Tag-Archiv für 'oeffentlichkeit'

Journalismus und Nationalsozialismus

jojo_klein.jpgDie aktuelle Ausgabe des “Journalistik Journals” ist eine besondere: Zum letzten Mal wird das Heft eingeleitet durch ein Editorial von Horst Pöttker. Er war es, der die Zeitschrift 1998 ins Leben gerufen hat. Nach 13 Jahren als Herausgeber gibt er die Verantwortung für Konzept und Finanzierung der Publikation nun ab. Insofern war es naheliegend, sich im neuen Heft 1/2011 noch einmal auf ein Thema zu konzentrieren, das den JoJo-Gründer seit langer Zeit fesselt: das Verhältnis von Journalismus und Nationalsozialismus. Die Texte im Schwerpunkt-Teil durchleuchten dieses Verhältnis aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Die Print-Version der neuen Ausgabe wird ab der kommenden Woche ausgeliefert. Schon jetzt sind einige ausgewählte Beiträge online — unter anderem:

Verdrängung, Öffnung, Instrumentalisierung
Was vom Umgang mit der NS-Vergangenheit über den Nachkriegsjournalismus zu lernen ist
Von Horst Pöttker

Zwischen den Weltkriegen
Zum Wandel des Pressejournalismus im Nationalsozialismus
Von Gabriele Toepser-Ziegert

Im Schatten von Joseph Goebbels
Otto Dietrich war einer der ranghöchsten Vertreter im Propagandaministerium
Von Stefan Krings

Derricks Erfinder fesselte schon die Hitlerjugend
Die große Frage nach der Mitschuld am Hitler-Regime hat sich Herbert Reinecker nie stellen lassen
Von Christina Kiesewetter

Produkte der Krise
Warum die Auseinandersetzung mit der Publizistik des Exils höchst aktuell ist – eine Verteidigungsrede
Von Gaby Falböck

Außerhalb des Schwerpunkts befassen sich verschiedene Texte mit Fragen der Ethik und Qualität im Journalismus, etwa der Beitrag “Achtsamkeit – Grundzüge eines integralen Journalismus” von Claus Eurich oder Lars Rinsdorfs Analyse zu den Auswirkungen des gemeinsamen Newsdesks auf Qualität und Vielfalt in der Mantelberichterstattung von WAZ, NRZ und WR.

Wer an einem (kostenlosen) Bezug dieser und/oder künftiger JoJo-Ausgaben interessiert ist, kann sich — wie immer — bei mir in der Redaktion melden. A propos: Das “Journalistik Journal” wird auch ohne Horst Pöttkers Mitwirkung weiterhin erscheinen. Dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr. Für heute begnüge ich mich mit einem herzlichen Dank an den Gründungsherausgeber für die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ich hoffe, dass auch er Freude an dieser “Abschiedsausgabe” hat!

Journalismus und Öffentlichkeit. Eine Profession und ihr gesellschaftlicher Auftrag

eberweinmueller.jpgIm Rahmen einer akademischen Feierstunde haben Daniel Müller und ich gestern Horst Pöttker anlässlich seines 65. Geburtstages eine Festschrift überreicht. Der Band — “Journalismus und Öffentlichkeit. Eine Profession und ihr gesellschaftlicher Auftrag” — ist seit 2007 in Vorbereitung und konnte nun öffentlich präsentiert werden. Er enthält 29 Fachaufsätze von ehemaligen und gegenwärtigen Weggefährten Horst Pöttkers, die sich aus unterschiedlichsten Perspektiven an dem Themenfeld Journalismus und Öffentlichkeit abarbeiten. Offizieller Erscheinungstermin ist der 11. Februar. Bereits heute dokumentiere ich an dieser Stelle das Inhaltsverzeichnis und den Einführungsaufsatz, der die zentralen Befunde des Bandes zusammenfasst. Den vielen Personen, die zum Gelingen dieses Buchprojekts beigetragen haben, sei auch auf diesem Wege noch einmal herzlich gedankt!

Die vollständigen bibliographischen Angaben:

Tobias Eberwein/Daniel Müller (Hrsg.): Journalismus und Öffentlichkeit. Eine Profession und ihr gesellschaftlicher Auftrag. Festschrift für Horst Pöttker. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010.

Weitere Daten finden sich auf der Verlags-Homepage.

Öffentlichkeit durch Wissenschaft. Zum Programm Horst Pöttkers

In der aktuellen Ausgabe des FPS-Newsletters ist ein kurzes wissenschaftliches Porträt über Horst Pöttker erschienen, das ich als Grußadresse anlässlich seines 65. Geburtstages beigesteuert habe. Da der Text mit allerlei unschönen Satzfehlern durchzogen ist, dokumentiere ich den Wortlaut hier noch einmal ohne Trennstriche.

1996, als Horst Pöttker seine Antrittsvorlesung am Dortmunder Institut für Journalistik hielt, war der Status der Journalistik als eigenständige Disziplin im System der Wissenschaften noch weitgehend ungeklärt. In seinem Vortrag machte der frisch berufene Professor für Theorie und Praxis des Journalismus es sich daher zur Aufgabe, ein „Programm der Journalistik“ zu skizzieren. Es kreiste im Wesentlichen um zwei Fragen: Was ist die konstitutive gesellschaftliche Aufgabe von Journalismus? Was kann die Wissenschaft, was kann die Journalistik zur Erfüllung dieser Aufgabe, dem Herstellen von Öffentlichkeit, beitragen? Die Beantwortung dieser beiden Fragen ist gleichsam eine Art Leitmotiv für die gesamte Berufsbiographie Horst Pöttkers, das er seit seinen Studientagen bis heute in verschiedensten Rollen und Funktionen aufgegriffen hat. Sein „Programm der Journalistik“ liest sich daher auch wie ein Programm seiner selbst.

Horst Pöttker studierte in Hamburg, Zürich und Kiel Soziologie, Philologie, Philosophie und Mathematik, bevor er seinem Lehrer Paul Trappe an die Universität Basel nachfolgte. Sein dortiges Studium schloss er 1978 mit der Promotion im Fach Soziologie ab. Aus seinen langjährigen Recherchen entstand das 1023 Seiten schwere Buch „Zum demokratischen Niveau des Inhalts überregionaler westdeutscher Tageszeitungen“, das in verschiedener Hinsicht charakteristisch für seine weitere berufliche Tätigkeit ist: Zum einen legte er damit ein methodologisches Fundament im Geiste des Kritischen Rationalismus, das ihm als Wissenschaftler bis heute Halt gibt. Zum anderen verdeutlichte er mit der Studie einen gesellschaftskritischen und aufklärerischen Anspruch, der auch gegenwärtig noch sein Verständnis von Wissenschaft und Journalismus prägt. Dieser Anspruch spiegelte sich auch in seiner praktisch-journalistischen Tätigkeit für die „Blätter des iz3w“, der Zeitschrift des Freiburger „informationszentrums 3. welt“, für die er während und nach seiner Baseler Zeit als Redakteur arbeitete.

Nach seinem Ausscheiden beim iz3w wandte sich Horst Pöttker wieder mehr dem Wissenschaftsbetrieb zu. Nach Lehraufträgen an der Universität Freiburg und an der Bundeswehr-Universität Hamburg nahm er 1982 eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Siegener Soziologie-Lehrstuhl von Rainer Geißler an. Nur drei Jahre später zog es ihn jedoch zurück in den praktischen Journalismus: Horst Pöttker wurde Alleinredakteur von „medium“, der medienjournalistischen Zeitschrift des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), die er zu einer anerkannten Reflexionsinstanz für den Journalismus machte. Das ständige Wandeln zwischen den Welten, der Versuch eines Brückenschlags zwischen wissenschaftlicher Forschung und journalistischer Praxis – dies ist ein typisches Merkmal für das professionelle Selbstverständnis Horst Pöttkers. Es ist daher nur konsequent, dass er auch während seiner Arbeit beim GEP weiterhin wissenschaftlich tätig war, 1992 für drei Jahre eine Gastprofessur für Ethik der Kommunikationsberufe an der Universität Leipzig übernahm und 1995 auch noch Vertretungsprofessor an der Universität Dortmund wurde – all dies wohlgemerkt parallel zur Redakteurstätigkeit für „medium“.

1996 erwarb Horst Pöttker die Venia Legendi für das Fach Soziologie (mit dem Schwerpunkt Soziologie der Kommunikation und der öffentlichen Meinung). Seine Siegener Habilitationsschrift veröffentlichte er unter dem Titel „Entfremdung und Illusion. Soziales Handeln in der Moderne“. In dieser Arbeit spürt er im Anschluss an Max Weber und Theodor Geiger der Frage nach, warum sich Individuen von den komplexen Organisationen der Moderne manipulieren lassen und welche Optionen zur Reduktion derartiger Fremdbestimmungstendenzen bereitstehen. Auch hier macht sich ein deutlich aufklärerischer Anspruch bemerkbar, der Horst Pöttkers wissenschaftlichen Analysen bis heute innewohnt.

