Tag-Archiv für 'gesundheit'

Journalismus als Krisenbewältigung

cover_s.jpgWer die Beiträge des neuen „Journalistik Journals“ liest, der muss zwangsläufig zu der Einsicht gelangen, dass Journalismus ein grauenvoller Beruf ist: ein Beruf ohne langfristig gesicherte ökonomische Grundlage, der seinen Akteuren Äußerstes abverlangt und in letzter Konsequenz krank macht.

Dies legen zum einen all die Analysen und Kommentare im vorliegenden Heft nahe, die sich mit der anhaltenden Medienkrise und den von ihr ausgelösten Redaktionsschließungen der vergangenen Monate auseinandersetzen. Sie verleihen der Dramaturgie der neuen JoJo-Ausgabe einen ungeplanten Rahmen: von der scharfen Kritik Ulrich Pätzolds zu den aktuellen Vorgängen rund um die „Westfälische Rundschau“ (WR), die das Heft eröffnet, bis hin zum abschließenden Porträt aus der Feder von Ulrich P. Schäfer, der – wie in jeder Nummer dieser Zeitschrift – in der Rubrik „EX-trablatt“ die Lebens- und Karrierewege der Absolventen des Dortmunder Instituts für Journalistik nachzeichnet. Natürlich geht die Krise auch an den Dortmunder Absolventen nicht spurlos vorbei. Dies gilt vor allem, aber nicht nur für die unrühmliche Abwicklung der „Westfälischen Rundschau“. Nicht wenige der Anfang dieses Jahres geschassten WR-Redakteure – von den zahlreichen freien Mitarbeitern gar nicht zu sprechen – haben einst in Dortmund Journalistik studiert. Mit der Entlassung verlieren sie ihre Existenzgrundlage. Neben den berechtigten Klagen über die fortschreitende Erosion der regionalen Pressevielfalt sind auch die persönlichen Dramen, die die aktuelle Sparstrategie der Essener Funke-Gruppe auslöst, keinesfalls zu verschweigen.

Dass Journalismus und Grauen häufig Hand in Hand gehen, zeigen zum anderen auch die Diskussionsbeiträge zum eigentlichen Titelthema der neuen Ausgabe: „Journalismus und Trauma“. In ganz unterschiedlichen Texten und Textformen erörtern unsere Autoren die besonderen Probleme und Potenziale der journalistischen Berichterstattung in Extremsituationen wie Kriegen, Krisen und Katastrophen. Besonders eindrücklich sind dabei die Erfahrungsberichte einzelner Akteure, die selbst in entsprechende Situationen geraten sind und als Journalisten gefragt waren, darüber zu berichten. So schildert etwa Karl N. Renner, heute Professor für Fernsehjournalismus an der Universität Mainz, wie er vor 25 Jahren als Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks völlig unvorbereitet einen aktuellen Bericht über einen Amoklauf in der süddeutschen Kleinstadt Dorfen abzuliefern hatte. Nicht ganz so weit zurückblicken muss Andreas Sträter: Er war 2010 als Reporter auf der Loveparade in Duisburg – und lässt heute noch einmal Revue passieren, wie er vom Party-Berichterstatter gänzlich unerwartet zum Beobachter einer dramatischen Massenpanik mit 21 Toten wurde. Kaum weniger bewegend sind Claus Eurichs Erinnerungen an einen lange zurückliegenden Einsatz als Unfallreporter für eine Regionalzeitung. Erst im Rückblick auf ihre Erlebnisse als Journalisten in belastenden Ausnahmesituationen gelingt es diesen Autoren, von ihren individuellen Erfahrungen zu abstrahieren – und konkrete Lehren daraus zu ziehen, die auch für andere Medienprofis hilfreich sein können.

Konkrete Tipps und Handlungsempfehlungen bieten auch weitere Texte des JoJo-Schwerpunkts: Thomas Weber und Monika Dreiner formulieren eine Reihe praxisnaher Einsichten zum Thema aus der Perspektive der Psychotraumatologie. Simon P. Balzert entwickelt einen Redaktionsleitfaden zum Umgang mit Gewaltfotos in der Tagespresse. Florian Zollmann erinnert an die besondere demokratische Funktion des Journalismus in Kriegszeiten. Und Annelen Geuking arbeitet einige Faktoren heraus, die auch im ganz normalen Redaktionsalltag zur psychischen Belas­tung journalistischer Akteure führen können.

Wie man Journalisten schon frühzeitig auf traumatische Erlebnisse vorbereiten kann, diskutieren schließlich Max Ruppert und Tobias Schweigmann. Sie haben gemeinsam mit Claus Eurich an der TU Dortmund ein Seminarkonzept entwickelt, das (angehenden) Journalisten dabei helfen soll, in unvorhergesehenen Schocksituationen zu bestehen. Ihr Ausbildungsansatz ist nicht nur das Thema eines Textbeitrags im neuen Heft. Letztlich geht der gesamte Themenschwerpunkt „Journalismus und Trauma“ auf die für besagtes Seminar gesammelten Ideen zurück. Dafür gilt allen Beteiligten mein herzlicher Dank!

In der Summe liefern die Texte ein facettenreiches Instrumentarium, das dazu beitragen kann, dem Grauen im Journalismus etwas entgegenzusetzen. Ganz beiläufig veranschaulichen sie im Zuge dessen auch die besondere gesellschaftliche Relevanz einer funktionierenden Berichterstattung – und zeigen damit, dass Journalismus nicht nur Opfer der Krise ist, sondern gleichzeitig auch ein Mittel, um die Krise zu bewältigen.

Zur neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” geht es hier!

Gesundheitspolitik als journalistisches Tabu?

Die “Initiative Nachrichtenaufklärung” hat gestern in Bremen ihre neue Rangliste der vernachlässigten Themen vorgestellt. Wie in jedem Jahr seit 1997 lenkt das von Journalisten und Wissenschaftlern getragene Projekt damit die Aufmerksamkeit auf gesellschaftlich relevante Nachrichten, die in der medialen Berichterstattung untergegangen sind.

2009 wurde offenbar vor allem über gesundheitspolitische Probleme nicht ausreichend berichtet. Zum vernachlässigten “Top-Thema” des Jahres kürte die INA-Jury die schwierige Situation von Pflegebedürftigen, die im Krankenhaus auf ihre Pflegekraft verzichten müssen, weil die Pflegeversicherung dafür dann nicht mehr aufkommt. Zwar wurde im vergangenen Jahr ein Gesetz erlassen, das das Problem lösen sollte — doch dies war unzureichend. Über die Gesetzesinitiative und die allgemeine Problemlage haben die Massenmedien kaum berichtet.

Auch die umstrittene Praxis von Zwangseinweisungen in die Psychiatrie wurde von Journalisten kaum thematisiert. Dieses Thema ist folgerichtig die “Top 2″ der vernachlässigten Themen des Jahres 2009.

Die INA-Rangliste im Detail:

1. Notstand im Krankenhaus: Pflegebedürftige allein gelassen
Eine halbe Million Menschen in Deutschland braucht im Alltag eine Pflegekraft. Kommen diese Menschen ins Krankenhaus, müssen fast alle von ihnen auf diese Hilfe verzichten. Denn die Pflegeversicherung zahlt dann keine Betreuung mehr, weil in der Klinik angeblich eine ausreichende Versorgung gewährleistet sei. Tatsächlich haben die Pflegekräfte in den Krankenhäusern bereits zu wenig Zeit für ihre normalen Aufgaben, besonderen Bedürfnissen können sie noch weniger gerecht werden. Häufige Folgen sind: Mahlzeiten werden zu schnell abgeräumt, Patienten mit auffälligem Verhalten werden durch Medikamente ruhig gestellt. Ein Gesetz, das 2009 erlassen wurde, sollte das Problem lösen – es hilft aber nur etwa 500 Betroffenen in ganz Deutschland. Über die Missstände und über das unzureichende Gesetz wurde kaum berichtet.

2. Psychiatrie: Bundesregierung biegt UN-Konvention zurecht
In Deutschland dürfen Menschen zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen werden, wenn Fachleute annehmen, dass sie eine Gefahr für sich oder Andere darstellen. Die UN-Behindertenrechtskonvention hingegen schreibt vor, dass Zwangseinweisungen nur bei strafrechtlich relevantem Verhalten erlaubt sind. Sie gilt seit 2009 auch in der Bundesrepublik, doch bei ihrer Umsetzung in nationales Recht wurde die Vorgabe durch Einfügen eines Wortes ausgehebelt: Statt „Eine Freiheitsentziehung aufgrund einer Behinderung ist in keinem Fall gerechtfertigt“ heißt es nun: „Eine Freiheitsentziehung allein aufgrund einer Behinderung ist in keinem Fall gerechtfertigt.“ Eine Änderung der umstrittenen Praxis wird so umgangen. Von Menschenrechtsanwälten und Patientenorganisationen ist dieses Vorgehen kritisiert worden; die Medien aber haben das Thema weitgehend ignoriert.

