Im kommenden November findet in Mainz die nächste Tagung der DGPuK-Fachgruppe “Computervermittelte Kommunikation” statt. Ziel ist es, “Forschungen, die sich mit der Vergangenheit der Computervermittelten Kommunikation beschäftigen, und Forschungen zu aktuellen Entwicklungen und Ergebnissen, zur Zukunft des Fachs und seiner Forschungsgegenstände zusammenzuführen”, wie es im nun vorliegenden Call for Papers heißt. Vortragsvorschläge können bis zum 9. Juli 2010 eingereicht werden. Weitere Details im vollständigen CfP.
Tag-Archiv für 'internet'
Christiane Schulzki-Haddouti hat mich eingeladen, für “KoopTech” an einer Art Jahresrückblick mitzuwirken, der für die vergangenen zwölf Monate einige Entwicklungen im Social Web pointiert. Ich habe mich gerne beteiligt — auch weil sich dadurch eine schöne Gelegenheit bot, erste Befunde aus einem Forschungsprojekt zu den Potenzialen und Problemen von Medienblogs zusammenzutragen. Meine Sichtweise auf dieses Thema hat sich im Verlauf der Projektphase auffällig gewandelt: Während ich die Möglichkeiten medienkritischer Blogs zunächst sehr optimistisch betrachtet habe, hat sich nach meiner systematischen Inhaltsanalyse eine gewisse Ernüchterung eingestellt. Mehr dazu in meiner Kolumne, die — wie ich erfreut sehe — bereits jetzt einige Resonanz hervorruft.
Detaillierte Ergebnisse aus meiner Studie werde ich im kommenden Jahr vorstellen — unter anderem auf der nächsten SGKM-Jahrestagung zum Thema “Online-Kommunikation: Aktuelle Tendenzen und Dynamiken”, die im März in Luzern stattfindet. In der vergangenen Woche erreichte mich die frohe Kunde, dass mein dort eingereichtes Paper angenommen wurde.
Momentan jagt ein Abgabetermin den nächsten: In dieser Woche war die neue Ausgabe des “Journalistik Journals” an der Reihe. Das aktuelle Heft ist seit vergangenem Montag im Druck und wird ab dem kommenden Montag ausgeliefert. Der Themenschwerpunkt befasst sich mit Nicht-Thematisierung in Journalismus und Massenmedien. Mit anderen Worten: Es geht um die zentrale Frage, warum es manche Inhalte nicht schaffen, Eingang in die Berichterstattung zu finden, obwohl sie relevant wären. Diese Frage wird im Heft aus vielen verschiedenen Perspektiven diskutiert. Eine kleine Auswahl der Texte ist ab sofort online — und zwar:
- Horst Pöttker: Eine andere Schweigespirale. Öffentliche Vernachlässigung bringt sich selbst hervor
- Rita Vock: Was ist wichtig? Eine Kritik der Nachrichtenauswahl
- Thomas Schnedler: Eine Minute für den Quellencheck. Recherche kommt im journalistischen Alltag zu kurz
- Christiane Schulzki-Haddouti: Der Königsweg für den Informantenschutz. Wie geht man richtig mit Whistleblowern um?
- Christoph Butterwegge: Vom medialen Tabu zum Topthema? Armut in Journalismus und Massenmedien
Ich selbst bin im Themenschwerpunkt mit einem Aufsatz zu den Chancen und Stolpersteinen journalistischer Recherche in sozialen Netzwerkplattformen vertreten. Er trägt den Titel “Auf Themenfang im neuen Netz” und pointiert nochmals einige der Befunde, die ich im Februar in München auf der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik vorgestellt habe. Nachdem mich dort aber vor allem die journalistischen Potenziale von Wikis und Blogs beschäftigt haben, liegt der Fokus diesmal eindeutig auf den Social Networks, die im Zeitraum nach der Tagung ja gleich mehrfach auf eher zweifelhafte Art und Weise vom Journalismus nutzbar gemacht wurden (Stichwort: Winnenden etc.). Mein Text reflektiert die zentralen Problemdimensionen und will damit einen Beitrag dazu leisten, den journalistischen Umgang mit dem Social Web zu professionalisieren. Sofern richtig eingesetzt, können soziale Netzwerkplattformen nämlich ein sehr nützliches Hilfsmittel zum Aufspüren vernachlässigter Themen sein.
