Tag-Archiv für 'onlinejournalismus' pt. 2 von 3



Befragung: Bewegtbild im Internet

Die Leipziger Kollegen Ansgar Zerfaß und Harald Rau führen derzeit eine interessante Erhebung zur journalistischen Nutzung von Bewegtbildern im Internet durch. Dafür werden “Entscheider in Redaktionen, Nachrichtenagenturen und Freelancer” gebeten, sich an einer Online-Befragung zu beteiligen. Im Mittelpunkt stehen u. a. folgende Leitfragen: “[W]ie werden Bewegtbilder produziert, welche Kompetenzen sind gefragt, was bedeutet das für journalistische Standards?”

Die Befragung ist Teil des Leipziger Forschungsprojekts “Bewegtbildkommunikation im Internet – Herausforderung für Journalismus und PR” und wird zusammen mit news aktuell umgesetzt. Mitmachen kann man noch bis zum 25. Juli 2008. Zum Fragebogen geht es hier!

Derby Day — 1970 und 2008

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Ich war noch nie in Kentucky. Und ein großer Freund des Pferdesports bin ich auch nicht. Dennoch hat das traditionsreiche Kentucky Derby für mich eine gewisse Strahlkraft. Das hängt vor allem mit Hunter S. Thompsons großartiger Reportage “The Kentucky Derby is decadent and depraved” zusammen. Erstveröffentlicht im Jahr 1970 in der Juni-Ausgabe von “Scanlan’s Monthly”, zählt sie zu den Klassikern der New-Journalism-Literatur, nicht zuletzt aufgrund ihrer späteren Anthologisierung in Tom Wolfes Sammelband “The New Journalism”. Der rasende, fast psychotische Erzählstil macht den Text zu einem anschaulichen Beispiel für Thompsons so genannte Gonzo-Berichterstattung, die später in Buch-Projekten wie “Fear and Loathing in Las Vegas” ihre weitere Ausformung fand.

Die Hochphase des Gonzo Journalism liegt inzwischen lange hinter uns, die Strahlkraft des Derbys ist jedoch ungebrochen. Das Louisville “Courier-Journal”, die Lokalzeitung vor Ort, lieferte am vergangenen Wochenende den eindrucksvollen Beweis dafür. In ihrer Internet-Ausgabe widmete sie der 134. Auflage der Sportveranstaltung ein umfängliches Special. Neben zahllosen Fotostrecken und Bewegtbild-Einspielern finden sich dort auch mehrere Blogs zum Thema und vielfältige Möglichkeiten zur Leserbeteiligung. Ganz “state of the art” eben. Was hätte Hunter S. wohl dazu gesagt? (via)

Literatur:

Hunter S. Thompson (1996): The Kentucky Derby is decadent and depraved. In: Tom Wolfe: The New Journalism. With an anthology edited by Tom Wolfe und E. W. Johnson. London etc.: Picador, S. 195-211.

Foto: Jeff Kubina

Mitarbeiter-Stelle im Bereich Online-Journalismus

ifj1.jpgDas Dortmunder Institut für Journalistik sucht einen wissenschaftlichen Mitarbeiter (halbe Stelle, Entgeltgruppe 13 TVL) für den Lehrbereich Online-Journalismus. Bewerbungen sind bis zum 7. Mai 2008 möglich. Weitere Informationen dazu gibt es hier!

Die Blog-Welt in fünf Minuten

Die Deutsche Welle ist mit einem erwähnenswerten neuen Audio-Format on air bzw. online gegangen: In der “Blogschau” informiert Marcus Bösch ab sofort einmal pro Woche “über Trends im Netz und taucht ein in die Welt der Blogs sowie Pod- und Vodcasts” (Pressemitteilung). Die erste Ausgabe kann zwar noch keine großen inhaltlichen Überraschungen bieten und will mit kurzen Beiträgen über Spreeblick.com, YouTube und das GoogleWatchBlog wohl eher ein Publikum ansprechen, das sich in der Blogosphäre bislang noch nicht heimisch fühlt (das spannende Thema “Tibet 2.0″ fällt hier ein wenig aus der Reihe). Aber das ist ja ein durchaus sympathisches Ansinnen. In diesem Sinne: Weitermachen!

Neues ICA-Journal für qualitative Kommunikationsforschung

Mit “Communication, Culture & Critique” hat die International Communication Association eine neue Fachzeitschrift ins Leben gerufen, die sich der Kommunikationsforschung vorwiegend aus qualitativer und interpretativer Perspektive annähern soll. Als ich von diesem Ansinnen, das dem kommunikationswissenschaftlichem Mainstream komplett zuwiderläuft, zum ersten Mal gehört habe, war ich positiv überrascht und gespannt. Das klang nach einem lohnenswerten Projekt. Nachdem ich nun die Zeit gefunden habe, die erste Ausgabe des Journals genauer zu prüfen, hat sich diese positive Grundstimmung ein wenig relativiert. Obwohl mich das Themenspektrum des Hefts durchaus anspricht und die Anlage stimmig scheint, wirkt in der Ausführung vieles unfertig. Besonders störend ist der essayistische Plauderton einiger Beiträge, der jegliche wissenschaftliche Fundierung vermissen lässt. Vielleicht ist das Absicht. Vielleicht soll so ein wenig Programmatik in die Premierenausgabe gebracht werden. Ich weiß es nicht. Das knappe Editorial von “Inaugural Editor” Karen Ross (Liverpool) schweigt sich dazu aus.

