Tag-Archiv für 'kulturjournalismus'

Literarischer Journalismus als “media accountability system”

jojo.jpgIn den vergangenen Monaten haben mich vor allem zwei Großprojekte beschäftigt: zum einen das internationale Forschungsprojekt “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT), für das ich seit Beginn des Jahres als Scientific Officer tätig bin, zum anderen meine Dissertation. Für die neue Ausgabe des “Journalistik Journals”, das ich nach wie vor redigiere, habe ich erstmals einen Brückenschlag zwischen diesen beiden Projekten gewagt. Der kurze Aufsatz “Literarisierung als Systemschutz” beschreibt das Berichterstattungsmuster des literarischen Journalismus als Reflexionseinrichtung des Journalismussystems. Ihm kommen damit ähnliche Aufgaben zu wie anderen “media accountability systems” — etwa Presseräten oder Medienjournalismus: Gemeinsam helfen sie der journalistischen Profession, sich selbst zu erhalten.

Der Text ist Teil einer Schwerpunktausgabe des JoJos, die sich unter dem Titel “Kritik in der Krise?” dem “wechselvollen Verhältnis von Kultur und Journalismus” widmet. Äußerer Anlass ist das Kulturhauptstadtjahr 2010, das im Ruhrgebiet gegenwärtig einige Sogwirkung verursacht. Neben meinem Beitrag sind verschiedene andere Aufsätze bereits jetzt online, zum Beispiel von Margreth Lünenborg (”Kultur als zentrale Bezugsgröße”), Stephan Porombka (”Ein kurzes Briefing zum Kulturjournalismus”), Gunter Reus (”Berichter oder Richter?”), Karl Prümm (”Es ist still geworden”) und Jörg-Uwe Nieland (”Popjournalismus als Kulturkritik”). Das gedruckte Heft wird ab der kommenden Woche ausgeliefert.

Wer an einem (kostenlosen) Bezug der Zeitschrift interessiert ist, kann mir gerne schreiben!

Joseph Roth als “Beobachter des Unsichtbaren”

Heute lag die aktuelle Ausgabe der “message” (Heft 1/2010) in meinem Briefkasten. Ich bin darin mit einem kurzen Beitrag über den österreichischen Romancier Joseph Roth vertreten. Der Titel: “Beobachter des Unsichtbaren”. Im Gegensatz zur gängigen Sichtweise porträtiere ich Roth vor allem als sprachgewaltigen Journalisten, der auch jenseits seines literarischen Schaffens ein beachtliches Werk hinterlassen hat, das in vielerlei Hinsicht noch immer der wissenschaftlichen Aufarbeitung harrt. Die Journalistik steht hier vor vielen ungelösten Aufgaben!

Leider ist der Text nicht online verfügbar. Als Quellenbeleg muss daher an dieser Stelle ein Link auf das Inhaltsverzeichnis des Heftes genügen…

Joseph Roth, Journalist

An den Schriftsteller Joseph Roth erinnert man sich vor allem wegen seiner Romane “Hiob” (1930) und  “Radetzkymarsch” (1932). Dass der 1939 im Pariser Exil verstorbene Österreicher jedoch auch ein beachtliches journalistisches Werk hinterlassen hat, wissen heute nur die wenigsten. Dabei war Roth in der Zwischenkriegszeit einer der bekanntesten (und auch bestbezahlten) Feuilletonisten und Reporter — unter anderem für die renommierte “Frankfurter Zeitung”, aber auch für den Wiener “Neuen Tag”, die “Neue Berliner Zeitung”, den “Berliner Börsen-Courier”, den “Vorwärts” und viele andere Publikationen. Dass sich die zuständigen Wissenschaften bislang kaum für den Journalisten Joseph Roth interessiert haben, verwundert somit. Gleichzeitig passt es jedoch ins Bild: In der Germanistik war es lange Zeit verpönt, auch tagesschriftstellerische Produkte in den Fokus zu rücken, während in der Journalistik bis heute eine gewisse Aversion gegen “publizistische Persönlichkeiten” (Dovifat) zu spüren ist, weswegen Journalismus mit Werkcharakter in der Analyse meist außen vor bleibt.