Ich freue mich, dass ich zudem Michael Steinbrecher für einen Beitrag in der neuen JoJo-Ausgabe gewinnen konnte. Im Beitrag “Olympische Spiele und Fernsehen” stellt er Zielsetzung, Anlage und einige Ergebnisse seiner Dortmunder Dissertation vor.
Wer die Printausgabe des “Journalistik Journals” beziehen möchte, kann sich gerne bei mir melden. Wir nehmen alle Interessenten in den Verteiler auf!
Ethik, Verantwortung, Qualität – dies sind Fundamente des Journalismus, ohne die eine ernsthafte Berichterstattung kaum möglich erscheint. „The Basics of Journalism“ lautete folgerichtig auch der Titel einer internationalen Fachtagung, die sich am vergangenen Wochenende mit diesen Themen auseinandersetzte.
26 zum Teil hochkarätige Referenten aus dem Aus- und Inland waren der Einladung von Klaus-Dieter Altmeppen nach Eichstätt gefolgt. Gemeinsam spürten sie verschiedenen Konzepten der Journalismus- und Medienethik nach, verglichen normative Qualitätskriterien mit den Ansprüchen und Erwartungen des Publikums und fragten sich, was dies alles in Zeiten des digitalen Medienumbruchs bedeuten möge. Eine Antwort im Sinne des Tagungsmottos lag nahe: Back to the Basics! Oder? – Nicht zwingend, wie die verschiedenen Vorträge zeigten. Sie näherten sich den verhandelten Themen aus höchst unterschiedlichen Perspektiven und lieferten dementsprechend auch verschiedenartige Problemlösungen.
Einen eher analytischen Blickwinkel nahm beispielsweise Clifford G. Christians (University of Illinois) ein. Er versuchte, allen konstruktivistischen Unkenrufen zum Trotz, den Begriff der Wahrheit („Truth“) als universelles Konzept der Journalismusethik zu revitalisieren. Auf breiter philosophischer Basis erläuterte er die Idee der aletheia und wendete sie auf seinen Untersuchungsgegenstand an: Journalisten dürften Wahrheit nicht als reine Ansammlung von Fakten missverstehen, sondern müssten stattdessen versuchen, unter die Oberfläche zu schauen. Ziel ihrer Berichterstattung könne nicht die bloße Wiedergabe externer Ereignisse sein, sondern eine möglichst authentische Offenlegung der Zusammenhänge – oder in Christians‘ Worten: „getting to the heart of the matter“. Derartig verstanden, sei Wahrheit für den Journalismus auch heute noch, ungeachtet aller Vorbehalte, ein zentraler Bezugspunkt.
Einen eher normativen Zugang zum Tagungsthema wählte unter anderem Barbara Thomaß (Ruhr-Universität Bochum). Sie stellte die UNESCO-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in den Mittelpunkt ihres Vortrags und forderte, den Diversity-Begriff als zentrale Kategorie journalistischer Berufsethik anzuerkennen. Ihren Appell untermauerte sie durch viele konkrete Vorschläge, wie dies im redaktionellen Alltag umgesetzt werden könnte.
Auch die empirisch-deskriptive Perspektive kam bei der Eichstätter Tagung nicht zu kurz: So stellte etwa Thomas Hanitzsch (Universität Zürich) einige neue Befunde aus seiner international vergleichenden „Worlds of Journalisms“-Befragung vor und konnte dabei zeigen, dass die ethischen Ideologien in unterschiedlichen journalistischen Kulturen stark differieren. C. Ann Hollifield und Lee B. Becker (University of Georgia) kombinierten die Daten zweier unterschiedlicher Erhebungen und wiesen damit nach, dass die gängigen berufsethischen Konventionen gegenwärtig weltweit einem Erosionsprozess unterworfen sind. John McManus (San José State University) präsentierte eine von ihm entwickelte „scorecard“ zur Messung der Qualität journalistischer Nachrichten. Damit griff er vor auf ein späteres Panel, in dem Hugh J. Martin (Ohio University) und Klaus Arnold (KU Eichstätt) weiter ausgreifende Konzeptionen journalistischer Qualität erörterten.
