Tag-Archiv für 'crossmedia' pt. 2 von 3



“Beruf: Journalist” — Neues Journalistik Journal

jojo.jpgNach einem längeren Endspurt konnten wir heute die Schlussproduktion des neuen “Journalistik Journals” abschließen. Die Frühjahrsausgabe 2008 (Heft 1/2008) geht morgen in den Druck; die Auslieferung dürfte ab kommender Woche beginnen. Das Schwerpunktthema widmet sich diesmal den Arbeitsbedingungen im Journalismus. Unter dem Titel “Beruf: Journalist” diskutieren zehn Autorinnen und Autoren über aktuelle Entwicklungen rund um den journalistischen Arbeitsplatz.

Einige Beiträge sind bereits vorab auf der Webseite des “Journalistik Journals” zu finden — zum Beispiel:

Fokus: Beruf: Journalist. Zum gegenwärtigen Stand der Journalismusforschung — von Johannes Raabe

Schneller, vielfältiger, anspruchsvoller. Journalisten von morgen: Wer sind sie, was machen sie? — von Sylvia Egli von Matt

Bürgerreporter: Ergänzung mit vielfältigem Potenzial. Übernehmen Laien die Redaktionen? — von Philomen Schönhagen

Die unbekannten Medienmacher. Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor — von Miriam Bunjes

Können, Köpfchen oder Körper? Zu den Karrierechancen von Frauen — von Tina Groll

Weitere Beiträge zum Themenschwerpunkt gibt es von Annika Sehl (”Ökonomisches Qualitätsmanagement? Wie die ARD-Anstalten mit Videojournalismus umgehen”), Frank Biermann (”Besser wird es nicht. Immer mehr Ein-Zeitungs-Kreise in NRW”), Judith Pfeuffer (”Macht der Journalismus krank? Ergebnisse einer Befragung”), Julia Eggs (”Volontariat unter der Lupe. Neue Daten zur journalistischen Ausbildungssituation”) und von mir (”Wider den Journalismus der Unterhosen. Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg über Qualitätsberichterstattung in den Zeiten der Medienkonvergenz”).

Aber auch jenseits des Schwerpunktthemas bietet das JoJo wieder einigen Lesestoff. Hervorzuheben ist sicherlich der spannende Aufsatz von Ingo Fischer (”Eher unbekannt als anerkannt“), in dem er empirisch nachweist, dass ein Großteil der Journalisten noch nie etwas von Pressekodex und Presserat gehört hat. Unbedingt lesenswert sind aber auch die Beiträge von Karola Graf-Szczuka (”Die Persönlichkeit der Zeitungsleser. Neue Erkenntnisse zur Mediennutzung von Jugendlichen”), Nadine Bilke (”Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus”), Sonja Roy (”Auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Korruption beeinflusst auch die bulgarischen Medien”) und Holger Noltze (”So eine richtig schöne Umstrittenheit. Ein Beitrag zur Debattenkultur im deutschen Feuilleton”).

Wer Interesse an den nicht-verlinkten Beiträgen hat, kann sich gerne an die Redaktion wenden. Wir stellen auch die gedruckten Hefte auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung.

Erträge eines nächtlichen Netz-Spaziergangs

Kaum ein Tag vergeht, der einem keine neue Blog-Entdeckung beschert. Während eines nächtlichen Netz-Spaziergangs bin ich auf mehrere viel versprechende Projekte aus den Arbeitsfeldern Medien und Journalismus gestoßen. Auf drei davon sei kurz hingewiesen:

The Changing Newsroom lautet der Titel eines sympathischen neuen Blogs, das sich mit dem Einfluss gegenwärtiger Technik-Entwicklungen auf den Journalismus befasst. Carrie Brown, ab Herbst Assistant Professor of Journalism an der University of Memphis, hat die Seite erst Anfang März ins Leben gerufen. Deswegen ist noch nicht ganz klar, wohin die Reise geht. Die ersten Ansätze machen aber Lust auf mehr. Ich werde auf jeden Fall wieder vorbeischauen.

Bei Poynter Online wird seit einigen Tagen verstärkt über “diversity” in der journalistischen Berichterstattung diskutiert. Das passende Blog dazu heißt Diversity at Work. Gefüllt werden soll es laut Ankündigung von einer Reihe praxisnaher Autoren. Außerdem gibt es eine eigene del.icio.us-Seite zum Thema. Momentan ist allerdings noch nicht viel zu sehen. Auch hier scheint es lohnenswert, das Projekt im Auge zu behalten.

Schon ein paar Tage älter ist das Blog von Robert Picard, Professor an der Jönköping International Business School. Ich bin trotzdem erst heute darauf aufmerksam geworden. Besser spät als nie, denn The Media Business enthält einige medienökonomische Reflexionen, die in dieser Qualität in der Blogosphäre sicherlich Seltenheitswert haben. Aufgrund der mangelnden Vernetzung fehlt der Seite bislang scheinbar die Aufmerksamkeit, die sie haben könnte. Vielleicht ändert sich das ja bald…

Neues ICA-Journal für qualitative Kommunikationsforschung

Mit “Communication, Culture & Critique” hat die International Communication Association eine neue Fachzeitschrift ins Leben gerufen, die sich der Kommunikationsforschung vorwiegend aus qualitativer und interpretativer Perspektive annähern soll. Als ich von diesem Ansinnen, das dem kommunikationswissenschaftlichem Mainstream komplett zuwiderläuft, zum ersten Mal gehört habe, war ich positiv überrascht und gespannt. Das klang nach einem lohnenswerten Projekt. Nachdem ich nun die Zeit gefunden habe, die erste Ausgabe des Journals genauer zu prüfen, hat sich diese positive Grundstimmung ein wenig relativiert. Obwohl mich das Themenspektrum des Hefts durchaus anspricht und die Anlage stimmig scheint, wirkt in der Ausführung vieles unfertig. Besonders störend ist der essayistische Plauderton einiger Beiträge, der jegliche wissenschaftliche Fundierung vermissen lässt. Vielleicht ist das Absicht. Vielleicht soll so ein wenig Programmatik in die Premierenausgabe gebracht werden. Ich weiß es nicht. Das knappe Editorial von “Inaugural Editor” Karen Ross (Liverpool) schweigt sich dazu aus.

Symptomatisch für das Geschilderte ist u. a. der Beitrag von Barbie Zelizer (Philadelphia) zur Frage “How Communication, Culture, and Critique Intersect in the Study of Journalism” — einer von zwei enthaltenen Texten, die dem Bereich der Journalismusforschung zuzuordnen sind. Die Autorin skizziert hier holzschnittartig drei divergierende Journalismuskonzepte: das des “[j]ournalism as communication [which] privileges the important role in information gathering and disseminating which journalism fulfills”, das des “[j]ournalism as culture [which] addresses the function of journalism in imparting value preferences and mediating meaning about how the world does and should work” und das des “[j]ournalism as critique [which] highlights the particular value of criticism and opinion as a modality through which journalism can make explicit its response to events and issues of the public sphere” (S. 90). In ihrem Schlussplädoyer fordert Zelizer, diese Konzepte als gleichberechtigt anzuerkennen, und stellt fest: “It is high time we developed the analytical tools necessary to recognize the different facets of their activities and how they interact.” (ebd.) Das ist sicherlich alles nachzuvollziehen und auch durchaus gutzuheißen. Allerdings mangelt es dem Ganzen doch sehr an inhaltlicher Substanz. So fehlen etwa jegliche (!) Bezüge auf bereits existierende Forschung zu den aufgeworfenen Fragen. Der sechsseitige Text kann somit kaum mehr als ein programmatisches Statement sein; ein ernst zu nehmender Forschungsbeitrag ist er offenkundig nicht.