Das dreitägige Symposium “Joseph Roth und die Reportage“, das gestern in Dortmund zu Ende ging, musste daher fast wie eine Art Offenbarung wirken. Umso bedauerlicher ist es, dass die Veranstaltung mit rund zwei Dutzend Teilnehmern im wissenschaftlichen Programm eher mäßig besucht war. In neun Fachvorträgen rückten die Referenten auf Einladung von Thomas Eicher (Melange e.V.) und der Auslandsgesellschaft NRW mit der Reportage eine Darstellungsform in den Mittelpunkt, die für Roths journalistisches Schaffen wesentlich war. Dabei konnten einige Besonderheiten der Roth’schen Prägung dieses Genres herausgearbeitet werden:

Ein zentrales Charakteristikum der Reportagen Joseph Roths ist die teilweise radikale Subjektivität, die in den Texten zum Tragen kommt. Dies macht sich nicht nur in programmatischen Statements des Autors bemerkbar (”Objektivität ist Schweinerei”), sondern natürlich auch bei der Lektüre der Reportagen selbst. So zeigte beispielsweise Manfred Müller (Wien) mit seiner Analyse der Textfolge “Reise nach Galizien”, für die Roth 1924 seine altösterreichische Heimat besucht hatte,  dass die enthaltenen Beiträge in hohem Maße emotional aufgeladen sind und teilweise offen für die Bevölkerung vor Ort Partei ergreifen. Auch Achim Küpper (Lüttich) interessierte sich für das Heimatverständnis Joseph Roths. Er arbeitete heraus, dass sich das Konzept der Unbehaustheit wie ein Grundmotiv durch Roths Reportagen zieht. Interessant ist dabei auch, dass Roth in seinen Texten zwar häufig einen Ich-Erzähler auftreten lässt, dieser jedoch nicht immer mit dem Autor der Texte gleichzusetzen ist. Die Maskierung des eigenen Ichs mit Hilfe eines fiktiven Erzählers ist eine weitere Konstante in Roths journalistischen Arbeiten. Sie ist ein erneuter Beleg für Roths bewusstes Spiel mit der Subjektivität, die seine Reportagen deutlich von den Texten des frühen Egon Erwin Kisch, einem Zeitgenossen Roths, abheben.

Diese Tendenz zur Fiktionalisierung bedeutet jedoch nicht eine Abkehr von der sozialen Realität. Im Gegenteil: Sigrid Newman (Köln) machte in ihrem Vortrag u. a. deutlich, dass die “minutiöse Beobachtung der Wirklichkeit” ein zentrales Anliegen des Journalisten Roth ist. Thomas Düllo (Berlin) verglich Roths Vorgehen dabei jedoch eher mit dem eines Ethnographen, der Repräsentationen des Fremden und Anderen häufig ins Allegorische wende, ohne dabei das Dingliche aus den Augen zu verlieren. Diese Spannung zwischen Allegorik und Materialität sei typisch für Roths Realitätsvermittlung und mache einen besonderen Reiz seiner Reportagen aus.

Die anderen Referenten wiesen auf weitere typische Darstellungstechniken des Reporters Roth hin: Sigrid Newman untersuchte einige ausgewählte Beiträge anhand der Kennzeichen einer literarischen Reportage nach Diana Kuprel (”creative subjectivity”, “truth claims”, “participation”, “explicit implication of the audience”, “hybrid style” und “allusiveness”) und stellte fest, dass sich bei Roth ein zusätzliches wiederkehrendes Merkmal finde: die Technik der “Heuristic Visuals”, d. h. der Einbau eindrücklicher visueller Repräsentationen, die den Leser provozieren und ihn damit in den Text hineinziehen sollen. Jürgen Heizmann (Montreal) spürte in Roths Industriereportagen eine wirkungsmächtige Raumsymbolik auf, die der Autor auch dafür nutzt, um seine eigenen Befindlichkeiten in den Erzähltext einzuschleusen. Helen Chambers (St. Andrews) verglich die literarischen Techniken in den Reportagen Roths und Theodor Fontanes und konnte dabei viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede feststellen. Fritz Hackert (Tübingen) thematisierte u. a. Roths Verwendung satirischer Elemente in dessen Gerichtsreportagen.

