Tag-Archiv für 'dgpuk'

Ein neues Ehrenamt

aviso56s.jpgSeit Beginn des Jahres habe ich die Ehre, gemeinsam mit Lars Rademacher die Redaktion des “Aviso” leiten zu dürfen. Die erste Ausgabe der Zeitschrift, die unter unserer Regie entstanden ist, liegt bereits vor: Auf der Webseite der DGPuK ist ab sofort die PDF-Version des neuen Heftes (Nr. 56) abrufbar. Die gedruckten Exemplare werden in Kürze in gewohnter Form von der Eichstätter Geschäftsstelle aus an die Mitglieder der Fachgesellschaft verschickt.

In der “Debatte” widmen sich verschiedene Autoren der grundlegenden Frage nach der Normativität in den Kommunikations- und Medienwissenschaften. Darüber hinaus gibt es wie immer einen bunten Strauß unterschiedlicher Rubriken: zu aktuellen Neuerscheinungen, zu den Tagungen der vergangenen Monate, zu neuen Entwicklungen innerhalb der DGPuK, zu aktuellen Personalien – und allem, was sonst noch so im kommunikationswissenschaftlichen Vereinsleben interessiert.

Die nächste Ausgabe des “Aviso” ist bereits in Planung. Nr. 57 wird sich mit dem Thema Plagiate und der öffentlichen Kommunikation darüber befassen. Wer sich als Autor an dem Heft beteiligen möchte, kann sich gerne bei mir melden – oder direkt bei Klaus-Dieter Altmeppen, der diesmal die Koordination des “Debatten”-Themas übernimmt.

Zivilgesellschaftliche Medienregulierung

beltz.jpgGut ein Jahr nach der Tagung “Medien- und Zivilgesellschaft“, die im Februar 2011 an der Hochschule für Philosophie in München stattgefunden hat, liegt nun ein Sammelband mit indentischem Titel vor. Das von Alexander Filipovic, Michael Jäckel und Christian Schicha herausgegebene Buch dokumentiert die Ergebnisse der Tagung und eröffnet gleichzeitig die Schriftenreihe “Kommunikations- und Medienethik”, die ab sofort im Verlag Beltz Juventa erscheint. Neben zahlreichen anderen Aufsätzen ist auch ein Beitrag von Janis Brinkmann, Andreas Sträter und mir enthalten, in dem wir einige Befunde aus unserem internationalen Forschungsprojekt “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) vorstellen. Der Titel des Textes lautet “Zivilgesellschaftliche Medienregulierung. Chancen und Grenzen journalistischer Qualitätssicherung durch das Social Web”. Aus dem Abstract:

Während traditionelle Instrumente der Medienselbstregulierung in Deutschland unter einem chronischen Aufmerksamkeitsdefizit leiden, bringt das Social Web frischen Wind in die gesellschaftliche Diskussion über Qualität im Journalismus: In Blogs, via Twitter und auf Sozialen Netzwerkplattformen wie Facebook tauschen sich Rezipienten über Fehler und Unzulänglichkeiten der etablierten Massenmedien aus und ziehen journalistische Akteure damit zur Rechenschaft. Mit Hilfe einer qualitativen Expertenbefragung lotet der Beitrag die Potenziale einer journalistischen Qualitätssicherung durch das Social Web aus. Es zeigt sich: Wenigstens fallweise können Medienblogs und Co. durch eine verstärkte Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure einen erheblichen Einfluss auf den professionellen Journalismus erwirken und damit die Möglichkeiten einer brancheninternen Medienselbstregulierung erweitern. Ein funktionsadäquater Ersatz dafür sind sie jedoch nicht. Eine spürbare Wirkung erlangen dezentral organisierte Online-Instrumente der Media accountability vor allem dann, wenn sie sich untereinander vernetzen und auch im Verbund mit etablierten Formen der journalistischen Qualitätssicherung auftreten, denn nur so erreichen sie das für ihr Anliegen notwendige Maß an Öffentlichkeit.

Weitere Informationen zum Sammelband gibt es hier!

Call: Networks of transnational and transcultural communication

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As everyday life is changing in an era of growing digitalization and internationalization, “network” has become a catchword in the description of current communication processes: People are employing web-based networking platforms to exchange information and organize their social interactions (sometimes with considerable effects on other social entities, as the recent revolts in North Africa and the Middle East have demonstrated); network organizations, often encompassing different geographical areas and sometimes even the whole globe, are reshaping the patterns of economic relations; social structures in general are transforming themselves into an entity that Manuel Castells calls the “network society”. The idea of communication as a network seems particularly promising in the field of transnational and transcultural communication research. However, despite inflationary use of the term “network” in various analytical contexts, its application in communication and media studies remains vague in most instances, often being stuck in a merely metaphorical meaning of the term which blurs the theoretical concepts that stand behind it.

Which potentials and pitfalls may the network approach entail for the study of transnational and transcultural communication processes? Which scenarios of cross-border communication – e.g. from the fields of journalism studies, political or organizational communication, media economics, sociology of or computer-mediated communication – really deserve to be called a network? Which methodological challenges need to be tackled in transcultural and transnational network analyses? And what does “network” actually mean – and how does it relate to alternative terms and concepts, such as hybridity, translation, connectivity and the public sphere? These questions serve as landmarks for the 2012 conference of the International and Intercultural Communication section of the German Communication Association (DGPuK).

