Im kommenden November findet in Mainz die nächste Tagung der DGPuK-Fachgruppe “Computervermittelte Kommunikation” statt. Ziel ist es, “Forschungen, die sich mit der Vergangenheit der Computervermittelten Kommunikation beschäftigen, und Forschungen zu aktuellen Entwicklungen und Ergebnissen, zur Zukunft des Fachs und seiner Forschungsgegenstände zusammenzuführen”, wie es im nun vorliegenden Call for Papers heißt. Vortragsvorschläge können bis zum 9. Juli 2010 eingereicht werden. Weitere Details im vollständigen CfP.
Tag-Archiv für 'cvk'

Gestern und vorgestern fand an der Universität Bremen die 54. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft statt. Unter dem Titel „Medienkultur im Wandel“ boten sich den fast 400 Tagungsteilnehmern über 100 unterschiedliche Fachvorträge – mal mehr, mal weniger offensichtlich mit dem Tagungsthema verbunden. Einen repräsentativen Überblick über die Veranstaltung zu geben, ist angesichts der Vielzahl der Präsentationen kaum möglich. Auf ein paar instruktive Papers möchte ich aber dennoch kurz hinweisen. Ich beschränke mich dabei auf den Bereich der Journalismusforschung, obgleich dieser im gesamten Tagungsspektrum freilich nur einen kleinen Teil einnahm.
Als sehr anregend habe ich beispielsweise den Vortrag von Bernd Blöbaum empfunden. Er präsentierte Ergebnisse aus einem zweisemestrigen Münsteraner Lehrforschungsprojekt. Gemeinsam mit Studierenden hatte er biographische Interviews mit 36 Journalisten, PR-Praktikern und Werbern durchgeführt, um deren Karriereverläufe miteinander vergleichen zu können. Dabei ließen sich gemeinsame Ausgangspunkte (z.B. vielfältige Mediennutzung in den Herkunftsfamilien, in der Schule Präferenz für das Fach Deutsch, Engagement für Schülermedien usw.) und ähnliche Berufseinstiege (in der Regel über Praktika, Traineeprogramme, Volontariate usw.) in allen drei Arbeitsfeldern feststellen. Die weiteren Berufsverläufe erwiesen sich jedoch als sehr unterschiedlich: Während Journalisten ihrem Medium häufig treu bleiben, ist bei PR-Beratern ein Wechsel vom Journalismus in die Public Relations nicht unüblich, wohingegen vor allem Werber viele unterschiedliche berufliche Stationen durchlaufen. Diese und weitere Ergebnisse der explorativen Studie sind inzwischen als Buch publiziert. Spannend sind sie unter anderem deswegen, weil sie für die Gruppe der Journalisten ähnliche Befunde wie die JouriD-Studien von Siegfried Weischenberg und anderen zu Tage fördern – allerdings mit einer völlig anderen methodischen Herangehensweise.
Thomas Hanitzsch stellte neue Ergebnisse aus dem breit angelegten international vergleichenden „Worlds of Journalisms“-Projekt vor. Anhand von standardisierten Interviews mit je 100 Journalisten aus 19 Ländern, einer Datenrecherche zu ihren Medienorganisationen sowie einer Analyse der Länderkontexte auf Systemebene konnte er verschiedene globale journalistische Milieus identifizieren: den neutralen Publikumsdienstleister, den antiautoritären Meinungsmacher, den kritisch-distanzierten Kontrolleur, den opportunistischen Facilitator und den konstruktiven Weltveränderer. Während die ersten drei Kategorien vor allem in westlichen Journalismuskulturen anzutreffen sind, sind die Typen 4 und 5 typisch für Transformationsgesellschaften. Die Präsentation von Thomas Hanitzsch beeindruckte nicht nur mit einer bemerkenswerten komparativen Datenbasis, sondern auch aufgrund ihrer konsequenten Anwendung der Feldtheorie Pierre Bourdieus auf den Untersuchungsgegenstand Journalismus.
Dass die Feldtheorie für die Erforschung des Journalismus einige interessante Optionen bereithält, zeigte auch der Vortrag von Claudia Riesmeyer. Sie interessierte sich für den Arbeitsalltag von deutschen Auslandskorrespondenten und konnte mit Hilfe von 90 Tiefeninterviews einige spannende Ergebnisse generieren. Auf die zahlreichen Detailbefunde kann ich hier aus Platzgründen nicht eingehen. Einleuchtend und deswegen erwähnenswert finde ich aber vor allem ihren resümierenden Rückbezug der erhobenen Daten auf die Feldtheorie: Der langjährige Erwerb von journalistischem Kapital ist demnach eine wesentliche Zugangsvoraussetzung für eine Tätigkeit als Auslandskorrespondent – man muss sich erst „hocharbeiten“, um einen der begehrten Arbeitsplätze im Ausland zu bekommen. Gleichzeitig ist der Korrespondent für sein Muttermedium ein wesentliches Qualitätsmerkmal. Seine Präsenz vor Ort suggeriert den Status von Exklusivität – und stellt für das Medium damit einen Trumpf im journalistischen Feld dar. Dass viele Korrespondenten aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse de facto gar nicht in der Lage sind, vor Ort ein adäquates Themenmanagement zu betreiben (und auch das belegen die Daten von Claudia Riesmeyer), scheint dabei nebensächlich.
Dass es um die Qualität der Auslandsberichterstattung auch bei renommierten Qualitätsmedien nicht zum Besten steht, demonstrierte die Präsentation von Esther Kamber und Kurt Imhof. Sie hatten – synchron und diachron – die außenpolitische Berichterstattung der NZZ, der FAZ und des „Guardian“ in den Jahren 1980, 1990 und 2005 miteinander verglichen. Dabei konnten sie einige Tendenzen des Wandels aufzeigen: Die analysierten Beiträge speisten sich zuletzt aus weniger Informationskanälen, gleichzeitig ließen sich mehr Agenda-Setting-Kaskaden feststellen. Auffällig war zudem das verstärkte Eindringen von nicht-politischen Inhalten (vor allem Human Interest) und ihren eher emotionalen Rationalitätsdimensionen in die außenpolitische Berichterstattung. Hier wurde der „Guardian“ als Vorreiter ausgemacht – möglicherweise in Folge der verstärkten Newsdesk-Orientierung in dessen Stammredaktion.
Dem Einfluss neuer Medientechnologien auf den britischen Nachrichtenjournalismus spürte Tamara Witschge näher nach. Über Leitfadeinterviews in verschiedenen regionalen und überregionalen Medienhäusern wies sie nach, dass unter Journalisten mittlerweile ein allgemeiner Konsens über die zunehmende Bedeutung des Internets vorherrscht. Die langfristigen Auswirkungen auf den Journalistenberuf werden jedoch höchst unterschiedlich interpretiert: Eine Gruppe von Traditionalisten ist davon überzeugt, dass die Profession den technologischen Wandel unbeschadet überstehen wird, während sich das Lager der „believers“ von den neuen Medientechnologien eine nachhaltige Verbesserung des Journalismus erhofft. Diese verschiedenen Sichtweisen sind gegenwärtig oft parallel innerhalb derselben Redaktionen anzutreffen. Sie auszusöhnen, ist laut Tamara Witschge eine der zentralen Aufgaben auf Managementebene.
Dem medialen Diskurs über ein spezifisches Format der Internetöffentlichkeit – nämlich das der Weblogs – ging Christian Nuernbergk auf den Grund. Er präsentierte Teilbefunde aus dem Münsteraner Forschungsprojekt „Journalismus im Internet“. Zentral war für ihn die Frage, wie sich Blogger und Journalisten gegenseitig thematisieren. Eine Inhaltsanalyse von journalistischen und Blogtexten zeigte, dass ein Konkurrenzverhältnis zwischen den beiden Gruppen eher von Journalisten vermutet wird, während Blogger sich häufiger als Kritiker des Journalismus verstehen. Gleichzeitig finden sich jedoch auch Belege für Komplementärbeziehungen. Eine Analyse des medialen Diskurses über Weblogs aus der Netzwerkperspektive machte deutlich, dass die bloggenden Akteure sehr eng miteinander verknüpft sind, die journalistischen hingegen so gut wie gar nicht. Weitere Ergebnisse aus dem Projekt „Journalismus im Internet“ dokumentiert der gerade erschienene Sammelband gleichen Titels, der auf meinem Schreibtisch bereits freudig der Lektüre harrt.
Einen spezifischen Teilbereich der journalistischen Aussagenentstehung nahm Bernhard Pörksen unter die Lupe. In seinem faszinierenden Vortrag thematisierte er den Prozess der Autorisierung von politischen Interviews und die Spannungen, die dabei zwischen den beteiligten Akteursgruppen auftreten können. Als Datenbasis diente ihm ein Lehrforschungsprojekt mit Hamburger Journalistikstudierenden, bei dem journalistische Interviews mit Prominenten durchgeführt (und später auch publiziert) wurden. Die langwierigen Bearbeitungsprozesse vom ersten Gesprächstranskript bis zur autorisierten Endversion interpretierte Bernhard Pörksen als „Inszenierungsabgleich“, bei dem häufig gegenläufige Interessen im Interaktionsfeld von Medien und politischer Prominenz austariert werden. Unter Rückgriff auf die Terminologie Erving Goffmans veranschaulichte er das Impression Management der Interviewer und der Interviewten an verschiedenen Fallbeispielen. Es darf als Glücksfall für die Journalismusforschung betrachtet werden, dass Pörksen das offenbar gut dokumentierte Material aus seinem ursprünglich eher populärwissenschaftlichen Publikationsprojekt nun einer intensiveren Analyse unterzieht, denn üblicherweise bleibt der Wissenschaft der Blick auf die Hinterbühne der beschriebenen Aushandlungsprozesse verstellt.
Neben diesen Präsentationen befassten sich noch verschiedene andere Referenten mit interessanten Fragen der Journalistik, doch leider wurden viele davon in parallelen Panels diskutiert, so dass ich nicht überall dabei sein konnte. (Nähere Informationen dazu hält der Abstract-Band zur Tagung bereit.) Dies ist vielleicht der einzige Wermutstropfen einer ansonsten vorzüglich organisierten Veranstaltung. Vielleicht lassen sich derartige Überschneidungen bei der nächsten Jahrestagung in Ilmenau ja minimieren?
Foto: DGPuK
“Themenscan im Web 2.0″ lautet der Titel eines lesenswerten Aufsatzes in der neuen Ausgabe (Heft 2/2009) der “Media Perspektiven“. Darin untersucht Jan Schmidt gemeinsam mit Beate Frees und Martin Fisch von der ZDF Medienforschung die neuen Öffentlichkeiten im Social Web. Forschungleitend ist für sie die Frage, welche Bedeutung vor allem Weblogs und Social-News-Plattformen für den professionellen Journalismus haben. Ihr Fazit: Soziales Netz und Journalismus stehen durchaus in einem Konkurrenzverhältnis, gleichzeitig entfalten Blogs und Social-News-Plattformen für Journalisten jedoch einen hohen praktischen Nutzwert:
Zwar stehen die klassischen Massenmedien im Web 2.0 in Aufmerksamkeitskonkurrenz zu nichtinstitutionellen Anbietern, die möglicherweise aus Sicht mancher Rezipienten ungerichtete oder konkrete Informationsbedürfnisse sowie thematische und gruppenbezogene Interessen besser befriedigen. Die Inhalte etablierter Medienorganisationen sind allerdings auch ein wichtiger Bestandteil der beschriebenen neuen Themen- und Nachrichtenkreisläufe und machen in vielen Fällen die Mehrheit der aufgegriffenen Inhalte aus. Sie werden dadurch einem erweiterten Personenkreis zugänglich, was durch den Effekt verstärkt werden kann, dass die Position in Suchmaschinen durch die Verlinkung der aufgenommenen Themen erhöht wird. Der zusätzliche Rückkopplungskanal, der über das Feedback auf der eigenen Internetpräsenz hinausgeht, kann zudem Informationen über Relevanz und Beurteilung der eigenen Inhalte beim Publikum liefern. In dieser Hinsicht können die Webangebote der klassischen Massenmedien von Weblogs und Social-News-Plattformen im Web 2.0 auch profitieren. (Schmidt/Frees/Fisch 2009: 58)
Was dies konkret für den journalistischen Alltag bedeutet, zeigen die Autoren mit einem Vergleich ausgewählter Social-News-Plattformen (Digg, Yigg und Wikio) und Blogmonitoring-Dienste (Technorati, Blogpulse, Rivva und Google Blogsearch). Vor allem Letztere können, sofern richtig eingesetzt, im Rechercheprozess ein wichtiges Hilfsmittel sein. Aktuelle Befragungs- und Beobachtungsstudien zeigen jedoch, dass die meisten Journalisten bei der Internetrecherche kaum über eine einfache Google-Suche hinauskommen. Gerade deswegen wäre es wichtig, dass die von Jan Schmidt et al. vermittelten Befunde auch in den journalistischen Redaktionen zur Kenntnis genommen werden. In diesem Sinne halte ich den Aufsatz nicht zuletzt für (angehende) Journalisten für eine wichtige Lektüre.
Literatur:
Schmidt, Jan/Frees, Beate/Fisch, Martin (2009): Themenscan im Web 2.0. Neue Öffentlichkeiten in Weblogs und Social-News-Plattformen. In: Media Perspektiven, Heft 2/2009, S. 50-60. Online unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/02-2009_Schmidt.pdf
An der Hochschule für Philosophie in München fand am Donnerstag und Freitag die Tagung “Web 2.0 — Neue Kommunikations- und Interaktionsformen als Herausforderung der Medienethik” statt. Veranstalter waren die DGPuK-Fachgruppe „Kommunikations- und Medienethik” sowie das “Netzwerk Medienethik“. Dankenswerterweise hat Jan Schmidt die zentralen Erkenntnisse bereits in einem ersten Tagungsbericht zusammengetragen. Ergänzen kann ich an dieser Stelle die Folien zu meinem eigenen Vortrag: Dafür hatte ich gemeinsam mit Horst Pöttker einige Hypothesen zum Themenfeld “Journalistische Recherche im Social Web” anhand einer quantitativen Inhaltsanalyse und verschiedener leitfadengestützter Experteninterviews überprüft. Die Kernbefunde konnte ich in München nun erstmals öffentlich diskutieren. Stichpunktartig lassen sie sich so zusammenfassen:
- Internetquellen generell, aber auch Quellen im Social Web, werden für die journalistische Recherche zunehmend wichtiger.
- Der Einbezug von Web-2.0-Quellen in die journalistische Berichterstattung eröffnet zahlreiche neue Potenziale, kann aber herkömmliche Techniken der (Offline-)Recherche nicht ersetzen.
- Der Einbezug von Web-2.0-Quellen ist gleichzeitig mit verschiedenen ethischen Problemen verbunden, die Journalisten im Recherche-Alltag berücksichtigen müssen.
- Die ethischen Problemdimensionen sind nicht vollständig neu: Die journalistische Berufsethik hält verschiedene grundlegende Handlungsempfehlungen bereit, um ihnen angemessen zu begegnen.
- Die Operationalisierung der gängigen berufsethischen Richtlinien im Kontext des neuen Anwendungsfeldes Social Web scheint bei vielen journalistischen Akteuren noch unzureichend – eine neue Herausforderung für die Journalistenausbildung!
Einige nähere Informationen finden sich in der unten eingebetteten Präsentation — und demnächst dann in der verschriftlichten Fassung des Vortrags!
Soeben erreicht mich der offizielle Call for Papers für die diesjährige Tagung der DGPuK-Fachgruppe “Computervermittelte Kommunikation“. Es handelt sich um eine internationale Gemeinschaftstagung, die in Kooperation mit der ECREA-Sektion “Digital Culture & Communication” und der DGPuK-Fachgruppe “Soziologie der Medienkommunikation” durchgeführt wird. Schauplatz ist am 20. und 21. November 2009 die Universität der Künste in Berlin.
Der inhaltliche Fokus der Veranstaltung wird durch den Titel (”Digital Media Technologies Revisited: Theorising social relations, interactions and communication”) treffend umrissen. Ziel ist es “to understand contemporary developments in digital media and digital media theory by looking backwards as well as forwards. We set out to explore an in-between time: a time, when much of the hype concerning digital media has died down, much research material has been gathered and analyzed and quite a bit about the possibilities and limitations of digital media (especially in comparison to older media forms) has been understood.” In diesem Sinne nimmt sich die Tagung vor “to return to earlier models and theories that attempted to explain new (digital) media in its ‘first wave’ forms. Additionally, we would like to address the question of what kind of alterations and additions can be used to adapt existing models and theories for current purposes (e.g. mediated person-to-person communication; para-social interactions with virtual agents; pseudo-social interactions with intelligent machines, etc.).”
Wer sich mit einem Paper beteiligen möchte, kann sich bis zum 31. Mai 2009 bei der lokalen Veranstalterin (Maren Hartmann) mit einem Extended Abstract bewerben. Nähere Informationen enthält der ausführliche Call for Papers.
Das Institut für Journalistik beteiligt sich heute und morgen mit einer Vertiefungsveranstaltung am Studium Fundamentale der TU Dortmund. Das übergreifende Thema unseres Blockseminars lautet “Beschleunigte Informationsprozesse und Journalistische Qualität”. Auch ich habe am heutigen Veranstaltungstag einen Vortrag beigesteuert: “Qualitätssicherung auf der Datenautobahn — Steckt der Online-Journalismus in der Aktualitätsfalle?” Hier kommen nun — wie versprochen — die Folien zu meiner Sitzung:
Den Veranstaltungsteilnehmern sei an dieser Stelle noch einmal herzlich für ihre aufmerksame Mitarbeit gedankt. Falls es nachträglich noch Rückfragen oder Anmerkungen gibt: Ab damit nach unten in die Kommentare! ![]()
Jan Schmidt hat bereits darauf hingewiesen: In der aktuellen Ausgabe der “Media Perspektiven” ist ein Aufsatz erschienen, der einige zentrale Ergebnisse der “BILDblog”-Leserbefragung bündelt, die er und mehrere Bamberger Kollegen im vergangenen Jahr durchgeführt haben (vgl. Mayer et al. 2008b). Ich habe mich über den Text sehr gefreut. Zwar enthält er im Vergleich zum ersten Projektbericht, der bereits im Februar 2008 vorlag (vgl. Mayer et al. 2008a), keine zentralen neuen Befunde. Schön ist aber, dass er die Fallstudie zu “BILDblog” diesmal in einen etwas breiteren Kontext setzt und auch Überlegungen zu verschiedenen Medienblog-Typen und deren Funktionen und Leistungen dokumentiert. (Eine entsprechende Einbettung hatte ich Anfang des Jahres ja schon einmal zaghaft angemahnt.)
Die vorgeschlagene Typologie der Medienblogs (vgl. Mayer et al. 2008b: 589) entspricht im Wesentlichen dem Ansatz, den Kristina Wied und Jan Schmidt schon im aktuellen Tagungsband der DGPuK-Fachgruppen “Journalismusforschung” und “Computervermittelte Kommunikation” vorstellen (vgl. Wied/Schmidt 2008: 181f.). So wird unterscheiden zwischen
- persönlichen Blogs von Rezipienten,
- Watchblogs,
- Redaktionsblogs und
- Kritikerblogs.
Im neuen Text in den “Media Perspektiven” ist der Bereich der Watchblogs dabei noch untergliedert in mehrere Unterpunkte.
Aus funktionaler Perspektive beschreiben die Autoren Watchblogs als “ein Instrument zur Beobachtung des Journalismus im Sinne einer Kontrolle der Kontrolleure” (Mayer et al. 2008b: 589) und rücken sie damit in die Nähe des Medienjournalismus. Als weitere Potenziale dieses Blogtyps werden angeführt (vgl. ebd.):
- Verbesserung und Sicherung von Qualität im Journalismus
- Herstellung von Transparenz hinsichtlich der Regeln und Praktiken des Journalismus
- Orientierungshilfe für die Rezipienten
- Förderung deren Medienkompetenz
Besonders die funktionale Beschreibung von Medienblogs finde ich sehr spannend, denn sie geht deutlich über den Beitrag von Kristina Wied und Jan Schmidt hinaus. Dort wurden Medienblogs noch vorwiegend als Instrument journalistischer Qualitätssicherung verstanden und entsprechend analysiert. Für den neuen Aufsatz legen die Autoren nun ein erweitertes Funktionsverständnis von Medienjournalismus zu Grunde (als Referenz sind hier m. E. vor allem Michael Beuthner und Stephan Weichert zu nennen, die die genannten Funktionen anschaulich aus Weischenbergs “Zwiebel-Modell” hergeleitet haben [vgl. Beuthner/Weichert 2005: 19]) und übertragen es auf die Gattung der Medienblogs. Inwiefern Medienblogs diese Funktionen tatsächlich umsetzen können, ist bislang noch nicht umfassend untersucht. Der Aufsatz in den “Media Perspektiven” leistet in diesem Sinne eine willkommene Anregung für die weitere Forschung.
Diskutabel erscheint mir hingegen die vorgestellte Typologie der Medienblogs. Da ich mich in einem anderen Projektzusammenhang gerade auch mit diesem Problem auseinandersetze, seien mir einige Anmerkungen erlaubt:
Aus meiner Sicht ist die gewählte Einteilung etwas unglücklich, da sie als Gliederungsmerkmale mal auf die Organisationsform abstellt (Wer betreibt das Blog?) und mal eher die Funktion in den Vordergrund rückt. So definieren sich Redaktionsblogs den Autoren zu Folge über die Mitgliedschaft der Betreiber zu einer journalistischen Redaktion, Kritikerblogs werden hingegen von redaktionsexternen Kritikern betrieben, sind aber trotzdem in ein redaktionelles Angebot eingebunden. Demgegenüber gibt es bei persönlichen Blogs von Rezipienten überhaupt keine organisatorische Anbindung an ein journalistisches Medium. Nicht mit dieser Herangehensweise in Einklang zu bringen ist der Begriff des Watchblogs, der sich laut Mayer et al. (2008b: 589) in erster Linie über die “Fremdbeobachtung und kritische Begleitung journalistisch produzierter Inhalte” definiert. Die Betonung liegt bei dieser Definition scheinbar eher auf der Funktion des Blogtyps, weniger auf dessen Organisationsform. Zwar sind der zitierten Definition zufolge auch die Betreiber von Watchblogs außerhalb journalistischer Redaktionen angesiedelt. Allerdings ergibt sich dadurch eine teilweise Überschneidung mit der Kategorie der persönlichen Blogs von Rezipienten, denn auch diese können — und tun es in der Praxis ja auch — eine kritische Fremdbeobachtung des Journalismus leisten. Die vorgeschlagene Typologie der Medienblogs operiert damit nicht ganz trennscharf, was sie für die Anwendung in künftigen Forschungszusammenhängen problematisch macht.
Einen etwas systematischeren Vorschlag zur Typologisierung von Medienblogs machen David Domingo und Ari Heinonen (2008: 7ff.) in einem neueren Aufsatz in der “Nordicom Review”. Sie unterscheiden zwischen
- Citizen Blogs: Journalistic Weblogs Written by the Public Outside the Media,
- Audience Blogs: Journalistic Weblogs Written by the Public within the Media,
- Journalist Blogs: Journalistic Weblogs Written by Journalists Outside Media Institutions und
- Media Blogs: Journalistic Weblogs Written by Journalists within Media Institutions.
Hier wird konsistent auf den Grad der Institutionalisierung als Unterscheidungsmerkmal zurückgegriffen, weswegen der Begriff Watchblog nicht auftaucht. Watchblogs lassen sich hier in verschiedenen Kategorien verorten, je nachdem welche Definition zugrunde gelegt wird. (Ohnehin scheint mir der Begriff der “Fremdbeobachtung” von Journalismus, d. h. der Beobachtung von Journalismus durch Nicht-Journalisten, als Definitionsmerkmal unpassend, denn gerade im deutschen Sprachraum werden die populärsten Medienwatchblogs ja durchaus von Journalisten betrieben, auch wenn sie nicht in redaktionelle Angebote eingebunden sind.) Wollte man den Begriff Watchblog als Bestandteil einer Medienblog-Typologie retten, müsste diese durchgängig auf die Funktionen unterschiedlicher Medienblogs rekurrieren. Dies scheint mir zum gegebenen Zeitpunkt jedoch kaum sinnvoll, da der Wissensstand über die tatsächlichen Funktionen von Medienblogs bislang noch ungenügend ist.
Literatur:
Beuthner, Michael/Weichert, Stephan Alexander (2005): Zur Einführung: Internal Affairs – oder: die Kunst und die Fallen medialer Selbstbeobachtung. In: dies. (Hrsg.): Die Selbstbeobachtungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 13-41.
Domingo, David/Heinonen, Ari (2008): Weblogs and Journalism. A Typology to Explore the Blurring Boundaries. In: Nordicom Review 29, Nr. 1/2008, S. 3-15. Online unter http://www.nordicom.gu.se/common/publ_pdf/264_domingo_heinonen.pdf
Mayer, Florian L./Mehling, Gabriele/Raabe, Johannes/Schmidt, Jan/Wied, Kristina unter Mitarbeit von Tom Binder und Oda Riehmer (2008a): Leserschaft, Nutzung und Bewertung von BILDblog. Befunde der ersten Online-Befragung 2007. Online unter http://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/split_professuren/journalistik/Fonk/bildblog/Studie_BILDblog-Nutzerbefragung_2007__Uni_Bamberg_.pdf
Mayer, Florian L./Mehling, Gabriele/Raabe, Johannes/Schmidt, Jan/Wied, Kristina (2008b): Watchblogs aus der Sicht der Nutzer. Befunde einer Onlinebefragung zur Nutzung und Bewertung von Bildblog. In: Media Perspektiven, Heft 11/2008, S. 589-594. Online unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/Mayer.pdf
Wied, Kristina/Schmidt, Jan (2008): Weblogs und Qualitätssicherung. Zu Potenzialen weblogbasierter Kritik im Journalismus. In: Quandt, Thorsten/Wolfgang Schweiger (Hrsg.): Journalismus online: Partizipation oder Profession? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 173-192.
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