Im Jahr seiner Habilitation nahm Horst Pöttker einen Ruf auf die Dortmunder Professur für Theorie und Praxis des Journalismus an. Wesentliche – wenn auch nicht alle – Bausteine seiner Tätigkeit am Institut für Journalistik der Universität Dortmund hat er bereits in seiner Antrittsvorlesung vorgezeichnet:

  • Universitätsmedien: Ein wesentlicher Vorteil der hochschulgebundenen Journalistenausbildung ist die Option, Studierenden durch die Tätigkeit in Lehrredaktionen ein Experimentierfeld zu bieten, das Forschung, Lehre und Berufspraxis integriert. Horst Pöttker hat an der Organisation und Ausgestaltung der Dortmunder Lehrredaktionen aktiv mitgewirkt und zudem mit dem „Journalistik Journal“ und seinem Online-Pendant „Medien Monitor“ zwei medienjournalistische Foren ins Leben gerufen, in denen sich Journalistik-Studierende in kritischer Medienbeobachtung üben.
  • Berufsethik: Eine systematische Berufsethik für Journalisten kann und soll dabei helfen, professionelle Qualitätsstandards des Journalismus zu begründen, um damit die Erfüllung der Öffentlichkeitsaufgabe zu erleichtern. Horst Pöttker hat diese Zielsetzung durch seine zahlreichen Analysen zur Qualität im Journalismus und zur Medienselbstkontrolle, vor allem durch seine kritische Exegese der Publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserats, nachhaltig vorangetrieben. Dies spiegelt auch sein Engagement als Mitbegründer und Vorsitzender des „Vereins zur Förderung der publizistischen Selbstkontrolle“ (FPS) und als Geschäftsführer der „Initiative Nachrichtenaufklärung“ (INA).
  • Aufbereitung von Sachwissen: Qualitätsvoller Journalismus ist nur unter Einbeziehung von berufsnotwendigem Sachwissen möglich. Horst Pöttker konnte dieser Einsicht als Hochschullehrer vor allem durch seine Expertise in der empirischen Sozialforschung gerecht werden. Gemeinsam mit Bernd Klammer hat er ein Methodenlehrbuch für die wissenschaftliche Journalistenausbildung konzipiert, das inzwischen zur Standardliteratur gehört. Und auch seine umfangreichen Forschungen zur „Medialen Integration von ethnischen Minderheiten in Deutschland, den USA und Kanada“ im Rahmen des Siegener DFG-Sonderforschungsbereichs/Forschungskollegs „Medienumbrüche“ dürfen als notwendiges gesellschaftswissenschaftliches Rüstzeug für den journalistischen Berufsalltag gelten.
  • Elementarpublikationen: Grundlagenliteratur ist für eine Wissenschaftsdisziplin wie die Journalistik nicht nur wichtig, um ein systeminternes Selbstbewusstsein herauszubilden; sie ist auch ein notwendiges Bindeglied zur journalistischen Praxis, die die Befunde des Fachs natürlich erst einmal wahrnehmen muss, um mit ihnen zu wachsen. Horst Pöttker pflegt die Verbindung zwischen Journalistik und Journalismus nicht nur mit der Herausgabe der bereits erwähnten Publikationen „Journalistik Journal“ und „Medien Monitor“. Er hat, gemeinsam mit Fachkollegen, auch ein Basiswerk zur „Stilistik für Journalisten“ vorgelegt, das 2010 in zweiter, erweiterter Auflage erscheint, sowie über viele Jahre die Edition eines „Deutsch-russischen Wörterbuchs der Journalistik“ angetrieben, dessen erster Teilband ebenfalls kurz vor der Veröffentlichung steht.

Ein wesentliches Anliegen Horst Pöttkers harrt freilich noch der Umsetzung: die Erarbeitung einer konsistenten Berufsgeschichte des Journalismus, die die Entstehung und Entwicklung der Profession im Kontext der Aufgabe Öffentlichkeit von Beginn an nachzeichnet. Zu einigen Episoden dieser Geschichte, etwa zur Bedeutung des Judentums für den modernen Journalismus, zur Entstehung des Nachrichtenparadigmas oder zu Journalismus und Öffentlichkeit im Nationalsozialismus, hat er zwar bereits bemerkenswerte Analysen präsentiert – teilweise mit beträchtlichem öffentlichem Nachhall. Dass eine Gesamtdarstellung jedoch noch auf sich warten lässt, liegt wohl auch an den kniffligen hochschulpolitischen Problemen, denen sich Horst Pöttker an der Universität Dortmund bis 2008 als Prodekan für Haushalt und Organisation und seitdem als Dekan der Fakultät Kulturwissenschaften mit einiger Leidenschaft gewidmet hat und weiterhin widmet. Seine professionshistorische Weiterentwicklung der Pressegeschichte dürfte damit zum Alterswerk werden. Am 29. Dezember ist Horst Pöttker 65 Jahre alt geworden.

