufolge in einigen beunruhigenden Trends: So weisen die Autoren darauf hin, dass in den Redaktionen kaum noch Überprüfungsrecherchen (Quellencheck, Faktenkontrolle etc.) stattfinden. Im Gegensatz zu anderen Teilschritten einer journalistischen Recherche nehmen sie mit 8 Prozent einen vergleichsweise geringen Stellenwert ein.

Problematisch sei außerdem die zunehmende Selbstreferenzialität im Journalismus. Denn: Journalisten greifen bei ihrer Recherche im Netz vorwiegend auf andere journalistische Produkte zurück und nicht etwa auf Primärquellen wie Websites von politischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Einrichtungen.

Bei der Präsentation der Studie im Haus der Bundespressekonferenz diskutierten verschiedene journalistische Praktiker über mögliche Konsequenzen aus den Befunden. Mehr oder weniger einhellig forderten sie eine verbesserte Rechercheförderung. Dabei griffen sie auch einige der von Machill et al. formulierten Handlungsempfehlungen auf. Hilfreiche Maßnahmen seien u. a. Recherchestipendien oder eine Formulierung einheitlicher Ausbildungsinhalte. Machills Anregung, als Gegenstück zu Google eine unparteiische und genossenschaftlich finanzierte Suchmaschinentechnologie für alle deutschen Medienunternehmen zu entwickeln, wurde in der Diskussion als unrealistisch verworfen.

Insgesamt kann die Studie zwar keine wirklich überraschenden neuen Erkenntnisse hervorbringen. Ihr kommt jedoch das Verdienst zu, den Zustand der journalistischen Recherchekultur in Deutschland erstmals auf verlässlicher empirischer Basis zu dokumentieren. Es ist zu hoffen, dass Medienpolitik, journalistische Praxis sowie Einrichtungen der Aus- und Weiterbildung die Befunde zur Kenntnis nehmen und jeweils eigene Konsequenzen daraus ziehen.

Eine offizielle Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse ist hier abrufbar.

Literatur:

Machill, Marcel/Beiler, Markus/Zenker, Martin (2008): Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Berlin: Vistas.

Foto: Peter Himsel 

Der neue Pragmatismus

Das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten galt lange Zeit als vergiftet. Inzwischen mehren sich jedoch — zumindest in der Fachpublizistik — die Stimmen, die für eine pragmatische Annäherung der beiden Akteursgruppen plädieren. Im Mittelpunkt steht dabei immer häufiger die Frage: Was können Journalisten von Bloggern lernen? — Eine ganze Menge, wie mehrere aktuelle Beiträge zeigen.

Ein lesenswerter Überblick zu diesem Thema ist beispielsweise die aktuelle Titelgeschichte von “M - Menschen Machen Medien” (Heft 4/2008): Unter der Überschrift “Mit Bloggern auf Augenhöhe” diskutiert Christiane Schulzki-Haddouti einige zentrale Eigenschaften der Blogosphäre, die auch Journalisten sich gewinnbringend zu Eigen machen können. Ihre These: Nicht nur in punkto Diskursivität, Transparenz und Selbstkontrolle seien Blogger den klassischen Medien um einiges voraus. Gerade auch mit Blick auf die Vernetzung hätten viele Journalisten Nachholbedarf. Bemerkbar mache sich das etwa bei der bislang kaum adäquaten Einbindung von “user-generated content” in journalistische Publikationen. Dabei wäre es so einfach, Leser durch Verlinkung in die Berichterstattung zu integrieren. “Ein solcher leserbezogener ‘Backlink’ wäre im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Währung und sollte nicht nur in einem Beikasten, sondern in den Haupttext integriert werden. Konsequent angewandt und weiterentwickelt könnte hier ein neues journalistisches Format entstehen”, argumentiert Christiane Schulzki-Haddouti (2008: 9). Ergänzt wird ihre Analyse durch einen Beitrag zur Zukunft des Print-Journalismus und einige Hinweise auf praktische Social-Media-Tools.

Für Letztere interessiert sich auch Paul Bradshaw. Auf Journalism.co.uk stellt er verschiedene Blogger-Werkzeuge vor, die auch bei einer journalistischen Recherche nützlich sein können. Sein Konzept des “Passive-Aggressive Newsgathering” hat er in seinem Blog inzwischen noch einmal ausführlicher diskutiert: Das Abonnement von thematisch relevanten RSS-Feeds ist demnach als eher passive Art der journalistischen Informationsbeschaffung einzuordnen; die Recherche in sozialen Netzwerken sei hingegen eine eher aktive Vorgehensweise. Für beide Kategorien listet Paul eine Reihe von Beispielen auf, die sicherlich nicht nur für Blog-Beginner interessant sind. Zur Hinterfragung herkömmlicher journalistischer Recherchestrategien taugen seine Einwürfe allemal.

