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Studie zur journalistischen Internet-Recherche — jetzt auch online

Bereits vor einigen Monaten habe ich an dieser Stelle auf die breit angelegte Leipziger Erhebung zur journalistischen Recherche im Internet hingewiesen, deren Ergebnisse der Vistas-Verlag in Buchform veröffentlicht hat. In der neuen Ausgabe der “Media Perspektiven” (Heft 10/2008) legen Marcel Machill und Markus Beiler die wichtigsten Befunde nun noch einmal in Aufsatzform vor. Im Vergleich zum Buch kann der Beitrag keine neuen Erkenntnisse bringen. Schön ist aber, dass alle zentralen Tabellen nun auch online und frei verfügbar sind. Hier geht’s zum Text!

Literatur:

Machill, Marcel/Beiler, Markus/Zenker, Martin (2008): Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Berlin: Vistas.

Machill, Marcel/Beiler, Markus (2008): Die Bedeutung des Internets für die journalistische Recherche. Multimethodenstudie zur Recherche von Journalisten bei Tageszeitung, Hörfunk, Fernsehen und Online. In: Media Perspektiven, Heft 10/2008, S. 516-531.

Neue Studie: Netz verändert die Recherchekultur

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Google ist (noch) nicht das journalistische Rechercheinstrument Nummer eins. Aber dennoch: Computergestützte Wege der Informationsbeschaffung haben sich in den Redaktionen auf breiter Ebene etabliert und beeinflussen die Recherchekultur nachhaltig. Das sind zwei zentrale Ergebnisse einer neuen Studie, die der Leipziger Lehrstuhl für Journalistik II heute im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt hat.

Kernstück der Mehrmethodenerhebung war eine Beobachtung von 235 Journalisten bei 34 Medien-Angeboten (Print, Hörfunk, Fernsehen und Online). Sie wurde ergänzt durch eine standardisierte Befragung und ein Experiment, mit deren Hilfe analysiert werden sollte, wie Online-Recherchierverfahren den journalistischen Alltag verändern.

Die Auswertung der Daten von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker zeigt: Das am meisten verwendete Recherchemittel ist nach wie vor das Telefon (15% aller beobachteten Handlungen). Insgesamt überwiegen jedoch computergestützte Recherchetätigkeiten gegenüber klassischen, nicht computergestützten Wegen der Informationsbeschaffung (47 zu 41%). Als wichtigste computergestützte Recherchetools führen Machill und sein Team E-Mails (12%), Suchmaschinen/Webkataloge (8%) und redaktionelle Websites (ebenfalls 8%) an.

Der zunehmende Einfluss des Internets auf den Recherche-Alltag manifestiert sich der Studie zufolge in einigen beunruhigenden Trends: So weisen die Autoren darauf hin, dass in den Redaktionen kaum noch Überprüfungsrecherchen (Quellencheck, Faktenkontrolle etc.) stattfinden. Im Gegensatz zu anderen Teilschritten einer journalistischen Recherche nehmen sie mit 8 Prozent einen vergleichsweise geringen Stellenwert ein.

Problematisch sei außerdem die zunehmende Selbstreferenzialität im Journalismus. Denn: Journalisten greifen bei ihrer Recherche im Netz vorwiegend auf andere journalistische Produkte zurück und nicht etwa auf Primärquellen wie Websites von politischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Einrichtungen.

Bei der Präsentation der Studie im Haus der Bundespressekonferenz diskutierten verschiedene journalistische Praktiker über mögliche Konsequenzen aus den Befunden. Mehr oder weniger einhellig forderten sie eine verbesserte Rechercheförderung. Dabei griffen sie auch einige der von Machill et al. formulierten Handlungsempfehlungen auf. Hilfreiche Maßnahmen seien u. a. Recherchestipendien oder eine Formulierung einheitlicher Ausbildungsinhalte. Machills Anregung, als Gegenstück zu Google eine unparteiische und genossenschaftlich finanzierte Suchmaschinentechnologie für alle deutschen Medienunternehmen zu entwickeln, wurde in der Diskussion als unrealistisch verworfen.

Insgesamt kann die Studie zwar keine wirklich überraschenden neuen Erkenntnisse hervorbringen. Ihr kommt jedoch das Verdienst zu, den Zustand der journalistischen Recherchekultur in Deutschland erstmals auf verlässlicher empirischer Basis zu dokumentieren. Es ist zu hoffen, dass Medienpolitik, journalistische Praxis sowie Einrichtungen der Aus- und Weiterbildung die Befunde zur Kenntnis nehmen und jeweils eigene Konsequenzen daraus ziehen.

Eine offizielle Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse ist hier abrufbar.

Literatur:

Machill, Marcel/Beiler, Markus/Zenker, Martin (2008): Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Berlin: Vistas.

Foto: Peter Himsel