Deutlich überzeugender ist da schon der Aufsatz “Crossing Boundaries: New Media and Networked Journalism” von Charlie Beckett und Robin Mansell (London). Sie beschreiben ihr Konzept eines von Weblogs und anderen kollaborativen Medienformaten geprägten Netzwerk-Journalismus, der sich gegenwärtig mehr und mehr etabliert und dem traditionellen (Gatekeeper-)Journalismus den Raum streitig zu machen scheint. Unter Hinzuziehung einschlägiger Literatur diskutieren sie die Spannungen zwischen neuem und altem Journalismus und erörtern die ethischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Um die dargelegten Probleme zu lösen, drängt sich den Autoren zu Folge vor allem eine Lösung auf: “[T]here must be substantial investment in the new media literacies that extend beyond basic reading and writing.” (S. 100) Das funktioniere aber nicht ohne eine entsprechende Begleitforschung: “An ethically grounded reserach strategy for understanding the changes associated with networked journalism would begin the task of assessing both the potential and the risks of the way the news media are evolving.” (S. 102)

Wenn künftige Ausgaben von “Communication, Culture & Critique” ähnlich sorgfältig gearbeitet sind wie der Beitrag von Beckett und Mansell, werde ich mich mit dem Zeitschriftenkonzept sicherlich noch anfreunden können. Man darf gespannt sein, wie sich das Journal entwickelt.

Frankfurter Tag des Online-Journalismus — jetzt online

“Textstrecken, Tonspuren, Bildströme — Neues Arbeiten im Multimedia-Web” lautete der Titel des diesjährigen Frankfurter Tages des Online-Journalismus, der in der vergangenen Woche im Funkhaus am Dornbusch stattfand. Geladen waren einige namhafte Referenten, die über Chancen und Grenzen multimedialer Darstellungsformen im Web sprachen und Werkstattberichte aus verschiedenen crossmedialen Newsrooms präsentierten — darunter auch Klaus Meier (Darmstadt). In dessen Blog lese ich gerade, dass sämtliche Vorträge des Haupttages inzwischen als Videos auf der Homepage des Hessischen Rundfunks dokumentiert sind. Alle, die nicht persönlich vor Ort waren, können das Versäumte hier nachholen.

Wider den Journalismus der Unterhosen

Für die kommende Ausgabe (Heft 1/2008) des Journalistik Journals habe ich mit dem Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg ein Interview über die Machbarkeit von Qualitätsjournalismus in Zeiten der Medienkonvergenz geführt. Der daraus entstandene Text steht im Kontext des Schwerpunktthemas, das sich diesmal mit den (sich wandelnden) Arbeitsbedingungen im Journalismus befassen wird. Im Folgenden dokumentiere ich eine ausführlichere Fassung des Gesprächs; für das JoJo werde ich aus Platzgründen wohl noch leicht kürzen müssen. Mehr dazu in Bälde hier!

rosenberg.jpgHerr Rosenberg, Sie arbeiten mittlerweile seit über 30 Jahren beim Österreichischen Rundfunk. Sind Sie gerne Journalist?

Ja, sehr gerne!

Warum?

Das hat mit der Wirkungsweise des Radios zu tun. Ich mag vor allem das Dialoghafte des Mediums, durch das ich im besten Fall bei allen Beteiligten Erkenntnisprozesse hervorrufen kann. Das heißt: Meine Neugierde, die natürlich schon geordnet zu sein hat, führt dazu, dass Leute etwas neu überdenken und dadurch zu neuen Erkenntnissen kommen, um diese wiederum zu kommunizieren. Das ist das, was ich besonders interessant finde.

Ich habe es aber auch sehr geliebt, Reportagen zu machen. Wie heißt es so schön: „Die schlechteste Luft für den Journalisten ist die in der Redaktionsstube.“ Rauszugehen ist ganz, ganz wichtig.

Man könnte natürlich auch ganz groß sagen: Als Journalist erfüllt man eine gesellschaftliche Rolle. Aber ich denke: Es ist so eine Mischung von persönlicher Neugier, von Erkenntnisprozess, vom Aufdecken von Widersprüchen, vom Erwägen der Folgen für andere Menschen und so weiter.

Ihr Journalismusverständnis, das Sie hier schildern, ist das eines hintergründigen Qualitätsjournalismus mit gesellschaftlichem Anspruch. Welchen Stellenwert hat ein solcher Journalismus gegenwärtig im deutschsprachigen Raum?

Erstens: Ich glaube, dass dieser Journalismus dringend notwendig ist. Zweitens: Ich glaube, dass er gut funktioniert – auch gegen den ganzen Infotainment-Journalismus und gegen den Journalismus der Unterhosen. Er funktioniert gut. Aber ich bin da in Österreich natürlich in einer besonders glücklichen Situation. Ich arbeite für einen Kultursender, der ein gesamtheitliches Bild des kulturell interessierten Menschen als Basis hat. Wir machen anspruchsvolle Musik. Wir haben Informationssendungen größeren Ausmaßes. Und wir haben das, was man im Allgemeinen „Kulturelles Wort“ nennt – auch mit den ganzen gesellschaftlichen Geschichten und den Reportagen und all diesem. Das gibt es alles innerhalb eines Senders. Wir haben in Österreich jetzt neun Prozent Reichweite. Das ist ein Wert, von dem deutsche Kultursender nur träumen. Und wir gewinnen bei den Jungen dazu. Wir haben erst kürzlich eine Umfrage gemacht, wonach die optimale Länge einer Radiosendung bei unserem Publikum bei 45 Minuten liegt. So gesehen kann ich sagen: Uns geht es wirklich gut, weil wir für Leute, die interessiert sind, eine wirkliche Alternative zu allen anderen Medien darstellen – ergänzend zu den Printmedien.

Das klingt ja so ein bisschen wie die Insel der Glückseligen…

Nein. Ich unterstelle den deutschen Kollegen, wenn sie die Längen der Kultursendungen kürzen, einen Denkfehler. Man fragt: Was ist die optimale Länge eines journalistischen Radiobeitrags? Und man fragt das alle – und nicht das potenzielle Publikum. Und dann hat man eben die vielen, die sagen: 1 Minute 30! Und so kommt man auf einen schlechten Schnitt.

Glauben Sie, dass Ihr Bild eines Qualitätsjournalismus angesichts der gegenwärtigen Medienentwicklung auch dauerhaft eine Zukunft haben wird?

Es gibt dazu keine Alternative! Wir müssen daran arbeiten – und wir machen das, und zwar mit großer Liebe. Was dabei natürlich ganz wesentlich ist: Man muss Kolleginnen und Kollegen haben und finden, die von dem, was sie machen, begeistert sind. Mit Auftragsjournalismus allein kommt man nicht weiter. Gute Journalisten müssen begeistert sein: a) von den formalen Gestaltungsmöglichkeiten ihres Mediums – das ist eine Grundbedingung; und b) von den inhaltlichen Möglichkeiten und den entsprechenden Diskursen. Von der eigenen Wichtigkeit müssen sie nicht so sehr überzeugt sein.

Die gegenwärtigen Rahmenbedingungen scheinen die Chancen für eine qualitätsvolle Berichterstattung allerdings nicht unbedingt zu erhöhen. Nur einige Schlaglichter, die sich auch in der aktuellen Ausgabe des „Journalistik Journals“ widerspiegeln: Das journalistische Rollenselbstbild franst aus – unter anderem aufgrund der technischen Entwicklung. Die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse nimmt zu. Auch um die gesundheitlichen Auswirkungen des Journalistenberufs scheint es nicht zum Besten zu stehen. Wie ist Qualitätsjournalismus unter diesen Bedingungen möglich?

Wir haben eine wahnsinnige Beschleunigung und eine wahnsinnige Veroberflächlichung als Bedrohungen. Das ist keine Frage. Und da bin ich natürlich wirklich auf einer Insel der Glückseligen tätig. Ich glaube, Ö1 ist der einzige Sender, der mit dem Aufkommen privater kommerzieller Konkurrenz sogar Reichweitengewinne verzeichnen konnte. Bei Ö3 sind die Beiträge natürlich auch kürzer geworden. Da ist der marktgängige Produktcharakter ziemlich klar. Und in diesem Produktdesign ist natürlich viel mehr Tempo drin. In unseren Landesstudios machen die Leute sehr viel selber. Dort gibt es die Anforderungen der Bi- und der Trimedialität, wo die Redakteure fürs Internet, fürs Radio und fürs Fernsehen arbeiten müssen. Das verursacht sehr viel Stress. Und es birgt die Gefahr der Oberflächlichkeit in sich. Überhaupt keine Frage.

Aber bringt der Trend zum crossmedialen Arbeiten nicht auch Chancen für die journalistische Qualität mit sich?

Das Netz ist eine optimale Ergänzung zum Radio. Es geht gar nicht darum, dass man einzelne Sendungen jetzt streamt – das ist eigentlich eine Absurdität. Aber die restlichen Dinge sind wunderbar: das Downloading, die Podcasts, die Archivfunktion des Internets – das sind wunderbare Chancen, die von den Hörern auch genutzt werden. Das ist die eine Seite.

Für das journalistische Arbeiten kommt es darauf an, wie man es organisiert. Wenn man nur mehr von einer Systemeingabe zur nächsten hetzt, ist das falsch.

Ich fände es zum Beispiel sehr unangenehm, wenn ich ein Interview führen und dann auch noch den Fotoapparat rausholen müsste, um ein Bild zu knipsen. Das ist eine unmögliche zwischenmenschliche Situation. Wenn man ein Interview führt, ist man so konzentriert, dass die andere Handlungsebene einen durcheinanderbringen würde. Darum nehmen viele schreibende Journalisten ja auch Fotografen mit. Es ist schon sinnvoll, dass das ein eigener Beruf ist.

Dennoch: Dieses Switchen ist eine Fähigkeit, die man als Journalist in der Zukunft häufiger brauchen wird. Das kann auch Spaß machen. Ich weiß aber nicht, inwieweit es in der Summe besser ist, die einzelnen Funktionen auseinander zu lassen. Formulieren wir es mal so: Gegenseitiges Verständnis kann sicherlich nicht schaden.

Das Internet bietet – neben den genannten Potenzialen – auch die Möglichkeit, verstärkt nutzergenerierte Inhalte in die Berichterstattung einzubinden. Einige Kritiker befürchten aber, dass die journalistische Qualität dadurch weiter verwässert. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen im Bereich Web 2.0? Ist das eine Chance oder eine Gefahr für den professionellen Journalismus?

Das ist für mich keine Bedrohung. Es könnte nur den Journalismus ein wenig irr und wirr machen. Wir kommen da zu einem grundsätzlichen Problem: Was zeichnet den Journalismus als Beruf aus? Natürlich gibt es nutzergenerierte Inhalte – keine Frage. Nur: Ich gehe doch immer davon aus, dass Journalismus ein Beruf ist, ein professionell auszuübender Beruf, und das ist ein wesentliches Kriterium. Das andere ist öffentliche Selbstdarstellung, ist Tagebuchschreiben, ist vielleicht auch der Versuch, Themen zu setzen. Aber meistens – und da kann man sich ja YouTube anschauen – sind das irgendwelche Spaßetten.

Was sind für Sie denn die spezifischen Qualitäten, die Journalismus bieten kann, die Blogosphäre aber nicht?

Zum einen die grundsätzliche Verpflichtung, gewonnene Informationen gegenzuchecken und zu versuchen, auch die andere Seite zu hören. Außerdem halte ich auch die gute alte Trennung von Nachricht und Kommentar für ganz wesentlich. Und die Quellentransparenz: Was für Quellen stecken hinter einer Information?

Viele angehende Journalisten sind unsicher, welche Kompetenzen für ihr berufliches Weiterkommen wichtig sind. Angesichts der angesprochenen Entwicklungen scheinen vor allem möglichst umfassende Technik-Kompetenzen immer wichtiger zu werden. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, dass man sich nicht gegen neue Entwicklungen sträuben darf. Man muss diese Entwicklungen analysieren und für sich selbst entscheiden, was man machen will. Es ist doch in der Mediengeschichte immer so gewesen, dass zwar neue Medien dazukommen, aber die alten bleiben. Und das ist von entscheidender Bedeutung. Sehr wahrscheinlich nimmt Online dem Fernsehen und dem Radio Nutzungszeiten weg. Aber damit werden diese Medien leben müssen. Der wesentliche Punkt ist: Wer wählt aus. Und da wird es immer Menschen geben, die zu einer Redaktion Vertrauen haben, die dann sagen: Die filtern mir aus dem Dschungel der Informationen etwas heraus, was interessant ist. Das lässt sich nicht automatisieren. Man wird auch vom Menschen gemachte Musikprogramme haben wollen, weil man nicht immer selbst auswählen will. Davon bin ich überzeugt: Das wird es immer geben! Ich finde es aber auch toll, dass man so viel wählen kann.

Welche Karrieretipps würden Sie einem Journalistik-Studenten ganz konkret mit auf den Weg geben?

Erstens: Man muss sich ein Medium suchen, das einen interessiert. Zweitens: Man muss beharrlich sein und einfach anfangen. Wenn es nicht auf Anhieb mit einer Festanstellung klappt, dann vielleicht im nächsten Jahr. Ich weiß das von mir selbst. Und drittens: Man muss an dem, was man will, festhalten und sich nicht vom Markt seine Berufswünsche diktieren lassen. Im Notfall – und da gibt es immer wieder wunderbare Beispiele – muss man eben selber etwas gründen. Beharrlichkeit und Lästigkeit sind aber ganz zentral, denn jeder, der Personalentscheidungen trifft, weiß: Wer lästig ist, der hat schon eine wesentliche Voraussetzung für den Journalistenberuf erfüllt. Denn Hartnäckigkeit braucht man, um gute Geschichten zu machen. Und die braucht man, um ordentliche Jobs zu bekommen.

Würden Sie selbst sich heute noch einmal dafür entscheiden, Journalist zu werden?

Keine Frage, natürlich!

Zur Person: Rainer Rosenberg, Jg. 1953, arbeitet seit 1974 für das ORF-Radio, seit 1995 als Leiter der Produktionsgruppe Spezialprogramme bei Ö1. Er begann bei Ö3, wechselte kurz zum Fernsehen und baute das Jugendmagazin „X-Large“ auf. Rosenberg ist verantwortlich für die Wiederinbetriebnahme des Mittelwelle-Programms „Radio 1476“ des ORF ab 1997. Auf Sendung zu hören ist er derzeit am häufigsten in „Von Tag zu Tag“ oder in der Porträtreihe „Menschenbilder“.

Foto: ORF

Auf der Suche nach dem Universalspezialisten

Welchem Journalistentyp gehört die Zukunft: dem Generalisten oder dem Spezialisten? Diese Frage stand im Zentrum einer Tagung der Fachgruppe „Journalistik und Journalismusforschung“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), die am vergangenen Wochenende auf Einladung von Beatrice Dernbach an der Hochschule Bremen stattfand.

Dass eine einfache Antwort darauf kaum möglich ist, verdeutlichte Siegfried Weischenberg (Hamburg) gleich zu Beginn der Veranstaltung. „Ein Zuviel an Spezialisierung kann in die Karrierefalle führen“, sagte er vor rund 80 Tagungsteilnehmern. Allerdings: Generalisten hätten es auch nicht einfacher. Sie sehen sich mit einer fortschreitenden Entgrenzung und Entdifferenzierung des Journalismus konfrontiert, durch die es für sie immer schwieriger werde, sich zu positionieren. Für viele Journalisten stelle sich daher die (Sinn-)Frage: „Nischendasein oder Nichtsein?“ Einen Ausweg aus diesem Dilemma konnte auch Weischenberg nicht aufzeigen und verwies zur Klärung hoffnungsvoll auf das facettenreiche Programm der Tagung.

Dieses näherte sich dem Thema „Spezialisierung im Journalismus“ zunächst auf der theoretischen Ebene. Margreth Lünenborg (Berlin) versuchte, die Phänomene Spezialisierung und Entdifferenzierung aus der Sichtweise der Cultural Studies einzuordnen. Sie forderte dazu auf, Medienangebote in erster Linie als kulturelle Ausdrucksweisen zu verstehen und die Journalismusforschung auf das gesamte journalistische Repertoire zu erweitern – auch und gerade auf die neu entstehenden hybriden Darstellungsformen, die bislang noch kaum untersucht seien.

Einen gänzlich anderen Zugang wählte Alexander Görke (Münster). Er ordnete den Trend zur Hybridisierung als evolutionäre Systemstrategie ein, deren Ursachen vor allem im gesellschaftlichen Wandel zu suchen seien. Ob sich diese Strategie evolutionär bewähren könne, sei noch unklar. Allerdings sei es nicht gerechtfertigt, Hybridisierungstendenzen per se als dysfunktional zu bewerten.

Neben diesen theoretischen Herangehensweisen bot die Tagung auch Einblicke in verschiedene empirische Forschungsarbeiten. Daniel Nölleke (Münster) berichtete über sein Dissertationsprojekt, in dem er untersucht, wie und unter welchen Bedingungen Experten in die journalistische Berichterstattung eingebunden werden. Sein Fazit nach verschiedenen Leitfadeninterviews mit Nachrichtenjournalisten: Nicht allein die (Sach-)Kompetenz eines Experten sei das entscheidende Auswahlkriterium, daneben spielten viele andere Faktoren wie etwa Prominenz, Medientauglichkeit, Erreichbarkeit, Authentizität usw. eine wichtige Rolle.

Auch Andreas Eickelkamp (Berlin) präsentierte einige Ergebnisse aus seiner Dissertation. Ihn interessierte die Frage, ob und inwieweit Rezipienten nutzwertjournalistische Angebote als solche erkennen und wie sie sie bewerten. Eine Inhaltsanalyse ausgewählter Nutzwert-Beiträge mit anschließender Befragung von Testlesern zeigte: Die Erhebungsteilnehmer waren sehr wohl in der Lage, nutzwertbezogene Aussagen von anderen Aussagen zu unterscheiden. Es wurde sogar zwischen unterschiedlichen nutzwertjournalistischen Dimensionen (Anleitung/Aufforderung, Hinweis/Orientierung, Problem/Warnung) differenziert.

Urs Dahinden (Zürich) und Vinzenz Wyss (Winterthur) hatten sich in einem größeren Forschungsprojekt mit dem Thema „Religion im Journalismus“ auseinandergesetzt. Sie berichteten, dass Religionsberichterstattung in der Schweiz nur schwach institutionalisiert sei und von Spezialisierung in diesem Falle kaum die Rede sein könne. Religion tauche in den Medien vor allem als „Parasit“ von „Wirtthemen“ auf, insgesamt seien die Thematisierungschancen eher gering.

Über die „Kommunikationsberufe im Wandel“ sprachen Joachim Preusse und Jana Schmitt (Münster). Sie hatten gemeinsam mit Ulrike Röttger Leitfadeninterviews mit Vertretern aus PR, Marketing/Werbung und Journalismus durchgeführt, um herauszufinden, wie sich diese Berufsfelder gegenwärtig verändern. Als prägende neue Einflüsse wurden u. a. ein steigendes Informationsaufkommen, ein erhöhter Zeitdruck und ein Trend zur Crossmedialität identifiziert. Interessant mit Blick auf das Tagungsthema: Der Erhebung zu Folge sind Generalisierung und Spezialisierung parallel ablaufende Prozesse, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Der Trend gehe vielmehr in Richtung Universalspezialistentum – was auch immer das praktisch bedeuten mag.

Eine weitere Variante der Spezialisierung thematisierte Sonja Kretzschmar (Münster) mit ihrem Vortrag über mobile journalistische Angebote wie die „Tagesschau in 100 Sekunden“. Aus ihrem Vergleich von Rundfunk- und Online-Angeboten mit ihren mobilen Pendants folgerte sie: „News to go“ seien auf dem besten Wege, sich zu etablieren, und würden damit veränderte Anforderungen an die journalistischen Qualifikationsprofile stellen. Vorerst könnten sie aber nicht mehr sein als ein Nischenmedium, zumal die Technik noch nicht voll ausgereift sei und Marketing- bzw. Finanzierungskonzepte bislang noch nicht vollends überzeugen.

Wie der sich wandelnde Journalismus in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, berichteten Anna-Maria Schielicke und Sandra Degen (Dresden) unter Anleitung von Wolfgang Donsbach und Elvira Steppacher. Nach einer telefonischen Befragung von mehr als 1000 Jugendlichen und Erwachsenen resümierten sie, dass in der Bevölkerung kein klares Konzept von Journalismus und journalistischer Qualität vorherrsche. Besonders herausgestellt wurde der Befund, dass sich für die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen keine Präferenz für Boulevard-Themen und Soft News nachweisen ließe.

Da nicht alle Forschungsbeiträge expliziten Bezug auf das Thema „Spezialisierung im Journalismus“ nahmen, hatten die Veranstalter auch einige Journalisten eingeladen, um über sie einen direkten Zugriff auf die Leitfrage der Tagung zu ermöglichen. Die Praktiker berichteten in einem gemeinsamen Panel über ihre redaktionellen Alltagserfahrungen. Lebhaft diskutiert wurde u. a. die berufsethische Frage, inwiefern sich Fachjournalisten in die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen oder Institutionen begeben dürfen, um über sie berichten zu können.

Kaum weniger intensiv war die Diskussion im Anschluss an die Referate von Annette Leßmöllmann (Darmstadt), Christoph Moss (Dortmund) und Stefan Korol (Bonn-Rhein-Sieg), die die Konzepte der fachjournalistischen Ausbildung an ihren Hochschulen erläuterten. In Reaktion darauf wurde im Plenum die Frage aufgeworfen, was wichtiger sei: eine grundständige Journalistenausbildung im Sinne einer möglichst breiten Kompetenzbildung oder eine frühzeitige Spezialisierung auf ein bestimmtes Themengebiet?

Dass auf diese Frage letztlich keine eindeutige Antwort gefunden werden konnte, mahnte auch Christoph Neuberger (Münster) in seinem Fazit am Ende der Tagung an. Er formulierte einige Anregungen für künftige Forschung, die deutlich machten: Das Thema Spezialisierung wird die Journalistik auch nach der Bremer Tagung noch beschäftigen (müssen).

(Eine geraffte Fassung dieses Beitrags erscheint in Heft 1/2008 des Journalistik Journals.)

Das Ende des Journalismus

Das Ende des Journalismus steht unmittelbar bevor — zumindest wenn man den Organisatoren einer internationalen Tagung des Research Institute for Media, Art and Design an der University of Bedfordshire Glauben schenken mag. Am 17. und 18. Oktober 2008 laden sie für zwei Tage nach Luton (UK) ein, um mit Medienforschern und Medienschaffenden über den Einfluss internetbasierter Technologien auf den journalistischen Alltag zu diskutieren. Die Veranstaltung steht unter dem plakativen Motto “The End of Journalism? Technology, Education and Ethics Conference”. Papers sind zu den folgenden Themenbereichen willkommen:

  • The Impact of New Media Technologies on Journalism
  • Professionalism, Amateurism and Citizen Journalism
  • Journalism, Democracy and the Public Sphere
  • New Journalism in a non-Western context
  • The Economics and Sociology of Contemporary Journalism
  • Employment and employability of Journalists
  • The Methodologies and Tools of Contemporary Journalism
  • The Ethics of Practice
  • The Education of Journalists
  • Academia and Journalism

Einreichungen sind bis zum 31. Juli 2008 möglich. Weitere Informationen der Veranstalter finden sich hier.