Tag-Archiv für 'germanistik'

Joseph Roth, Journalist

An den Schriftsteller Joseph Roth erinnert man sich vor allem wegen seiner Romane “Hiob” (1930) und  “Radetzkymarsch” (1932). Dass der 1939 im Pariser Exil verstorbene Österreicher jedoch auch ein beachtliches journalistisches Werk hinterlassen hat, wissen heute nur die wenigsten. Dabei war Roth in der Zwischenkriegszeit einer der bekanntesten (und auch bestbezahlten) Feuilletonisten und Reporter — unter anderem für die renommierte “Frankfurter Zeitung”, aber auch für den Wiener “Neuen Tag”, die “Neue Berliner Zeitung”, den “Berliner Börsen-Courier”, den “Vorwärts” und viele andere Publikationen. Dass sich die zuständigen Wissenschaften bislang kaum für den Journalisten Joseph Roth interessiert haben, verwundert somit. Gleichzeitig passt es jedoch ins Bild: In der Germanistik war es lange Zeit verpönt, auch tagesschriftstellerische Produkte in den Fokus zu rücken, während in der Journalistik bis heute eine gewisse Aversion gegen “publizistische Persönlichkeiten” (Dovifat) zu spüren ist, weswegen Journalismus mit Werkcharakter in der Analyse meist außen vor bleibt.

Das dreitägige Symposium “Joseph Roth und die Reportage“, das gestern in Dortmund zu Ende ging, musste daher fast wie eine Art Offenbarung wirken. Umso bedauerlicher ist es, dass die Veranstaltung mit rund zwei Dutzend Teilnehmern im wissenschaftlichen Programm eher mäßig besucht war. In neun Fachvorträgen rückten die Referenten auf Einladung von Thomas Eicher (Melange e.V.) und der Auslandsgesellschaft NRW mit der Reportage eine Darstellungsform in den Mittelpunkt, die für Roths journalistisches Schaffen wesentlich war. Dabei konnten einige Besonderheiten der Roth’schen Prägung dieses Genres herausgearbeitet werden:

Ein zentrales Charakteristikum der Reportagen Joseph Roths ist die teilweise radikale Subjektivität, die in den Texten zum Tragen kommt. Dies macht sich nicht nur in programmatischen Statements des Autors bemerkbar (”Objektivität ist Schweinerei”), sondern natürlich auch bei der Lektüre der Reportagen selbst. So zeigte beispielsweise Manfred Müller (Wien) mit seiner Analyse der Textfolge “Reise nach Galizien”, für die Roth 1924 seine altösterreichische Heimat besucht hatte,  dass die enthaltenen Beiträge in hohem Maße emotional aufgeladen sind und teilweise offen für die Bevölkerung vor Ort Partei ergreifen. Auch Achim Küpper (Lüttich) interessierte sich für das Heimatverständnis Joseph Roths. Er arbeitete heraus, dass sich das Konzept der Unbehaustheit wie ein Grundmotiv durch Roths Reportagen zieht. Interessant ist dabei auch, dass Roth in seinen Texten zwar häufig einen Ich-Erzähler auftreten lässt, dieser jedoch nicht immer mit dem Autor der Texte gleichzusetzen ist. Die Maskierung des eigenen Ichs mit Hilfe eines fiktiven Erzählers ist eine weitere Konstante in Roths journalistischen Arbeiten. Sie ist ein erneuter Beleg für Roths bewusstes Spiel mit der Subjektivität, die seine Reportagen deutlich von den Texten des frühen Egon Erwin Kisch, einem Zeitgenossen Roths, abheben.

Diese Tendenz zur Fiktionalisierung bedeutet jedoch nicht eine Abkehr von der sozialen Realität. Im Gegenteil: Sigrid Newman (Köln) machte in ihrem Vortrag u. a. deutlich, dass die “minutiöse Beobachtung der Wirklichkeit” ein zentrales Anliegen des Journalisten Roth ist. Thomas Düllo (Berlin) verglich Roths Vorgehen dabei jedoch eher mit dem eines Ethnographen, der Repräsentationen des Fremden und Anderen häufig ins Allegorische wende, ohne dabei das Dingliche aus den Augen zu verlieren. Diese Spannung zwischen Allegorik und Materialität sei typisch für Roths Realitätsvermittlung und mache einen besonderen Reiz seiner Reportagen aus.

