Archiv für die Kategorie 'Zeitschriftenlese'

Joseph Roth als “Beobachter des Unsichtbaren”

Heute lag die aktuelle Ausgabe der “message” (Heft 1/2010) in meinem Briefkasten. Ich bin darin mit einem kurzen Beitrag über den österreichischen Romancier Joseph Roth vertreten. Der Titel: “Beobachter des Unsichtbaren”. Im Gegensatz zur gängigen Sichtweise porträtiere ich Roth vor allem als sprachgewaltigen Journalisten, der auch jenseits seines literarischen Schaffens ein beachtliches Werk hinterlassen hat, das in vielerlei Hinsicht noch immer der wissenschaftlichen Aufarbeitung harrt. Die Journalistik steht hier vor vielen ungelösten Aufgaben!

Leider ist der Text nicht online verfügbar. Als Quellenbeleg muss daher an dieser Stelle ein Link auf das Inhaltsverzeichnis des Heftes genügen…

Neue Fachzeitschrift: “Literary Journalism Studies”

ljs.jpgAlle reden vom großen Zeitungssterben, doch auch in Zeiten der Krise kommen in den USA dann und wann spannende neue Print-Publikationen auf den Markt. Im vorliegenden Fall handelt es sich zwar “nur” um eine wissenschaftliche Fachzeitschrift — über ihr Ersterscheinen habe ich mich aufgrund des besonderen thematischen Zuschnitts aber umso mehr gefreut. In der vergangenen Woche lag die “Inaugural Issue” der Zeitschrift “Literary Journalism Studies” (LJS) in meinem Briefkasten. Als Zentralorgan der International Association for Literary Journalism Studies (IALJS), deren Mitglied ich seit einiger Zeit bin, versteht sie sich laut “Mission Statement” als

international, interdisciplinary peer-reviewed journal that invites scholarly examinations of literary journalism, a genre also known by different names around the world as literary reportage, narrative journalism, the New Journalism, nuevo periodismo, reportage literature, literary nonfiction, creative nonfiction, and narrative nonfiction, among others. Published in English but directed at an international audience, the journal welcomes contributions from different cultural, disciplinary, and critical perspectives. To help establish comparative studies of the genre, the journal is especially interested in examinations of the works of authors and traditions from different national literatures not generally known outside their countries.

Da die Erforschung des literarischen Journalismus international noch in den Kinderschuhen steckt, ist die Neugründung ein unbedingt begrüßenswerter Schritt. Sie verspricht eine längst überfällige Professionalisierung der bisher noch recht disparaten Aktivitäten auf diesem Gebiet. Eine solche Professionalisierung erscheint gerade zum jetzigen Zeitpunkt besonders wichtig, da der gängige Nachrichtenjournalismus der etablierten Massenmedien vielerorts auf der Probe steht und alternative Berichterstattungsmuster, so auch narrativ-literarische, nachweislich zunehmen.

Momentan liegen im Forschungsfeld “Literarischer Journalismus” jedoch noch viele Dinge brach. Das macht auch Norman Sims (Amherst, MA) in seinem programmatischen Essay in der ersten LJS-Ausgabe (”The Problem and the Promise of Literary Journalism Studies”) deutlich. Er fordert eine stärkere Internationalisierung der Forschung, um die unterschiedlichen nationalen Manifestationen des literarischen Journalismus identifizieren und angemessen vergleichen zu können. Zugleich ist ihm wichtig, die Erzeugnisse dieses journalistischen Genres auch in einen möglichst breiten historischen Kontext einzuordnen, denn die verbreitete Annahme, literarischer Journalismus sei im Wesentlichen mit dem US-amerikanischen New Journalism der 1960er und -70er Jahre gleichzusetzen, greift sicherlich zu kurz. Überdies weist Sims auf die noch unzureichende Auseinandersetzung mit der “reality boundary” des Genres hin, d.h. das Problem der teilweise unklaren Grenzen zwischen Fakten und Fiktion. Als angemessene Herangehensweise empfiehlt er den Ansatz der Cultural Studies, allerdings ohne näher auf die Vor- und Nachteile gegenüber anderen Theorie-Optionen einzugehen. Hier wird zwischen den Zeilen ein weiteres zentrales Problem der Erforschung eines literarischen Journalismus offenkundig: die bislang unzureichende theoretische Grundierung bisheriger Studien und — daraus resultierend — ihre mangelnde Anschlussfähigkeit an die weitere Journalismusforschung.

