Tag-Archiv für 'kommunikatorforschung'

Ein Vademekum für den Sportjournalisten?

jojo.jpgMedienkritik ist nichts Neues. Auch wenn der kritische Diskurs über Journalismus und Medien in der heutigen Erregungsgesellschaft, beflügelt durch web-basierte Themenschleudern wie Twitter oder Facebook, so lebendig ist wie nie zuvor – es gibt ihn schon lange, so lange, wie es Medien gibt.

In kaum einem Bereich wurde und wird dieser Diskurs jedoch so lautstark und emotional geführt wie im Sportjournalismus. Warum das so ist, zeigt die neue Ausgabe des „Journalistik Journals“ (JoJo) mit zahlreichen Beiträgen zum Titelthema „Medien und Sport – eine variantenreiche Verbindung“. „Kein anderes Ressort im Journalismus ist derart von Ökonomisierungs- und Kommerzialisierungsprozessen betroffen wie das Sportressort“, stellt Michael Schaffrath in seiner kritischen Bilanz zur bisherigen Sportkommunikatorforschung fest. Christoph Bertling beschreibt eine „schwierige Gratwanderung des Sportjournalismus“ zwischen Aufklärung und Entertainment. Weitere Analysen widmen sich spezifischen Problemen und Herausforderungen des Berichterstattungsfeldes: unter anderem dem (Vor-)Urteil, dass Sportjournalisten in Wirklichkeit schlecht getarnte Fans sind, die am liebsten selbst eine Sportkarriere gestartet hätten (Michael Steinbrecher); dem unübersehbaren „Sexualisierungsdruck“, der sich vor allem in der redaktionellen Darstellung von Sportlerinnen bemerkbar macht (Jörg-Uwe Nieland und Daniela Schaaf); und den zahlreichen Widrigkeiten, mit denen Sportjournalisten bei der Berichterstattung etwa über Korruption (Daniel Drepper) und Doping (Angelika Mikus) zu kämpfen haben.

Einfache Lösungen für diese Probleme können die Autoren nicht anbieten. So verweist Thomas Horky zwar auf die besonderen Chancen, die beispielsweise soziale Netzwerkmedien bei der Berichterstattung über Sport-Großereignisse mit sich bringen. Gleichzeitig stellt er jedoch fest, dass ein verstärkter Einsatz von Social Media auch mit zahlreichen Folgeproblemen verbunden ist, die den vermeintlichen Mehrwert relativieren. Ein Vademekum für den Sportjournalisten ist das neue JoJo also nicht.

Wohl aber kann es helfen, viele der häufig beklagten Fehlentwicklungen der Sportberichterstattung zu verstehen, ohne sie damit entschuldigen zu wollen. So erklärt etwa Christoph Bertling, dass Sportjournalismus, historisch betrachtet, gerade nicht aus einem aufklärenden Anspruch heraus entstanden ist, sondern als Unterhaltungsprodukt: „Von Anfang an wurde Sport als Berichterstattungsobjekt genutzt, um die Massen durch populäre Inhalte anzusprechen. Zahlreiche Events, beispielsweise die Tour de France, wurden seitens der Medien als Berichterstattungsobjekt geschaffen. Entsprechend entwickelte sich nicht das gleiche Selbstverständnis wie in anderen Ressorts: Viele Sportjournalisten verstehen sich als Teil der Unterhaltungsindustrie, haben nicht dieselbe Distanz.“ Während emotional aufgeheizte Pauschal-Kritiken meist wenig Konstruktives leisten, tragen Analysen wie diese zu einer Versachlichung der Diskussion über den Sportjournalismus bei – und können damit das Qualitätsbewusstsein bei seinen Akteuren umso nachhaltiger steigern.

Zur neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” geht es hier!

Journalismus(kultur) im Wandel

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Gestern und vorgestern fand an der Universität Bremen die 54. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft statt. Unter dem Titel „Medienkultur im Wandel“ boten sich den fast 400 Tagungsteilnehmern über 100 unterschiedliche Fachvorträge – mal mehr, mal weniger offensichtlich mit dem Tagungsthema verbunden. Einen repräsentativen Überblick über die Veranstaltung zu geben, ist angesichts der Vielzahl der Präsentationen kaum möglich. Auf ein paar instruktive Papers möchte ich aber dennoch kurz hinweisen. Ich beschränke mich dabei auf den Bereich der Journalismusforschung, obgleich dieser im gesamten Tagungsspektrum freilich nur einen kleinen Teil einnahm.

Als sehr anregend habe ich beispielsweise den Vortrag von Bernd Blöbaum empfunden. Er präsentierte Ergebnisse aus einem zweisemestrigen Münsteraner Lehrforschungsprojekt. Gemeinsam mit Studierenden hatte er biographische Interviews mit 36 Journalisten, PR-Praktikern und Werbern durchgeführt, um deren Karriereverläufe miteinander vergleichen zu können. Dabei ließen sich gemeinsame Ausgangspunkte (z.B. vielfältige Mediennutzung in den Herkunftsfamilien, in der Schule Präferenz für das Fach Deutsch, Engagement für Schülermedien usw.) und ähnliche Berufseinstiege (in der Regel über Praktika, Traineeprogramme, Volontariate usw.) in allen drei Arbeitsfeldern feststellen. Die weiteren Berufsverläufe erwiesen sich jedoch als sehr unterschiedlich: Während Journalisten ihrem Medium häufig treu bleiben, ist bei PR-Beratern ein Wechsel vom Journalismus in die Public Relations nicht unüblich, wohingegen vor allem Werber viele unterschiedliche berufliche Stationen durchlaufen. Diese und weitere Ergebnisse der explorativen Studie sind inzwischen als Buch publiziert. Spannend sind sie unter anderem deswegen, weil sie für die Gruppe der Journalisten ähnliche Befunde wie die JouriD-Studien von Siegfried Weischenberg und anderen zu Tage fördern – allerdings mit einer völlig anderen methodischen Herangehensweise.

Thomas Hanitzsch stellte neue Ergebnisse aus dem breit angelegten international vergleichenden „Worlds of Journalisms“-Projekt vor. Anhand von standardisierten Interviews mit je 100 Journalisten aus 19 Ländern, einer Datenrecherche zu ihren Medienorganisationen sowie einer Analyse der Länderkontexte auf Systemebene konnte er verschiedene globale journalistische Milieus identifizieren: den neutralen Publikumsdienstleister, den antiautoritären Meinungsmacher, den kritisch-distanzierten Kontrolleur, den opportunistischen Facilitator und den konstruktiven Weltveränderer. Während die ersten drei Kategorien vor allem in westlichen Journalismuskulturen anzutreffen sind, sind die Typen 4 und 5 typisch für Transformationsgesellschaften. Die Präsentation von Thomas Hanitzsch beeindruckte nicht nur mit einer bemerkenswerten komparativen Datenbasis, sondern auch aufgrund ihrer konsequenten Anwendung der Feldtheorie Pierre Bourdieus auf den Untersuchungsgegenstand Journalismus.

Dass die Feldtheorie für die Erforschung des Journalismus einige interessante Optionen bereithält, zeigte auch der Vortrag von Claudia Riesmeyer. Sie interessierte sich für den Arbeitsalltag von deutschen Auslandskorrespondenten und konnte mit Hilfe von 90 Tiefeninterviews einige spannende Ergebnisse generieren. Auf die zahlreichen Detailbefunde kann ich hier aus Platzgründen nicht eingehen. Einleuchtend und deswegen erwähnenswert finde ich aber vor allem ihren resümierenden Rückbezug der erhobenen Daten auf die Feldtheorie: Der langjährige Erwerb von journalistischem Kapital ist demnach eine wesentliche Zugangsvoraussetzung für eine Tätigkeit als Auslandskorrespondent – man muss sich erst „hocharbeiten“, um einen der begehrten Arbeitsplätze im Ausland zu bekommen. Gleichzeitig ist der Korrespondent für sein Muttermedium ein wesentliches Qualitätsmerkmal. Seine Präsenz vor Ort suggeriert den Status von Exklusivität – und stellt für das Medium damit einen Trumpf im journalistischen Feld dar. Dass viele Korrespondenten aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse de facto gar nicht in der Lage sind, vor Ort ein adäquates Themenmanagement zu betreiben (und auch das belegen die Daten von Claudia Riesmeyer), scheint dabei nebensächlich.

Dass es um die Qualität der Auslandsberichterstattung auch bei renommierten Qualitätsmedien nicht zum Besten steht, demonstrierte die Präsentation von Esther Kamber und Kurt Imhof. Sie hatten – synchron und diachron – die außenpolitische Berichterstattung der NZZ, der FAZ und des „Guardian“ in den Jahren 1980, 1990 und 2005 miteinander verglichen. Dabei konnten sie einige Tendenzen des Wandels aufzeigen: Die analysierten Beiträge speisten sich zuletzt aus weniger Informationskanälen, gleichzeitig ließen sich mehr Agenda-Setting-Kaskaden feststellen. Auffällig war zudem das verstärkte Eindringen von nicht-politischen Inhalten (vor allem Human Interest) und ihren eher emotionalen Rationalitätsdimensionen in die außenpolitische Berichterstattung. Hier wurde der „Guardian“ als Vorreiter ausgemacht – möglicherweise in Folge der verstärkten Newsdesk-Orientierung in dessen Stammredaktion.

Dem Einfluss neuer Medientechnologien auf den britischen Nachrichtenjournalismus spürte Tamara Witschge näher nach. Über Leitfadeinterviews in verschiedenen regionalen und überregionalen Medienhäusern wies sie nach, dass unter Journalisten mittlerweile ein allgemeiner Konsens über die zunehmende Bedeutung des Internets vorherrscht. Die langfristigen Auswirkungen auf den Journalistenberuf werden jedoch höchst unterschiedlich interpretiert: Eine Gruppe von Traditionalisten ist davon überzeugt, dass die Profession den technologischen Wandel unbeschadet überstehen wird, während sich das Lager der „believers“ von den neuen Medientechnologien eine nachhaltige Verbesserung des Journalismus erhofft. Diese verschiedenen Sichtweisen sind gegenwärtig oft parallel innerhalb derselben Redaktionen anzutreffen. Sie auszusöhnen, ist laut Tamara Witschge eine der zentralen Aufgaben auf Managementebene.

Dem medialen Diskurs über ein spezifisches Format der Internetöffentlichkeit – nämlich das der Weblogs – ging Christian Nuernbergk auf den Grund. Er präsentierte Teilbefunde aus dem Münsteraner Forschungsprojekt „Journalismus im Internet“. Zentral war für ihn die Frage, wie sich Blogger und Journalisten gegenseitig thematisieren. Eine Inhaltsanalyse von journalistischen und Blogtexten zeigte, dass ein Konkurrenzverhältnis zwischen den beiden Gruppen eher von Journalisten vermutet wird, während Blogger sich häufiger als Kritiker des Journalismus verstehen. Gleichzeitig finden sich jedoch auch Belege für Komplementärbeziehungen. Eine Analyse des medialen Diskurses über Weblogs aus der Netzwerkperspektive machte deutlich, dass die bloggenden Akteure sehr eng miteinander verknüpft sind, die journalistischen hingegen so gut wie gar nicht. Weitere Ergebnisse aus dem Projekt „Journalismus im Internet“ dokumentiert der gerade erschienene Sammelband gleichen Titels, der auf meinem Schreibtisch bereits freudig der Lektüre harrt.

Einen spezifischen Teilbereich der journalistischen Aussagenentstehung nahm Bernhard Pörksen unter die Lupe. In seinem faszinierenden Vortrag thematisierte er den Prozess der Autorisierung von politischen Interviews und die Spannungen, die dabei zwischen den beteiligten Akteursgruppen auftreten können. Als Datenbasis diente ihm ein Lehrforschungsprojekt mit Hamburger Journalistikstudierenden, bei dem journalistische Interviews mit Prominenten durchgeführt (und später auch publiziert) wurden. Die langwierigen Bearbeitungsprozesse vom ersten Gesprächstranskript bis zur autorisierten Endversion interpretierte Bernhard Pörksen als „Inszenierungsabgleich“, bei dem häufig gegenläufige Interessen im Interaktionsfeld von Medien und politischer Prominenz austariert werden. Unter Rückgriff auf die Terminologie Erving Goffmans veranschaulichte er das Impression Management der Interviewer und der Interviewten an verschiedenen Fallbeispielen. Es darf als Glücksfall für die Journalismusforschung betrachtet werden, dass Pörksen das offenbar gut dokumentierte Material aus seinem ursprünglich eher populärwissenschaftlichen Publikationsprojekt nun einer intensiveren Analyse unterzieht, denn üblicherweise bleibt der Wissenschaft der Blick auf die Hinterbühne der beschriebenen Aushandlungsprozesse verstellt.