Roths freier und kreativer Umgang mit dem Genre der Reportage legte die Frage nahe, ob es in seinem Falle überhaupt noch zulässig ist, von der Umsetzung distinkter journalistischer Darstellungsformen zu sprechen. Einige der Referenten meldeten hier Skepsis an: Mirella Carbone (Sils Maria) untersuchte Roths Filmrezensionen und stellte fest, dass auch diese sich als literarische Reportagen lesen lassen und somit als hybride Texte gelten müssten. Auch Eric Jarosinski (Philadelphia) interpretierte Roths Texte als Hybridformen, die zwar meist auch Reportageelemente enthielten, in vielen Fällen jedoch deutlich darüber hinausgingen, vor allem wenn es darum gehe, Themen zu reflektieren, die sich der Beobachtung entziehen. Am deutlichsten formulierte es Manfred Müller. Am Ende seiner Analyse von Roths “Reise nach Galizien” resümierte er: “Mit Journalismus […] hat dieser Text wenig bis gar nichts zu tun. […] Es ist großartige fiktionale Prosa.”

Ist Joseph Roth letztlich also doch kein Journalist? Dies als Fazit aus der Tagung herauszudestillieren, wäre sicherlich ein Fehler. Über 3.000 Buchseiten benötigen Fritz Hackert und Klaus Westermann in der von ihnen besorgten Werkausgabe, um “Das journalistische Werk” Roths zu versammeln. Allein dies ist schon Beleg genug dafür, dass Roth nicht nur irgendein Journalist war, sondern ein äußerst produktiver (und in vielen Fällen auch begnadeter) noch dazu. Die besondere Faszination seiner journalistischen Beiträge ist es, dass sie sich eben nicht in gängige formale Darstellungsschemata fügen lassen, sondern gezielt aus ihnen ausbrechen, um ihre Beschränktheit zu überwinden. Dies wäre, nachdem bei der Dortmunder Tagung die Perspektive der Germanistik und ihre Deutung der Reportage als Teil der Literaturgeschichte dominierten, auch ein Grund für die Journalistik, sich mit Roth zu befassen und von ihm zu lernen. Der Blickwinkel einer (sozialwissenschaftlich orientierten) Journalistik könnte auch helfen, die textuelle und biographische Fixiertheit der bisherigen Forschung zu überwinden und statt dessen die gesellschaftliche Bedeutung eines literarischen Journalismus Roth’scher Prägung präziser herauszuarbeiten, als das bislang geschehen ist. So begrüßenswert und ertragreich die Tagung auch war — die Erforschung des Journalisten Joseph Roth steht erst am Anfang.

Rezensionswesen

Dem Verriss haftet immer etwas Peinliches an. Wer Vergnügen am Verreißen hat, der setzt sich immer dem Verdacht aus, dass er ein Wichtigtuer sei, ein Anfänger, ein Grünschnabel, ein kleiner Mensch, der einem großen gegens Schienbein tritt, damit er, wenn der Große fällt, auf den herabschauen kann. Dem Werk der Liebe gibt auch der Leser lieber recht, wer hasst, soll damit nicht fremde Leute belästigen.