Die angeführten Beiträge sind schöne Beispiele dafür, dass sich Blogger und Journalisten sinnvoll ergänzen können. In der Kommunikationswissenschaft wird schon seit längerem die These diskutiert, “dass zwischen Weblogs und professionellem Journalismus primär eine komplementäre, weniger eine konkurrierende Beziehung besteht” (Neuberger/Nuernbergk/Rischke 2007: 110). Der neue Pragmatismus, der in den Texten von Christiane Schulzki-Haddouti und Paul Bradshaw zum Tragen kommt, füllt diese These nun mit Leben. Wie lange wird es wohl noch brauchen, bis dieses Leben auch in den Redaktionen ankommt?

Literatur:

Bradshaw, Paul (2008): How to: use RSS and social media for newsgathering. Online unter: http://www.journalism.co.uk/7/articles/531343.php

Neuberger, Christoph/Nuernbergk, Christian/Rischke, Melanie (2007): Weblogs und Journalismus: Konkurrenz, Ergänzung oder Integration? Eine Forschungssynopse zum Wandel der Öffentlichkeit im Internet. In: Media Perspektiven, Heft 2/2007, S. 96-112. Online unter: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/ 02-2007_Neuberger.pdf

Schulzki-Haddouti, Christiane (2008): Mit Bloggern auf Augenhöhe. In: M - Menschen Machen Medien 57, Heft 4/2008, S. 8-10. Online unter: http://mmm.verdi.de/archiv/2008/04/titelthema_blogs/ mit_bloggern_auf_augenhoehe

Empirische Sozialforschung und journalistische Recherche im Social Web

Welche forschungsethischen Richtlinien gelten für Erhebungen im Social Web? Diese ebenso wichtige wie spannende Frage hat Jan Schmidt vor knapp zwei Wochen in seinem Blog aufgeworfen und gleichzeitig in einer längeren E-Mail über die GIR-L verbreitet. Hintergrund ist ein gemeinsames Forschungsprojekt des Hans-Bredow-Instituts und der Universität Salzburg zum Thema “Jugendliche und Web 2.0″, für das u. a. die Plattform “SchülerVZ” näher untersucht werden soll. Ein grundlegendes Problem für das Projektteam stellte sich gleich zu Beginn ein: Wie kann man sich als Forscher überhaupt Zugang zu einem sozialen Netzwerk wie “SchülerVZ” verschaffen, das seiner Absicht nach ja nur Schülern offen steht? Sicherlich wäre es ohne weiteres möglich, sich mit einer fiktiven Identität zu registrieren, um dann verdeckte Erhebungen durchzuführen. Dabei würde man jedoch schnell in Argumentationsnöte geraten, denn mit “guter wissenschaftlicher Praxis” hätte ein solches Vorgehen sicherlich nicht viel zu tun. Die sich daraus ergebenden Folgefragen sind mittlerweile an verschiedenen Orten weiterdiskutiert worden. Auch ich habe mich mit einem kurzen Einwurf beteiligt, den das Projektteam inzwischen aufgegriffen hat und den ich nun — mit etwas zeitlichem Abstand — präzisieren möchte:

Denn mich reizt an der Diskussion vor allem ein (Neben-)Aspekt: die Parallelität von empirischer Sozialforschung und journalistischer Recherche im Social Web. Dass die Tätigkeiten von Sozialwissenschaftlern und Journalisten sich in vielerlei Hinsicht ähneln und beide Berufsgruppen infolgedessen voneinander lernen können, hat u. a. Bernd Klammer (2005) anschaulich dargelegt. Entsprechende Vergleiche haben sich in der Vergangenheit allerdings fast ausschließlich auf Beispiele bezogen, bei denen die Daten- bzw. Informationsbeschaffung offline stattfand. Gerade durch die fortschreitende Erschließung des Internets (und nun auch des Social Webs) für wissenschaftliche und journalistische Zwecke werden jedoch neue Fragen aufgeworfen, die in keinem der beiden Arbeitsfelder zufriedenstellend beantwortet sind. So fehlt es beispielsweise in der Journalistenausbildung bislang an einem einschlägigen Ratgeber zur Recherche im Neuen Netz; und dass auch in der empirischen Sozialforschung vieles ungeklärt ist, zeigt die gerade angestoßene Diskussion.

Für den weiteren Verlauf dieser Diskussion halte ich es für nutzbringend, die berufsethischen Fragestellungen in Journalismus und Forschung miteinander in Beziehung zu setzen. Wenn man verschiedene Konfliktfälle aus beiden Bereichen zusammenträgt, wird man unweigerlich Ähnlichkeiten feststellen. Eine Erörterung dieser Fälle dürfte Konfliktlösungsmuster bereitstellen, die sowohl in der Journalismus- als auch in der Forschungsethik anwendbar sind und von denen daher alle Beteiligten nur profititieren können.

Für den Journalismus fallen mir aus dem Stegreif eine ganze Reihe von Beispielen ein, die auf die von Jan Schmidt aufgeführten Fragen übertragbar sind. Dabei muss es nicht immer gleich um die Verwertung von Details aus der Privat- und Intimsphäre gehen, wie die “Bild”-Zeitung dies seit einiger Zeit mit Nutzer-Daten aus dem “StudiVZ” praktiziert (vgl. dazu die aktuelle Berichterstattung in der taz). Mögliche Konflikte tauchen bereits auf einer viel grundlegenderen Ebene auf. Dazu einige Schlaglichter aus dem Alltag unserer Dortmunder Lehrredaktion Online- und Medienjournalismus:

1. Wiederholt wurde von Lehrredaktionsteilnehmern die Frage gestellt, ob es ethisch vertretbar sei, aus Blogs zu zitieren, ohne vorher explizit Rücksprache mit dem Urheber gehalten zu haben. Ich meine dazu: Ja, prinzipiell ist das vertretbar, sofern es sich um frei zugängliche Blogs handelt und die relevanten Inhalte auch wirklich als Zitat verarbeitet werden. Dazu gehört auch eine ausreichende Quellentransparenz, idealerweise mit direktem Link auf die zitierte Passage. Überdies ist natürlich die Glaubwürdigkeit der verarbeiteten Informationen zu prüfen, aber ein entsprechender Gegencheck sollte bei einer journalistischen Recherche ohnehin selbstverständlich sein.

2. Ähnliches gilt für das Zitieren aus Foren: Bei entsprechender Quellentransparenz halte ich das für unverwerflich, allerdings nur bei öffentlichen Foren. Bei eingeschränktem Zugang sollte sich ein recherchierender Journalist auch als solcher zu erkennen geben und vor einer Verarbeitung gewonnener Informationen bei den Betroffenen um Erlaubnis bitten.

3. Bei zugangsbeschränkten Networking-Plattformen ist es aus meiner Sicht grundsätzlich notwendig, offen zu agieren.

4. Ein wenig komplizierter ist die Beurteilung bei einer Recherche in virtuellen Welten wie “Second Life”, “World of Warcraft” etc. Einige Studierende unseres Instituts haben dazu im vergangenen Jahr ein umfangreiches multimediales Online-Spezial erarbeitet. Die Herangehensweisen waren hierbei sehr unterschiedlich. Folglich fiel die Entscheidung, ob eine verdeckte teilnehmende Beobachtung ethisch vertretbar ist oder nicht, von Fall zu Fall anders aus. Für diesen Bereich fällt es mir schwer, eine allgemeine Richtlinie zu formulieren.

Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortführen. Allerdings wird bereits anhand der genannten Punkte deutlich, wie ähnlich die Problemlagen von Journalisten und Sozialforschern bei der Erkundung des Social Webs sind. Eine Sammlung, Kategorisierung und Erörterung weiterer Fälle aus beiden Arbeitsfeldern wäre sicherlich viel versprechend.

Literatur:

Klammer, Bernd (2005): Empirische Sozialforschung. Eine Einführung für Kommunikationswissenschaftler und Journalisten. Konstanz: UVK

8/10

Die Initiative Nachrichtenaufklärung hat heute auf ihrer jährlichen Jury-Sitzung eine neue Top-Ten-Liste der am meisten vernachlässigten Themen gekürt. Das heißt: Nein, stopp, zehn Top-Themen sind es diesmal nicht geworden. Doch die acht angebotenen Nachrichten haben es durchaus in sich und dürften vielen Journalisten sicherlich brauchbare Rechercheansätze liefern.

Das am häufigsten verschwiegene Thema des Jahres 2007 sind der INA-Jury zufolge die “Absprachen über Terminierungsentgelte im deutschen Handynetz“. Die Initiative dazu im Original-Zitat: “Deutsche Handynutzer zahlen seit Jahren zu hohe Minutenpreise, da es zwischen den vier Netzbetreibern T-Mobile, Vodafone, O2 und E-Plus Absprachen über die Terminierungsgebühren gibt. Darunter werden die Kosten verstanden, die bei einem Anruf in ein anderes deutsches Mobilnetz entstehen. Hier lagen Verabredungen zwischen den Betreibern über ein dauerhaft hohes Niveau vor. So entsteht den Nutzern ein jährlicher Schaden, der in die Milliarden geht. Dieses Problem wurde aufgrund der intensiven Mediendebatten über zu hohe Roaminggebühren überdeckt.”

Auf die Plätze 2 und 3 schafften es die Themen “Politiker behindern Einrichtung von Ombudsstellen” und “Qualitätsverluste im Journalismus“. Ebenfalls als unterberichtet wertete die INA folgende News: “Chemikalien gefährden die Fruchtbarkeit – eine tickende Zeitbombe?“, “Städte kippen den Baumschutz“, “Die Schweiz beschließt neue Atomkraftwerke“, “Fragwürdige Auslandsgeschäfte der WestLB” und “Bundestag debattiert erstmals über Entschädigung für deutsche Kriegsverbrechen in Afrika – und keiner berichtet“. Ausführliche Berichte zu den einzelnen Themen finden sich auf der Homepage der Initiative Nachrichtenaufklärung. Außerdem hat die INA ein neues Blog eingerichtet: Auf www.derblindefleck.de sollen künftig “Beiträge zur Diskussion des Phänomens der Vernachlässigung” gesammelt und diskutiert werden. Mal sehen, wie sich die Seite entwickelt.

Offen ist nun noch die Frage: Was ist mit den zwei fehlenden Top-Themen passiert? Vorschläge zum Auffüllen der Lücken bitte in die Kommentare — oder direkt hierhin!