The conference carries the title “Networks of transnational and transcultural communication: Concepts in theory, methodology and research” and will take place from November 22-24, 2012. It will be hosted by the Erich Brost Institute for International Journalism at TU Dortmund University. Submissions for the conference should be made in English and must be sent to the organizers no later than June 1, 2012.

More detailed information about the aims of the conference and the submission process can be found in the full Call for Papers.

Theoretisch praktisch!? - das Buch

theoretisch2.jpgKnapp zehn Monate nach dem Ende der 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Dortmund liegt nun der dazugehörige Tagungsband vor. Ich dokumentiere im Folgenden einen längeren Auszug aus der (von Susanne Fengler und mir verfassten) Einleitung des Bandes. Die Passagen geben einen guten Überblick über die insgesamt 20 Aufsätze, die wir aus dem reichhaltigen Tagungsprogramm zur Veröffentlichung ausgewählt haben, und machen hoffentlich Lust auf mehr. Das Buch mit dem Titel “Theoretisch praktisch!?”, Band 39 der Schriftenreihe der DGPuK im Universitätsverlag Konstanz, gliedert sich in vier Hauptteile:

Teil 1: Kommunikations- und Medienforschung in der Mediengesellschaft

Der vorliegende Tagungsband bündelt zentrale Ausschnitte aus den Diskussionen der Dortmunder Jahrestagung – und lädt mit dem Beitrag von Peter Weingart zunächst dazu ein, das Thema aus einer Meta-Perspektive zu reflektieren. Peter Weingart hat sich in den vergangenen Jahren in zahlreichen Schriften mit dem Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit auseinandergesetzt. Er untersucht die Folgen der Medialisierung für die Wissenschaft – und wie die Wissenschaft, trotz steigenden Drucks, sich über die Massenmedien an zunehmend heterogene Publika zu richten, und trotz ihrer Abhängigkeit von gesellschaftlichen Ressourcen, ihre Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Leistungsfähigkeit bewahren kann. Welche (potentiellen) Folgen hat dieser Strukturwandel der Wissenschaftsöffentlichkeit in der Mediengesellschaft für unsere Wissenschaft, die sich mit eben dieser Mediengesellschaft, mit Medienakteuren, -inhalten und -publika, auseinandersetzt? Die Medien sind reflexiver geworden, resümiert Weingart mit Blick auf aktuelle Debatten – und schreibt in seinem Beitrag weiter: „Angesichts der erwähnten Wirkung der Medien […] wird die Medien- und Kommunikationswissenschaft unversehens zu einer Schlüsseldisziplin der Sozialwissenschaft.“ Bezüglich des Verhältnisses des Fachs zu den Medien warnt Weingart vor einer „diffusen Sehnsucht nach medialer Aufmerksamkeit“, weist aber zugleich auf die Dringlichkeit von maßvoller Öffentlichkeitsarbeit hin:

„Die Beachtung einer Disziplin bzw. eines Forschungsgebiets durch die Medien gilt […] als Erfolgsrezept für die Zuwendung öffentlicher Mittel. Der Mechanismus scheint klar zu sein: Wahrnehmung in den Medien bedeutet Wertschätzung in der Öffentlichkeit, die sich in politische Zustimmung und schließlich – durch die Entscheidung der Abgeordneten – in die Zuweisung von Mitteln übersetzt. Das entspricht der Funktionsweise des demokratischen Prozesses. Folglich sind die Disziplinen gut beraten, sich medial gut zu verkaufen.“

Hier knüpft der DGPuK-Vorsitzende Klaus-Dieter Altmeppen an, der in seinem Beitrag Strategien für eine künftig stärkere Institutionalisierung der Medienarbeit der Fachgesellschaft entwickelt – und zugleich an die vielen in Gremien, Verbänden und Kommissionen engagierten Kolleginnen und Kollegen appelliert, neben ihren eigenen Forschungsinteressen und -institutionen auch die Belange der Fachgesellschaft stärker als zuvor zur Geltung zu bringen.

Teil 2: Zum Einfluss der Kommunikations- und Medienforschung auf politisches Handeln

Wie Ergebnisse der Medien- und Kommunikationsforschung inzwischen die Medienpolitik prägen, wird im zweiten Hauptteil dieses Bandes ausgeführt. Natascha Just und Manuel Puppis beschreiben unter Rückgriff auf Paul F. Lazarsfeld den gegensätzlichen Zugang, den Forscher zum Feld wählen können: administrative Forschung im Auftrag von Akteuren der Medienpolitik versus kritische Forschung, die bestehende Strukturen grundsätzlich in Frage stellt. Just und Puppis zufolge kann universitäre Forschung hier eine Sonderrolle einnehmen, da sie

„durch ihre größere Unabhängigkeit von Interessengruppen zumindest im Idealfall in einer einmaligen Position [ist], um auch neue und unbequeme Fragen aufzuwerfen, die von gesellschaftlicher Bedeutung sind. Auch wenn Politiker und Regulierungsbehörden nicht immer auf Forschung warten, die über das politisch Machbare und Umzusetzende hinausgeht: Der Raum des Möglichen wird dadurch erweitert, und alternative Lösungen werden denkbar“.