Call: “Ethik der Kommunikationsberufe”

Gerade erreicht mich der Call for Papers für die nächste Jahrestagung des Netzwerks Medienethik und der DGPuK-Fachgruppe “Kommunikations- und Medienethik”. Die Veranstaltung findet am 18. und 19. Februar 2010 wie gewohnt in der Hochschule für Philosophie München statt. Den thematischen Fokus bildet die “Ethik der Kommunikationsberufe”, wobei unter anderem Unterschiede und Wechselwirkungen zwischen Journalismus, PR und Werbung herausgearbeitet werden sollen.

Der Call wirft eine ganze Reihe von Fragen auf, die spannende Diskussionen versprechen:

1. Journalismus

  • Worin liegen die medienethisch relevanten Problemfelder des Journalismus, und mit welchen Maßnahmen kann die journalistische Unabhängigkeit gefördert werden?
  • Wer trägt letztendlich die Verantwortung für die journalistischen Produkte? Sind eher individualethische, professionsethische oder organisationsethische Modelle zielführend?
  • Wie lassen sich journalistische Debatten eines „Bürgerjournalismus“ in Internetforen, Wikis und Blogs aus einer medienethischen Perspektive bewerten, und welche normativen Konsequenzen ergeben sich überhaupt durch die Nutzung digitaler Kommunikationsforen für den Journalismus?

2. Öffentlichkeitsarbeit (PR)

  • Welche normativen Leitlinien an die PR von Wirtschaftsunternehmen lassen sich aufzeigen und in der Praxis konkret umsetzen?
  • Inwiefern lässt sich das grundlegende Spannungsverhältnis zwischen den Unternehmensinteressen nach optimaler Selbstdarstellung einerseits und dem öffentlichen Interesse an einer glaubwürdigen, offenen und transparenten PR andererseits auflösen und auf welcher Unternehmensebene sollte PR angesiedelt sein, um einen möglichst hohen Einfluss auf die Umsetzung normativer Leitlinien zu haben?

3. Werbung

  • Wie glaubwürdig und informativ sollte Werbung überhaupt sein, und auf welchen Kanälen und zu welchem Zeitpunkt ist die Verbreitung von werblichen Inhalten ethisch angemessen?
  • Wo liegen die moralischen Grenzen werblicher Inhalte, u. a. in Bezug auf die Darstellung von Sexualität oder Religion?
  • Bei welchen Produkten (z. B. Tabakwaren, Alkohol) sollten bestehende Werbeeinschränkungen ggf. erweitert werden, und welche Regelungen zum Jugendschutz sind dabei zusätzlich zu beachten?

4. Öffentlichkeit(en)

  • In welcher Form kann die Grundkategorie und Reichweite von „Öffentlichkeit“ in den unterschiedlichen Kommunikationsberufen medienethisch bewertet und verglichen werden?
  • Inwieweit lassen sich die normativen Ansprüche an Öffentlichkeiten (u. a. Signal- und Warnfunktion, Kontroll-, Kritik- und Legitimationsfunktion, Transparenz, Allgemeine Zugänglichkeit und Allgemeinverständlichkeit) auf die Arbeitsfelder der Kommunikationsberufe übertragen und anwenden?

5. Ökonomie

  • Welche moralischen Konflikte ergeben sich zwischen der Profitmaximierung und Wohlfahrtsorientierung bei den Kommunikationsberufen?
  • Inwiefern existiert ein Spannungsfeld zwischen Marktfreiheit und Regulierung?
  • Durch welche Maßnahmen kann die Trennung zwischen werblichen und redaktionellen Inhalten transparent gestaltet werden?
  • Auf welchen Ebenen sind innovative Geschäftsmodelle erforderlich, um die Überlebensfähigkeit von Qualitätszeitungen zu sichern?
  • Sollten hierfür ggf. gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die ein gebührenfinanziertes Modell anstreben?

6. Visualisierung

  • Welche spezifischen Postulate und Modelle einer Bildethik für die Kommunikationsberufe lassen sich aufzeigen?
  • Wie sind Formen der Bildbearbeitung speziell im Journalismus und in der Werbung medienethisch zu bewerten?
  • Welche Regeln werden in der Praxis postuliert und angewendet, um Veränderungen von visuellen Darstellungen deutlich zu machen?
  • Inwiefern lassen sich hierbei konkrete Beispiele aufzeigen und typologisieren?

7. Postulate

  • Inwiefern lassen sich abstrakte (medien-)ethische Idealnormen wie Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Öffentlichkeit, Partizipation, Verantwortung und Nachhaltigkeit auf die Praxis der Kommunikationsberufe anwenden?
  • Gibt es überhaupt Handlungsspielräume, um die Forderungen an die Kommunikationsberufe (u. a. Transparenz, allgemeine Zugänglichkeit, Redlichkeit, Aufgeschlossenheit, Dialogbereitschaft, Neugierde und Offenheit für Argumente, Partizipation, Nachprüfbarkeit der Information, offene dezentrale Strukturen) in der Praxis durchsetzen?

8. Institutionelle Selbstkontrolle

  • Kann die Arbeit die bestehenden Medienselbstkontrollinstanzen mit ihren Kodizes für die Kommunikationsberufe als effektiv angesehen werden, und an welchem Punkt gibt es Verbesserungsmöglichkeiten?
  • Welche Vernetzungsmöglichkeiten der Medienselbstkontrollinstanzen im Journalismus und auf der Ebene der Unternehmenskommunikation sind aus einer medienethischen Perspektive angemessen?
  • Ist es sinnvoll, einen übergreifenden Medienkodex für alle Kommunikationsberufe zu entwickeln?

9. Internationale Vergleiche

  • Unter welchen normativen Rahmenbedingungen agieren die Kommunikationsberufe Journalismus, PR und Werbung im Ausland im Vergleich zu Deutschland?
  • Welche Konzepte und Modelle zu einer Ethik der Kommunikationsberufe aus dem Ausland lassen sich aufzeigen und ggf. auf die Situation in Deutschland übertragen?

Wer Antworten auf diese Fragen hat, kann sich bis zum 15. November 2009 mit einem Extended Abstract bei Christian Schicha und Alexander Filipović für einen Vortrag bewerben. Weitere Informationen enthält der vollständige Call.

Weblogs und Social-News-Plattformen im Journalismus

“Themenscan im Web 2.0″ lautet der Titel eines lesenswerten Aufsatzes in der neuen Ausgabe (Heft 2/2009) der “Media Perspektiven“. Darin untersucht Jan Schmidt gemeinsam mit Beate Frees und Martin Fisch von der ZDF Medienforschung die neuen Öffentlichkeiten im Social Web. Forschungleitend ist für sie die Frage, welche Bedeutung vor allem Weblogs und Social-News-Plattformen für den professionellen Journalismus haben. Ihr Fazit: Soziales Netz und Journalismus stehen durchaus in einem Konkurrenzverhältnis, gleichzeitig entfalten Blogs und Social-News-Plattformen für Journalisten jedoch einen hohen praktischen Nutzwert:

Zwar stehen die klassischen Massenmedien im Web 2.0 in Aufmerksamkeitskonkurrenz zu nichtinstitutionellen Anbietern, die möglicherweise aus Sicht mancher Rezipienten ungerichtete oder konkrete Informationsbedürfnisse sowie thematische und gruppenbezogene Interessen besser befriedigen. Die Inhalte etablierter Medienorganisationen sind allerdings auch ein wichtiger Bestandteil der beschriebenen neuen Themen- und Nachrichtenkreisläufe und machen in vielen Fällen die Mehrheit der aufgegriffenen Inhalte aus. Sie werden dadurch einem erweiterten Personenkreis zugänglich, was durch den Effekt verstärkt werden kann, dass die Position in Suchmaschinen durch die Verlinkung der aufgenommenen Themen erhöht wird. Der zusätzliche Rückkopplungskanal, der über das Feedback auf der eigenen Internetpräsenz hinausgeht, kann zudem Informationen über Relevanz und Beurteilung der eigenen Inhalte beim Publikum liefern. In dieser Hinsicht können die Webangebote der klassischen Massenmedien von Weblogs und Social-News-Plattformen im Web 2.0 auch profitieren. (Schmidt/Frees/Fisch 2009: 58)