Neben diesen Präsentationen befassten sich noch verschiedene andere Referenten mit interessanten Fragen der Journalistik, doch leider wurden viele davon in parallelen Panels diskutiert, so dass ich nicht überall dabei sein konnte. (Nähere Informationen dazu hält der Abstract-Band zur Tagung bereit.) Dies ist vielleicht der einzige Wermutstropfen einer ansonsten vorzüglich organisierten Veranstaltung. Vielleicht lassen sich derartige Überschneidungen bei der nächsten Jahrestagung in Ilmenau ja minimieren?

Foto: DGPuK

Befragung unter Journalisten mit Migrationshintergrund

Die Kollegen vom DFG-Forschungsprojekt “Mediale Integration ethnischer Minderheiten” führen eine Online-Befragung unter Journalisten mit Migrationshintergrund durch. Per Schneeballverfahren sollen möglichst viele Teilnehmer gewonnen werden, die entweder selbst nach Deutschland zugewandert sind oder aus einer Zuwandererfamilie (d. h. Vater und/oder Mutter zugewandert) stammen. Ich leite den Schneeball gerne weiter — vielleicht erreicht er ja einige der Angesprochenen! Zum Fragebogen geht es hier!

Newsroom: Brauchen wir einen “integrierten” Forschungsansatz?

Einen erwähnenswerten Aufsatz über “Integrated and Cross-Media Newsroom Convergence” enthält die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Convergence”. José Alberto García Avilés und Miguel Carvajal (Universidad Miguel Hernández, Elche) haben eine Fallstudie mit zwei regionalen spanischen Medienunternehmen durchgeführt, die bereits seit einigen Jahren an einer crossmedialen Verzahnung ihrer Print-, Online-, Radio- und Fernsehplattformen arbeiten. Für die Erhebung wurden Interviews mit journalistischen Mitarbeitern geführt, ergänzt durch Redaktionsbeobachtungen (Feldphase: November 2006 und Januar 2007). Aus den gewonnenen Daten leiten die beiden Autoren zwei verschiedene Modelle der Newsroom-Konvergenz ab: ein “cross-media model” und ein “integrated model”. Anhand der einzelnen Parameter lässt sich beschreiben, in welchem Maße journalistische Handlungsmuster sich an die konvergente Medienumgebung angepasst haben. Die beiden Modelle im Überblick:

Cross-media model:

  • Physical structure: Two or more separate newsrooms
  • Newsroom management: A multimedia editor in each platform
  • News flow: Based on multimedia editors
  • Degree of multi-skilling: An option
  • Levels of multi-skilling: Distribution
  • Training in multi-skilling: None
  • Compensation for multi-skilling: Professional, no monetary
  • Percentage of multi-skilled journalists: Less than 10%
  • Content/platform relationship: Platform is primary, as important as content
  • Professional cultures: Each medium’s own culture
  • Implementation of the project: Gradually and in the long term
  • Attitude from journalists: Attitude of wait and see
  • Cross-promotion: Advertising, content and some collaboration
  • Project scope: Company convergence
  • Strategy: Convergence as a tool

Integrated model:

  • Physical structure: One single newsroom, direct eye contact
  • Newsroom management: A single news editor
  • News flow: Based on a central desk
  • Degree of multi-skilling: A requisite
  • Levels of multi-skilling: Newsgathering, production and distribution
  • Training in multi-skilling: Some, but insufficient
  • Compensation for multi-skilling: Professional, no monetary
  • Percentage of multi-skilled journalists: At least 50%
  • Content/platform relationship: Content is primary, platform is secondary
  • Professional cultures: One culture across boundaries
  • Implementation of the project: Directly and in the short term
  • Attitude from journalists: Many show resistance, with dismissals
  • Cross-promotion: Advertising, content and collaboration
  • Project scope: Company and newsroom convergence
  • Strategy: Convergence as a goal

(Quelle: García Avilés/Carvajal 2008: 236)

Mit ihrer Analyse ermöglichen die Autoren interessante Einblicke in das Innenleben konvergierender Nachrichtenredaktionen. Indem sie auf einige zentrale Problemzonen hinweisen, bieten sie auch journalistischen Praktikern wertvolle Hilfestellungen bei der weiteren Ausarbeitung bestehender Newsroom-Konzepte.

Durch die vorrangige Ausrichtung auf die journalistische Praxis geraten andere wichtige Perspektiven auf das Phänomen der Konvergenz jedoch ins Hintertreffen. So fehlt beispielsweise eine weiterführende Diskussion technologischer, betriebswirtschaftlicher und kommunikativer Aspekte, die die Arbeitsrealität professioneller Journalisten in einer konvergierenden Medienumgebung in hohem Maße prägen. Eine solche “integrierte” Sichtweise ist für die weitere Forschung aber unbedingt notwendig. Dabei müssten dann dringend auch größere Fallzahlen berücksichtigt werden. Für einen Vergleich verschiedener mehrmedial arbeitender Nachrichtenredakionen bieten García Avilés und Carvajal mit ihrem Modellentwurf einen plausiblen Ansatz.

Literatur:

García Avilés, José Alberto/Carvajal, Miguel (2008): Integrated and Cross-Media Newsroom Convergence. Two Models of Multimedia News Production — The Cases of Novotécnica and La Verdad Multimedia in Spain. In: Convergence 14, Heft 2/2008, S. 221-239

“Beruf: Journalist” — Neues Journalistik Journal

jojo.jpgNach einem längeren Endspurt konnten wir heute die Schlussproduktion des neuen “Journalistik Journals” abschließen. Die Frühjahrsausgabe 2008 (Heft 1/2008) geht morgen in den Druck; die Auslieferung dürfte ab kommender Woche beginnen. Das Schwerpunktthema widmet sich diesmal den Arbeitsbedingungen im Journalismus. Unter dem Titel “Beruf: Journalist” diskutieren zehn Autorinnen und Autoren über aktuelle Entwicklungen rund um den journalistischen Arbeitsplatz.

Einige Beiträge sind bereits vorab auf der Webseite des “Journalistik Journals” zu finden — zum Beispiel:

Fokus: Beruf: Journalist. Zum gegenwärtigen Stand der Journalismusforschung — von Johannes Raabe

Schneller, vielfältiger, anspruchsvoller. Journalisten von morgen: Wer sind sie, was machen sie? — von Sylvia Egli von Matt

Bürgerreporter: Ergänzung mit vielfältigem Potenzial. Übernehmen Laien die Redaktionen? — von Philomen Schönhagen

Die unbekannten Medienmacher. Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor — von Miriam Bunjes

Können, Köpfchen oder Körper? Zu den Karrierechancen von Frauen — von Tina Groll

Weitere Beiträge zum Themenschwerpunkt gibt es von Annika Sehl (”Ökonomisches Qualitätsmanagement? Wie die ARD-Anstalten mit Videojournalismus umgehen”), Frank Biermann (”Besser wird es nicht. Immer mehr Ein-Zeitungs-Kreise in NRW”), Judith Pfeuffer (”Macht der Journalismus krank? Ergebnisse einer Befragung”), Julia Eggs (”Volontariat unter der Lupe. Neue Daten zur journalistischen Ausbildungssituation”) und von mir (”Wider den Journalismus der Unterhosen. Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg über Qualitätsberichterstattung in den Zeiten der Medienkonvergenz”).

Aber auch jenseits des Schwerpunktthemas bietet das JoJo wieder einigen Lesestoff. Hervorzuheben ist sicherlich der spannende Aufsatz von Ingo Fischer (”Eher unbekannt als anerkannt“), in dem er empirisch nachweist, dass ein Großteil der Journalisten noch nie etwas von Pressekodex und Presserat gehört hat. Unbedingt lesenswert sind aber auch die Beiträge von Karola Graf-Szczuka (”Die Persönlichkeit der Zeitungsleser. Neue Erkenntnisse zur Mediennutzung von Jugendlichen”), Nadine Bilke (”Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus”), Sonja Roy (”Auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Korruption beeinflusst auch die bulgarischen Medien”) und Holger Noltze (”So eine richtig schöne Umstrittenheit. Ein Beitrag zur Debattenkultur im deutschen Feuilleton”).

Wer Interesse an den nicht-verlinkten Beiträgen hat, kann sich gerne an die Redaktion wenden. Wir stellen auch die gedruckten Hefte auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung.

Auf der Suche nach dem Universalspezialisten

Welchem Journalistentyp gehört die Zukunft: dem Generalisten oder dem Spezialisten? Diese Frage stand im Zentrum einer Tagung der Fachgruppe „Journalistik und Journalismusforschung“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), die am vergangenen Wochenende auf Einladung von Beatrice Dernbach an der Hochschule Bremen stattfand.

Dass eine einfache Antwort darauf kaum möglich ist, verdeutlichte Siegfried Weischenberg (Hamburg) gleich zu Beginn der Veranstaltung. „Ein Zuviel an Spezialisierung kann in die Karrierefalle führen“, sagte er vor rund 80 Tagungsteilnehmern. Allerdings: Generalisten hätten es auch nicht einfacher. Sie sehen sich mit einer fortschreitenden Entgrenzung und Entdifferenzierung des Journalismus konfrontiert, durch die es für sie immer schwieriger werde, sich zu positionieren. Für viele Journalisten stelle sich daher die (Sinn-)Frage: „Nischendasein oder Nichtsein?“ Einen Ausweg aus diesem Dilemma konnte auch Weischenberg nicht aufzeigen und verwies zur Klärung hoffnungsvoll auf das facettenreiche Programm der Tagung.

Dieses näherte sich dem Thema „Spezialisierung im Journalismus“ zunächst auf der theoretischen Ebene. Margreth Lünenborg (Berlin) versuchte, die Phänomene Spezialisierung und Entdifferenzierung aus der Sichtweise der Cultural Studies einzuordnen. Sie forderte dazu auf, Medienangebote in erster Linie als kulturelle Ausdrucksweisen zu verstehen und die Journalismusforschung auf das gesamte journalistische Repertoire zu erweitern – auch und gerade auf die neu entstehenden hybriden Darstellungsformen, die bislang noch kaum untersucht seien.

Einen gänzlich anderen Zugang wählte Alexander Görke (Münster). Er ordnete den Trend zur Hybridisierung als evolutionäre Systemstrategie ein, deren Ursachen vor allem im gesellschaftlichen Wandel zu suchen seien. Ob sich diese Strategie evolutionär bewähren könne, sei noch unklar. Allerdings sei es nicht gerechtfertigt, Hybridisierungstendenzen per se als dysfunktional zu bewerten.

Neben diesen theoretischen Herangehensweisen bot die Tagung auch Einblicke in verschiedene empirische Forschungsarbeiten. Daniel Nölleke (Münster) berichtete über sein Dissertationsprojekt, in dem er untersucht, wie und unter welchen Bedingungen Experten in die journalistische Berichterstattung eingebunden werden. Sein Fazit nach verschiedenen Leitfadeninterviews mit Nachrichtenjournalisten: Nicht allein die (Sach-)Kompetenz eines Experten sei das entscheidende Auswahlkriterium, daneben spielten viele andere Faktoren wie etwa Prominenz, Medientauglichkeit, Erreichbarkeit, Authentizität usw. eine wichtige Rolle.

Auch Andreas Eickelkamp (Berlin) präsentierte einige Ergebnisse aus seiner Dissertation. Ihn interessierte die Frage, ob und inwieweit Rezipienten nutzwertjournalistische Angebote als solche erkennen und wie sie sie bewerten. Eine Inhaltsanalyse ausgewählter Nutzwert-Beiträge mit anschließender Befragung von Testlesern zeigte: Die Erhebungsteilnehmer waren sehr wohl in der Lage, nutzwertbezogene Aussagen von anderen Aussagen zu unterscheiden. Es wurde sogar zwischen unterschiedlichen nutzwertjournalistischen Dimensionen (Anleitung/Aufforderung, Hinweis/Orientierung, Problem/Warnung) differenziert.

Urs Dahinden (Zürich) und Vinzenz Wyss (Winterthur) hatten sich in einem größeren Forschungsprojekt mit dem Thema „Religion im Journalismus“ auseinandergesetzt. Sie berichteten, dass Religionsberichterstattung in der Schweiz nur schwach institutionalisiert sei und von Spezialisierung in diesem Falle kaum die Rede sein könne. Religion tauche in den Medien vor allem als „Parasit“ von „Wirtthemen“ auf, insgesamt seien die Thematisierungschancen eher gering.

Über die „Kommunikationsberufe im Wandel“ sprachen Joachim Preusse und Jana Schmitt (Münster). Sie hatten gemeinsam mit Ulrike Röttger Leitfadeninterviews mit Vertretern aus PR, Marketing/Werbung und Journalismus durchgeführt, um herauszufinden, wie sich diese Berufsfelder gegenwärtig verändern. Als prägende neue Einflüsse wurden u. a. ein steigendes Informationsaufkommen, ein erhöhter Zeitdruck und ein Trend zur Crossmedialität identifiziert. Interessant mit Blick auf das Tagungsthema: Der Erhebung zu Folge sind Generalisierung und Spezialisierung parallel ablaufende Prozesse, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Der Trend gehe vielmehr in Richtung Universalspezialistentum – was auch immer das praktisch bedeuten mag.

Eine weitere Variante der Spezialisierung thematisierte Sonja Kretzschmar (Münster) mit ihrem Vortrag über mobile journalistische Angebote wie die „Tagesschau in 100 Sekunden“. Aus ihrem Vergleich von Rundfunk- und Online-Angeboten mit ihren mobilen Pendants folgerte sie: „News to go“ seien auf dem besten Wege, sich zu etablieren, und würden damit veränderte Anforderungen an die journalistischen Qualifikationsprofile stellen. Vorerst könnten sie aber nicht mehr sein als ein Nischenmedium, zumal die Technik noch nicht voll ausgereift sei und Marketing- bzw. Finanzierungskonzepte bislang noch nicht vollends überzeugen.

Wie der sich wandelnde Journalismus in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, berichteten Anna-Maria Schielicke und Sandra Degen (Dresden) unter Anleitung von Wolfgang Donsbach und Elvira Steppacher. Nach einer telefonischen Befragung von mehr als 1000 Jugendlichen und Erwachsenen resümierten sie, dass in der Bevölkerung kein klares Konzept von Journalismus und journalistischer Qualität vorherrsche. Besonders herausgestellt wurde der Befund, dass sich für die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen keine Präferenz für Boulevard-Themen und Soft News nachweisen ließe.

Da nicht alle Forschungsbeiträge expliziten Bezug auf das Thema „Spezialisierung im Journalismus“ nahmen, hatten die Veranstalter auch einige Journalisten eingeladen, um über sie einen direkten Zugriff auf die Leitfrage der Tagung zu ermöglichen. Die Praktiker berichteten in einem gemeinsamen Panel über ihre redaktionellen Alltagserfahrungen. Lebhaft diskutiert wurde u. a. die berufsethische Frage, inwiefern sich Fachjournalisten in die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen oder Institutionen begeben dürfen, um über sie berichten zu können.

Kaum weniger intensiv war die Diskussion im Anschluss an die Referate von Annette Leßmöllmann (Darmstadt), Christoph Moss (Dortmund) und Stefan Korol (Bonn-Rhein-Sieg), die die Konzepte der fachjournalistischen Ausbildung an ihren Hochschulen erläuterten. In Reaktion darauf wurde im Plenum die Frage aufgeworfen, was wichtiger sei: eine grundständige Journalistenausbildung im Sinne einer möglichst breiten Kompetenzbildung oder eine frühzeitige Spezialisierung auf ein bestimmtes Themengebiet?

Dass auf diese Frage letztlich keine eindeutige Antwort gefunden werden konnte, mahnte auch Christoph Neuberger (Münster) in seinem Fazit am Ende der Tagung an. Er formulierte einige Anregungen für künftige Forschung, die deutlich machten: Das Thema Spezialisierung wird die Journalistik auch nach der Bremer Tagung noch beschäftigen (müssen).

(Eine geraffte Fassung dieses Beitrags erscheint in Heft 1/2008 des Journalistik Journals.)