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, fordern Just und Puppis von der Medienpolitik-Forschung gesellschaftliche Relevanz, theoretische Fundierung und methodische Kompetenz.

Ihr Argument, dass gerade im Bereich der Medienpolitik – mit den damit verbundenen Gefahren der politischen Instrumentalisierung – erhöhter Bedarf an Selbstreflexion besteht, nehmen Gabriele Siegert, Loris Russi, M. Bjørn von Rimscha und Ulrike Mellmann in ihrem Beitrag auf, der die aus der Ökonomik stammende Prinzipal-Agent-Theorie auf Kommunikationswissenschaftler anwendet. Informationsasymmetrien, Unsicherheit und Zieldivergenz prägen das Verhältnis von Wissenschaftler und Auftraggeber, wenn Akteure aus der Medienpolitik Forschungsaufträge vergeben. Ein Beispiel:

„Regulierer erwarten typischerweise allgemeinverständliche und politisch neutrale Projektberichte mit konkreten regulatorischen Handlungsoptionen, die anschlussfähig an laufende Branchen- und politische Diskurse sind. Die Forschenden wollen jedoch die Daten und Ergebnisse auch in wissenschaftlichen Publikationen verwerten und damit an laufende Fach-Diskurse anschließen“.

Siegert et al. entwickeln Lösungsvorschläge, um den für Prinzipal-Agent-Beziehungen typischen Problemen des Moral Hazard und der Adverse Selection zu entgehen, weisen aber zugleich auch auf die Gefahr von Reputationsschäden nicht zuletzt für die Forscher hin, wenn Akteure der Medienpolitik die ihnen zur Verfügung stehenden journalistischen Kanäle nutzen, um Forschungsergebnisse – interessengeleitet – zu diskreditieren.

Stoyan Radoslavov und Barbara Thomaß nehmen die breite Debatte um den Drei-Stufen-Test der Online-Angebote der öffentlichen-rechtlichen Sender in Deutschland zum Anlass, um danach zu fragen, ob die Kommunikationswissenschaft ihr Potential, sich sowohl mit empirischer Forschung als auch normativen Positionen in die medienpolitische Diskussion einzubringen, genutzt hat. Radoslavov und Thomaß strukturieren die rund um das Thema Drei-Stufen-Test entstandene wissenschaftliche Literatur und arbeiten die zentralen Argumente heraus – ebenso wie die nach wie vor existenten Leerstellen:

„Was […] sind die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse einer Gesellschaft? Werden sie im Rahmen des Funktionsauftrages erfüllt? Es wird zu Recht erwartet, dass diese Fragen ihre Antworten auf der inhaltlichen Ebene der einschlägigen wissenschaftlichen Debatte finden.“

Dennoch ziehen sie ein positives Fazit:

„Im Rahmen der Debatte um den Drei-Stufen-Test der öffentlich-rechtlichen Rundfunkangebote in Deutschland fand eine beachtliche Interaktion zwischen Wissenschaft und Medienregulierung statt. Beide Systeme tauschten aktiv Erkenntnisse und Grundannahmen.“

Matthias Künzler, Manuel Puppis und Otfried Jarren untersuchen für die Schweiz das Wechselverhältnis von Medienpolitik und Medienpolitik-Forschung: Wann und wie hat die Medienpolitik-Forschung medienpolitische Entscheidungen in der Schweiz beeinflusst – und welche Rückwirkungen haben sich hierdurch auf die Fachentwicklung der Medien- und Kommunikationsforschung in der Schweiz ergeben? Die Autoren beschreiben zunächst grundsätzlich die Funktionen wissenschaftlicher Politikberatung und analysieren dann 50 Jahre kommunikationswissenschaftlicher Medienpolitikberatung in der Schweiz. Ihr Fazit: Ein erheblicher Anteil der von den Forschern mit entwickelten Maßnahmen wurde von der Politik zumindest teilweise umgesetzt. Zugleich konnte das Fach profitieren: Seit den 1970er Jahren wurde in der Schweiz die kommunikationswissenschaftliche Forschung an den Hochschulen stetig ausgebaut.

„Diese Institutionalisierung lag jedoch nicht nur im Eigeninteresse des Fachs: Die Medienpolitik hatte einen wissenschaftlichen Beratungsbedarf und war bereit, zu diesem Zweck den Ausbau des Fachs zu fördern.“

Sascha Trültzsch und Christine W. Wijnen schließlich geben Beispiele für die praktische Relevanz medien- und kommunikationswissenschaftlicher Forschung im Bereich der Kinder- und Jugendmedienpolitik. Sie stellen zentrale Ergebnisse der Forschung zur Mediennutzung und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen vor und leiten daraus Empfehlungen für die Medienpraxis ab. Wie diese wiederum von politischen Akteuren und im Bereich der Medienpädagogik engagierten Institutionen umgesetzt wird, zeigen sie anhand von konkreten Projekten und Initiativen auf.