Was dies konkret für den journalistischen Alltag bedeutet, zeigen die Autoren mit einem Vergleich ausgewählter Social-News-Plattformen (Digg, Yigg und Wikio) und Blogmonitoring-Dienste (Technorati, Blogpulse, Rivva und Google Blogsearch). Vor allem Letztere können, sofern richtig eingesetzt, im Rechercheprozess ein wichtiges Hilfsmittel sein. Aktuelle Befragungs- und Beobachtungsstudien zeigen jedoch, dass die meisten Journalisten bei der Internetrecherche kaum über eine einfache Google-Suche hinauskommen. Gerade deswegen wäre es wichtig, dass die von Jan Schmidt et al. vermittelten Befunde auch in den journalistischen Redaktionen zur Kenntnis genommen werden. In diesem Sinne halte ich den Aufsatz nicht zuletzt für (angehende) Journalisten für eine wichtige Lektüre.

Literatur:

Schmidt, Jan/Frees, Beate/Fisch, Martin (2009): Themenscan im Web 2.0. Neue Öffentlichkeiten in Weblogs und Social-News-Plattformen. In: Media Perspektiven, Heft 2/2009, S. 50-60. Online unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/02-2009_Schmidt.pdf

Neues Journalistik Journal: “Journalismus in Europa”

jojo.jpgGerade rechtzeitig zum Beginn der Vorlesungszeit sind wir heute mit dem letzten Feinschliff an der neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” fertig geworden. Die Herbstausgabe 2/2008 ist bereits im Druck und wird ab nächster Woche ausgeliefert. 28 Autorinnen und Autoren haben mitgeholfen, auch das neue Heft wieder zu einer anregenden Lektüre werden zu lassen. Für die Zusammenarbeit sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt.

Der Themenschwerpunkt befasst sich diesmal mit “Journalismus in Europa“. Einige der Texte sind bereits vorab online verfügbar — und zwar:

Gerd G. Kopper: „Keine Schnecke, sondern die Maus“. Zwei Jahrzehnte europäische Journalistik

Andrea Czepek: Alles geht. Oder? Tabus im europäischen Journalismus

Horst Pöttker: Braucht Europa einen Presserat? Optionen einer supranationalen Selbstkontrolle

Michael Grytz: Dschungel wäre keine schlechte Bezeichnung. Erfahrungen eines Brüssel-Korrespondenten

Julia Lönnendonker: Die große Unbekannte. Journalisten wissen nur wenig über die EU

Weitere Beiträge zum Schwerpunkt Europa stammen von Andreas Hepp, Michael Brüggemann, Katharina Kleinen-von Königslöw, Swantje Lingenberg und Johanna Möller (”Segmentierte Transnationalisierung. Forschungsprojekt zum Wandel der EU-Öffentlichkeit”), Mirjam Stöckel (”Mehr Aufmerksamkeit für das graue Brüssel? So berichten Regionalzeitungen über die EU”), Marcus Kreutler (”Journalistische Ethik — oder Ethiken? Eine Untersuchung europäischer Medienkodizes”), Liane Rothenberger (”Arte auf dem Vormarsch. Europäisches Fernsehen zwischen Hoch- und Popkultur”), Christian Schwarzenegger (”Von gallischen und potemkinschen Dörfern. Die EU-Kampagne der ‘Kronen Zeitung’”) und Juliana Lofink (”Die Vergangenheit wirkt noch nach. Zum Zustand der Journalistenausbildung in Russland”). Diese Texte können in der Print-Ausgabe des JoJos nachgelesen werden. Bei Interesse reicht eine formlose Mail an mich, wir stellen die Hefte gerne kostenfrei zur Verfügung!

Auch jenseits des Themenschwerpunkts bietet das neue JoJo noch einigen Lesestoff: Frank Siebel trägt Ergebnisse einer Studie zur “zwiespältigen Rolle von Qualitätsmedien in mediatisierten Wahlkämpfen” zusammen; Sven Engesser und Jeffrey Wimmer diskutieren unter dem Titel “Renaissance der Gegenöffentlichkeit?” über die Potenziale des partizipativen Internet-Journalismus; Michael Schulte erklärt, “Warum extreme Fotoformate ihre Wirkung verfehlen” usw. usf.

Und wem das alles nicht passt, der kann sich schon auf Heft 1/2009 freuen. Das wird sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Journalismus und Wirtschaft befassen. Konkrete Themenvorschläge an die Redaktion sind herzlich willkommen!