Quelle:

Seidl, Claudius (2009): Gute Bücher, die wir hassen. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 8. März 2009, S. 23

“Beruf: Journalist” — Neues Journalistik Journal

jojo.jpgNach einem längeren Endspurt konnten wir heute die Schlussproduktion des neuen “Journalistik Journals” abschließen. Die Frühjahrsausgabe 2008 (Heft 1/2008) geht morgen in den Druck; die Auslieferung dürfte ab kommender Woche beginnen. Das Schwerpunktthema widmet sich diesmal den Arbeitsbedingungen im Journalismus. Unter dem Titel “Beruf: Journalist” diskutieren zehn Autorinnen und Autoren über aktuelle Entwicklungen rund um den journalistischen Arbeitsplatz.

Einige Beiträge sind bereits vorab auf der Webseite des “Journalistik Journals” zu finden — zum Beispiel:

Fokus: Beruf: Journalist. Zum gegenwärtigen Stand der Journalismusforschung — von Johannes Raabe

Schneller, vielfältiger, anspruchsvoller. Journalisten von morgen: Wer sind sie, was machen sie? — von Sylvia Egli von Matt

Bürgerreporter: Ergänzung mit vielfältigem Potenzial. Übernehmen Laien die Redaktionen? — von Philomen Schönhagen

Die unbekannten Medienmacher. Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor — von Miriam Bunjes

Können, Köpfchen oder Körper? Zu den Karrierechancen von Frauen — von Tina Groll

Weitere Beiträge zum Themenschwerpunkt gibt es von Annika Sehl (”Ökonomisches Qualitätsmanagement? Wie die ARD-Anstalten mit Videojournalismus umgehen”), Frank Biermann (”Besser wird es nicht. Immer mehr Ein-Zeitungs-Kreise in NRW”), Judith Pfeuffer (”Macht der Journalismus krank? Ergebnisse einer Befragung”), Julia Eggs (”Volontariat unter der Lupe. Neue Daten zur journalistischen Ausbildungssituation”) und von mir (”Wider den Journalismus der Unterhosen. Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg über Qualitätsberichterstattung in den Zeiten der Medienkonvergenz”).

Aber auch jenseits des Schwerpunktthemas bietet das JoJo wieder einigen Lesestoff. Hervorzuheben ist sicherlich der spannende Aufsatz von Ingo Fischer (”Eher unbekannt als anerkannt“), in dem er empirisch nachweist, dass ein Großteil der Journalisten noch nie etwas von Pressekodex und Presserat gehört hat. Unbedingt lesenswert sind aber auch die Beiträge von Karola Graf-Szczuka (”Die Persönlichkeit der Zeitungsleser. Neue Erkenntnisse zur Mediennutzung von Jugendlichen”), Nadine Bilke (”Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus”), Sonja Roy (”Auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Korruption beeinflusst auch die bulgarischen Medien”) und Holger Noltze (”So eine richtig schöne Umstrittenheit. Ein Beitrag zur Debattenkultur im deutschen Feuilleton”).

Wer Interesse an den nicht-verlinkten Beiträgen hat, kann sich gerne an die Redaktion wenden. Wir stellen auch die gedruckten Hefte auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung.

Wider den Journalismus der Unterhosen

Für die kommende Ausgabe (Heft 1/2008) des Journalistik Journals habe ich mit dem Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg ein Interview über die Machbarkeit von Qualitätsjournalismus in Zeiten der Medienkonvergenz geführt. Der daraus entstandene Text steht im Kontext des Schwerpunktthemas, das sich diesmal mit den (sich wandelnden) Arbeitsbedingungen im Journalismus befassen wird. Im Folgenden dokumentiere ich eine ausführlichere Fassung des Gesprächs; für das JoJo werde ich aus Platzgründen wohl noch leicht kürzen müssen. Mehr dazu in Bälde hier!

rosenberg.jpgHerr Rosenberg, Sie arbeiten mittlerweile seit über 30 Jahren beim Österreichischen Rundfunk. Sind Sie gerne Journalist?

Ja, sehr gerne!

Warum?