Die anderen Referenten wiesen auf weitere typische Darstellungstechniken des Reporters Roth hin: Sigrid Newman untersuchte einige ausgewählte Beiträge anhand der Kennzeichen einer literarischen Reportage nach Diana Kuprel (”creative subjectivity”, “truth claims”, “participation”, “explicit implication of the audience”, “hybrid style” und “allusiveness”) und stellte fest, dass sich bei Roth ein zusätzliches wiederkehrendes Merkmal finde: die Technik der “Heuristic Visuals”, d. h. der Einbau eindrücklicher visueller Repräsentationen, die den Leser provozieren und ihn damit in den Text hineinziehen sollen. Jürgen Heizmann (Montreal) spürte in Roths Industriereportagen eine wirkungsmächtige Raumsymbolik auf, die der Autor auch dafür nutzt, um seine eigenen Befindlichkeiten in den Erzähltext einzuschleusen. Helen Chambers (St. Andrews) verglich die literarischen Techniken in den Reportagen Roths und Theodor Fontanes und konnte dabei viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede feststellen. Fritz Hackert (Tübingen) thematisierte u. a. Roths Verwendung satirischer Elemente in dessen Gerichtsreportagen.

Roths freier und kreativer Umgang mit dem Genre der Reportage legte die Frage nahe, ob es in seinem Falle überhaupt noch zulässig ist, von der Umsetzung distinkter journalistischer Darstellungsformen zu sprechen. Einige der Referenten meldeten hier Skepsis an: Mirella Carbone (Sils Maria) untersuchte Roths Filmrezensionen und stellte fest, dass auch diese sich als literarische Reportagen lesen lassen und somit als hybride Texte gelten müssten. Auch Eric Jarosinski (Philadelphia) interpretierte Roths Texte als Hybridformen, die zwar meist auch Reportageelemente enthielten, in vielen Fällen jedoch deutlich darüber hinausgingen, vor allem wenn es darum gehe, Themen zu reflektieren, die sich der Beobachtung entziehen. Am deutlichsten formulierte es Manfred Müller. Am Ende seiner Analyse von Roths “Reise nach Galizien” resümierte er: “Mit Journalismus […] hat dieser Text wenig bis gar nichts zu tun. […] Es ist großartige fiktionale Prosa.”

Ist Joseph Roth letztlich also doch kein Journalist? Dies als Fazit aus der Tagung herauszudestillieren, wäre sicherlich ein Fehler. Über 3.000 Buchseiten benötigen Fritz Hackert und Klaus Westermann in der von ihnen besorgten Werkausgabe, um “Das journalistische Werk” Roths zu versammeln. Allein dies ist schon Beleg genug dafür, dass Roth nicht nur irgendein Journalist war, sondern ein äußerst produktiver (und in vielen Fällen auch begnadeter) noch dazu. Die besondere Faszination seiner journalistischen Beiträge ist es, dass sie sich eben nicht in gängige formale Darstellungsschemata fügen lassen, sondern gezielt aus ihnen ausbrechen, um ihre Beschränktheit zu überwinden. Dies wäre, nachdem bei der Dortmunder Tagung die Perspektive der Germanistik und ihre Deutung der Reportage als Teil der Literaturgeschichte dominierten, auch ein Grund für die Journalistik, sich mit Roth zu befassen und von ihm zu lernen. Der Blickwinkel einer (sozialwissenschaftlich orientierten) Journalistik könnte auch helfen, die textuelle und biographische Fixiertheit der bisherigen Forschung zu überwinden und statt dessen die gesellschaftliche Bedeutung eines literarischen Journalismus Roth’scher Prägung präziser herauszuarbeiten, als das bislang geschehen ist. So begrüßenswert und ertragreich die Tagung auch war — die Erforschung des Journalisten Joseph Roth steht erst am Anfang.

Journalismus in Krisenzeiten

Es ist eine regelmäßige Fluth und Ebbe, Ausdehnung und Zusammenziehung; immer in gewissen Zeiträumen fallen die Blätter vom Baume unserer Journalistik ab, seine Productionskraft erlischt dem Anscheine nach, in der That aber sammelt sie sich nur zu einem neuen, fruchtbaren Triebe, der ihn dann auch in kurzer Zeit wiederum mit neuem, frischem Grün umkleidet. (Prutz 1854: 10; zit. n. Conter 2003: 154f.)

Quellen:

Conter, Claude D. (2003): Kommunikationsgeschichte als Literaturgeschichte. Robert Eduard Prutz’ Geschichte des deutschen Journalismus (1845) als Vorläufer einer historischen Kommunikationswissenschaft. In: Blöbaum, Bernd/Neuhaus, Stefan (Hrsg.): Literatur und Journalismus. Theorie, Kontexte, Fallstudien. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 137-158.

Prutz, Robert (1854): Der deutsche Journalismus, seine Vergangenheit, seine Wirksamkeit und Aufgabe für die Gegenwart. In: ders.: Neue Schriften. Zur deutschen Literatur- und Kulturgeschichte. Band 1. Halle: Schwetschke’scher Verlag, S. 1-103.

Wikis zur Studierendeninformation: Fallbeispiel StudiGer

studiger.jpgDie Kollegen der Dortmunder Germanistik betreiben seit Juli 2007 eine Plattform zur Studierendeninformation auf Wiki-Basis. StudiGer versammelt verschiedenste Informationen rund um die zahlreichen Studiengänge am Institut für deutsche Sprache und Literatur — zum Beispiel aktuelle Nachrichten zu Lehrveranstaltungen, Prüfungen und Sprechstunden, Ankündigungen der einzelnen Lehrenden sowie Hinweise zu speziellen Beratungsangeboten. Mit fast 300 Wiki-Seiten, die seit dem Launch der Plattform über 10.000 mal editiert wurden, hat StudiGer mittlerweile eine beachtliche Informationstiefe erreicht. In einem Werkstattgespräch erläuterte Mit-Initiator Michael Beißwenger nun einige Hintergründe des Projekts und ermöglichte einen Einblick in die Arbeitsweise der Redaktion.

StudiGer wurde im Sommersemester 2007 im Rahmen eines Projektseminars unter der Leitung von Angelika Storrer, Matthias Heiner und Michael Beißwenger entwickelt. Über dieses Seminar sollten die Teilnehmer praktische Erfahrungen mit der Produktion von Wiki-Hypertexten sammeln und reflektieren. Ziel war es, in Ergänzung zur Instituts-Homepage ein niedrigschwelliges Web-Angebot zur tagesaktuellen Bereitstellung von Informationen zum Germanistik-Studium in Dortmund zu erarbeiten, ein kollaborativ zu betreuendes Informationssystem von Studierenden für Studierende. Ein Prototyp der Seite konnte im Juli 2007 online gehen. Die eigentliche Arbeit begann aber erst danach.

Michael Beißwenger wies in seinem Vortrag auf einige Faktoren hin, die sichergestellt werden mussten, um die Effizienz des Projekts zu gewährleisten:

  • PR-Maßnahmen zum Projektstart
  • Einbeziehung der Lehrenden
  • Einbeziehung der Funktionsstellen aus Institut und Fachbereich
  • Definition und Transparenz von Aufgaben und Verantwortlichen
  • Definition von Redaktionsabläufen
  • Gesamtkoordination (regelmäßige Redaktionssitzungen usw.)
  • regelmäßige Ansprechbarkeit der Redaktion (”Wiki-Sprechstunde”)
  • Qualitätskontrolle
  • Aufbau und Entwicklung von Wiki-Komptenzen

Dass Michael Beißwenger und Kollegen dies einigermaßen gelungen ist, zeigen u. a. die Zugriffszahlen: Pro Monat können fast 36.000 Seitenabrufe verzeichnet werden. Insgesamt wurde StudiGer seit Gründung der Plattform fast 400.000 Mal geklickt. Für den laufenden Betrieb ist mittlerweile eine Redaktion aus studentischen Hilfskräften verantwortlich, die gemeinsam rund 30 Stunden Wochenarbeitszeit in das Projekt investieren. Sie zeichnen für rund 80 Prozent der vorgenommenen Edits verantwortlich, während die restlichen 20 Prozent direkt von den Lehrenden des Instituts umgesetzt werden.

Obwohl Letzteres sicherlich noch ausbaufähig ist, beeindruckt das Projekt in seiner Anlage und Ausführung. Nachahmenswert ist nicht nur die Verzahnung mit der Hochschullehre, sondern auch der praktische Nutzen im Rahmen der Studienberatung. Wundern mag man sich vielleicht, was denn nun die eigentlich für diese Aufgabe vorgesehenen Studienfachberaterinnen machen. — Die moderieren ein ergänzendes Online-Forum, das offensichtlich ebenfalls sehr gut angenommen wird.

Ich wünschte mir, wir wären im eigenen Fach auch schon so weit.

Weitere Informationen über StudiGer finden sich in der Präsentation von Michael Beißwenger et al.