Die eigentlich drängenden Fragen gerieten jedoch erst am dritten Konferenztag in den Fokus: Welche Implikationen ergeben sich aus der zunehmenden Medienkonvergenz? Brauchen wir vor allem für den Online-Journalismus neue professionelle Standards? Die Antworten in den Vorträgen und den angeregten Diskussionen fielen zwiespältig aus: Zwar behalten die fundamentalen Übereinkünfte der Journalismusethik offenkundig auch angesichts des Medienwandels ihre Gültigkeit. Gleichzeitig kommen jedoch neue Herausforderungen dazu. So arbeitete beispielsweise Renita Coleman (University of Texas) in ihrer Präsentation einige spezifische Fallstricke heraus, die sich bei einer journalistischen Internet-Recherche ergeben können. Und Ari Heinonen (Universität Tampere) zeigte anhand eines Vergleichs europäischer Ethikkodizes, dass die nationalen Institutionen der Medienselbstregulierung diesen und anderen neuen Problemdimensionen bislang in keinster Weise gerecht werden.
Mit einem einfachen „Back to the Basics!“ ist es ganz offensichtlich nicht getan. Ethik, Verantwortung und Qualität bleiben zentrale Themen für die Journalismusforschung – angesichts noch zu erwartender Wandlungsprozesse mehr denn je!
Die Soziologie hat eine, die Geschichtswissenschaft auch, und die Politikwissenschaft schon längst. Die Rede ist von einer eigenständigen Rezensionszeitschrift für die jeweilige Disziplin. Nun ist es auch für die Kommunikations- und Medienwissenschaften so weit: Seit heute ist die Online-Zeitschrift “r:k:m — Rezensionen:Kommunikation:Medien” im Netz. Sie versteht sich als integratives Rezensionsorgan für alle wissenschaftlichen Publikationen aus den Themenbereichen Kommunikation und Medien. Dabei sollen nicht nur sozialwissenschaftlich-empirische Forschungsarbeiten vorgestellt und diskutiert werden, sondern auch solche, in denen der geistes- und literaturwissenschaftliche Zugriff dominiert. Daneben finden auch Veröffentlichungen aus benachbarten Disziplinen Platz.
Der breite thematische Rahmen spiegelt sich im Herausgebergremium der Publikation wider, das sich aus Horst Pöttker (Institut für Journalistik, TU Dortmund), Vinzenz Hediger (Institut für Medienwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum) und Achim Eschbach (Institut für Kommunikationswissenschaft, Universität Duisburg-Essen) zusammensetzt. Die drei Hochschullehrer zeigen mit ihren persönlichen wissenschaftlichen Herangehensweisen und den Fachinstituten, an denen sie tätig sind, welche unterschiedlichen Ausprägungen das Forschungsfeld Kommunikation und Medien annehmen kann. Gemeinsam mit der Redaktion entscheiden sie über die Auswahl der zu besprechenden Bücher und machen Vorschläge für geeignete Rezensenten. Auf diese Weise soll “r:k:m” ein möglichst vielseitiges Forum für den wissenschaftlichen Austausch werden.
Die Notwendigkeit eines funktionierenden Rezensionswesens für die Kommunikations- und Medienforschung beschäftigt mich schon seit meinem Studium — einige Überlegungen dazu sind in empirisch fundierte Publikationen gemündet, von denen ich auch während meiner vierjährigen Tätigkeit als Redakteur des “Publizistik”-Rezensionsteils profitieren konnte. Nachdem Horst Pöttker und ich die Redaktion der “Publizistik” Ende 2008 an unsere Nachfolger übergeben haben, konnten wir uns — gemeinsam mit Kollegen aus Bochum und Essen und unter Rückgriff auf eine Befragung unter Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft – an die Konzeption eines unabhängigen Rezensionsportals machen. Das Ergebnis liegt nun online unter http://www.rkm-journal.de vor. Dort findet sich auch ein Video-Interview mit Horst Pöttker, in dem er weitere Hintergründe zu “r:k:m” erläutert.
Ich freue mich, dass ich gemeinsam mit Mark Halawa (Essen) als Gründungsredakteur an diesem spannenden und wichtigen Publikationsprojekt mitwirken darf. Den zahlreichen Rezensenten, die uns bis heute mit ihren Beiträgen unterstützt haben, obwohl “r:k:m” noch nicht einmal im virtuellen Raum existierte, sei an dieser Stelle herzlich für ihr Mitwirken gedankt. Das gleiche gilt für unseren Verleger Herbert von Halem und sein Team, die das Projekt seit der Ideenfindung kreativ und engagiert begleitet und uns vor allem die technische Infrastruktur bereitgestellt haben, ohne die eine inhaltliche Arbeit gar nicht möglich wäre.
Die ersten 31 Buchbesprechungen sind im Netz, viele weitere folgen in den nächsten Tagen und Wochen. Ich bin gespannt auf die Resonanz in der Community.

Gestern und vorgestern fand an der Universität Bremen die 54. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft statt. Unter dem Titel „Medienkultur im Wandel“ boten sich den fast 400 Tagungsteilnehmern über 100 unterschiedliche Fachvorträge – mal mehr, mal weniger offensichtlich mit dem Tagungsthema verbunden. Einen repräsentativen Überblick über die Veranstaltung zu geben, ist angesichts der Vielzahl der Präsentationen kaum möglich. Auf ein paar instruktive Papers möchte ich aber dennoch kurz hinweisen. Ich beschränke mich dabei auf den Bereich der Journalismusforschung, obgleich dieser im gesamten Tagungsspektrum freilich nur einen kleinen Teil einnahm.
Als sehr anregend habe ich beispielsweise den Vortrag von Bernd Blöbaum empfunden. Er präsentierte Ergebnisse aus einem zweisemestrigen Münsteraner Lehrforschungsprojekt. Gemeinsam mit Studierenden hatte er biographische Interviews mit 36 Journalisten, PR-Praktikern und Werbern durchgeführt, um deren Karriereverläufe miteinander vergleichen zu können. Dabei ließen sich gemeinsame Ausgangspunkte (z.B. vielfältige Mediennutzung in den Herkunftsfamilien, in der Schule Präferenz für das Fach Deutsch, Engagement für Schülermedien usw.) und ähnliche Berufseinstiege (in der Regel über Praktika, Traineeprogramme, Volontariate usw.) in allen drei Arbeitsfeldern feststellen. Die weiteren Berufsverläufe erwiesen sich jedoch als sehr unterschiedlich: Während Journalisten ihrem Medium häufig treu bleiben, ist bei PR-Beratern ein Wechsel vom Journalismus in die Public Relations nicht unüblich, wohingegen vor allem Werber viele unterschiedliche berufliche Stationen durchlaufen. Diese und weitere Ergebnisse der explorativen Studie sind inzwischen als Buch publiziert. Spannend sind sie unter anderem deswegen, weil sie für die Gruppe der Journalisten ähnliche Befunde wie die JouriD-Studien von Siegfried Weischenberg und anderen zu Tage fördern – allerdings mit einer völlig anderen methodischen Herangehensweise.
Thomas Hanitzsch stellte neue Ergebnisse aus dem breit angelegten international vergleichenden „Worlds of Journalisms“-Projekt vor. Anhand von standardisierten Interviews mit je 100 Journalisten aus 19 Ländern, einer Datenrecherche zu ihren Medienorganisationen sowie einer Analyse der Länderkontexte auf Systemebene konnte er verschiedene globale journalistische Milieus identifizieren: den neutralen Publikumsdienstleister, den antiautoritären Meinungsmacher, den kritisch-distanzierten Kontrolleur, den opportunistischen Facilitator und den konstruktiven Weltveränderer. Während die ersten drei Kategorien vor allem in westlichen Journalismuskulturen anzutreffen sind, sind die Typen 4 und 5 typisch für Transformationsgesellschaften. Die Präsentation von Thomas Hanitzsch beeindruckte nicht nur mit einer bemerkenswerten komparativen Datenbasis, sondern auch aufgrund ihrer konsequenten Anwendung der Feldtheorie Pierre Bourdieus auf den Untersuchungsgegenstand Journalismus.
Dass die Feldtheorie für die Erforschung des Journalismus einige interessante Optionen bereithält, zeigte auch der Vortrag von Claudia Riesmeyer. Sie interessierte sich für den Arbeitsalltag von deutschen Auslandskorrespondenten und konnte mit Hilfe von 90 Tiefeninterviews einige spannende Ergebnisse generieren. Auf die zahlreichen Detailbefunde kann ich hier aus Platzgründen nicht eingehen. Einleuchtend und deswegen erwähnenswert finde ich aber vor allem ihren resümierenden Rückbezug der erhobenen Daten auf die Feldtheorie: Der langjährige Erwerb von journalistischem Kapital ist demnach eine wesentliche Zugangsvoraussetzung für eine Tätigkeit als Auslandskorrespondent – man muss sich erst „hocharbeiten“, um einen der begehrten Arbeitsplätze im Ausland zu bekommen. Gleichzeitig ist der Korrespondent für sein Muttermedium ein wesentliches Qualitätsmerkmal. Seine Präsenz vor Ort suggeriert den Status von Exklusivität – und stellt für das Medium damit einen Trumpf im journalistischen Feld dar. Dass viele Korrespondenten aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse de facto gar nicht in der Lage sind, vor Ort ein adäquates Themenmanagement zu betreiben (und auch das belegen die Daten von Claudia Riesmeyer), scheint dabei nebensächlich.