Teil 3: Zur Resonanz der Kommunikations- und Medienforschung in den Öffentlichkeitsberufen

Die in Abschnitt 3 versammelten Beiträge geben einen breit gefächerten Überblick, welche Funktionen kommunikationswissenschaftliche Modelle und Theorien für den Alltag in den Kommunikationsberufen, vor allem in Journalismus und Organisationskommunikation, erfüllen können. Inwiefern erlauben etablierte und innovative Theorieansätze einen (kritischen) Zugriff auf die soziale Praxis der Medien? Welche Forschungsprojekte könnten exemplarisch für Kurt Lewins Diktum stehen, dass „nichts so praktisch ist wie eine gute Theorie“?

Hans-Jürgen Bucher stellt eine empirische Studie vor, in der er – aufbauend auf die Forschung zu Lokaljournalismus und Medienqualität – experimentell die Qualitätskriterien von Rezipienten bei der Beurteilung lokaler Fernsehprogramme untersucht und hierbei insbesondere durch eine Blickaufzeichnungsstudie zu aufschlussreichen Ergebnissen kommt. Buchers Ziel ist es, publizistische Maßstäbe für die Gestaltung lokalen Fernsehens zu ermitteln, das bislang in der Qualitätsforschung vergleichsweise selten beachtet wurde.

Cornelia Wolf wiederum gibt Einblicke in eine Nutzerstudie, die sie in Kooperation mit einem regionalen Zeitungshaus durchführt hat; verglichen wurde die Nutzung des Webangebots durch Abonnenten versus Nicht-Abonnenten. Neben den inhaltlichen Ergebnissen sind insbesondere ihre Anmerkungen über Probleme im Forschungsablauf aufschlussreich. So griff der Auftraggeber – offenbar in Unkenntnis empirischer Forschungsmethoden, aber auch aus Furcht vor einem Loyalitätsverlust der Nutzer – mehrfach in die Gestaltung des Fragebogens ein. Eine effiziente Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis gelinge jedoch nur, „wenn die Kooperation als ergebnisoffener Prozess“ angegangen und nicht als „reine Legitimations- oder Durchsetzungsforschung“ instrumentalisiert wird. Wolfs Fazit:

„Damit Kooperationen zwischen universitärer Kommunikationsforschung und regionaler Medienpraxis für beide Seiten fruchtbare Ergebnisse liefern, müssen […] im Vorfeld klare Absprachen getroffen werden. […] Gegenseitige Transparenz und eine Kooperation auf Augenhöhe sind unabdingbare Voraussetzungen.“

Über ein neues journalistisches Feld berichtet Martin Krieg: In seinem Beitrag „Appsolut praktisch?!“ gibt er einen Überblick über die vorliegende Literatur zur mobilen Mediennutzung und untersucht sodann mobile Medieninhalte und die Rezeption mobiler Medien. Aus einer Blickaufzeichnungsstudie leitet er Empfehlungen zur Gestaltung von Nachrichtenangeboten auf Smartphones und Tablet-PCs ab, die auch für Medienhäuser von großem Interesse sein dürften.

Ingrid A. Uhlemann vergleicht unter Rückgriff auf eine Inhaltsanalyse von Nachrichtenagenturen den praktischen Nutzen von unterschiedlichen Ansätzen der Nachrichtenwert-Forschung – ausgehend von der Beobachtung, dass viele der vorliegenden Modelle zu komplex sind, um die in der Praxis meist sehr schnell erfolgenden redaktionellen Entscheidungsprozesse angemessen widerzuspiegeln. Auf der Suche nach einer „,theoretisch praktischeren‘ Lösung“ entwickelt Uhlemann hieraus ein vereinfachtes Nachrichtenwertmodell, das „der tatsächlichen Praxis von Journalisten möglicherweise deutlich näher kommt“.

Über die Reaktionen der Medienpraxis auf die in ihrem Jahrbuch ‚Qualität der Medien‘ formulierte – empirisch untermauerte – Kritik an den Leistungen des Schweizer Journalismus berichten wiederum Patrik Ettinger, Kurt Imhof und Mario Schranz: Die Forscher haben ihre Medienresonanzanalysen auf die Rezeption des von ihnen als Beitrag zur Förderung des Qualitätsbewusstseins von Publikum und Medienmachern gleichermaßen konzipierten Jahrbuchs ausgeweitet. Ergebnis: Die Studie wurde in Print- und Radio-Qualitätsmedien sowie in Medienblogs vertieft und kritisch analysiert, während gerade die Online-Publikumsmedien die Stichworte der Pressemeldung weitgehend unverändert übernahmen.

„Damit hat ironischerweise das Qualitätsdefizit der Medien wesentlich dazu beigetragen, dass die Resultate zum Qualitätszustand der Schweizer Medien breite und unwidersprochene Resonanz fanden“,

bilanzieren die Forscher – die allerdings auch von harschen Reaktionen des Verlegerverbands berichten, der sich u. a. durch Kritik am empirischen Vorgehen der Forscher publizistisch gegen die Thesen des Jahrbuchs zur Wehr zu setzen suchte.

