Tag-Archiv für 'darstellungsformen'

Call: Medienlogik und Medienrealität

Der Call for Papers für die nächste Tagung der DGPuK-Fachgruppe Journalistik/Journalismusforschung macht gerade die Runde. Es handelt sich um eine Gemeinschaftstagung mit der Fachgruppe Mediensprache/Mediendiskurse, die vom 9. bis zum 11. Februar 2011 in Tübingen stattfinden wird. Der Titel der Veranstaltung lautet “Medienlogik und Medienrealität”. Einreichungen sind zu folgenden Themenfeldern möglich:

  • Welche Anforderungen sind an Theorien und Methoden zu stellen, um die Phänomene Medienlogik und Medienrealität zu beschreiben und zu analysieren? Welche Ansätze aus der Journalismusforschung oder anderen Disziplinen können fruchtbar gemacht werden (z. B. empirische Sozialforschung, Linguistik)?
  • Welche Diagnosen lassen sich aus Untersuchungen zu medienvermittelten Diskursen in den Bereichen Politik, Recht, Ökonomie, Sozio-Kulturelles u. a. für die Funktionsprinzipien des Journalismus und die Strukturen der medialen Darstellungslogik ableiten?
  • Welche Präsentationslogiken entwerfen und setzen Journalisten um? Mit welchen Mitteln (Sprache, Bilder, sonstige Handlungen) werden sie realisiert? Welche Strategien bestimmen die thematische Aufbereitung? Sind dadurch neue Genres entstanden (z. B. Narrativer Journalismus und Storytelling)?
  • Führen Veränderungen der Präsentationslogiken zu einer Veränderung journalistischer (Nachrichten-)Sprache? Zieht beispielsweise durch Tendenzen zur Boulevardisierung und Personalisierung zunehmend die Alltagssprache in Print- und elektronische Medien ein? Gibt es aufgrund der Diversifizierung des publizistischen Marktes (z. B. Very-Special-Interest-Zeitschriften) und der Segmentierung des Publikums in Informationssucher und Intensivnutzer von Unterhaltungsangeboten einen stärkeren Einfluss von Jargons auf der einen und Fachsprachen auf der anderen Seite?
  • Was bedeuten die oben skizzierten Entwicklungen für die normativen Funktionen des Journalismus? Kann er unter diesen Bedingungen noch die Anforderungen nach objektiver Information und Reduktion von Komplexität erfüllen?
  • Wie steuern die neuen Erzähltechniken, Präsentationsstile und Formate die Aufmerksamkeit des Publikums? Wie nimmt das Publikum wahr, was die Medien als Realität präsentieren? Ist die Logik der Medien auch die Logik des Publikums?

Abgabeschluss ist der 4. Oktober 2010. Zum vollständigen Call geht es hier!

Joseph Roth, Journalist

An den Schriftsteller Joseph Roth erinnert man sich vor allem wegen seiner Romane “Hiob” (1930) und  “Radetzkymarsch” (1932). Dass der 1939 im Pariser Exil verstorbene Österreicher jedoch auch ein beachtliches journalistisches Werk hinterlassen hat, wissen heute nur die wenigsten. Dabei war Roth in der Zwischenkriegszeit einer der bekanntesten (und auch bestbezahlten) Feuilletonisten und Reporter — unter anderem für die renommierte “Frankfurter Zeitung”, aber auch für den Wiener “Neuen Tag”, die “Neue Berliner Zeitung”, den “Berliner Börsen-Courier”, den “Vorwärts” und viele andere Publikationen. Dass sich die zuständigen Wissenschaften bislang kaum für den Journalisten Joseph Roth interessiert haben, verwundert somit. Gleichzeitig passt es jedoch ins Bild: In der Germanistik war es lange Zeit verpönt, auch tagesschriftstellerische Produkte in den Fokus zu rücken, während in der Journalistik bis heute eine gewisse Aversion gegen “publizistische Persönlichkeiten” (Dovifat) zu spüren ist, weswegen Journalismus mit Werkcharakter in der Analyse meist außen vor bleibt.