Dass es um die Qualität der Auslandsberichterstattung auch bei renommierten Qualitätsmedien nicht zum Besten steht, demonstrierte die Präsentation von Esther Kamber und Kurt Imhof. Sie hatten – synchron und diachron – die außenpolitische Berichterstattung der NZZ, der FAZ und des „Guardian“ in den Jahren 1980, 1990 und 2005 miteinander verglichen. Dabei konnten sie einige Tendenzen des Wandels aufzeigen: Die analysierten Beiträge speisten sich zuletzt aus weniger Informationskanälen, gleichzeitig ließen sich mehr Agenda-Setting-Kaskaden feststellen. Auffällig war zudem das verstärkte Eindringen von nicht-politischen Inhalten (vor allem Human Interest) und ihren eher emotionalen Rationalitätsdimensionen in die außenpolitische Berichterstattung. Hier wurde der „Guardian“ als Vorreiter ausgemacht – möglicherweise in Folge der verstärkten Newsdesk-Orientierung in dessen Stammredaktion.
Dem Einfluss neuer Medientechnologien auf den britischen Nachrichtenjournalismus spürte Tamara Witschge näher nach. Über Leitfadeinterviews in verschiedenen regionalen und überregionalen Medienhäusern wies sie nach, dass unter Journalisten mittlerweile ein allgemeiner Konsens über die zunehmende Bedeutung des Internets vorherrscht. Die langfristigen Auswirkungen auf den Journalistenberuf werden jedoch höchst unterschiedlich interpretiert: Eine Gruppe von Traditionalisten ist davon überzeugt, dass die Profession den technologischen Wandel unbeschadet überstehen wird, während sich das Lager der „believers“ von den neuen Medientechnologien eine nachhaltige Verbesserung des Journalismus erhofft. Diese verschiedenen Sichtweisen sind gegenwärtig oft parallel innerhalb derselben Redaktionen anzutreffen. Sie auszusöhnen, ist laut Tamara Witschge eine der zentralen Aufgaben auf Managementebene.
Dem medialen Diskurs über ein spezifisches Format der Internetöffentlichkeit – nämlich das der Weblogs – ging Christian Nuernbergk auf den Grund. Er präsentierte Teilbefunde aus dem Münsteraner Forschungsprojekt „Journalismus im Internet“. Zentral war für ihn die Frage, wie sich Blogger und Journalisten gegenseitig thematisieren. Eine Inhaltsanalyse von journalistischen und Blogtexten zeigte, dass ein Konkurrenzverhältnis zwischen den beiden Gruppen eher von Journalisten vermutet wird, während Blogger sich häufiger als Kritiker des Journalismus verstehen. Gleichzeitig finden sich jedoch auch Belege für Komplementärbeziehungen. Eine Analyse des medialen Diskurses über Weblogs aus der Netzwerkperspektive machte deutlich, dass die bloggenden Akteure sehr eng miteinander verknüpft sind, die journalistischen hingegen so gut wie gar nicht. Weitere Ergebnisse aus dem Projekt „Journalismus im Internet“ dokumentiert der gerade erschienene Sammelband gleichen Titels, der auf meinem Schreibtisch bereits freudig der Lektüre harrt.
Einen spezifischen Teilbereich der journalistischen Aussagenentstehung nahm Bernhard Pörksen unter die Lupe. In seinem faszinierenden Vortrag thematisierte er den Prozess der Autorisierung von politischen Interviews und die Spannungen, die dabei zwischen den beteiligten Akteursgruppen auftreten können. Als Datenbasis diente ihm ein Lehrforschungsprojekt mit Hamburger Journalistikstudierenden, bei dem journalistische Interviews mit Prominenten durchgeführt (und später auch publiziert) wurden. Die langwierigen Bearbeitungsprozesse vom ersten Gesprächstranskript bis zur autorisierten Endversion interpretierte Bernhard Pörksen als „Inszenierungsabgleich“, bei dem häufig gegenläufige Interessen im Interaktionsfeld von Medien und politischer Prominenz austariert werden. Unter Rückgriff auf die Terminologie Erving Goffmans veranschaulichte er das Impression Management der Interviewer und der Interviewten an verschiedenen Fallbeispielen. Es darf als Glücksfall für die Journalismusforschung betrachtet werden, dass Pörksen das offenbar gut dokumentierte Material aus seinem ursprünglich eher populärwissenschaftlichen Publikationsprojekt nun einer intensiveren Analyse unterzieht, denn üblicherweise bleibt der Wissenschaft der Blick auf die Hinterbühne der beschriebenen Aushandlungsprozesse verstellt.