Das hat mit der Wirkungsweise des Radios zu tun. Ich mag vor allem das Dialoghafte des Mediums, durch das ich im besten Fall bei allen Beteiligten Erkenntnisprozesse hervorrufen kann. Das heißt: Meine Neugierde, die natürlich schon geordnet zu sein hat, führt dazu, dass Leute etwas neu überdenken und dadurch zu neuen Erkenntnissen kommen, um diese wiederum zu kommunizieren. Das ist das, was ich besonders interessant finde.

Ich habe es aber auch sehr geliebt, Reportagen zu machen. Wie heißt es so schön: „Die schlechteste Luft für den Journalisten ist die in der Redaktionsstube.“ Rauszugehen ist ganz, ganz wichtig.

Man könnte natürlich auch ganz groß sagen: Als Journalist erfüllt man eine gesellschaftliche Rolle. Aber ich denke: Es ist so eine Mischung von persönlicher Neugier, von Erkenntnisprozess, vom Aufdecken von Widersprüchen, vom Erwägen der Folgen für andere Menschen und so weiter.

Ihr Journalismusverständnis, das Sie hier schildern, ist das eines hintergründigen Qualitätsjournalismus mit gesellschaftlichem Anspruch. Welchen Stellenwert hat ein solcher Journalismus gegenwärtig im deutschsprachigen Raum?

Erstens: Ich glaube, dass dieser Journalismus dringend notwendig ist. Zweitens: Ich glaube, dass er gut funktioniert – auch gegen den ganzen Infotainment-Journalismus und gegen den Journalismus der Unterhosen. Er funktioniert gut. Aber ich bin da in Österreich natürlich in einer besonders glücklichen Situation. Ich arbeite für einen Kultursender, der ein gesamtheitliches Bild des kulturell interessierten Menschen als Basis hat. Wir machen anspruchsvolle Musik. Wir haben Informationssendungen größeren Ausmaßes. Und wir haben das, was man im Allgemeinen „Kulturelles Wort“ nennt – auch mit den ganzen gesellschaftlichen Geschichten und den Reportagen und all diesem. Das gibt es alles innerhalb eines Senders. Wir haben in Österreich jetzt neun Prozent Reichweite. Das ist ein Wert, von dem deutsche Kultursender nur träumen. Und wir gewinnen bei den Jungen dazu. Wir haben erst kürzlich eine Umfrage gemacht, wonach die optimale Länge einer Radiosendung bei unserem Publikum bei 45 Minuten liegt. So gesehen kann ich sagen: Uns geht es wirklich gut, weil wir für Leute, die interessiert sind, eine wirkliche Alternative zu allen anderen Medien darstellen – ergänzend zu den Printmedien.

Das klingt ja so ein bisschen wie die Insel der Glückseligen…

Nein. Ich unterstelle den deutschen Kollegen, wenn sie die Längen der Kultursendungen kürzen, einen Denkfehler. Man fragt: Was ist die optimale Länge eines journalistischen Radiobeitrags? Und man fragt das alle – und nicht das potenzielle Publikum. Und dann hat man eben die vielen, die sagen: 1 Minute 30! Und so kommt man auf einen schlechten Schnitt.

Glauben Sie, dass Ihr Bild eines Qualitätsjournalismus angesichts der gegenwärtigen Medienentwicklung auch dauerhaft eine Zukunft haben wird?

Es gibt dazu keine Alternative! Wir müssen daran arbeiten – und wir machen das, und zwar mit großer Liebe. Was dabei natürlich ganz wesentlich ist: Man muss Kolleginnen und Kollegen haben und finden, die von dem, was sie machen, begeistert sind. Mit Auftragsjournalismus allein kommt man nicht weiter. Gute Journalisten müssen begeistert sein: a) von den formalen Gestaltungsmöglichkeiten ihres Mediums – das ist eine Grundbedingung; und b) von den inhaltlichen Möglichkeiten und den entsprechenden Diskursen. Von der eigenen Wichtigkeit müssen sie nicht so sehr überzeugt sein.