Neben dem Essay von Norman Sims finden sich in der “Inaugural Issue” von LJS vier Fachaufsätze, die immerhin die Forderung nach einer internationalen Ausrichtung der Forschung gut umsetzen: Isabel Soares (Lissabon) beschäftigt sich mit den Arbeiten des portugiesischen Journalisten Miguel Sousa Tavares und arbeitet an seinem Beispiel die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von literarischem Journalismus und Reiseberichterstattung heraus. Robert Alexander (St. Catharines, Ontario) spürt — unter Rückgriff auf Freud — dem Motiv des “Doppelgängers” in den Texten US-amerikanischer Literarjournalisten nach. Bill Reynolds (Toronto) rekonstruiert die journalistische Biographie Tom Hedleys und diskutiert seine Bedeutung für den kanadischen New Journalism. Der einzige im engeren Sinne komparative Beitrag ist jedoch der von Beate Josephi (Mount Lawley, Australien) und Christine Müller (Iserlohn): Sie vergleichen den literarischen Journalismus in Deutschland und Australien — und kommen zu dem Schluss, dass unterschiedliche rechtliche und berufsethische Rahmenbedingungen in den beiden Ländern zu deutlich divergierenden Traditionen im Umgang mit diesem Genre geführt haben. Leider bleibt das methodische Vorgehen der beiden Autorinnen weitgehend im Dunkeln, sodass sich die Herleitung dieses (an sich sehr interessanten) Befundes nicht vollständig erschließt.

Eine Besonderheit der neuen Zeitschrift ist die Zielsetzung, in jeder Ausgabe ein Beispiel für literarischen Journalismus abzudrucken — jeweils begleitet durch eine kurze wissenschaftliche Einordnung. Den Anfang machen in Heft 1 des ersten Jahrgangs Michael und Elizabeth Norman, die einen Auszug aus ihrem im Juni erscheinenden Buch “Tears in the Darkness: The Story of the Bataan Death March and Its Aftermath” präsentieren. Abgerundet wird LJS durch einen Rezensionsteil, in dem nicht nur wissenschaftliche Arbeiten über literarischen Journalismus besprochen werden sollen, sondern auch journalistische Originalerzeugnisse.

Zwar erscheint mir die Qualität vor allem der Fachaufsätze gegenwärtig noch ausbaufähig. Trotzdem ist es schön, dass das schon länger diskutierte Zeitschriftenprojekt der IALJS nun endlich Früchte trägt. Die Veröffentlichung des ersten Heftes ist ein wichtiger Meilenstein für die verstreute Community der Forscher, die sich mit dem vernachlässigten Genre des literarischen Journalismus befassen. Ich freue mich schon jetzt auf die Herbstausgabe!

Weblogs und Social-News-Plattformen im Journalismus

“Themenscan im Web 2.0″ lautet der Titel eines lesenswerten Aufsatzes in der neuen Ausgabe (Heft 2/2009) der “Media Perspektiven“. Darin untersucht Jan Schmidt gemeinsam mit Beate Frees und Martin Fisch von der ZDF Medienforschung die neuen Öffentlichkeiten im Social Web. Forschungleitend ist für sie die Frage, welche Bedeutung vor allem Weblogs und Social-News-Plattformen für den professionellen Journalismus haben. Ihr Fazit: Soziales Netz und Journalismus stehen durchaus in einem Konkurrenzverhältnis, gleichzeitig entfalten Blogs und Social-News-Plattformen für Journalisten jedoch einen hohen praktischen Nutzwert:

Zwar stehen die klassischen Massenmedien im Web 2.0 in Aufmerksamkeitskonkurrenz zu nichtinstitutionellen Anbietern, die möglicherweise aus Sicht mancher Rezipienten ungerichtete oder konkrete Informationsbedürfnisse sowie thematische und gruppenbezogene Interessen besser befriedigen. Die Inhalte etablierter Medienorganisationen sind allerdings auch ein wichtiger Bestandteil der beschriebenen neuen Themen- und Nachrichtenkreisläufe und machen in vielen Fällen die Mehrheit der aufgegriffenen Inhalte aus. Sie werden dadurch einem erweiterten Personenkreis zugänglich, was durch den Effekt verstärkt werden kann, dass die Position in Suchmaschinen durch die Verlinkung der aufgenommenen Themen erhöht wird. Der zusätzliche Rückkopplungskanal, der über das Feedback auf der eigenen Internetpräsenz hinausgeht, kann zudem Informationen über Relevanz und Beurteilung der eigenen Inhalte beim Publikum liefern. In dieser Hinsicht können die Webangebote der klassischen Massenmedien von Weblogs und Social-News-Plattformen im Web 2.0 auch profitieren. (Schmidt/Frees/Fisch 2009: 58)

Was dies konkret für den journalistischen Alltag bedeutet, zeigen die Autoren mit einem Vergleich ausgewählter Social-News-Plattformen (Digg, Yigg und Wikio) und Blogmonitoring-Dienste (Technorati, Blogpulse, Rivva und Google Blogsearch). Vor allem Letztere können, sofern richtig eingesetzt, im Rechercheprozess ein wichtiges Hilfsmittel sein. Aktuelle Befragungs- und Beobachtungsstudien zeigen jedoch, dass die meisten Journalisten bei der Internetrecherche kaum über eine einfache Google-Suche hinauskommen. Gerade deswegen wäre es wichtig, dass die von Jan Schmidt et al. vermittelten Befunde auch in den journalistischen Redaktionen zur Kenntnis genommen werden. In diesem Sinne halte ich den Aufsatz nicht zuletzt für (angehende) Journalisten für eine wichtige Lektüre.

Literatur:

Schmidt, Jan/Frees, Beate/Fisch, Martin (2009): Themenscan im Web 2.0. Neue Öffentlichkeiten in Weblogs und Social-News-Plattformen. In: Media Perspektiven, Heft 2/2009, S. 50-60. Online unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/02-2009_Schmidt.pdf

Typen und Funktionen von Medienblogs

Jan Schmidt hat bereits darauf hingewiesen: In der aktuellen Ausgabe der “Media Perspektiven” ist ein Aufsatz erschienen, der einige zentrale Ergebnisse der “BILDblog”-Leserbefragung bündelt, die er und mehrere Bamberger Kollegen im vergangenen Jahr durchgeführt haben (vgl. Mayer et al. 2008b). Ich habe mich über den Text sehr gefreut. Zwar enthält er im Vergleich zum ersten Projektbericht, der bereits im Februar 2008 vorlag (vgl. Mayer et al. 2008a), keine zentralen neuen Befunde. Schön ist aber, dass er die Fallstudie zu “BILDblog” diesmal in einen etwas breiteren Kontext setzt und auch Überlegungen zu verschiedenen Medienblog-Typen und deren Funktionen und Leistungen dokumentiert. (Eine entsprechende Einbettung hatte ich Anfang des Jahres ja schon einmal zaghaft angemahnt.)

Die vorgeschlagene Typologie der Medienblogs (vgl. Mayer et al. 2008b: 589) entspricht im Wesentlichen dem Ansatz, den Kristina Wied und Jan Schmidt schon im aktuellen Tagungsband der DGPuK-Fachgruppen “Journalismusforschung” und “Computervermittelte Kommunikation” vorstellen (vgl. Wied/Schmidt 2008: 181f.). So wird unterscheiden zwischen

  • persönlichen Blogs von Rezipienten,
  • Watchblogs,
  • Redaktionsblogs und
  • Kritikerblogs.

Im neuen Text in den “Media Perspektiven” ist der Bereich der Watchblogs dabei noch untergliedert in mehrere Unterpunkte.

Aus funktionaler Perspektive beschreiben die Autoren Watchblogs als “ein Instrument zur Beobachtung des Journalismus im Sinne einer Kontrolle der Kontrolleure” (Mayer et al. 2008b: 589) und rücken sie damit in die Nähe des Medienjournalismus. Als weitere Potenziale dieses Blogtyps werden angeführt (vgl. ebd.):

  • Verbesserung und Sicherung von Qualität im Journalismus
  • Herstellung von Transparenz hinsichtlich der Regeln und Praktiken des Journalismus
  • Orientierungshilfe für die Rezipienten
  • Förderung deren Medienkompetenz

Besonders die funktionale Beschreibung von Medienblogs finde ich sehr spannend, denn sie geht deutlich über den Beitrag von Kristina Wied und Jan Schmidt hinaus. Dort wurden Medienblogs noch vorwiegend als Instrument journalistischer Qualitätssicherung verstanden und entsprechend analysiert. Für den neuen Aufsatz legen die Autoren nun ein erweitertes Funktionsverständnis von Medienjournalismus zu Grunde (als Referenz sind hier m. E. vor allem Michael Beuthner und Stephan Weichert zu nennen, die die genannten Funktionen anschaulich aus Weischenbergs “Zwiebel-Modell” hergeleitet haben [vgl. Beuthner/Weichert 2005: 19]) und übertragen es auf die Gattung der Medienblogs. Inwiefern Medienblogs diese Funktionen tatsächlich umsetzen können, ist bislang noch nicht umfassend untersucht. Der Aufsatz in den “Media Perspektiven” leistet in diesem Sinne eine willkommene Anregung für die weitere Forschung.

Diskutabel erscheint mir hingegen die vorgestellte Typologie der Medienblogs. Da ich mich in einem anderen Projektzusammenhang gerade auch mit diesem Problem auseinandersetze, seien mir einige Anmerkungen erlaubt:

Aus meiner Sicht ist die gewählte Einteilung etwas unglücklich, da sie als Gliederungsmerkmale mal auf die Organisationsform abstellt (Wer betreibt das Blog?) und mal eher die Funktion in den Vordergrund rückt. So definieren sich Redaktionsblogs den Autoren zu Folge über die Mitgliedschaft der Betreiber zu einer journalistischen Redaktion, Kritikerblogs werden hingegen von redaktionsexternen Kritikern betrieben, sind aber trotzdem in ein redaktionelles Angebot eingebunden. Demgegenüber gibt es bei persönlichen Blogs von Rezipienten überhaupt keine organisatorische Anbindung an ein journalistisches Medium. Nicht mit dieser Herangehensweise in Einklang zu bringen ist der Begriff des Watchblogs, der sich laut Mayer et al. (2008b: 589) in erster Linie über die “Fremdbeobachtung und kritische Begleitung journalistisch produzierter Inhalte” definiert. Die Betonung liegt bei dieser Definition scheinbar eher auf der Funktion des Blogtyps, weniger auf dessen Organisationsform. Zwar sind der zitierten Definition zufolge auch die Betreiber von Watchblogs außerhalb journalistischer Redaktionen angesiedelt. Allerdings ergibt sich dadurch eine teilweise Überschneidung mit der Kategorie der persönlichen Blogs von Rezipienten, denn auch diese können — und tun es in der Praxis ja auch — eine kritische Fremdbeobachtung des Journalismus leisten. Die vorgeschlagene Typologie der Medienblogs operiert damit nicht ganz trennscharf, was sie für die Anwendung in künftigen Forschungszusammenhängen problematisch macht.

Einen etwas systematischeren Vorschlag zur Typologisierung von Medienblogs machen David Domingo und Ari Heinonen (2008: 7ff.) in einem neueren Aufsatz in der “Nordicom Review”. Sie unterscheiden zwischen

  • Citizen Blogs: Journalistic Weblogs Written by the Public Outside the Media,
  • Audience Blogs: Journalistic Weblogs Written by the Public within the Media,
  • Journalist Blogs: Journalistic Weblogs Written by Journalists Outside Media Institutions und
  • Media Blogs: Journalistic Weblogs Written by Journalists within Media Institutions.

Hier wird konsistent auf den Grad der Institutionalisierung als Unterscheidungsmerkmal zurückgegriffen, weswegen der Begriff Watchblog nicht auftaucht. Watchblogs lassen sich hier in verschiedenen Kategorien verorten, je nachdem welche Definition zugrunde gelegt wird. (Ohnehin scheint mir der Begriff der “Fremdbeobachtung” von Journalismus, d. h. der Beobachtung von Journalismus durch Nicht-Journalisten, als Definitionsmerkmal unpassend, denn gerade im deutschen Sprachraum werden die populärsten Medienwatchblogs ja durchaus von Journalisten betrieben, auch wenn sie nicht in redaktionelle Angebote eingebunden sind.) Wollte man den Begriff Watchblog als Bestandteil einer Medienblog-Typologie retten, müsste diese durchgängig auf die Funktionen unterschiedlicher Medienblogs rekurrieren. Dies scheint mir zum gegebenen Zeitpunkt jedoch kaum sinnvoll, da der Wissensstand über die tatsächlichen Funktionen von Medienblogs bislang noch ungenügend ist.

Literatur:

Beuthner, Michael/Weichert, Stephan Alexander (2005): Zur Einführung: Internal Affairs – oder: die Kunst und die Fallen medialer Selbstbeobachtung. In: dies. (Hrsg.): Die Selbstbeobachtungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 13-41.

Domingo, David/Heinonen, Ari (2008): Weblogs and Journalism. A Typology to Explore the Blurring Boundaries. In: Nordicom Review 29, Nr. 1/2008, S. 3-15. Online unter http://www.nordicom.gu.se/common/publ_pdf/264_domingo_heinonen.pdf

Mayer, Florian L./Mehling, Gabriele/Raabe, Johannes/Schmidt, Jan/Wied, Kristina unter Mitarbeit von Tom Binder und Oda Riehmer (2008a): Leserschaft, Nutzung und Bewertung von BILDblog. Befunde der ersten Online-Befragung 2007. Online unter http://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/split_professuren/journalistik/Fonk/bildblog/Studie_BILDblog-Nutzerbefragung_2007__Uni_Bamberg_.pdf

Mayer, Florian L./Mehling, Gabriele/Raabe, Johannes/Schmidt, Jan/Wied, Kristina (2008b): Watchblogs aus der Sicht der Nutzer. Befunde einer Onlinebefragung zur Nutzung und Bewertung von Bildblog. In: Media Perspektiven, Heft 11/2008, S. 589-594. Online unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/Mayer.pdf

Wied, Kristina/Schmidt, Jan (2008): Weblogs und Qualitätssicherung. Zu Potenzialen weblogbasierter Kritik im Journalismus. In: Quandt, Thorsten/Wolfgang Schweiger (Hrsg.): Journalismus online: Partizipation oder Profession? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 173-192.

Studie zur journalistischen Internet-Recherche — jetzt auch online

Bereits vor einigen Monaten habe ich an dieser Stelle auf die breit angelegte Leipziger Erhebung zur journalistischen Recherche im Internet hingewiesen, deren Ergebnisse der Vistas-Verlag in Buchform veröffentlicht hat. In der neuen Ausgabe der “Media Perspektiven” (Heft 10/2008) legen Marcel Machill und Markus Beiler die wichtigsten Befunde nun noch einmal in Aufsatzform vor. Im Vergleich zum Buch kann der Beitrag keine neuen Erkenntnisse bringen. Schön ist aber, dass alle zentralen Tabellen nun auch online und frei verfügbar sind. Hier geht’s zum Text!

Literatur:

Machill, Marcel/Beiler, Markus/Zenker, Martin (2008): Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Berlin: Vistas.

Machill, Marcel/Beiler, Markus (2008): Die Bedeutung des Internets für die journalistische Recherche. Multimethodenstudie zur Recherche von Journalisten bei Tageszeitung, Hörfunk, Fernsehen und Online. In: Media Perspektiven, Heft 10/2008, S. 516-531.

Ich und Ich: New Journalism gestern und heute

Auf die Verbindungslinien zwischen Blogging und Erzähljournalismus habe ich kürzlich schon einmal hingewiesen. Klaus Jarchow hat nun einige weitere Indizien gesammelt, die zeigen, dass Weblogs mit einigem Recht als Fortführung der Tradition des New Journalism (in Sinne von Tom Wolfe) gesehen werden können. Für die Medienlese stellt er suggestiv einige Beispiele für gängigen deutschen Zeitungsjournalismus, “neuen Journalismus” US-amerikanischer Prägung und aktuelle deutschsprachige Blog-Einträge gegenüber. Sein Fazit:

Die Grenze zwischen dem “alten Journalismus” und dem hochgerühmten “new journalism”, die verläuft im deutschsprachigen Raum zwischen den Holzmedien und den Blogs, oder zwischen dem “Es” und dem “Ich”.

Klaus Jarchows Analyse ist ein klares Plädoyer für mehr Subjektivität in der journalistischen Berichterstattung, für mehr “Journalismus in der ersten Person”. Dass es daran nach wie vor mangelt, hat erst vor kurzem Christoph Moss gezeigt. In einer empirischen Untersuchung zu den sprachlichen Merkmalen von Weblogs hat er 500 Blog-Texte und 500 Kommentare aus Zeitungen und Zeitschriften inhaltsanalytisch ausgewertet und miteinander verglichen. In einer Zusammenfassung der Ergebnisse für das Handelsblatt stellt er fest:

Durchschnittlich mehr als zweimal pro Blogeintrag taucht in den untersuchten Texten das Wort “ich” auf, fast zehnmal so häufig wie in einem vergleichbaren journalistischen Text.

Für sich genommen mögen die beiden angeführten Sichtweisen zwar kaum überraschen. Ich verstehe sie jedoch als weitere Belege für die These, dass ein subjektives, literarisch geprägtes Journalismusverständnis keineswegs exklusiv an die historische Phase des (klassischen) New Journalism gebunden war, sondern bis in die Gegenwart fortlebt und sich kontinuierlich weiterentwickelt. Der “neue Journalismus” in Wolfe’scher Auslegung war in den USA in den späten 1960er und den -70er Jahren vor allem deswegen erfolgreich, weil er ein willkommenes Gegenkonzept zum objektiven Mainstream-Journalismus anbot und damit dessen Glaubwürdigkeitsprobleme ausgleichen konnte. Gleiches gilt für die Weblog-Publizistik der Gegenwart, die damit das Programm des New Journalism unter neuen medialen Bedingungen fortführt.

Systemtheoretisch gewendet, lassen sich sowohl New Journalism als auch Blogs als Subsysteme des Systems Journalismus auffassen. Wie ihr Muttersystem haben sie vor allem eine Funktion: das Herstellen von Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Transparenz. Bei der Umsetzung dieser Funktion werden jedoch unterschiedliche Strategien verfolgt. Während der (im Zentrum des Muttersystems angesiedelte) Mainstream-Journalismus vor allem auf nachrichtliche, um Objektivität bemühte Darstellungsformen setzt, nutzen New Journalism und Blogs in erster Linie das Erlebnispotenzial subjektiver Vermittlungsmuster. Damit sind sie eher in der Peripherie des Journalismus-Systems verortet. Ob ihre publizistischen Bemühungen aber — wie von Klaus Jarchow erhofft — zu einer (Re-)Subjektivierung des journalistischen Mainstreams führen, scheint eher fraglich. Im Falle des traditionellen New Journalism ist der Zug wohl ohnehin schon abgefahren. Und auch die gegenwärtigen Blog-Trends sind eher als Ergänzung zum etablierten Objektivitäts-Journalismus zu verstehen, weniger als potenzieller Ersatz. Auf Dauer könnten sie sogar eher systemstabilisierend wirken. Durch ihre spezifischen Leistungen gleichen sie Mängel des Journalismus-Systems aus und tragen damit zu dessen Selbsterhaltung bei.

Literatur:

Jarchow, Klaus (2008): Journalismus in der ersten Person. Ich? Ich! In: Medienlese vom 30. Mai 2008. Online unter: http://medienlese.com/2008/05/30/journalismus-in-der-ersten-person-ich-ich/

Moss, Christoph (2008a): Weblogs und die Liebe zum Ich. In: Handelsblatt vom 23. April 2008. Online unter: http://www.handelsblatt.com/News/Journal/Vermischtes/_pv/_p/204493/_t/ft/ _b/1421193/default.aspx/weblogs-und-die-liebe-zum-ich.html

Moss, Christoph (2008b): Viel Luft nach oben. In: Absatzwirtschaft, Heft 5/2008, S. 29-33

Der neue Pragmatismus

Das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten galt lange Zeit als vergiftet. Inzwischen mehren sich jedoch — zumindest in der Fachpublizistik — die Stimmen, die für eine pragmatische Annäherung der beiden Akteursgruppen plädieren. Im Mittelpunkt steht dabei immer häufiger die Frage: Was können Journalisten von Bloggern lernen? — Eine ganze Menge, wie mehrere aktuelle Beiträge zeigen.