Susanne Fengler und Julia Jorch loten in ihrem Beitrag die Möglichkeiten für Kooperationen zwischen Forschung und Praxis im Bereich der Medienentwicklungszusammenarbeit aus – einem von der Kommunikationswissenschaft noch wenig beachteten, politisch aber zunehmend relevanten Bereich. Da die derzeit vorhandene Literatur zur Medienentwicklungszusammenarbeit (MEZ) beinahe gänzlich von den Akteuren der MEZ selbst dominiert wird, ist eine externe kommunikationswissenschaftliche Analyse ihrer Ansicht nach umso dringender. Die Autorinnen geben zudem Einblick in ein von ihnen durchgeführtes Forschungsprojekt zur Evaluation von MEZ-Programmen, das – anders als in der MEZ-Praxis bislang üblich – systematisch auf quantitative Methoden zurückgreift und in der Frage des Impacts die Mesoebene journalistischer Organisationen in den Vordergrund rückt.

Claudia Auer und Kathrin Schleicher berichten in ihrem Beitrag über ein DFG-Projekt zur Kommunikation und Medienarbeit des Bundesministeriums der Verteidigung und reflektieren dabei insbesondere die Problematik des Zugangs zu dem zu untersuchenden Praxisfeld. Die – einer gänzlich anderen Kommunikationskultur als die Wissenschaftler entstammenden – Militärs mussten zunächst von der Sinnhaftigkeit des Projekts überzeugt werden, schlussendlich profitierten jedoch gerade auch die Praktiker von der wissenschaftlichen Analyse:

„Durch diese Reflexion, die von einer Person außerhalb der Organisation betrieben wird und daher hier externe Reflexion genannt werden soll, entsteht für die Organisation ein unmittelbarer Nutzen, da die Ressourcenausstattung der betreffenden Organisation eine solche Evaluation häufig nicht erlaubt und zudem oftmals die Kompetenz fehlt, um eine komplexe Analyse durchzuführen.“

Zugleich erhöhte sich bei den Befragten im Zuge der durch die Forschung angestoßenen internen Reflexionsprozesse deren Problembewusstsein – in der Folge nahmen sie teils sogar konkrete Strukturveränderungen in der Organisation in Angriff.

Constanze Rossmann schließlich stellt ein Forschungsprojekt vor, das u. a. die Rolle der Medien bei Kampagnen zur Gesundheitsförderung untersucht, und beschreibt, wie gerade diese komplexen und anspruchsvollen, da auf eine für die Betroffenen mühevolle Änderung ihres Lebensstils abzielenden Kampagnen unter Berücksichtigung des Wissensbestands der Medienforschung optimiert werden können.

Teil 4: Theorie und Praxis in der Kommunikations- und Medienforschung: Rückblicke – Ausblicke

Der mit „Rückblicke – Ausblicke“ überschriebene Teil 4 wird von einem längeren Text eröffnet, der das von Gerhard Vowe konzipierte und in Dortmund viel beachtete Plenumspanel „Gelebte Synthesen“ zusammenfasst. Wolfgang R. Langenbucher, Stephan Ruß-Mohl, Hans Mathias Kepplinger, Hartmut Wessler und Frank Marcinkowski ziehen hier Bilanz, welche Bedeutung die ‚Praxis‘ in den Biographien von fünf für die Kommunikationswissenschaft zentralen Forschern – Paul F. Lazarsfeld, Emil Dovifat, Elisabeth Noelle, Jürgen Habermas und Niklas Luhmann – hat(te). Die Beiträge verdeutlichen, wie selbstverständlich manchem dieser Fachvertreter praktisches Engagement war – machen aber auch klar, wie unterschiedlich die Erfahrungen der Genannten mit Politik und Öffentlichkeit verliefen.

Ebenfalls einen Rückblick auf über sechs Jahrzehnte Fachgeschichte – diesmal aus wissenschaftssoziologischer Perspektive – unternimmt Christian Schäfer. Er beschreibt zunächst Reputation, Öffentlichkeit, Mittelausstattung und Evaluationsergebnisse als die vier „Währungen wissenschaftlichen Erfolgs“ – und analysiert im Anschluss daran, als wie ‚erfolgreich‘ die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Deutschland seit 1945 zu bewerten ist. Während Schäfer für das Fach eine schwankende Reputation konstatiert und nur einzelnen Fachvertretern Öffentlichkeitsgewinne attestiert, bewertet er die Entwicklung im Bereich von Mittelausstattung und Evaluationsergebnissen als positiv – und damit mittelbar auch der Reputation des Fachs zuträglich.

Am Schluss des Buches stehen Ausblicke: Matthias Rath fragt, ausgehend von der eingangs erwähnten Forderung des Wissenschaftsrats, danach, wie eine medienethisch fundierte Politikberatung durch Kommunikationswissenschaft ausgestaltet sein könnte und diskutiert dies am Beispiel politischer Skandale. Soll sie „instrumentell-funktionalistisch“ sein (was seiner Ansicht nach die Beratungsleistung der Kommunikationswissenschaft sein könnte) oder „normativ-ethisch“ (was der Ansatz der Medienethik wäre)? Rath plädiert gegen einen „normativen Taylorismus“ und sieht eine – eigenständige – Medienethik als „Korrektiv auch der technischen Kritik“ durch die Kommunikationswissenschaft.