3. Kriegsberichterstattung lenkt von zivilen Friedensstrategien ab
Zivile Konfliktbearbeitung als Alternative zu militärischer Intervention wird öffentlich kaum diskutiert, obwohl sie Krisenregionen befrieden kann. Erfolgreiche Beispiele hierfür sind der Nepal-Konflikt oder die Loslösung der baltischen Staaten von der Sowjetunion. Doch Medien berichten selten über kontinuierliche Verhandlungen und konstruktive Prozesse wie Runde Tische oder präventive Diplomatie, da Journalisten häufig auf Gewalt und spektakuläre Ereignisse achten. Gerade weil sich Deutschland weltweit militärisch in Konflikten engagiert, sollten zivile Alternativen öffentlich gemacht werden.

4. Rechtswidrige Anwendung von Polizeigewalt
Auch in einem Rechtsstaat wie Deutschland kommen gewaltsame Übergriffe der Polizei vor. Diese Fälle werden selten aufgeklärt, denn gegen die Verdächtigen ermittelt die Staatsanwaltschaft, deren wichtigste Helfer die Polizisten sind. Kommt es dennoch zu Gerichtsverfahren, werden diese meistens eingestellt. Polizisten, die häufig neben den Opfern die einzigen Zeugen sind, sagen selten gegeneinander aus. Die Medien berichten nur über spektakuläre Einzelfälle. Es mangelt jedoch an Informationen über das alltägliche Problem und darüber, dass es keine unabhängige Ermittlungsinstanz gibt.

5. Lücken der Finanzaufsicht bei Kirchen
Kirchliche Einrichtungen öffentlichen Rechts – beispielsweise katholische Klöster ohne angeschlossenen Betrieb – sind steuerbefreit und werden deshalb von den Finanzbehörden nicht kontrolliert. Sie gelten per se als vertrauenswürdig. Das bietet die Möglichkeit, durch überhöhte Spendenquittungen an Steuerhinterziehungen mitzuwirken. Über diese Lücken der Finanzaufsicht und die potentiellen Steuerschlupflöcher wird in den Medien kaum berichtet. Deshalb wird in der Öffentlichkeit nicht darüber diskutiert, ob das Vertrauen in die kirchlichen Einrichtungen berechtigt ist.

6. Mangelhafte Deklarierung von Jodzusatz in Lebensmitteln
Eine starke Lobby propagiert – unterstützt von der Pharmaindustrie – den Zusatz von Jod in Lebensmitteln. Dabei leiden etwa zehn Prozent der Deutschen an Jod-Unverträglichkeiten, während gleichzeitig auf Jodmangel beruhende Erkrankungen in der Bevölkerung abnehmen. Zudem belegen Studien, dass zu viel Jod Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse verstärken kann. Seine Zugabe muss aber oft nicht auf Lebensmittel-Verpackungen deklariert werden. Dies macht es Betroffenen schwer, jodhaltige Nahrungsmittel zu meiden. Über die fehlende Wahlfreiheit der Verbraucher wird in den Medien kaum berichtet.

7. Patente auf menschliche Gene und Gensequenzen
Entschlüsselte menschliche Gene und Gensequenzen können patentiert werden. Das betrifft zum Beispiel Gene, die zu Bluthochdruck oder Brustkrebs beitragen. Die Monopolstellung der Patentinhaber wie Forschungseinrichtungen und Unternehmen hindert konkurrenzfähige Firmen an der Entwicklung alternativer Medikamente und macht unabhängige Forschung teuer. Auch für Patienten können Nachteile entstehen, weil lizenzfreie Behandlungswege von den Krankenkassen aus Kostengründen bevorzugt werden. Über Chancen, Risiken und Konsequenzen der Gen-Patentierung wird nicht themenübergreifend berichtet.

8. Schulen für Gehörlose unterrichten keine Gebärdensprache
In den meisten deutschen Gehörlosenschulen wird den Schülern keine Gebärdensprache beigebracht. In Deutschland leben rund 80.000 Gehörlose. Wissenschaftler streiten seit Jahrzehnten darüber, ob sie die Gebärdensprache erlernen sollten. Häufigstes Gegenargument: Dadurch würden die Betroffenen aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Stattdessen sollten die Schüler die Lautsprache lernen. Kritiker wenden ein, dass nur 30 Prozent der gesprochenen Sprache von den Lippen abgelesen werden kann. In den Medien wird das Thema bestenfalls als fachpädagogische Debatte behandelt.

