Tag-Archiv für 'blogs'

New book chapter: Participatory media regulation

relation2.jpgA new volume of the book series “Relation — Communication Research in Comparative Perspective” is out now. Edited by Manuel Puppis, Matthias Künzler and Otfried Jarren, it casts a spotlight on the relationship between “Media Structures and Media Performance”. It also contains an article from an early phase of our collaborative research project on “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) in which we are delevoping a heuristic concept for further research on participatory media regulation. Our chapter’s abstract reads as follows:

How are media self-regulation and accountability structures changing under the influence of the current media shift? Can web-based accountability processes compensate for the shortcomings of traditional self-regulatory instruments and pave the way for a novel kind of participatory media regulation? By contrasting the performance of press councils, media journalists and media bloggers in 13 countries, this chapter analyses the status quo of traditional and innovative forms of media accountability from a cross-cultural perspective. The evaluated data, gathered through desk studies and qualitative interviews, permit a categorisation of the countries studied into distinct cultures of media accountability, along the lines of Hallin and Mancini’s model of journalism cultures. However, because of the current developments in web-based media accountability, which prove particularly promising in those countries with traditionally weak structures of media self-regulation, such as in the Mediterranean area or in the Arab world, the boundaries between the categories are becoming permeable.

More information on the book and its contents is available here.

The complete bibliographical data of our contribution:

Tobias Eberwein/Tanja Leppik-Bork/Julia Lönnendonker: Participatory Media Regulation: International Perspectives on the Structural Deficits of Media Self-Regulation and the Potentials of Web-Based Accountability Processes. In: Manuel Puppis/Matthias Künzler/Otfried Jarren (eds.): Media Structures and Media Performance. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2013, 135-158

Alles, was Recht ist

jojo-klein.jpg„Ich glaube, wir können Juristen in die Kategorie der Monster einreihen“, räsonierte einst der englische Lyriker John Keats – und es gibt wohl auch heute nicht wenige Menschen, die der Juristerei mit einem Grundgefühl des Unbehagens begegnen. Zu hermetisch erscheint häufig die Sprache des Rechts, zu undurchdringlich der Dschungel unterschiedlicher Paragraphen und Gesetzestexte. Dieses Unbehagen ist auch unter Medientreibenden weit verbreitet. Leider, denn eigentlich müssten gerade Journalisten ein gesteigertes Interesse an rechtlichen Zusammenhängen haben. Sie bilden – im Falle der Gerichtsberichterstattung – ein wichtiges Themenfeld journalistischer Arbeit. Mehr noch: Sie stellen sogar eine wesentliche Grundlage dieser Arbeit dar, sei es indem sie dem Journalisten besondere Rechte bei der Informationsbeschaffung einräumen – oder indem sie die öffentliche Aufgabe der Massenmedien grundsätzlich legitimieren.

Das komplexe Zusammenspiel von Journalismus und Recht in einer verständlichen Sprache und mit nachvollziehbarem Praxisbezug aufzubereiten – das ist das Ziel der neuen Herbstausgabe des Journalistik Journals. Bei der Umsetzung dieses Ziels gehen die Autoren ganz unterschiedliche Wege:

Udo Branahl diskutiert in seinem Überblicksbeitrag die wesentlichen Funktionen einer gelingenden Justizberichterstattung – und formuliert auf dieser Grundlage einige Aufgaben für die Journalismusforschung und die hochschulgebundene Journalistenausbildung. Hans Mathias Kepplinger untersucht den Einfluss von Medien auf Strafverfahren. Seine Befragung von über 700 Richtern und Staatsanwälten weist vielfältige Wechselwirkungen zwischen Gerichtsberichterstattern und Prozessbeteiligten nach – und räumt gleichzeitig mit einem fundamentalen Irrtum der traditionellen Medienwirkungsforschung auf.