Christoph Neuberger schließlich stellt die Ergebnisse der ersten bundesweiten, von der DGPuK koordinierten Absolventenstudie vor, die u. a. der Frage nachgeht, inwieweit sich Absolventen der verschiedenen Studiengänge unseres Fachs hinreichend auf die Berufspraxis vorbereitet fühlen. Dies war für die untersuchten Jahrgänge vor allem für Diplom-Kandidaten der Fall, während Bachelor-Absolventen eine mangelnde Akzeptanz des Abschlusses in der Medienpraxis wahrnahmen und sich daher vermehrt für ein Master-Studium entschieden.

***

Die Beiträge des Buches zeigen, dass die Kommunikations- und Medienforschung im deutschen Sprachraum über eine bemerkenswert breite Palette an Anwendungsoptionen verfügt. Dass wenigstens ein Teil davon auch tatsächlich realisiert wird, mag als willkommener Beleg für die (theoretisch gegebene) Nützlichkeit und Verwertbarkeit des in unserer Disziplin generierten Wissens dienen. Ebenso deutlich belegen die Beiträge jedoch auch, dass manche der eingangs skizzierten Barrieren zwischen Kommunikationsforschung und gesellschaftlicher Praxis bestehen bleiben oder kontrovers diskutiert werden. In diesem Sinne versteht sich der vorliegende Band, ebenso wie die ihm zugrunde liegende Tagung, als aktuelle Standortbestimmung zur Frage der gesellschaftlichen Verantwortung von Kommunikations- und Medienforschung, nicht als abschließende Bewertung. Das Thema bleibt relevant.

Mehr dazu in:

Susanne Fengler, Tobias Eberwein & Julia Jorch (Hrsg.) (2012): Theoretisch praktisch!? Anwendungsoptionen und gesellschaftliche Relevanz der Kommunikations- und Medienforschung (= Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Band 39). Konstanz: UVK.

Weitere Informationen zum Tagungsband finden sich auf der Verlagshomepage.

Mapping Media Accountability — in Europe and Beyond

Herbert von Halem16 months after the official start of the international research project “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT), the project’s state-of-the-art reports on media accountability research are now available in book form. The volume carries the title “Mapping Media Accountability - in Europe and Beyond”. Besides separate country reports on the status quo of media accountability research in the journalism cultures that are covered by the MediaAcT consortium, the book offers an introduction into the project’s theoretical foundations and a first cross-cultural assessment of current trends in media self-regulation and accountability. “Mapping Media Accountability” was presented to a wider public at the annual conference of the German Communication Association (DGPuK) last week. The following blurb gives a clearer idea about the book’s contents:

While press councils face tough challenges across Europe, and media reporting has almost vanished from the mass media in many countries in a time of media crisis, new forms of media accountability have emerged in the Internet: readers and viewers twitter about the media’s mistakes, online ombudsmen follow up on e-mail complaints, and journalists blog about their profession. Can such innovative instruments of media criticism effectively supplement conventional institutions of media self-regulation like press councils and media journalism?

This volume provides pioneer work in analyzing the development of established and emerging media accountability instruments in 14 countries in Eastern and Western Europe as well as the Arab world. Media scholars and students, professionals and policy-makers alike will be introduced to the specific problems and perspectives of media accountability in different media systems and journalistic cultures. Looked at from a comparative point of view, the reports hint at the formation of different cultures of media accountability within Europe and its adjacent countries. These cultures partly overlap with the journalism cultures identified in the well-known model by Hallin & Mancini. At the same time, the development of media accountability and transparency shows distinctive features incongruent with established models of journalism cultures. Consequently, the book also offers new stimuli for innovations in journalism theory.

A collection of abstracts from the book is now available on the MediaAcT website. More materials can be found on the homepage of the Cologne-based publisher Herbert von Halem.

The complete bibliographical reference:

Tobias Eberwein/Susanne Fengler/Epp Lauk/Tanja Leppik-Bork (eds.) (2011): Mapping Media Accountability - in Europe and Beyond. Cologne: Herbert von Halem Verlag, 267 pages.

Photo: Caroline Lindekamp

Medieninnovationen – neue Chancen für die Medienselbstkontrolle?

wolling2.jpgNoch vier Wochen bis zum Start der 56. Jahrestagung der DGPuK in Dortmund – und die Organisatoren der Konferenz im Vorjahr haben es endgültig hinter sich: Als letzten Akt der Ilmenauer Jahrestagung zum Thema “Medieninnovationen” legen sie nun den dazugehörigen Tagungsband vor, der dieser Tage im UVK-Verlag erschienen ist. Das Dortmunder Team des Forschungsprojekts “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) ist darin mit einem komparativen Beitrag über Medieninnovationen als Chance für die Medienselbstkontrolle vertreten. Ich dokumentiere im Folgenden die einführenden Absätze und hoffe, sie machen Lust auf mehr:

Am 24. Juli 2010 sterben 21 junge Menschen bei einer Massenpanik auf der Duisburger Love Parade. Als die BILD-Zeitung an den Tagen darauf Fotos der Opfer veröffentlicht, auf denen die Toten durch persönliche Details teilweise zu identifizieren sind, entbrennt eine heftige Debatte über die Verantwortung der Medien im Umgang mit der Tragödie – auf den Medienseiten der großen Tageszeitungen diskutieren Journalisten, im Social Web die Mediennutzer, darunter viele junge Leute, die Augenzeugen der Ereignisse in Duisburg waren. Über Facebook kursiert eine Instruktion über das Beschwerdeprozedere des Deutschen Presserats, der in den Wochen nach der Love Parade erstmals in seiner Geschichte rund 250 Beschwerden über einen einzigen Fall – den journalistischen Umgang von BILD mit den Opfern der Massenpanik – zählt.