Symptomatisch für das Geschilderte ist u. a. der Beitrag von Barbie Zelizer (Philadelphia) zur Frage “How Communication, Culture, and Critique Intersect in the Study of Journalism” — einer von zwei enthaltenen Texten, die dem Bereich der Journalismusforschung zuzuordnen sind. Die Autorin skizziert hier holzschnittartig drei divergierende Journalismuskonzepte: das des “[j]ournalism as communication [which] privileges the important role in information gathering and disseminating which journalism fulfills”, das des “[j]ournalism as culture [which] addresses the function of journalism in imparting value preferences and mediating meaning about how the world does and should work” und das des “[j]ournalism as critique [which] highlights the particular value of criticism and opinion as a modality through which journalism can make explicit its response to events and issues of the public sphere” (S. 90). In ihrem Schlussplädoyer fordert Zelizer, diese Konzepte als gleichberechtigt anzuerkennen, und stellt fest: “It is high time we developed the analytical tools necessary to recognize the different facets of their activities and how they interact.” (ebd.) Das ist sicherlich alles nachzuvollziehen und auch durchaus gutzuheißen. Allerdings mangelt es dem Ganzen doch sehr an inhaltlicher Substanz. So fehlen etwa jegliche (!) Bezüge auf bereits existierende Forschung zu den aufgeworfenen Fragen. Der sechsseitige Text kann somit kaum mehr als ein programmatisches Statement sein; ein ernst zu nehmender Forschungsbeitrag ist er offenkundig nicht.

Deutlich überzeugender ist da schon der Aufsatz “Crossing Boundaries: New Media and Networked Journalism” von Charlie Beckett und Robin Mansell (London). Sie beschreiben ihr Konzept eines von Weblogs und anderen kollaborativen Medienformaten geprägten Netzwerk-Journalismus, der sich gegenwärtig mehr und mehr etabliert und dem traditionellen (Gatekeeper-)Journalismus den Raum streitig zu machen scheint. Unter Hinzuziehung einschlägiger Literatur diskutieren sie die Spannungen zwischen neuem und altem Journalismus und erörtern die ethischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Um die dargelegten Probleme zu lösen, drängt sich den Autoren zu Folge vor allem eine Lösung auf: “[T]here must be substantial investment in the new media literacies that extend beyond basic reading and writing.” (S. 100) Das funktioniere aber nicht ohne eine entsprechende Begleitforschung: “An ethically grounded reserach strategy for understanding the changes associated with networked journalism would begin the task of assessing both the potential and the risks of the way the news media are evolving.” (S. 102)

Wenn künftige Ausgaben von “Communication, Culture & Critique” ähnlich sorgfältig gearbeitet sind wie der Beitrag von Beckett und Mansell, werde ich mich mit dem Zeitschriftenkonzept sicherlich noch anfreunden können. Man darf gespannt sein, wie sich das Journal entwickelt.

Demokratisierung des Journalismus lässt auf sich warten

Das Project for Excellence in Journalism (PEJ) hat gestern eine neue Auflage des jährlichen “State of the News Media“-Reports präsentiert. Wie inzwischen unter anderem AP und AFP berichtet haben, hat die Studie einige bemerkenswerte Ergebnisse zu Tage gefördert. Demnach habe das Internet den Journalismus zwar merklich verändert. Eine Demokratisierung der Berichterstattung in den US-Medien — etwa durch Blogs und andere Formate des Social Web — habe aber (noch) nicht stattgefunden.

Einige der beschriebenen Trends im Überblick:

  • “News is shifting from being a product […] to becoming a service […]. There is no single or finished news product anymore.”
  • “A news organization and a news Web site are no longer final destinations. Now they must move toward also being stops along the way, gateways to other places, and a means to drill deeper, all ideas that connect to service rather than product.”
  • “The prospects for user-created content, once thought possibly central to the next era of journalism, for now appear more limited, even among ‘citizen’ sites and blogs.”
  • “The agenda of the American news media continues to narrow, not broaden.”

Insbesondere der letztgenannte Befund, der sich aus einer Inhaltsanalyse von über 70.000 journalistischen Beiträgen in allen Mediengattungen ergibt, stimmt nachdenklich. Laut der Erhebung bestimmten im vergangenen Jahr vor allem zwei Themen die journalistische Agenda: der Krieg im Irak und der US-Präsidentschaftswahlkampf, die gemeinsam bereits mehr als ein Viertel der analysierten Berichterstattung ausmachten. Demgegenüber seien viele andere gesellschaftlich relevante Themen zu kurz gekommen. Zwar verfüge vor allem das Internet über das Potenzial, eine größere thematische Vielfalt zu ermöglichen. Gegenwärtig beschränkten sich die meisten journalistischen Webseiten allerdings darauf, die vorgegebene Agenda einfach abzubilden. Dadurch verstärke sich der Trend zur Vernachlässigung wichtiger Nachrichten sogar noch weiter.

Das ernüchternde Fazit muss demnach lauten: Der verheißungsvolle Neue Netz-Journalismus ist bislang noch weit davon entfernt, die mit ihm verbundenen Hoffnungen zu erfüllen.

Gute Tags, schlechte Tags

Steffen Büffel führt in Kooperation mit dem Tübinger Institut für Wissensmedien eine interessante Online-Befragung zum Thema Tagging durch. Ich habe selbst gerade schon teilgenommen und bin sehr gespannt auf die Ergebnisse. Weitere Teilnehmer sind natürlich herzlich willkommen. Mehr dazu hier!

Und wo wir gerade schon beim Thema sind: Auch die Online Journalism Review hat gegenwärtig eine spannende Frage der Woche: “What frustrates you about online journalism?” Interessant: Bislang lautet die Antwort mit der größten Resonanz: “Not enough time to pursue all ideas”. Allerdings ist die Teilnehmerzahl momentan wohl noch zu gering, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu Tage zu fördern. Deswegen: Mitmachen!