Ein lesenswerter Überblick zu diesem Thema ist beispielsweise die aktuelle Titelgeschichte von “M - Menschen Machen Medien” (Heft 4/2008): Unter der Überschrift “Mit Bloggern auf Augenhöhe” diskutiert Christiane Schulzki-Haddouti einige zentrale Eigenschaften der Blogosphäre, die auch Journalisten sich gewinnbringend zu Eigen machen können. Ihre These: Nicht nur in punkto Diskursivität, Transparenz und Selbstkontrolle seien Blogger den klassischen Medien um einiges voraus. Gerade auch mit Blick auf die Vernetzung hätten viele Journalisten Nachholbedarf. Bemerkbar mache sich das etwa bei der bislang kaum adäquaten Einbindung von “user-generated content” in journalistische Publikationen. Dabei wäre es so einfach, Leser durch Verlinkung in die Berichterstattung zu integrieren. “Ein solcher leserbezogener ‘Backlink’ wäre im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Währung und sollte nicht nur in einem Beikasten, sondern in den Haupttext integriert werden. Konsequent angewandt und weiterentwickelt könnte hier ein neues journalistisches Format entstehen”, argumentiert Christiane Schulzki-Haddouti (2008: 9). Ergänzt wird ihre Analyse durch einen Beitrag zur Zukunft des Print-Journalismus und einige Hinweise auf praktische Social-Media-Tools.

Für Letztere interessiert sich auch Paul Bradshaw. Auf Journalism.co.uk stellt er verschiedene Blogger-Werkzeuge vor, die auch bei einer journalistischen Recherche nützlich sein können. Sein Konzept des “Passive-Aggressive Newsgathering” hat er in seinem Blog inzwischen noch einmal ausführlicher diskutiert: Das Abonnement von thematisch relevanten RSS-Feeds ist demnach als eher passive Art der journalistischen Informationsbeschaffung einzuordnen; die Recherche in sozialen Netzwerken sei hingegen eine eher aktive Vorgehensweise. Für beide Kategorien listet Paul eine Reihe von Beispielen auf, die sicherlich nicht nur für Blog-Beginner interessant sind. Zur Hinterfragung herkömmlicher journalistischer Recherchestrategien taugen seine Einwürfe allemal.

Die angeführten Beiträge sind schöne Beispiele dafür, dass sich Blogger und Journalisten sinnvoll ergänzen können. In der Kommunikationswissenschaft wird schon seit längerem die These diskutiert, “dass zwischen Weblogs und professionellem Journalismus primär eine komplementäre, weniger eine konkurrierende Beziehung besteht” (Neuberger/Nuernbergk/Rischke 2007: 110). Der neue Pragmatismus, der in den Texten von Christiane Schulzki-Haddouti und Paul Bradshaw zum Tragen kommt, füllt diese These nun mit Leben. Wie lange wird es wohl noch brauchen, bis dieses Leben auch in den Redaktionen ankommt?

Literatur:

Bradshaw, Paul (2008): How to: use RSS and social media for newsgathering. Online unter: http://www.journalism.co.uk/7/articles/531343.php

Neuberger, Christoph/Nuernbergk, Christian/Rischke, Melanie (2007): Weblogs und Journalismus: Konkurrenz, Ergänzung oder Integration? Eine Forschungssynopse zum Wandel der Öffentlichkeit im Internet. In: Media Perspektiven, Heft 2/2007, S. 96-112. Online unter: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/ 02-2007_Neuberger.pdf

Schulzki-Haddouti, Christiane (2008): Mit Bloggern auf Augenhöhe. In: M - Menschen Machen Medien 57, Heft 4/2008, S. 8-10. Online unter: http://mmm.verdi.de/archiv/2008/04/titelthema_blogs/ mit_bloggern_auf_augenhoehe