Mediennutzer, die sich über Facebook und Twitter organisieren, um massive Medienkritik zu äußern: Das ist ein Novum in Deutschland. Noch heftiger fielen vergleichbare Proteste in Großbritannien aus: Als dort im November 2009 die Daily Mail einen Kommentar über den plötzlichen Tod des homosexuellen Pop-Stars Stephen Gately veröffentlichte, den viele Leser als homophob empfanden, starteten aufgebrachte Fürsprecher eine Kampagne über Twitter, in deren Folge 25.000 Beschwerden bei der Press Complaints Commission eintrafen (Jempson/Powell 2011).

Beide Beispiele zeigen, dass Medieninnovationen erhebliches Potenzial für eine kritische Debatte über Qualität im Journalismus besitzen, die nicht nur Journalisten und professionelle Medienbeobachter, sondern erstmals auf breiter Basis auch die Mediennutzer einbezieht: Media accountability bedeutete in der Vergangenheit meist Medienselbstkontrolle; durch das Internet – und insbesondere das Social Web – haben erstmals auch die Rezipienten einen erleichterten Zugang zum Diskurs über Qualität im Journalismus. Eine besondere Rolle spielt hier, wie im Folgenden noch zu zeigen ist, die junge Publikationsform der Medienblogs. Hinzu kommen die Möglichkeiten, die der technologische Wandel den etablierten Instrumenten der Medienselbstkontrolle eröffnet: Ombudsleute können Beschwerden über das Internet entgegennehmen, Presseräte könnten Beschlussverfahren künftig online begleiten.

Die Forschung hat diesen Wandel bislang kaum reflektiert. Bisherige Studien stellen in der Regel etablierte Instrumente der Medienselbstkontrolle wie Presseräte (Puppis 2009), Ombudsleute (Evers et al. 2010) und Medienjournalismus (Fengler 2002) in den Mittelpunkt; zu Medienblogs liegen erst vereinzelte kleine Forschungsarbeiten vor (z. B. Eberwein 2010a, Fengler 2008, Wied/Schmidt 2008). Doch der Bedarf, das medienkritische Potenzial neuer Formen der media accountability auszuloten, erscheint umso größer, als die vorhandenen empirischen Studien zu einem ernüchternden Fazit kommen: Die Möglichkeiten, Missstände im Journalismus aufzuspüren und publik zu machen und damit selbstregulierend auf den Journalismus einzuwirken, werden von vielen etablierten Instrumenten der Medienselbstkontrolle nur unzureichend genutzt. Medienjournalisten schrecken aus Eigeninteresse vor allzu harter Kollegenkritik zurück, strategische Interessen der Medienkonzerne werden aus Rücksicht auf das Medienmanagement zu selten thematisiert (Fengler 2002, Kreitling 1996, Malik 2004, Porlezza 2005); Ombudsleute verstehen sich weniger als Kritiker denn als Vermittler (Evers et al. 2010); und selbst in den Formulierungen journalistischer Ethik-Kodizes machen Forscher wie Laitila (1995) und Limor/Himelboim (2006) eigennütziges Kalkül aus. Mit Blick auf eine Analyse des Einflusses US-amerikanischer Selbstkontrollinitiativen im Medienbereich schließt Campbell (1999: 755): „(They) do not provide a great deal of support for the claimed advantages of self-regulation.”

Hinsichtlich der – auch in anderen Branchen zu verortenden – Defizite der Medienselbstregulierung favorisieren Forscher wie Puppis daher Konzepte der Co-Regulierung, die den Staat als wichtigen Impulsgeber für Medienselbstkontrolle sehen. Aus unserer Sicht ist jedoch fraglich, inwieweit staatliche (und damit politische) Akteure – soll das hohe Gut konstitutionell garantierter Pressefreiheit nicht aufs Spiel gesetzt werden – geeignete Partner der Selbstkontrolle im Journalismus sein können. Schließlich verfolgen sie – zumal in der Mediengesellschaft – selbst erhebliche Eigeninteressen (North 1990) im Hinblick auf den Journalismus. Erfolgversprechender erscheint uns, das Potenzial von Medieninnovationen für zivilgesellschaftliches Engagement im Bereich der Medienkontrolle auszuloten (vgl. in diesem Sinne auch Baldi/Hasebrink 2007) – wie es die beiden oben angeführten Beispiele exemplarisch verdeutlichen. Im digitalen Zeitalter wächst den Mediennutzern damit neue Verantwortung in der Debatte über Qualität im Journalismus zu, während Bertrand noch 2000 die „ethische Apathie“ der Mediennutzer in Sachen Medienkritik betonte und das Publikum als passiven Nutznießer professioneller Selbstregulierungsaktivitäten betrachtete.

In der Tat hat der technologische Wandel die Möglichkeiten der Mediennutzer, sich an der kritischen Diskussion über Journalismus zu beteiligen, erheblich erweitert, indem die Kosten des „Widerspruchs“ (Hirschman 1970) rapide gesunken sind: Musste früher aufwendig ein Leserbrief formuliert und versandt oder die Unannehmlichkeit einer telefonischen Beschwerde in einer Redaktion auf sich genommen werden, bieten Blogs, virtuelle Netzwerke und Kommentarfunktionen eine schnelle, unkomplizierte und bei Bedarf anonyme Möglichkeit, Kritik zu äußern – die gleichwohl Wirkung zeigt, wie auch die Reaktionen auf einen verbalen Fehltritt der ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein während der Fußball-WM 2010 belegten. Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der bislang von der kommunikationswissenschaftlichen Forschung überhaupt nicht thematisiert wurde: Medienkritik kann bei Mediennutzern gerade dann populär werden, wenn sie unterhaltend ist. Einer Studie von Mayer und anderen zufolge ist das zentrale Motiv der Nutzer des bekanntesten deutschen Medienblogs, BILDblog.de, Unterhaltung – gefolgt von der Transparenz- und Kontrollfunktion des Medienblogs (Mayer et al. 2008: 591).

Ein weiteres auffälliges Forschungsdefizit hinsichtlich des Innovationspotenzials von Medienselbstkontrolle und media accountability besteht in komparativer Hinsicht. Während für den deutschsprachigen und den angelsächsischen Raum immerhin erste empirische Studien über einzelne innovative Instrumente der media accountability vorliegen, ist deren Verbreitung und Potenzial in anderen Journalismuskulturen (i. S. v. Hallin/Mancini 2004) noch gänzlich unerforscht. Welches Potenzial haben Medienblogs in den polarisiert-pluralistischen Journalismuskulturen des Mittelmeerraums mit traditionell schwach ausgeprägten Infrastrukturen der Medienselbstkontrolle? Welche Rolle können innovative Instrumente der media accountability unter Einbezug des Publikums in osteuropäischen Ländern mit ihrer besonderen (medien)politischen Geschichte, welche in den Journalismuskulturen der arabischen Welt mit ihrer ausgeprägten Staatskontrolle spielen? Diesen Fragen geht seit 2010 das von der EU geförderte Forschungsprojekt „Media Accountability and Transparency in Europe“ (MediaAcT) mit Projektpartnern in elf west- und osteuropäischen sowie zwei arabischen Staaten nach, in dessen Kontext die nachfolgend dargestellten Überlegungen entstanden sind. […]

Mehr dazu in:

Susanne Fengler, Tobias Eberwein, Tanja Leppik-Bork, Julia Lönnendonker & Judith Pies (2011): Medieninnovationen – neue Chancen für die Medienselbstkontrolle? Erste Ergebnisse einer international vergleichenden Studie. In: Jens Wolling/Andreas Will/Christina Schumann (Hrsg.): Medieninnovationen. Wie Medienentwicklungen die Kommunikation in der Gesellschaft verändern. Konstanz: UVK, 159-176.

Weitere Informationen zum Tagungsband finden sich auf der Verlagshomepage.

Zivilgesellschaftliche Medienregulierung

In München ist gestern die Jahrestagung des Netzwerks Medienethik zu Ende gegangen. Die Veranstaltung stand unter dem Titel “Medien- und Zivilgesellschaft” und wurde in Kooperation mit der DGPuK-Fachgruppe “Kommunikations- und Medienethik” sowie der Sektion “Medien- und Kommunikationssoziologie” der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ausgerichtet. Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildete die medienethische Auseinandersetzung mit WikiLeaks — Friedrich Krotz, Caja Thimm, Michael Haller und Matthias Rath lieferten hierzu anregenden Input.

Ich habe mich mit einem Vortrag zu einigen Teilbefunden aus unserem MediaAcT-Projekt am Programm beteiligt. In der (gemeinsam mit Janis Brinkmann und Andreas Sträter erarbeiteten) Präsentation habe ich aktuelle Befunde aus unseren Experteninterviews vorgestellt, die wir in den vergangenen Monaten zur Exploration web-basierter Accountability-Prozesse in der deutschen Medienlandschaft durchgeführt haben. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, inwiefern Akteure der Zivilgesellschaft über das Social Web an der Diskussion über journalistische Qualität partizipieren können. Das Fazit musste am Ende ambivalent ausfallen: “Wenigstens fallweise können Medienblogs und Co. durch die Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure einen erheblichen Einfluss auf den professionellen Journalismus erwirken. Ein funktionsadäquater Ersatz für eine brancheninterne Selbstregulierung sind sie jedoch nicht.” Ein Kurzabstract findet sich auf der Tagungshomepage, im Folgenden dokumentiere ich auch die vollständige Präsentation:

Ein Tagungsband mit Aufsätzen zu sämtlichen Vorträgen ist in Vorbereitung — hierzu zu gegebener Zeit mehr!