Das dreitägige Symposium “Joseph Roth und die Reportage“, das gestern in Dortmund zu Ende ging, musste daher fast wie eine Art Offenbarung wirken. Umso bedauerlicher ist es, dass die Veranstaltung mit rund zwei Dutzend Teilnehmern im wissenschaftlichen Programm eher mäßig besucht war. In neun Fachvorträgen rückten die Referenten auf Einladung von Thomas Eicher (Melange e.V.) und der Auslandsgesellschaft NRW mit der Reportage eine Darstellungsform in den Mittelpunkt, die für Roths journalistisches Schaffen wesentlich war. Dabei konnten einige Besonderheiten der Roth’schen Prägung dieses Genres herausgearbeitet werden:

Ein zentrales Charakteristikum der Reportagen Joseph Roths ist die teilweise radikale Subjektivität, die in den Texten zum Tragen kommt. Dies macht sich nicht nur in programmatischen Statements des Autors bemerkbar (”Objektivität ist Schweinerei”), sondern natürlich auch bei der Lektüre der Reportagen selbst. So zeigte beispielsweise Manfred Müller (Wien) mit seiner Analyse der Textfolge “Reise nach Galizien”, für die Roth 1924 seine altösterreichische Heimat besucht hatte,  dass die enthaltenen Beiträge in hohem Maße emotional aufgeladen sind und teilweise offen für die Bevölkerung vor Ort Partei ergreifen. Auch Achim Küpper (Lüttich) interessierte sich für das Heimatverständnis Joseph Roths. Er arbeitete heraus, dass sich das Konzept der Unbehaustheit wie ein Grundmotiv durch Roths Reportagen zieht. Interessant ist dabei auch, dass Roth in seinen Texten zwar häufig einen Ich-Erzähler auftreten lässt, dieser jedoch nicht immer mit dem Autor der Texte gleichzusetzen ist. Die Maskierung des eigenen Ichs mit Hilfe eines fiktiven Erzählers ist eine weitere Konstante in Roths journalistischen Arbeiten. Sie ist ein erneuter Beleg für Roths bewusstes Spiel mit der Subjektivität, die seine Reportagen deutlich von den Texten des frühen Egon Erwin Kisch, einem Zeitgenossen Roths, abheben.

Diese Tendenz zur Fiktionalisierung bedeutet jedoch nicht eine Abkehr von der sozialen Realität. Im Gegenteil: Sigrid Newman (Köln) machte in ihrem Vortrag u. a. deutlich, dass die “minutiöse Beobachtung der Wirklichkeit” ein zentrales Anliegen des Journalisten Roth ist. Thomas Düllo (Berlin) verglich Roths Vorgehen dabei jedoch eher mit dem eines Ethnographen, der Repräsentationen des Fremden und Anderen häufig ins Allegorische wende, ohne dabei das Dingliche aus den Augen zu verlieren. Diese Spannung zwischen Allegorik und Materialität sei typisch für Roths Realitätsvermittlung und mache einen besonderen Reiz seiner Reportagen aus.

Die anderen Referenten wiesen auf weitere typische Darstellungstechniken des Reporters Roth hin: Sigrid Newman untersuchte einige ausgewählte Beiträge anhand der Kennzeichen einer literarischen Reportage nach Diana Kuprel (”creative subjectivity”, “truth claims”, “participation”, “explicit implication of the audience”, “hybrid style” und “allusiveness”) und stellte fest, dass sich bei Roth ein zusätzliches wiederkehrendes Merkmal finde: die Technik der “Heuristic Visuals”, d. h. der Einbau eindrücklicher visueller Repräsentationen, die den Leser provozieren und ihn damit in den Text hineinziehen sollen. Jürgen Heizmann (Montreal) spürte in Roths Industriereportagen eine wirkungsmächtige Raumsymbolik auf, die der Autor auch dafür nutzt, um seine eigenen Befindlichkeiten in den Erzähltext einzuschleusen. Helen Chambers (St. Andrews) verglich die literarischen Techniken in den Reportagen Roths und Theodor Fontanes und konnte dabei viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede feststellen. Fritz Hackert (Tübingen) thematisierte u. a. Roths Verwendung satirischer Elemente in dessen Gerichtsreportagen.