Thomas Vesting legt mit seinem medientheoretischen Beitrag den Grundstein für ein zeitgemäßes Rechtsverständnis, indem er die Entwicklung von den „Büchern des Rechts“ über die „Massenmedien des Rechts“ bis hin zu neuartigen „Netzwerken des Rechts“ verfolgt. Jutta Stender-Vorwachs und Natalia Theissen bieten einen kenntnisreichen Überblick über neue Entscheidungen zum Persönlichkeitsrecht und der Freiheit der Berichterstattung.

Gleich zwei Texte widmen sich der aktuellen Diskussion um ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage: Karl-Heinz Ladeur erörtert die grundsätzliche Sinnhaftigkeit eines solchen Schutzrechtes, Christopher Buschow skizziert die konkreten Folgen für den Journalismus.

Den Schlusspunkt in der Aufbereitung des Titelthemas bildet eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Medienrechtsblogs: Lars Harden formuliert in diesem Zusammenhang einige Thesen zum Einfluss derartiger Blogs auf den medienrechtlichen Diskurs. Simon Assion ergänzt diese Überlegungen mit einem aufschlussreichen Perspektiv-Wechsel. Er berichtet aus dem Innenleben des Internetprojekts Telemedicus und zeigt dabei eindrucksvoll, wie die so genannte „Blawgosphäre“ tickt und welche Faktoren die Arbeit an einem medienrechtlichen Weblog zu einem Erfolgsmodell machen können.

Vor allem die beiden letztgenannten Beiträge machen noch einmal deutlich, wie wichtig eine angemessene Vermittlung medienrechtlicher Themen ist, wenn sie auch außerhalb juristischer Fachkreise wahrgenommen und aufgegriffen werden sollen: „In einem Artikel auf Telemedicus hat der typische juristische ‚Kanzleistil‘ nichts verloren“, schreibt beispielsweise Simon Assion. „Passivkonstruktionen werden neuen Autoren ebenso ausgetrieben wie das häufige Substantivieren oder juristische Floskeln.“ Sofern dies beherzigt wird, entwickeln sich breite gesellschaftliche Diskussionen fast von allein, resümiert Assion. In solchen Fällen, prognostiziert Lars Harden, „werden herausragende Medienrechtsblogs zu Ankern und Orientierungspunkten für Interessierte – damit man sich im Gewirr der verschiedenen Stränge der Rechtsgelehrtheit zu Recht finden kann.“

Dass Generationen von Journalistik-Studierenden diese Lehre bereits vor dem Aufkommen der „Medienblawgosphäre“ verinnerlicht hatten, ist vor allem einem zu verdanken: dem langjährigen Dortmunder Medienrechts-Professor Udo Branahl. Für die Inspiration des neuen Schwerpunkt-Heftes gilt ihm daher besonderer Dank – ebenso wie seinem Nachfolger Tobias Gostomzyk, der maßgeblich zur konkreten Themenplanung und zur Feinabstimmung mit den Autoren beigetragen hat. Lässt man sich auf ihre Herangehensweise an das Themengebiet „Journalismus und Recht“ ein, braucht wohl niemand mehr Angst vor Monstern zu haben.

Zur neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” geht es hier!

Zivilgesellschaftliche Medienregulierung

beltz.jpgGut ein Jahr nach der Tagung “Medien- und Zivilgesellschaft“, die im Februar 2011 an der Hochschule für Philosophie in München stattgefunden hat, liegt nun ein Sammelband mit indentischem Titel vor. Das von Alexander Filipovic, Michael Jäckel und Christian Schicha herausgegebene Buch dokumentiert die Ergebnisse der Tagung und eröffnet gleichzeitig die Schriftenreihe “Kommunikations- und Medienethik”, die ab sofort im Verlag Beltz Juventa erscheint. Neben zahlreichen anderen Aufsätzen ist auch ein Beitrag von Janis Brinkmann, Andreas Sträter und mir enthalten, in dem wir einige Befunde aus unserem internationalen Forschungsprojekt “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) vorstellen. Der Titel des Textes lautet “Zivilgesellschaftliche Medienregulierung. Chancen und Grenzen journalistischer Qualitätssicherung durch das Social Web”. Aus dem Abstract:

Während traditionelle Instrumente der Medienselbstregulierung in Deutschland unter einem chronischen Aufmerksamkeitsdefizit leiden, bringt das Social Web frischen Wind in die gesellschaftliche Diskussion über Qualität im Journalismus: In Blogs, via Twitter und auf Sozialen Netzwerkplattformen wie Facebook tauschen sich Rezipienten über Fehler und Unzulänglichkeiten der etablierten Massenmedien aus und ziehen journalistische Akteure damit zur Rechenschaft. Mit Hilfe einer qualitativen Expertenbefragung lotet der Beitrag die Potenziale einer journalistischen Qualitätssicherung durch das Social Web aus. Es zeigt sich: Wenigstens fallweise können Medienblogs und Co. durch eine verstärkte Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure einen erheblichen Einfluss auf den professionellen Journalismus erwirken und damit die Möglichkeiten einer brancheninternen Medienselbstregulierung erweitern. Ein funktionsadäquater Ersatz dafür sind sie jedoch nicht. Eine spürbare Wirkung erlangen dezentral organisierte Online-Instrumente der Media accountability vor allem dann, wenn sie sich untereinander vernetzen und auch im Verbund mit etablierten Formen der journalistischen Qualitätssicherung auftreten, denn nur so erreichen sie das für ihr Anliegen notwendige Maß an Öffentlichkeit.

Weitere Informationen zum Sammelband gibt es hier!

Partizipativer Journalismus – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

jojo-1-2012-klein.jpgDer Begriff Partizipation ist in den vergangenen Jahren zu einem vermeintlichen Zauberwort geworden – nicht nur im politischen Diskurs, sondern auch im Journalismus. Vor dem Panorama der Werbe- und Medienkrise werteten viele Beobachter die stärkere Einbindung der Nutzer als Wundermittel im Kampf gegen die Erosion redaktioneller Ressourcen. Was genau jedoch unter sinnvoller Nutzerpartizipation zu verstehen ist, blieb vielen der beteiligten Akteure dabei unklar. Viele Verlagshäuser verordneten sich ein “Mitmachen beim Mitmachen”, häufig jedoch ohne zielgerichtete Strategie. “Irgendwas 2.0″ nennt Thorsten Quandt derartige Vorstöße. Liest man seinen Beitrag in der neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” (JoJo), eine pointierte Zusammenfassung einer internationalen Vergleichsstudie zum Status quo des Mitmach-Journalismus, wirkt Partizipation eher wie ein “Plastikwort”, eine jener “sprachlichen Attrappen” also, die sich mit Uwe Pörksen auf alles anwenden lassen, im Inneren jedoch leer bleiben. Von Zauber keine Spur!

Das neue JoJo-Themenheft möchte dazu beitragen, die Diskussion über Partizipation im Journalismus zu systematisieren – und ihr dadurch zu ein wenig mehr Sub­stanz verhelfen. Dazu gehört nicht nur eine grundsätzliche Beschäftigung mit Begriff und Gegenstand des partizipativen Journalismus, wie Sven Engesser sie anbietet. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit der historischen Dimension des Themenfeldes. Denn Mitmach-Journalismus ist keineswegs ausschließlich an netzbasierte Anwendungen wie Weblogs, Wikis, Video- oder Netzwerkplattformen gebunden. Wie vor allem Thomas Birkner und Wiebke Loosen zeigen, gab es User Generated Content schon lange vor dem Aufkommen des Web 2.0: “Jahrhunderte der Mediengeschichte wären ohne die aktive Partizipation von Bürgern in den Medien gar nicht möglich gewesen. Im Jahre 1899 bat beispielsweise die Berliner Illustrierte Zeitung ihre Leser darum, Fotos … einzusenden – bei Veröffentlichung gab es dafür 200 Mark.” Und auch der klassische Leserbrief, das Hörer-/Zuschauertelefon und die Offenen Kanäle waren (und sind) etablierte Plattformen der Nutzerbeteiligung, die nicht erst auf die Verbreitung des Internets warten mussten, um ihre unbestrittenen Potenziale unter Beweis zu stellen.

Unbestritten ist allerdings auch, dass die Partizipationsbarrieren durch die technischen Möglichkeiten des Internets heute so niedrig wie nie zuvor sind. Insofern ist es lohnenswert zu analysieren, wie sich die etablierten Instrumente der Publikumsinklusion unter den Bedingungen des Web 2.0 verändern und weiterentwickeln. Die neue JoJo-Ausgabe untersucht dies in verschiedenen Fallstudien: Annika Sehl, Hannah Lobert und Michael Steinbrecher stellen Ergebnisse ihrer Begleitforschung zum partizipativen TV-Lernsender nrwision vor und vergleichen dessen Merkmale mit denen des Social Web. Ilka Lolies erörtert das diskursive Potenzial von Online-Kommentaren im Vergleich zum herkömmlichen Leserbrief. Wiebke Möhring diskutiert die besonderen Möglichkeiten der Nutzerbeteiligung im Lokaljournalismus. Und Hanna Jo vom Hofe und Chris­tian Nuernbergk präsentieren Befunde einer Redaktionsbefragung zur Nutzung des Microblogging-Dienstes Twitter im professionellen Journalismus.

Zusammengenommen zeigen die Beiträge, dass trotz günstiger Rahmenbedingungen nach wie vor eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit im partizipativen Journalismus klafft. Ebenso geben sie aber zahlreiche Ratschläge, wie diesem Missverhältnis im Bedarfsfalle entgegenzuwirken ist.

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Media Accountability Practices on the Internet

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Only a few days after the presentation of the anthology “Mapping Media Accountability — in Europe and Beyond“, a second set of country reports from the comparative research project “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) is available online. The working paper series “Media Accountability Practices on the Internet“, coordinated by David Domingo and Heikki Heikkilä, explores the opportunities and challenges of web-based instruments of media observation all around the globe. The working papers are the product of over 80 in-depth interviews with experts, media professionals and activists, and will form the empirical basis of an international comparison of the role of digital technologies in media accountability. The series includes reports from European countries (Bulgaria, France, Finland, Germany, the Netherlands, Poland, Serbia, the United Kingdom), Arab countries (Jordan, Lebanon, Syria, Tunisia) and the USA. All papers are available for download on the MediaAcT website.

My own contribution, originating from a collaboration with Huub Evers, focuses on web-based accountability processes in German journalism. Our summary:

While trust in German journalism is being challenged by recurrent journalistic misbehavior, the necessity of a functioning media accountability landscape is more pressing than ever. In fact, the German media system offers a notable variety of self-regulatory instruments that aim at safeguarding the quality of journalistic reporting. Their effects, however, seem to be limited: The German Press Council is taunted as a “toothless tiger” because of its lack of sanctioning power; media journalism has to cope with its inevitable problems of self-referentiality; and accountability mechanisms on the level of the newsroom are only slowly gaining ground.

This report discusses the potentials and pitfalls of web-based accountability processes in German journalism. Can they complement traditional instruments of journalistic self-regulation and compensate their deficiencies? Can they accomplish a better involvement of civil society actors in the debate about journalistic quality? As an analysis of the current data on Internet usage in Germany shows, the conditions are quite favorable: The Internet has a rising significance in people’s everyday life; however, the disposition to actively participate in the production of online contents is still low in most parts of the society – just as the willingness of many newsrooms to support user integration.

Qualitative expert interviews, which were conducted for this report, demonstrate that a considerable diversity of online practices fostering media accountability in Germany has been developing in recent years. Different case studies substantiate the assumption that the multitude of new voices, which is characteristic for the novel kind of media criticism in the Social Web, may well have a positive impact on practical journalism. At the same time, it becomes clear that recent innovations in media accountability are far from being a panacea for the deficits of traditional journalistic self-regulation. Particularly, the editorial handling of journalistic mistakes still leaves much room for improvements. The case of user comments on online news stories shows that web-based accountability processes may even lead to new ethical problems which have not been tackled systematically so far.

More details can be found in the PDF version of the report. The complete bibliographical data:

Huub Evers/Tobias Eberwein (2011): Can a million toothless tigers make a difference? Potentials and pitfalls of web-based accountability processes in German journalism. MediaAcT working paper 4/2011. Journalism Research and Development Centre, University of Tampere. URL: http://www.mediaact.eu/online.html

Photo: Vortexx/photocase.com

Mapping Media Accountability — in Europe and Beyond

Herbert von Halem16 months after the official start of the international research project “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT), the project’s state-of-the-art reports on media accountability research are now available in book form. The volume carries the title “Mapping Media Accountability - in Europe and Beyond”. Besides separate country reports on the status quo of media accountability research in the journalism cultures that are covered by the MediaAcT consortium, the book offers an introduction into the project’s theoretical foundations and a first cross-cultural assessment of current trends in media self-regulation and accountability. “Mapping Media Accountability” was presented to a wider public at the annual conference of the German Communication Association (DGPuK) last week. The following blurb gives a clearer idea about the book’s contents:

While press councils face tough challenges across Europe, and media reporting has almost vanished from the mass media in many countries in a time of media crisis, new forms of media accountability have emerged in the Internet: readers and viewers twitter about the media’s mistakes, online ombudsmen follow up on e-mail complaints, and journalists blog about their profession. Can such innovative instruments of media criticism effectively supplement conventional institutions of media self-regulation like press councils and media journalism?

This volume provides pioneer work in analyzing the development of established and emerging media accountability instruments in 14 countries in Eastern and Western Europe as well as the Arab world. Media scholars and students, professionals and policy-makers alike will be introduced to the specific problems and perspectives of media accountability in different media systems and journalistic cultures. Looked at from a comparative point of view, the reports hint at the formation of different cultures of media accountability within Europe and its adjacent countries. These cultures partly overlap with the journalism cultures identified in the well-known model by Hallin & Mancini. At the same time, the development of media accountability and transparency shows distinctive features incongruent with established models of journalism cultures. Consequently, the book also offers new stimuli for innovations in journalism theory.

A collection of abstracts from the book is now available on the MediaAcT website. More materials can be found on the homepage of the Cologne-based publisher Herbert von Halem.

The complete bibliographical reference:

Tobias Eberwein/Susanne Fengler/Epp Lauk/Tanja Leppik-Bork (eds.) (2011): Mapping Media Accountability - in Europe and Beyond. Cologne: Herbert von Halem Verlag, 267 pages.

Photo: Caroline Lindekamp

Medieninnovationen – neue Chancen für die Medienselbstkontrolle?

wolling2.jpgNoch vier Wochen bis zum Start der 56. Jahrestagung der DGPuK in Dortmund – und die Organisatoren der Konferenz im Vorjahr haben es endgültig hinter sich: Als letzten Akt der Ilmenauer Jahrestagung zum Thema “Medieninnovationen” legen sie nun den dazugehörigen Tagungsband vor, der dieser Tage im UVK-Verlag erschienen ist. Das Dortmunder Team des Forschungsprojekts “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) ist darin mit einem komparativen Beitrag über Medieninnovationen als Chance für die Medienselbstkontrolle vertreten. Ich dokumentiere im Folgenden die einführenden Absätze und hoffe, sie machen Lust auf mehr:

Am 24. Juli 2010 sterben 21 junge Menschen bei einer Massenpanik auf der Duisburger Love Parade. Als die BILD-Zeitung an den Tagen darauf Fotos der Opfer veröffentlicht, auf denen die Toten durch persönliche Details teilweise zu identifizieren sind, entbrennt eine heftige Debatte über die Verantwortung der Medien im Umgang mit der Tragödie – auf den Medienseiten der großen Tageszeitungen diskutieren Journalisten, im Social Web die Mediennutzer, darunter viele junge Leute, die Augenzeugen der Ereignisse in Duisburg waren. Über Facebook kursiert eine Instruktion über das Beschwerdeprozedere des Deutschen Presserats, der in den Wochen nach der Love Parade erstmals in seiner Geschichte rund 250 Beschwerden über einen einzigen Fall – den journalistischen Umgang von BILD mit den Opfern der Massenpanik – zählt.

Mediennutzer, die sich über Facebook und Twitter organisieren, um massive Medienkritik zu äußern: Das ist ein Novum in Deutschland. Noch heftiger fielen vergleichbare Proteste in Großbritannien aus: Als dort im November 2009 die Daily Mail einen Kommentar über den plötzlichen Tod des homosexuellen Pop-Stars Stephen Gately veröffentlichte, den viele Leser als homophob empfanden, starteten aufgebrachte Fürsprecher eine Kampagne über Twitter, in deren Folge 25.000 Beschwerden bei der Press Complaints Commission eintrafen (Jempson/Powell 2011).

Beide Beispiele zeigen, dass Medieninnovationen erhebliches Potenzial für eine kritische Debatte über Qualität im Journalismus besitzen, die nicht nur Journalisten und professionelle Medienbeobachter, sondern erstmals auf breiter Basis auch die Mediennutzer einbezieht: Media accountability bedeutete in der Vergangenheit meist Medienselbstkontrolle; durch das Internet – und insbesondere das Social Web – haben erstmals auch die Rezipienten einen erleichterten Zugang zum Diskurs über Qualität im Journalismus. Eine besondere Rolle spielt hier, wie im Folgenden noch zu zeigen ist, die junge Publikationsform der Medienblogs. Hinzu kommen die Möglichkeiten, die der technologische Wandel den etablierten Instrumenten der Medienselbstkontrolle eröffnet: Ombudsleute können Beschwerden über das Internet entgegennehmen, Presseräte könnten Beschlussverfahren künftig online begleiten.

Die Forschung hat diesen Wandel bislang kaum reflektiert. Bisherige Studien stellen in der Regel etablierte Instrumente der Medienselbstkontrolle wie Presseräte (Puppis 2009), Ombudsleute (Evers et al. 2010) und Medienjournalismus (Fengler 2002) in den Mittelpunkt; zu Medienblogs liegen erst vereinzelte kleine Forschungsarbeiten vor (z. B. Eberwein 2010a, Fengler 2008, Wied/Schmidt 2008). Doch der Bedarf, das medienkritische Potenzial neuer Formen der media accountability auszuloten, erscheint umso größer, als die vorhandenen empirischen Studien zu einem ernüchternden Fazit kommen: Die Möglichkeiten, Missstände im Journalismus aufzuspüren und publik zu machen und damit selbstregulierend auf den Journalismus einzuwirken, werden von vielen etablierten Instrumenten der Medienselbstkontrolle nur unzureichend genutzt. Medienjournalisten schrecken aus Eigeninteresse vor allzu harter Kollegenkritik zurück, strategische Interessen der Medienkonzerne werden aus Rücksicht auf das Medienmanagement zu selten thematisiert (Fengler 2002, Kreitling 1996, Malik 2004, Porlezza 2005); Ombudsleute verstehen sich weniger als Kritiker denn als Vermittler (Evers et al. 2010); und selbst in den Formulierungen journalistischer Ethik-Kodizes machen Forscher wie Laitila (1995) und Limor/Himelboim (2006) eigennütziges Kalkül aus. Mit Blick auf eine Analyse des Einflusses US-amerikanischer Selbstkontrollinitiativen im Medienbereich schließt Campbell (1999: 755): „(They) do not provide a great deal of support for the claimed advantages of self-regulation.”

Hinsichtlich der – auch in anderen Branchen zu verortenden – Defizite der Medienselbstregulierung favorisieren Forscher wie Puppis daher Konzepte der Co-Regulierung, die den Staat als wichtigen Impulsgeber für Medienselbstkontrolle sehen. Aus unserer Sicht ist jedoch fraglich, inwieweit staatliche (und damit politische) Akteure – soll das hohe Gut konstitutionell garantierter Pressefreiheit nicht aufs Spiel gesetzt werden – geeignete Partner der Selbstkontrolle im Journalismus sein können. Schließlich verfolgen sie – zumal in der Mediengesellschaft – selbst erhebliche Eigeninteressen (North 1990) im Hinblick auf den Journalismus. Erfolgversprechender erscheint uns, das Potenzial von Medieninnovationen für zivilgesellschaftliches Engagement im Bereich der Medienkontrolle auszuloten (vgl. in diesem Sinne auch Baldi/Hasebrink 2007) – wie es die beiden oben angeführten Beispiele exemplarisch verdeutlichen. Im digitalen Zeitalter wächst den Mediennutzern damit neue Verantwortung in der Debatte über Qualität im Journalismus zu, während Bertrand noch 2000 die „ethische Apathie“ der Mediennutzer in Sachen Medienkritik betonte und das Publikum als passiven Nutznießer professioneller Selbstregulierungsaktivitäten betrachtete.

In der Tat hat der technologische Wandel die Möglichkeiten der Mediennutzer, sich an der kritischen Diskussion über Journalismus zu beteiligen, erheblich erweitert, indem die Kosten des „Widerspruchs“ (Hirschman 1970) rapide gesunken sind: Musste früher aufwendig ein Leserbrief formuliert und versandt oder die Unannehmlichkeit einer telefonischen Beschwerde in einer Redaktion auf sich genommen werden, bieten Blogs, virtuelle Netzwerke und Kommentarfunktionen eine schnelle, unkomplizierte und bei Bedarf anonyme Möglichkeit, Kritik zu äußern – die gleichwohl Wirkung zeigt, wie auch die Reaktionen auf einen verbalen Fehltritt der ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein während der Fußball-WM 2010 belegten. Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der bislang von der kommunikationswissenschaftlichen Forschung überhaupt nicht thematisiert wurde: Medienkritik kann bei Mediennutzern gerade dann populär werden, wenn sie unterhaltend ist. Einer Studie von Mayer und anderen zufolge ist das zentrale Motiv der Nutzer des bekanntesten deutschen Medienblogs, BILDblog.de, Unterhaltung – gefolgt von der Transparenz- und Kontrollfunktion des Medienblogs (Mayer et al. 2008: 591).

Ein weiteres auffälliges Forschungsdefizit hinsichtlich des Innovationspotenzials von Medienselbstkontrolle und media accountability besteht in komparativer Hinsicht. Während für den deutschsprachigen und den angelsächsischen Raum immerhin erste empirische Studien über einzelne innovative Instrumente der media accountability vorliegen, ist deren Verbreitung und Potenzial in anderen Journalismuskulturen (i. S. v. Hallin/Mancini 2004) noch gänzlich unerforscht. Welches Potenzial haben Medienblogs in den polarisiert-pluralistischen Journalismuskulturen des Mittelmeerraums mit traditionell schwach ausgeprägten Infrastrukturen der Medienselbstkontrolle? Welche Rolle können innovative Instrumente der media accountability unter Einbezug des Publikums in osteuropäischen Ländern mit ihrer besonderen (medien)politischen Geschichte, welche in den Journalismuskulturen der arabischen Welt mit ihrer ausgeprägten Staatskontrolle spielen? Diesen Fragen geht seit 2010 das von der EU geförderte Forschungsprojekt „Media Accountability and Transparency in Europe“ (MediaAcT) mit Projektpartnern in elf west- und osteuropäischen sowie zwei arabischen Staaten nach, in dessen Kontext die nachfolgend dargestellten Überlegungen entstanden sind. […]

Mehr dazu in:

Susanne Fengler, Tobias Eberwein, Tanja Leppik-Bork, Julia Lönnendonker & Judith Pies (2011): Medieninnovationen – neue Chancen für die Medienselbstkontrolle? Erste Ergebnisse einer international vergleichenden Studie. In: Jens Wolling/Andreas Will/Christina Schumann (Hrsg.): Medieninnovationen. Wie Medienentwicklungen die Kommunikation in der Gesellschaft verändern. Konstanz: UVK, 159-176.

Weitere Informationen zum Tagungsband finden sich auf der Verlagshomepage.