Neben diesen Präsentationen befassten sich noch verschiedene andere Referenten mit interessanten Fragen der Journalistik, doch leider wurden viele davon in parallelen Panels diskutiert, so dass ich nicht überall dabei sein konnte. (Nähere Informationen dazu hält der Abstract-Band zur Tagung bereit.) Dies ist vielleicht der einzige Wermutstropfen einer ansonsten vorzüglich organisierten Veranstaltung. Vielleicht lassen sich derartige Überschneidungen bei der nächsten Jahrestagung in Ilmenau ja minimieren?
Foto: DGPuK
“Themenscan im Web 2.0″ lautet der Titel eines lesenswerten Aufsatzes in der neuen Ausgabe (Heft 2/2009) der “Media Perspektiven“. Darin untersucht Jan Schmidt gemeinsam mit Beate Frees und Martin Fisch von der ZDF Medienforschung die neuen Öffentlichkeiten im Social Web. Forschungleitend ist für sie die Frage, welche Bedeutung vor allem Weblogs und Social-News-Plattformen für den professionellen Journalismus haben. Ihr Fazit: Soziales Netz und Journalismus stehen durchaus in einem Konkurrenzverhältnis, gleichzeitig entfalten Blogs und Social-News-Plattformen für Journalisten jedoch einen hohen praktischen Nutzwert:
Zwar stehen die klassischen Massenmedien im Web 2.0 in Aufmerksamkeitskonkurrenz zu nichtinstitutionellen Anbietern, die möglicherweise aus Sicht mancher Rezipienten ungerichtete oder konkrete Informationsbedürfnisse sowie thematische und gruppenbezogene Interessen besser befriedigen. Die Inhalte etablierter Medienorganisationen sind allerdings auch ein wichtiger Bestandteil der beschriebenen neuen Themen- und Nachrichtenkreisläufe und machen in vielen Fällen die Mehrheit der aufgegriffenen Inhalte aus. Sie werden dadurch einem erweiterten Personenkreis zugänglich, was durch den Effekt verstärkt werden kann, dass die Position in Suchmaschinen durch die Verlinkung der aufgenommenen Themen erhöht wird. Der zusätzliche Rückkopplungskanal, der über das Feedback auf der eigenen Internetpräsenz hinausgeht, kann zudem Informationen über Relevanz und Beurteilung der eigenen Inhalte beim Publikum liefern. In dieser Hinsicht können die Webangebote der klassischen Massenmedien von Weblogs und Social-News-Plattformen im Web 2.0 auch profitieren. (Schmidt/Frees/Fisch 2009: 58)
Was dies konkret für den journalistischen Alltag bedeutet, zeigen die Autoren mit einem Vergleich ausgewählter Social-News-Plattformen (Digg, Yigg und Wikio) und Blogmonitoring-Dienste (Technorati, Blogpulse, Rivva und Google Blogsearch). Vor allem Letztere können, sofern richtig eingesetzt, im Rechercheprozess ein wichtiges Hilfsmittel sein. Aktuelle Befragungs- und Beobachtungsstudien zeigen jedoch, dass die meisten Journalisten bei der Internetrecherche kaum über eine einfache Google-Suche hinauskommen. Gerade deswegen wäre es wichtig, dass die von Jan Schmidt et al. vermittelten Befunde auch in den journalistischen Redaktionen zur Kenntnis genommen werden. In diesem Sinne halte ich den Aufsatz nicht zuletzt für (angehende) Journalisten für eine wichtige Lektüre.
Literatur:
Schmidt, Jan/Frees, Beate/Fisch, Martin (2009): Themenscan im Web 2.0. Neue Öffentlichkeiten in Weblogs und Social-News-Plattformen. In: Media Perspektiven, Heft 2/2009, S. 50-60. Online unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/02-2009_Schmidt.pdf

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