Roths freier und kreativer Umgang mit dem Genre der Reportage legte die Frage nahe, ob es in seinem Falle überhaupt noch zulässig ist, von der Umsetzung distinkter journalistischer Darstellungsformen zu sprechen. Einige der Referenten meldeten hier Skepsis an: Mirella Carbone (Sils Maria) untersuchte Roths Filmrezensionen und stellte fest, dass auch diese sich als literarische Reportagen lesen lassen und somit als hybride Texte gelten müssten. Auch Eric Jarosinski (Philadelphia) interpretierte Roths Texte als Hybridformen, die zwar meist auch Reportageelemente enthielten, in vielen Fällen jedoch deutlich darüber hinausgingen, vor allem wenn es darum gehe, Themen zu reflektieren, die sich der Beobachtung entziehen. Am deutlichsten formulierte es Manfred Müller. Am Ende seiner Analyse von Roths “Reise nach Galizien” resümierte er: “Mit Journalismus […] hat dieser Text wenig bis gar nichts zu tun. […] Es ist großartige fiktionale Prosa.”

Ist Joseph Roth letztlich also doch kein Journalist? Dies als Fazit aus der Tagung herauszudestillieren, wäre sicherlich ein Fehler. Über 3.000 Buchseiten benötigen Fritz Hackert und Klaus Westermann in der von ihnen besorgten Werkausgabe, um “Das journalistische Werk” Roths zu versammeln. Allein dies ist schon Beleg genug dafür, dass Roth nicht nur irgendein Journalist war, sondern ein äußerst produktiver (und in vielen Fällen auch begnadeter) noch dazu. Die besondere Faszination seiner journalistischen Beiträge ist es, dass sie sich eben nicht in gängige formale Darstellungsschemata fügen lassen, sondern gezielt aus ihnen ausbrechen, um ihre Beschränktheit zu überwinden. Dies wäre, nachdem bei der Dortmunder Tagung die Perspektive der Germanistik und ihre Deutung der Reportage als Teil der Literaturgeschichte dominierten, auch ein Grund für die Journalistik, sich mit Roth zu befassen und von ihm zu lernen. Der Blickwinkel einer (sozialwissenschaftlich orientierten) Journalistik könnte auch helfen, die textuelle und biographische Fixiertheit der bisherigen Forschung zu überwinden und statt dessen die gesellschaftliche Bedeutung eines literarischen Journalismus Roth’scher Prägung präziser herauszuarbeiten, als das bislang geschehen ist. So begrüßenswert und ertragreich die Tagung auch war — die Erforschung des Journalisten Joseph Roth steht erst am Anfang.

Neue Fachzeitschrift: “Literary Journalism Studies”

ljs.jpgAlle reden vom großen Zeitungssterben, doch auch in Zeiten der Krise kommen in den USA dann und wann spannende neue Print-Publikationen auf den Markt. Im vorliegenden Fall handelt es sich zwar “nur” um eine wissenschaftliche Fachzeitschrift — über ihr Ersterscheinen habe ich mich aufgrund des besonderen thematischen Zuschnitts aber umso mehr gefreut. In der vergangenen Woche lag die “Inaugural Issue” der Zeitschrift “Literary Journalism Studies” (LJS) in meinem Briefkasten. Als Zentralorgan der International Association for Literary Journalism Studies (IALJS), deren Mitglied ich seit einiger Zeit bin, versteht sie sich laut “Mission Statement” als

international, interdisciplinary peer-reviewed journal that invites scholarly examinations of literary journalism, a genre also known by different names around the world as literary reportage, narrative journalism, the New Journalism, nuevo periodismo, reportage literature, literary nonfiction, creative nonfiction, and narrative nonfiction, among others. Published in English but directed at an international audience, the journal welcomes contributions from different cultural, disciplinary, and critical perspectives. To help establish comparative studies of the genre, the journal is especially interested in examinations of the works of authors and traditions from different national literatures not generally known outside their countries.

Da die Erforschung des literarischen Journalismus international noch in den Kinderschuhen steckt, ist die Neugründung ein unbedingt begrüßenswerter Schritt. Sie verspricht eine längst überfällige Professionalisierung der bisher noch recht disparaten Aktivitäten auf diesem Gebiet. Eine solche Professionalisierung erscheint gerade zum jetzigen Zeitpunkt besonders wichtig, da der gängige Nachrichtenjournalismus der etablierten Massenmedien vielerorts auf der Probe steht und alternative Berichterstattungsmuster, so auch narrativ-literarische, nachweislich zunehmen.

Momentan liegen im Forschungsfeld “Literarischer Journalismus” jedoch noch viele Dinge brach. Das macht auch Norman Sims (Amherst, MA) in seinem programmatischen Essay in der ersten LJS-Ausgabe (”The Problem and the Promise of Literary Journalism Studies”) deutlich. Er fordert eine stärkere Internationalisierung der Forschung, um die unterschiedlichen nationalen Manifestationen des literarischen Journalismus identifizieren und angemessen vergleichen zu können. Zugleich ist ihm wichtig, die Erzeugnisse dieses journalistischen Genres auch in einen möglichst breiten historischen Kontext einzuordnen, denn die verbreitete Annahme, literarischer Journalismus sei im Wesentlichen mit dem US-amerikanischen New Journalism der 1960er und -70er Jahre gleichzusetzen, greift sicherlich zu kurz. Überdies weist Sims auf die noch unzureichende Auseinandersetzung mit der “reality boundary” des Genres hin, d.h. das Problem der teilweise unklaren Grenzen zwischen Fakten und Fiktion. Als angemessene Herangehensweise empfiehlt er den Ansatz der Cultural Studies, allerdings ohne näher auf die Vor- und Nachteile gegenüber anderen Theorie-Optionen einzugehen. Hier wird zwischen den Zeilen ein weiteres zentrales Problem der Erforschung eines literarischen Journalismus offenkundig: die bislang unzureichende theoretische Grundierung bisheriger Studien und — daraus resultierend — ihre mangelnde Anschlussfähigkeit an die weitere Journalismusforschung.

Neben dem Essay von Norman Sims finden sich in der “Inaugural Issue” von LJS vier Fachaufsätze, die immerhin die Forderung nach einer internationalen Ausrichtung der Forschung gut umsetzen: Isabel Soares (Lissabon) beschäftigt sich mit den Arbeiten des portugiesischen Journalisten Miguel Sousa Tavares und arbeitet an seinem Beispiel die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von literarischem Journalismus und Reiseberichterstattung heraus. Robert Alexander (St. Catharines, Ontario) spürt — unter Rückgriff auf Freud — dem Motiv des “Doppelgängers” in den Texten US-amerikanischer Literarjournalisten nach. Bill Reynolds (Toronto) rekonstruiert die journalistische Biographie Tom Hedleys und diskutiert seine Bedeutung für den kanadischen New Journalism. Der einzige im engeren Sinne komparative Beitrag ist jedoch der von Beate Josephi (Mount Lawley, Australien) und Christine Müller (Iserlohn): Sie vergleichen den literarischen Journalismus in Deutschland und Australien — und kommen zu dem Schluss, dass unterschiedliche rechtliche und berufsethische Rahmenbedingungen in den beiden Ländern zu deutlich divergierenden Traditionen im Umgang mit diesem Genre geführt haben. Leider bleibt das methodische Vorgehen der beiden Autorinnen weitgehend im Dunkeln, sodass sich die Herleitung dieses (an sich sehr interessanten) Befundes nicht vollständig erschließt.

Eine Besonderheit der neuen Zeitschrift ist die Zielsetzung, in jeder Ausgabe ein Beispiel für literarischen Journalismus abzudrucken — jeweils begleitet durch eine kurze wissenschaftliche Einordnung. Den Anfang machen in Heft 1 des ersten Jahrgangs Michael und Elizabeth Norman, die einen Auszug aus ihrem im Juni erscheinenden Buch “Tears in the Darkness: The Story of the Bataan Death March and Its Aftermath” präsentieren. Abgerundet wird LJS durch einen Rezensionsteil, in dem nicht nur wissenschaftliche Arbeiten über literarischen Journalismus besprochen werden sollen, sondern auch journalistische Originalerzeugnisse.

Zwar erscheint mir die Qualität vor allem der Fachaufsätze gegenwärtig noch ausbaufähig. Trotzdem ist es schön, dass das schon länger diskutierte Zeitschriftenprojekt der IALJS nun endlich Früchte trägt. Die Veröffentlichung des ersten Heftes ist ein wichtiger Meilenstein für die verstreute Community der Forscher, die sich mit dem vernachlässigten Genre des literarischen Journalismus befassen. Ich freue mich schon jetzt auf die Herbstausgabe!

Steckt der Online-Journalismus in der Aktualitätsfalle?