Die gegenwärtigen Rahmenbedingungen scheinen die Chancen für eine qualitätsvolle Berichterstattung allerdings nicht unbedingt zu erhöhen. Nur einige Schlaglichter, die sich auch in der aktuellen Ausgabe des „Journalistik Journals“ widerspiegeln: Das journalistische Rollenselbstbild franst aus – unter anderem aufgrund der technischen Entwicklung. Die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse nimmt zu. Auch um die gesundheitlichen Auswirkungen des Journalistenberufs scheint es nicht zum Besten zu stehen. Wie ist Qualitätsjournalismus unter diesen Bedingungen möglich?

Wir haben eine wahnsinnige Beschleunigung und eine wahnsinnige Veroberflächlichung als Bedrohungen. Das ist keine Frage. Und da bin ich natürlich wirklich auf einer Insel der Glückseligen tätig. Ich glaube, Ö1 ist der einzige Sender, der mit dem Aufkommen privater kommerzieller Konkurrenz sogar Reichweitengewinne verzeichnen konnte. Bei Ö3 sind die Beiträge natürlich auch kürzer geworden. Da ist der marktgängige Produktcharakter ziemlich klar. Und in diesem Produktdesign ist natürlich viel mehr Tempo drin. In unseren Landesstudios machen die Leute sehr viel selber. Dort gibt es die Anforderungen der Bi- und der Trimedialität, wo die Redakteure fürs Internet, fürs Radio und fürs Fernsehen arbeiten müssen. Das verursacht sehr viel Stress. Und es birgt die Gefahr der Oberflächlichkeit in sich. Überhaupt keine Frage.

Aber bringt der Trend zum crossmedialen Arbeiten nicht auch Chancen für die journalistische Qualität mit sich?

Das Netz ist eine optimale Ergänzung zum Radio. Es geht gar nicht darum, dass man einzelne Sendungen jetzt streamt – das ist eigentlich eine Absurdität. Aber die restlichen Dinge sind wunderbar: das Downloading, die Podcasts, die Archivfunktion des Internets – das sind wunderbare Chancen, die von den Hörern auch genutzt werden. Das ist die eine Seite.

Für das journalistische Arbeiten kommt es darauf an, wie man es organisiert. Wenn man nur mehr von einer Systemeingabe zur nächsten hetzt, ist das falsch.

Ich fände es zum Beispiel sehr unangenehm, wenn ich ein Interview führen und dann auch noch den Fotoapparat rausholen müsste, um ein Bild zu knipsen. Das ist eine unmögliche zwischenmenschliche Situation. Wenn man ein Interview führt, ist man so konzentriert, dass die andere Handlungsebene einen durcheinanderbringen würde. Darum nehmen viele schreibende Journalisten ja auch Fotografen mit. Es ist schon sinnvoll, dass das ein eigener Beruf ist.

Dennoch: Dieses Switchen ist eine Fähigkeit, die man als Journalist in der Zukunft häufiger brauchen wird. Das kann auch Spaß machen. Ich weiß aber nicht, inwieweit es in der Summe besser ist, die einzelnen Funktionen auseinander zu lassen. Formulieren wir es mal so: Gegenseitiges Verständnis kann sicherlich nicht schaden.

Das Internet bietet – neben den genannten Potenzialen – auch die Möglichkeit, verstärkt nutzergenerierte Inhalte in die Berichterstattung einzubinden. Einige Kritiker befürchten aber, dass die journalistische Qualität dadurch weiter verwässert. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen im Bereich Web 2.0? Ist das eine Chance oder eine Gefahr für den professionellen Journalismus?