9. Mangelnde Kontrolle deutscher Rüstungsexporte
Seit Jahren gehört Deutschland zu den weltweit größten Rüstungs-Exporteuren, auch von so genannten „Dual Use“-Gütern, die sich sowohl zivil als auch militärisch nutzen lassen. Eines der Kontrollinstrumente, der jährliche Rüstungsexport-Bericht der Bundesregierung, wird dem Bundestag mit großer Verspätung vorgelegt und auch kaum debattiert. Aufgrund mangelnder Kontrolle landen deutsche Waffen regelmäßig auch in Krisenregionen wie Darfur, Georgien oder Afghanistan. Die sehr aufwändige Recherche des heiklen und komplexen Themas leisten Medien nur in Ausnahmefällen.

10. Sondermüll beim Bauen und Sanieren
Auch nach dem Verbot von Baustoffen wie dem krebserregenden Asbest werden in Deutschland noch Materialien verwendet, die für Mensch und Umwelt problematisch sind. Dazu gehören Chemikalien in Wand- und Bodenbeschichtungen, die Allergien auslösen können. Dabei gibt es für so gut wie alle Materialien eine ökologische Alternative, künstliche Dämmstoffe wie Styropor ließen sich durch Naturstoffe wie Flachs, Hanf oder Wolle ersetzen. Dass die breit thematisierte Wärmedämmung mit der Entsorgung dieser Materialien belastet ist, wird allenfalls in Fachmedien und Sonderbeilagen aufgegriffen.

Weitere Informationen zu den “Top-Themen” der “Initiative Nachrichtenaufklärung” finden sich hier!

“Beruf: Journalist” — Neues Journalistik Journal

jojo.jpgNach einem längeren Endspurt konnten wir heute die Schlussproduktion des neuen “Journalistik Journals” abschließen. Die Frühjahrsausgabe 2008 (Heft 1/2008) geht morgen in den Druck; die Auslieferung dürfte ab kommender Woche beginnen. Das Schwerpunktthema widmet sich diesmal den Arbeitsbedingungen im Journalismus. Unter dem Titel “Beruf: Journalist” diskutieren zehn Autorinnen und Autoren über aktuelle Entwicklungen rund um den journalistischen Arbeitsplatz.

Einige Beiträge sind bereits vorab auf der Webseite des “Journalistik Journals” zu finden — zum Beispiel:

Fokus: Beruf: Journalist. Zum gegenwärtigen Stand der Journalismusforschung — von Johannes Raabe

Schneller, vielfältiger, anspruchsvoller. Journalisten von morgen: Wer sind sie, was machen sie? — von Sylvia Egli von Matt

Bürgerreporter: Ergänzung mit vielfältigem Potenzial. Übernehmen Laien die Redaktionen? — von Philomen Schönhagen

Die unbekannten Medienmacher. Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor — von Miriam Bunjes

Können, Köpfchen oder Körper? Zu den Karrierechancen von Frauen — von Tina Groll

Weitere Beiträge zum Themenschwerpunkt gibt es von Annika Sehl (”Ökonomisches Qualitätsmanagement? Wie die ARD-Anstalten mit Videojournalismus umgehen”), Frank Biermann (”Besser wird es nicht. Immer mehr Ein-Zeitungs-Kreise in NRW”), Judith Pfeuffer (”Macht der Journalismus krank? Ergebnisse einer Befragung”), Julia Eggs (”Volontariat unter der Lupe. Neue Daten zur journalistischen Ausbildungssituation”) und von mir (”Wider den Journalismus der Unterhosen. Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg über Qualitätsberichterstattung in den Zeiten der Medienkonvergenz”).

Aber auch jenseits des Schwerpunktthemas bietet das JoJo wieder einigen Lesestoff. Hervorzuheben ist sicherlich der spannende Aufsatz von Ingo Fischer (”Eher unbekannt als anerkannt“), in dem er empirisch nachweist, dass ein Großteil der Journalisten noch nie etwas von Pressekodex und Presserat gehört hat. Unbedingt lesenswert sind aber auch die Beiträge von Karola Graf-Szczuka (”Die Persönlichkeit der Zeitungsleser. Neue Erkenntnisse zur Mediennutzung von Jugendlichen”), Nadine Bilke (”Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus”), Sonja Roy (”Auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Korruption beeinflusst auch die bulgarischen Medien”) und Holger Noltze (”So eine richtig schöne Umstrittenheit. Ein Beitrag zur Debattenkultur im deutschen Feuilleton”).

Wer Interesse an den nicht-verlinkten Beiträgen hat, kann sich gerne an die Redaktion wenden. Wir stellen auch die gedruckten Hefte auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung.