Tag-Archiv für 'bürgerjournalismus'

Call: “The Future of Journalism”

Und noch ein Hinweis auf eine spannende internationale Tagung: Bob Franklin lädt als Editor der Zeitschriften “Journalism Studies” und “Journalism Practice” am 9. und 10. September 2009 nach Cardiff ein, um über “The Future of Journalism” zu diskutieren.  Das klingt doch schon ein wenig optimistischer, nachdem die Kollegen von der University of Bedforshire erst vor kurzem das “Ende des Journalismus” heraufbeschworen hatten. Als Plenary Speakers stehen schon jetzt James Curran und Bettina Peters fest. Darüber hinaus werden Vorträge zu den folgenden Themenbereichen erbeten:

  • The Future of Journalism: Perspectives from different countries/continents;
  • The Future of Journalism: New media technologies, blogs, citizen journalism and UGC;
  • The Future of Journalism: Business trends and developments;
  • The Future of Journalism: Implications and developments for journalism practice;
  • The Future of Journalism: Broadcast and print journalism;
  • The Future of Journalism: the employment, education and training of journalists;
  • The Future of Journalism: Journalism ethics.

Für Einreichungen ist noch ein knapper Monat Zeit: Einsendeschluss ist der 9. Januar 2009. Weitere Informationen zum Call for Papers sind hier nachzulesen.

Internationale Tagung: “Journalism Research in the Public Interest”

Gerade erreicht mich der Call for Papers für die nächste Gemeinschaftstagung der DGPuK-Fachgruppe Journalistik und Journalismusforschung, die diesmal in Kooperation mit der Journalism Studies Section der ECREA organisiert wird. Sie befasst sich mit “Journalism Research in the Public Interest” und findet vom 19. bis zum 21. November 2009 in Winterthur/Zürich statt. Im Mittelpunkt der internationalen Veranstaltung steht die Frage: “what does the field of journalism research have to offer to issues of public interest and debate, and what are the key factors for a successful transfer of knowledge between journalism research and its social contexts?” Einreichungen sind u. a. zu den folgenden Themenbereichen möglich:

  • Journalism research and social intervention: e. g. the advocacy of civic journalism, peace journalism, development journalism;
  • Journalism research and transfer of knowledge: e. g. journalism education and training; application for media organizations or public relations;
  • Journalism research and global inequality: e. g. knowledge transfer from the north to the south; applications of comparative research;
  • Journalism research and democracy: e. g. strengthening journalism’s role in deliberative democracy; the development of concepts for transitional democracies;
  • Journalism research and its public image: e. g. the media coverage of journalism research as academic discipline.

Wer einen Vortrag vorschlagen möchte, kann dies in Form eines englischsprachigen Abstracts (500 Wörter) bei Vinzenz Wyss und Thomas Hanitzsch tun — und zwar bis zum 1. April 2009. Den vollständigen Call gibt es hier!

Hat die Inverted Pyramid ausgedient?

weldon.jpgDas Inverted-Pyramid-Prinzip, demzufolge alle wichtigen Informationen eines Ereignisses bereits im ersten Satz einer journalistischen Meldung beantwortet werden sollen, galt lange Zeit als ureigenstes Merkmal des modernen Nachrichtenjournalismus. Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass die Bedeutung der traditionellen Nachrichtenform zurückgeht. Aus meiner regelmäßigen Zeitungslektüre meinte ich schon häufiger schließen zu können, dass mehr und mehr narrative Darstellungsformen Einzug in die Berichterstattung erhalten, während klassische Nachrichten abnehmen. Empirisch fundiert habe ich diese Vermutung nie.

Das hat für den US-amerikanischen Zeitungsjournalismus nun Michele Weldon nachgeholt. In ihrem Buch “Everyman News” trägt sie Ergebnisse einer Inhaltsanalyse von 20 unterschiedlichen US-amerikanischen Tageszeitungen zusammen. Ihre Daten zeigen, dass sich das Verhältnis von Inverted-Pyramid-Nachrichten und erzählenden Darstellungsformen auf den Titelseiten der Zeitungen im Verlauf dieses Jahrzehnts deutlich gewandelt hat: Während 2001 noch 65% der Texte “hard news” waren, traf das 2004 nur noch auf 50% zu. Demgegenüber stieg der Anteil an Features. Die weiterführende Analyse der untersuchten Beiträge macht deutlich, dass sich auch die Quellenlage der Journalisten gewandelt hat: 2004 wurden deutlich mehr inoffizielle Quellen (d. h. solche, die nicht einer staatlichen Institution, einem Unternehmen o. ä. zuzuordnen sind) verarbeitet als noch 2001. Dementsprechend orientierten sich auch die Inhalte der Texte mehr an persönlichen Geschichten einzelner Personen und waren somit näher an den Alltagserfahrungen der Durchschnittsleser. Weldon schlussfolgert: US-amerikanische Zeitungen sind keine “newspapers” mehr, sie seien zu “story papers” geworden. Damit einher geht ein Abschied vom klassischen Gatekeeper-Journalismus, der einem neuartigen “everyman journalism” weiche:

„Everyman and everywoman news is reporting through the eyes of nondeliberate, accidental newsmakers, unofficial sources – the recipients, the customers in line at the movies, not the stars on the red carpet.“ (Weldon 2008: 28f.)

Interessant finde ich, dass Michele Weldon den beschriebenen Wandel in der journalistischen Darstellungshaltung nicht ausschließlich auf den zunehmenden Einfluss Weblogs und Bürgerjournalismus (von der Autorin etwas abfällig als “Chicken Little Journalism” bezeichnet; vgl. Weldon 2008: 9) zurückführt. Darüber hinaus diagnostiziert sie eine allgemeine Sensibilisierung und Humanisierung US-amerikanischer Journalisten, vor allem in der Folge von 9/11. Den narrativen Ansatz begreift sie dabei als “A New Way to Portray Grief” (Weldon 2008: 94). Er könne eine ähnliche Wirkung entfalten wie die narrative Therapie in der Psychologie — Freuds Katharsis-Theorie lässt grüßen.

Diese Auslegung mag man teilen oder nicht. Fest steht, dass Weldon mit ihrer Studie spannende quantitative Daten vorlegt, die dabei helfen können, die gegenwärtige Entwicklung des Nachrichtenjournalismus einzuordnen. Die Befunde zeigen, dass die klassische Nachrichtenform zwar nicht ausgedient hat, aber auch nicht mehr als unangefochtenes Paradigma der Mainstream-Berichterstattung gelten kann. Für den deutschen Sprachraum sind mir entsprechende Erhebungen bislang nicht bekannt. Ich vermute jedoch, dass sich hierzulande ein ähnlicher Trend feststellen ließe. Ein Grund mehr für die deutsche Journalismusforschung, dem Phänomen des narrativen Journalismus endlich mehr Beachtung zukommen zu lassen.

Wer die lesenswerte und auch stilistisch elegante Arbeit von Michele Weldon nicht greifbar hat, sei auf die vorbildlich gestaltete Website und auf das Weblog zum Buch verwiesen. Hier finden sich u. a. einige der Originaldaten aus der Studie, teilweise sogar in aktualisierter Form.

Literatur:

Weldon, Michele (2008): Everyman News. The Changing American Front Page. Columbia, London: University of Missouri Press.

Derby Day — 1970 und 2008

churchilldowns.jpg

Ich war noch nie in Kentucky. Und ein großer Freund des Pferdesports bin ich auch nicht. Dennoch hat das traditionsreiche Kentucky Derby für mich eine gewisse Strahlkraft. Das hängt vor allem mit Hunter S. Thompsons großartiger Reportage “The Kentucky Derby is decadent and depraved” zusammen. Erstveröffentlicht im Jahr 1970 in der Juni-Ausgabe von “Scanlan’s Monthly”, zählt sie zu den Klassikern der New-Journalism-Literatur, nicht zuletzt aufgrund ihrer späteren Anthologisierung in Tom Wolfes Sammelband “The New Journalism”. Der rasende, fast psychotische Erzählstil macht den Text zu einem anschaulichen Beispiel für Thompsons so genannte Gonzo-Berichterstattung, die später in Buch-Projekten wie “Fear and Loathing in Las Vegas” ihre weitere Ausformung fand.

Die Hochphase des Gonzo Journalism liegt inzwischen lange hinter uns, die Strahlkraft des Derbys ist jedoch ungebrochen. Das Louisville “Courier-Journal”, die Lokalzeitung vor Ort, lieferte am vergangenen Wochenende den eindrucksvollen Beweis dafür. In ihrer Internet-Ausgabe widmete sie der 134. Auflage der Sportveranstaltung ein umfängliches Special. Neben zahllosen Fotostrecken und Bewegtbild-Einspielern finden sich dort auch mehrere Blogs zum Thema und vielfältige Möglichkeiten zur Leserbeteiligung. Ganz “state of the art” eben. Was hätte Hunter S. wohl dazu gesagt? (via)

Literatur:

Hunter S. Thompson (1996): The Kentucky Derby is decadent and depraved. In: Tom Wolfe: The New Journalism. With an anthology edited by Tom Wolfe und E. W. Johnson. London etc.: Picador, S. 195-211.

Foto: Jeff Kubina

“Beruf: Journalist” — Neues Journalistik Journal

jojo.jpgNach einem längeren Endspurt konnten wir heute die Schlussproduktion des neuen “Journalistik Journals” abschließen. Die Frühjahrsausgabe 2008 (Heft 1/2008) geht morgen in den Druck; die Auslieferung dürfte ab kommender Woche beginnen. Das Schwerpunktthema widmet sich diesmal den Arbeitsbedingungen im Journalismus. Unter dem Titel “Beruf: Journalist” diskutieren zehn Autorinnen und Autoren über aktuelle Entwicklungen rund um den journalistischen Arbeitsplatz.

Einige Beiträge sind bereits vorab auf der Webseite des “Journalistik Journals” zu finden — zum Beispiel:

Fokus: Beruf: Journalist. Zum gegenwärtigen Stand der Journalismusforschung — von Johannes Raabe

Schneller, vielfältiger, anspruchsvoller. Journalisten von morgen: Wer sind sie, was machen sie? — von Sylvia Egli von Matt

Bürgerreporter: Ergänzung mit vielfältigem Potenzial. Übernehmen Laien die Redaktionen? — von Philomen Schönhagen

Die unbekannten Medienmacher. Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor — von Miriam Bunjes

Können, Köpfchen oder Körper? Zu den Karrierechancen von Frauen — von Tina Groll

Weitere Beiträge zum Themenschwerpunkt gibt es von Annika Sehl (”Ökonomisches Qualitätsmanagement? Wie die ARD-Anstalten mit Videojournalismus umgehen”), Frank Biermann (”Besser wird es nicht. Immer mehr Ein-Zeitungs-Kreise in NRW”), Judith Pfeuffer (”Macht der Journalismus krank? Ergebnisse einer Befragung”), Julia Eggs (”Volontariat unter der Lupe. Neue Daten zur journalistischen Ausbildungssituation”) und von mir (”Wider den Journalismus der Unterhosen. Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg über Qualitätsberichterstattung in den Zeiten der Medienkonvergenz”).

Aber auch jenseits des Schwerpunktthemas bietet das JoJo wieder einigen Lesestoff. Hervorzuheben ist sicherlich der spannende Aufsatz von Ingo Fischer (”Eher unbekannt als anerkannt“), in dem er empirisch nachweist, dass ein Großteil der Journalisten noch nie etwas von Pressekodex und Presserat gehört hat. Unbedingt lesenswert sind aber auch die Beiträge von Karola Graf-Szczuka (”Die Persönlichkeit der Zeitungsleser. Neue Erkenntnisse zur Mediennutzung von Jugendlichen”), Nadine Bilke (”Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus”), Sonja Roy (”Auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Korruption beeinflusst auch die bulgarischen Medien”) und Holger Noltze (”So eine richtig schöne Umstrittenheit. Ein Beitrag zur Debattenkultur im deutschen Feuilleton”).

Wer Interesse an den nicht-verlinkten Beiträgen hat, kann sich gerne an die Redaktion wenden. Wir stellen auch die gedruckten Hefte auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung.