Mit “Communication, Culture & Critique” hat die International Communication Association eine neue Fachzeitschrift ins Leben gerufen, die sich der Kommunikationsforschung vorwiegend aus qualitativer und interpretativer Perspektive annähern soll. Als ich von diesem Ansinnen, das dem kommunikationswissenschaftlichem Mainstream komplett zuwiderläuft, zum ersten Mal gehört habe, war ich positiv überrascht und gespannt. Das klang nach einem lohnenswerten Projekt. Nachdem ich nun die Zeit gefunden habe, die erste Ausgabe des Journals genauer zu prüfen, hat sich diese positive Grundstimmung ein wenig relativiert. Obwohl mich das Themenspektrum des Hefts durchaus anspricht und die Anlage stimmig scheint, wirkt in der Ausführung vieles unfertig. Besonders störend ist der essayistische Plauderton einiger Beiträge, der jegliche wissenschaftliche Fundierung vermissen lässt. Vielleicht ist das Absicht. Vielleicht soll so ein wenig Programmatik in die Premierenausgabe gebracht werden. Ich weiß es nicht. Das knappe Editorial von “Inaugural Editor” Karen Ross (Liverpool) schweigt sich dazu aus.
Symptomatisch für das Geschilderte ist u. a. der Beitrag von Barbie Zelizer (Philadelphia) zur Frage “How Communication, Culture, and Critique Intersect in the Study of Journalism” — einer von zwei enthaltenen Texten, die dem Bereich der Journalismusforschung zuzuordnen sind. Die Autorin skizziert hier holzschnittartig drei divergierende Journalismuskonzepte: das des “[j]ournalism as communication [which] privileges the important role in information gathering and disseminating which journalism fulfills”, das des “[j]ournalism as culture [which] addresses the function of journalism in imparting value preferences and mediating meaning about how the world does and should work” und das des “[j]ournalism as critique [which] highlights the particular value of criticism and opinion as a modality through which journalism can make explicit its response to events and issues of the public sphere” (S. 90). In ihrem Schlussplädoyer fordert Zelizer, diese Konzepte als gleichberechtigt anzuerkennen, und stellt fest: “It is high time we developed the analytical tools necessary to recognize the different facets of their activities and how they interact.” (ebd.) Das ist sicherlich alles nachzuvollziehen und auch durchaus gutzuheißen. Allerdings mangelt es dem Ganzen doch sehr an inhaltlicher Substanz. So fehlen etwa jegliche (!) Bezüge auf bereits existierende Forschung zu den aufgeworfenen Fragen. Der sechsseitige Text kann somit kaum mehr als ein programmatisches Statement sein; ein ernst zu nehmender Forschungsbeitrag ist er offenkundig nicht.
Deutlich überzeugender ist da schon der Aufsatz “Crossing Boundaries: New Media and Networked Journalism” von Charlie Beckett und Robin Mansell (London). Sie beschreiben ihr Konzept eines von Weblogs und anderen kollaborativen Medienformaten geprägten Netzwerk-Journalismus, der sich gegenwärtig mehr und mehr etabliert und dem traditionellen (Gatekeeper-)Journalismus den Raum streitig zu machen scheint. Unter Hinzuziehung einschlägiger Literatur diskutieren sie die Spannungen zwischen neuem und altem Journalismus und erörtern die ethischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Um die dargelegten Probleme zu lösen, drängt sich den Autoren zu Folge vor allem eine Lösung auf: “[T]here must be substantial investment in the new media literacies that extend beyond basic reading and writing.” (S. 100) Das funktioniere aber nicht ohne eine entsprechende Begleitforschung: “An ethically grounded reserach strategy for understanding the changes associated with networked journalism would begin the task of assessing both the potential and the risks of the way the news media are evolving.” (S. 102)
Wenn künftige Ausgaben von “Communication, Culture & Critique” ähnlich sorgfältig gearbeitet sind wie der Beitrag von Beckett und Mansell, werde ich mich mit dem Zeitschriftenkonzept sicherlich noch anfreunden können. Man darf gespannt sein, wie sich das Journal entwickelt.
Diskussionswürdig
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