Das ist für mich keine Bedrohung. Es könnte nur den Journalismus ein wenig irr und wirr machen. Wir kommen da zu einem grundsätzlichen Problem: Was zeichnet den Journalismus als Beruf aus? Natürlich gibt es nutzergenerierte Inhalte – keine Frage. Nur: Ich gehe doch immer davon aus, dass Journalismus ein Beruf ist, ein professionell auszuübender Beruf, und das ist ein wesentliches Kriterium. Das andere ist öffentliche Selbstdarstellung, ist Tagebuchschreiben, ist vielleicht auch der Versuch, Themen zu setzen. Aber meistens – und da kann man sich ja YouTube anschauen – sind das irgendwelche Spaßetten.

Was sind für Sie denn die spezifischen Qualitäten, die Journalismus bieten kann, die Blogosphäre aber nicht?

Zum einen die grundsätzliche Verpflichtung, gewonnene Informationen gegenzuchecken und zu versuchen, auch die andere Seite zu hören. Außerdem halte ich auch die gute alte Trennung von Nachricht und Kommentar für ganz wesentlich. Und die Quellentransparenz: Was für Quellen stecken hinter einer Information?

Viele angehende Journalisten sind unsicher, welche Kompetenzen für ihr berufliches Weiterkommen wichtig sind. Angesichts der angesprochenen Entwicklungen scheinen vor allem möglichst umfassende Technik-Kompetenzen immer wichtiger zu werden. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, dass man sich nicht gegen neue Entwicklungen sträuben darf. Man muss diese Entwicklungen analysieren und für sich selbst entscheiden, was man machen will. Es ist doch in der Mediengeschichte immer so gewesen, dass zwar neue Medien dazukommen, aber die alten bleiben. Und das ist von entscheidender Bedeutung. Sehr wahrscheinlich nimmt Online dem Fernsehen und dem Radio Nutzungszeiten weg. Aber damit werden diese Medien leben müssen. Der wesentliche Punkt ist: Wer wählt aus. Und da wird es immer Menschen geben, die zu einer Redaktion Vertrauen haben, die dann sagen: Die filtern mir aus dem Dschungel der Informationen etwas heraus, was interessant ist. Das lässt sich nicht automatisieren. Man wird auch vom Menschen gemachte Musikprogramme haben wollen, weil man nicht immer selbst auswählen will. Davon bin ich überzeugt: Das wird es immer geben! Ich finde es aber auch toll, dass man so viel wählen kann.

Welche Karrieretipps würden Sie einem Journalistik-Studenten ganz konkret mit auf den Weg geben?

Erstens: Man muss sich ein Medium suchen, das einen interessiert. Zweitens: Man muss beharrlich sein und einfach anfangen. Wenn es nicht auf Anhieb mit einer Festanstellung klappt, dann vielleicht im nächsten Jahr. Ich weiß das von mir selbst. Und drittens: Man muss an dem, was man will, festhalten und sich nicht vom Markt seine Berufswünsche diktieren lassen. Im Notfall – und da gibt es immer wieder wunderbare Beispiele – muss man eben selber etwas gründen. Beharrlichkeit und Lästigkeit sind aber ganz zentral, denn jeder, der Personalentscheidungen trifft, weiß: Wer lästig ist, der hat schon eine wesentliche Voraussetzung für den Journalistenberuf erfüllt. Denn Hartnäckigkeit braucht man, um gute Geschichten zu machen. Und die braucht man, um ordentliche Jobs zu bekommen.

Würden Sie selbst sich heute noch einmal dafür entscheiden, Journalist zu werden?

Keine Frage, natürlich!

Zur Person: Rainer Rosenberg, Jg. 1953, arbeitet seit 1974 für das ORF-Radio, seit 1995 als Leiter der Produktionsgruppe Spezialprogramme bei Ö1. Er begann bei Ö3, wechselte kurz zum Fernsehen und baute das Jugendmagazin „X-Large“ auf. Rosenberg ist verantwortlich für die Wiederinbetriebnahme des Mittelwelle-Programms „Radio 1476“ des ORF ab 1997. Auf Sendung zu hören ist er derzeit am häufigsten in „Von Tag zu Tag“ oder in der Porträtreihe „Menschenbilder“.

Foto: ORF