Das Institut für Journalistik beteiligt sich heute und morgen mit einer Vertiefungsveranstaltung am Studium Fundamentale der TU Dortmund. Das übergreifende Thema unseres Blockseminars lautet “Beschleunigte Informationsprozesse und Journalistische Qualität”. Auch ich habe am heutigen Veranstaltungstag einen Vortrag beigesteuert: “Qualitätssicherung auf der Datenautobahn — Steckt der Online-Journalismus in der Aktualitätsfalle?” Hier kommen nun — wie versprochen — die Folien zu meiner Sitzung:

Den Veranstaltungsteilnehmern sei an dieser Stelle noch einmal herzlich für ihre aufmerksame Mitarbeit gedankt. Falls es nachträglich noch Rückfragen oder Anmerkungen gibt: Ab damit nach unten in die Kommentare! ;)

Hat die Inverted Pyramid ausgedient?

weldon.jpgDas Inverted-Pyramid-Prinzip, demzufolge alle wichtigen Informationen eines Ereignisses bereits im ersten Satz einer journalistischen Meldung beantwortet werden sollen, galt lange Zeit als ureigenstes Merkmal des modernen Nachrichtenjournalismus. Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass die Bedeutung der traditionellen Nachrichtenform zurückgeht. Aus meiner regelmäßigen Zeitungslektüre meinte ich schon häufiger schließen zu können, dass mehr und mehr narrative Darstellungsformen Einzug in die Berichterstattung erhalten, während klassische Nachrichten abnehmen. Empirisch fundiert habe ich diese Vermutung nie.

Das hat für den US-amerikanischen Zeitungsjournalismus nun Michele Weldon nachgeholt. In ihrem Buch “Everyman News” trägt sie Ergebnisse einer Inhaltsanalyse von 20 unterschiedlichen US-amerikanischen Tageszeitungen zusammen. Ihre Daten zeigen, dass sich das Verhältnis von Inverted-Pyramid-Nachrichten und erzählenden Darstellungsformen auf den Titelseiten der Zeitungen im Verlauf dieses Jahrzehnts deutlich gewandelt hat: Während 2001 noch 65% der Texte “hard news” waren, traf das 2004 nur noch auf 50% zu. Demgegenüber stieg der Anteil an Features. Die weiterführende Analyse der untersuchten Beiträge macht deutlich, dass sich auch die Quellenlage der Journalisten gewandelt hat: 2004 wurden deutlich mehr inoffizielle Quellen (d. h. solche, die nicht einer staatlichen Institution, einem Unternehmen o. ä. zuzuordnen sind) verarbeitet als noch 2001. Dementsprechend orientierten sich auch die Inhalte der Texte mehr an persönlichen Geschichten einzelner Personen und waren somit näher an den Alltagserfahrungen der Durchschnittsleser. Weldon schlussfolgert: US-amerikanische Zeitungen sind keine “newspapers” mehr, sie seien zu “story papers” geworden. Damit einher geht ein Abschied vom klassischen Gatekeeper-Journalismus, der einem neuartigen “everyman journalism” weiche:

„Everyman and everywoman news is reporting through the eyes of nondeliberate, accidental newsmakers, unofficial sources – the recipients, the customers in line at the movies, not the stars on the red carpet.“ (Weldon 2008: 28f.)

Interessant finde ich, dass Michele Weldon den beschriebenen Wandel in der journalistischen Darstellungshaltung nicht ausschließlich auf den zunehmenden Einfluss Weblogs und Bürgerjournalismus (von der Autorin etwas abfällig als “Chicken Little Journalism” bezeichnet; vgl. Weldon 2008: 9) zurückführt. Darüber hinaus diagnostiziert sie eine allgemeine Sensibilisierung und Humanisierung US-amerikanischer Journalisten, vor allem in der Folge von 9/11. Den narrativen Ansatz begreift sie dabei als “A New Way to Portray Grief” (Weldon 2008: 94). Er könne eine ähnliche Wirkung entfalten wie die narrative Therapie in der Psychologie — Freuds Katharsis-Theorie lässt grüßen.

Diese Auslegung mag man teilen oder nicht. Fest steht, dass Weldon mit ihrer Studie spannende quantitative Daten vorlegt, die dabei helfen können, die gegenwärtige Entwicklung des Nachrichtenjournalismus einzuordnen. Die Befunde zeigen, dass die klassische Nachrichtenform zwar nicht ausgedient hat, aber auch nicht mehr als unangefochtenes Paradigma der Mainstream-Berichterstattung gelten kann. Für den deutschen Sprachraum sind mir entsprechende Erhebungen bislang nicht bekannt. Ich vermute jedoch, dass sich hierzulande ein ähnlicher Trend feststellen ließe. Ein Grund mehr für die deutsche Journalismusforschung, dem Phänomen des narrativen Journalismus endlich mehr Beachtung zukommen zu lassen.

Wer die lesenswerte und auch stilistisch elegante Arbeit von Michele Weldon nicht greifbar hat, sei auf die vorbildlich gestaltete Website und auf das Weblog zum Buch verwiesen. Hier finden sich u. a. einige der Originaldaten aus der Studie, teilweise sogar in aktualisierter Form.

Literatur:

Weldon, Michele (2008): Everyman News. The Changing American Front Page. Columbia, London: University of Missouri Press.

Blogging als Erzähljournalismus: “reporting in its natural state”

Mitte März fand in Boston die diesjährige Nieman Conference on Narrative Journalism statt. Das Programm war — wie immer — beneidenswert. Ein besonders positives Echo hat im Nachhinein die Präsentation von Josh Benton, Kolumnist bei den Dallas Morning News und derzeit Nieman Fellow an der Harvard University, gefunden. In seinem Vortrag mit dem Titel “Blogging for Story: Telling tales in a format designed for the info-nugget” stellte er Verbindungslinien zwischen der Blog-Publizistik und verschiedenen (historischen) Formen des narrativen Journalismus her. Unter den Zuhörern war auch Roy Peter Clark, der dem Referenten anschließend eine begeisterte Kolumne widmete. Die Begeisterung ist nachvollziehbar, denn Bentons Konzept hat seinen Charme:

Laut Benton haben Blogging und Erzähljournalismus viele Gemeinsamkeiten. Beide stellten ein besonders brauchbares Vehikel zur Vermittlung von persönlichen Beobachtungen und Emotionen dar, die im konventionellen Nachrichtenjournalismus in der Regel unter den Tisch fallen. Durch ihre Lebendigkeit und Authentizität seien sie in der Lage, den Leser zu fesseln. Dadurch erreichten sie einen besonders hohen Grad an Interessantheit. Im Nachrichtenjournalismus hingegen falle der entsprechende Kennwert eher niedrig aus. Dessen Wirkungsmacht sei daher begrenzt.

Unterschiede zwischen Blogging und narrativem Journalismus sieht Benton vor allem auf der Zeitleiste: Wenn Blogger als Augenzeugen auftreten, können sie ihre Erlebnisse und Beobachtungen mit Hilfe moderner Technik quasi in Echtzeit publizistisch zu verarbeiten. Durch die schnelle Reaktion seien sie besonders glaubwürdig, weil die Gefahr der Verfälschung auf ein Minimum reduziert werde. Klassischer Erzähljournalismus brauche hingegen mehr Zeit. Bis Journalisten das narrative Pontenzial eines Themas erkennen, seien die damit verbundenen Ereignisse bereits Vergangenheit. Durch die erzählende Darstellung werde die Berichterstattung zwar in der Regel interessanter als im konventionellen Journalismus. Der Reiz des Gegenwärtigen aber fehle. Hier seien Blogs also im Vorteil.

Wie Roy Peter Clark zeigt, sind die skizzierten Zusammenhänge auch grafisch darzustellen: in Form der “Benton Curve of Journalistic Interestingness”. Dieser Graph ist letztlich ein Plädoyer für die Rückkehr zur Augenzeugen-Berichterstattung, die in der Tradition des narrativen Journalismus einstmals eine bedeutende Rolle gespielt hat, in der jüngeren Vergangenheit aber aufgrund der Dominanz des Nachrichten-Paradigmas ins Hintertreffen geraten ist. Benton bezeichnet diese Art der Berichterstattung (unter Rückgriff auf James Fenton) als “reporting in its natural state”. Sie ist für ihn die Idealvorstellung eines modernen Erzähljournalismus.

Etwas zu kurz kommen mir in der Darstellung (zumindest in der Zusammenfassung bei Roy Peter Clark) die Verweise auf mögliche Defizite eines journalistischen Live-Blogging. So dürften vor allem Qualitätsmerkmale wie (Sachliche) Richtigkeit und Vollständigkeit unter einer möglichst schnellen publizistischen Verarbeitung leiden. Nichtsdestotrotz halte ich das Konzept von Josh Benton für bedenkenswert. Es ist ein einleuchtender Versuch, theoretische Verbindungslinien zwischen Blogging und Erzähljournalismus zu ziehen. Nicht nur die Journalismusforschung, auch die journalistische Praxis kann davon profitieren. (via)

Auf der Suche nach dem Universalspezialisten

Welchem Journalistentyp gehört die Zukunft: dem Generalisten oder dem Spezialisten? Diese Frage stand im Zentrum einer Tagung der Fachgruppe „Journalistik und Journalismusforschung“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), die am vergangenen Wochenende auf Einladung von Beatrice Dernbach an der Hochschule Bremen stattfand.

Dass eine einfache Antwort darauf kaum möglich ist, verdeutlichte Siegfried Weischenberg (Hamburg) gleich zu Beginn der Veranstaltung. „Ein Zuviel an Spezialisierung kann in die Karrierefalle führen“, sagte er vor rund 80 Tagungsteilnehmern. Allerdings: Generalisten hätten es auch nicht einfacher. Sie sehen sich mit einer fortschreitenden Entgrenzung und Entdifferenzierung des Journalismus konfrontiert, durch die es für sie immer schwieriger werde, sich zu positionieren. Für viele Journalisten stelle sich daher die (Sinn-)Frage: „Nischendasein oder Nichtsein?“ Einen Ausweg aus diesem Dilemma konnte auch Weischenberg nicht aufzeigen und verwies zur Klärung hoffnungsvoll auf das facettenreiche Programm der Tagung.

Dieses näherte sich dem Thema „Spezialisierung im Journalismus“ zunächst auf der theoretischen Ebene. Margreth Lünenborg (Berlin) versuchte, die Phänomene Spezialisierung und Entdifferenzierung aus der Sichtweise der Cultural Studies einzuordnen. Sie forderte dazu auf, Medienangebote in erster Linie als kulturelle Ausdrucksweisen zu verstehen und die Journalismusforschung auf das gesamte journalistische Repertoire zu erweitern – auch und gerade auf die neu entstehenden hybriden Darstellungsformen, die bislang noch kaum untersucht seien.

Einen gänzlich anderen Zugang wählte Alexander Görke (Münster). Er ordnete den Trend zur Hybridisierung als evolutionäre Systemstrategie ein, deren Ursachen vor allem im gesellschaftlichen Wandel zu suchen seien. Ob sich diese Strategie evolutionär bewähren könne, sei noch unklar. Allerdings sei es nicht gerechtfertigt, Hybridisierungstendenzen per se als dysfunktional zu bewerten.

Neben diesen theoretischen Herangehensweisen bot die Tagung auch Einblicke in verschiedene empirische Forschungsarbeiten. Daniel Nölleke (Münster) berichtete über sein Dissertationsprojekt, in dem er untersucht, wie und unter welchen Bedingungen Experten in die journalistische Berichterstattung eingebunden werden. Sein Fazit nach verschiedenen Leitfadeninterviews mit Nachrichtenjournalisten: Nicht allein die (Sach-)Kompetenz eines Experten sei das entscheidende Auswahlkriterium, daneben spielten viele andere Faktoren wie etwa Prominenz, Medientauglichkeit, Erreichbarkeit, Authentizität usw. eine wichtige Rolle.

Auch Andreas Eickelkamp (Berlin) präsentierte einige Ergebnisse aus seiner Dissertation. Ihn interessierte die Frage, ob und inwieweit Rezipienten nutzwertjournalistische Angebote als solche erkennen und wie sie sie bewerten. Eine Inhaltsanalyse ausgewählter Nutzwert-Beiträge mit anschließender Befragung von Testlesern zeigte: Die Erhebungsteilnehmer waren sehr wohl in der Lage, nutzwertbezogene Aussagen von anderen Aussagen zu unterscheiden. Es wurde sogar zwischen unterschiedlichen nutzwertjournalistischen Dimensionen (Anleitung/Aufforderung, Hinweis/Orientierung, Problem/Warnung) differenziert.

Urs Dahinden (Zürich) und Vinzenz Wyss (Winterthur) hatten sich in einem größeren Forschungsprojekt mit dem Thema „Religion im Journalismus“ auseinandergesetzt. Sie berichteten, dass Religionsberichterstattung in der Schweiz nur schwach institutionalisiert sei und von Spezialisierung in diesem Falle kaum die Rede sein könne. Religion tauche in den Medien vor allem als „Parasit“ von „Wirtthemen“ auf, insgesamt seien die Thematisierungschancen eher gering.

Über die „Kommunikationsberufe im Wandel“ sprachen Joachim Preusse und Jana Schmitt (Münster). Sie hatten gemeinsam mit Ulrike Röttger Leitfadeninterviews mit Vertretern aus PR, Marketing/Werbung und Journalismus durchgeführt, um herauszufinden, wie sich diese Berufsfelder gegenwärtig verändern. Als prägende neue Einflüsse wurden u. a. ein steigendes Informationsaufkommen, ein erhöhter Zeitdruck und ein Trend zur Crossmedialität identifiziert. Interessant mit Blick auf das Tagungsthema: Der Erhebung zu Folge sind Generalisierung und Spezialisierung parallel ablaufende Prozesse, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Der Trend gehe vielmehr in Richtung Universalspezialistentum – was auch immer das praktisch bedeuten mag.

Eine weitere Variante der Spezialisierung thematisierte Sonja Kretzschmar (Münster) mit ihrem Vortrag über mobile journalistische Angebote wie die „Tagesschau in 100 Sekunden“. Aus ihrem Vergleich von Rundfunk- und Online-Angeboten mit ihren mobilen Pendants folgerte sie: „News to go“ seien auf dem besten Wege, sich zu etablieren, und würden damit veränderte Anforderungen an die journalistischen Qualifikationsprofile stellen. Vorerst könnten sie aber nicht mehr sein als ein Nischenmedium, zumal die Technik noch nicht voll ausgereift sei und Marketing- bzw. Finanzierungskonzepte bislang noch nicht vollends überzeugen.

Wie der sich wandelnde Journalismus in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, berichteten Anna-Maria Schielicke und Sandra Degen (Dresden) unter Anleitung von Wolfgang Donsbach und Elvira Steppacher. Nach einer telefonischen Befragung von mehr als 1000 Jugendlichen und Erwachsenen resümierten sie, dass in der Bevölkerung kein klares Konzept von Journalismus und journalistischer Qualität vorherrsche. Besonders herausgestellt wurde der Befund, dass sich für die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen keine Präferenz für Boulevard-Themen und Soft News nachweisen ließe.

Da nicht alle Forschungsbeiträge expliziten Bezug auf das Thema „Spezialisierung im Journalismus“ nahmen, hatten die Veranstalter auch einige Journalisten eingeladen, um über sie einen direkten Zugriff auf die Leitfrage der Tagung zu ermöglichen. Die Praktiker berichteten in einem gemeinsamen Panel über ihre redaktionellen Alltagserfahrungen. Lebhaft diskutiert wurde u. a. die berufsethische Frage, inwiefern sich Fachjournalisten in die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen oder Institutionen begeben dürfen, um über sie berichten zu können.

Kaum weniger intensiv war die Diskussion im Anschluss an die Referate von Annette Leßmöllmann (Darmstadt), Christoph Moss (Dortmund) und Stefan Korol (Bonn-Rhein-Sieg), die die Konzepte der fachjournalistischen Ausbildung an ihren Hochschulen erläuterten. In Reaktion darauf wurde im Plenum die Frage aufgeworfen, was wichtiger sei: eine grundständige Journalistenausbildung im Sinne einer möglichst breiten Kompetenzbildung oder eine frühzeitige Spezialisierung auf ein bestimmtes Themengebiet?

Dass auf diese Frage letztlich keine eindeutige Antwort gefunden werden konnte, mahnte auch Christoph Neuberger (Münster) in seinem Fazit am Ende der Tagung an. Er formulierte einige Anregungen für künftige Forschung, die deutlich machten: Das Thema Spezialisierung wird die Journalistik auch nach der Bremer Tagung noch beschäftigen (müssen).

(Eine geraffte Fassung dieses Beitrags erscheint in Heft 1/2008 des Journalistik Journals.)