Archiv für die Kategorie 'Netzlese' pt. 4 von 5



Blogforscher nehmen Maß: AG Social Media gegründet

So schnell kann es gehen: Am Ostermontag rief Benedikt Köhler über sein Blog dazu auf, eine Forschungsgruppe zur Vermessung der Blogosphäre zu gründen. Rund anderthalb Wochen später war sie da: die Arbeitsgemeinschaft Social Media. Wesentliches Anliegen des Zusammenschlusses ist die Erarbeitung von neuen Standards bei der Erforschung von Weblogs und anderer Social Software. Darauf aufbauend soll es möglich werden, Aussagen über die politische und gesellschaftliche Relevanz des Mitmach-Webs zu formulieren.

Die gegenwärtigen Probleme bei der quantitativen und qualitativen Bewertung von Blogs erklärt Benedikt im Interview bei medienlese.com:

Bei der Werbevermarktung gibt es schlicht keine Metriken, die die Reichweite sinnvoll abbilden können. Einfachstes Beispiel: Die Page Impressions, die nach wie vor das gängige Kriterium sind. Die bilden aber das Nutzerverhalten nur sehr ungenau ab, weil sie eine Startseite gleich werten wie ein einzelner Artikel, wie auch ein einzelnes Bild in einer Bildergalerie.

Das soll durch die Initiative der AG Social Media nun anders werden. Die Resonanz auf die Gründung zeigt, dass sie mit ihrer Zielsetzung auf ein durchaus beachtliches Interesse stößt. Einige weiterführende Ideen für ein “Messsystem jenseits der Page Impressions” hat mittlerweile Christiane Schulzki-Haddouti zusammengetragen. Doch damit geht die inhaltliche Diskussion gerade erst los.

Es dürfte spannend sein, die Arbeit dieser wichtigen Initiative im Blick zu behalten.

Jetzt auch im Singular: hardbloggingscientist.de

“Kritisch, futuristisch, diskursiv” soll es werden — das neue Blog von Steffen Büffel. Unter hardbloggingscientist.de will der Medienwissenschaftler, in der Community bislang vor allem durch seine Publikationsaktivitäten auf Media-Ocean bekannt, sich künftig forschungsnahen Aspekten rund um das Thema Social Media widmen. Aktuell geht es beispielsweise um die “Zukunft des Lernens“. Auf die weitere Entwicklung des Blogs darf man gespannt sein. (via)

Empirische Sozialforschung und journalistische Recherche im Social Web

Welche forschungsethischen Richtlinien gelten für Erhebungen im Social Web? Diese ebenso wichtige wie spannende Frage hat Jan Schmidt vor knapp zwei Wochen in seinem Blog aufgeworfen und gleichzeitig in einer längeren E-Mail über die GIR-L verbreitet. Hintergrund ist ein gemeinsames Forschungsprojekt des Hans-Bredow-Instituts und der Universität Salzburg zum Thema “Jugendliche und Web 2.0″, für das u. a. die Plattform “SchülerVZ” näher untersucht werden soll. Ein grundlegendes Problem für das Projektteam stellte sich gleich zu Beginn ein: Wie kann man sich als Forscher überhaupt Zugang zu einem sozialen Netzwerk wie “SchülerVZ” verschaffen, das seiner Absicht nach ja nur Schülern offen steht? Sicherlich wäre es ohne weiteres möglich, sich mit einer fiktiven Identität zu registrieren, um dann verdeckte Erhebungen durchzuführen. Dabei würde man jedoch schnell in Argumentationsnöte geraten, denn mit “guter wissenschaftlicher Praxis” hätte ein solches Vorgehen sicherlich nicht viel zu tun. Die sich daraus ergebenden Folgefragen sind mittlerweile an verschiedenen Orten weiterdiskutiert worden. Auch ich habe mich mit einem kurzen Einwurf beteiligt, den das Projektteam inzwischen aufgegriffen hat und den ich nun — mit etwas zeitlichem Abstand — präzisieren möchte:

Denn mich reizt an der Diskussion vor allem ein (Neben-)Aspekt: die Parallelität von empirischer Sozialforschung und journalistischer Recherche im Social Web. Dass die Tätigkeiten von Sozialwissenschaftlern und Journalisten sich in vielerlei Hinsicht ähneln und beide Berufsgruppen infolgedessen voneinander lernen können, hat u. a. Bernd Klammer (2005) anschaulich dargelegt. Entsprechende Vergleiche haben sich in der Vergangenheit allerdings fast ausschließlich auf Beispiele bezogen, bei denen die Daten- bzw. Informationsbeschaffung offline stattfand. Gerade durch die fortschreitende Erschließung des Internets (und nun auch des Social Webs) für wissenschaftliche und journalistische Zwecke werden jedoch neue Fragen aufgeworfen, die in keinem der beiden Arbeitsfelder zufriedenstellend beantwortet sind. So fehlt es beispielsweise in der Journalistenausbildung bislang an einem einschlägigen Ratgeber zur Recherche im Neuen Netz; und dass auch in der empirischen Sozialforschung vieles ungeklärt ist, zeigt die gerade angestoßene Diskussion.

Für den weiteren Verlauf dieser Diskussion halte ich es für nutzbringend, die berufsethischen Fragestellungen in Journalismus und Forschung miteinander in Beziehung zu setzen. Wenn man verschiedene Konfliktfälle aus beiden Bereichen zusammenträgt, wird man unweigerlich Ähnlichkeiten feststellen. Eine Erörterung dieser Fälle dürfte Konfliktlösungsmuster bereitstellen, die sowohl in der Journalismus- als auch in der Forschungsethik anwendbar sind und von denen daher alle Beteiligten nur profititieren können.

Für den Journalismus fallen mir aus dem Stegreif eine ganze Reihe von Beispielen ein, die auf die von Jan Schmidt aufgeführten Fragen übertragbar sind. Dabei muss es nicht immer gleich um die Verwertung von Details aus der Privat- und Intimsphäre gehen, wie die “Bild”-Zeitung dies seit einiger Zeit mit Nutzer-Daten aus dem “StudiVZ” praktiziert (vgl. dazu die aktuelle Berichterstattung in der taz). Mögliche Konflikte tauchen bereits auf einer viel grundlegenderen Ebene auf. Dazu einige Schlaglichter aus dem Alltag unserer Dortmunder Lehrredaktion Online- und Medienjournalismus:

1. Wiederholt wurde von Lehrredaktionsteilnehmern die Frage gestellt, ob es ethisch vertretbar sei, aus Blogs zu zitieren, ohne vorher explizit Rücksprache mit dem Urheber gehalten zu haben. Ich meine dazu: Ja, prinzipiell ist das vertretbar, sofern es sich um frei zugängliche Blogs handelt und die relevanten Inhalte auch wirklich als Zitat verarbeitet werden. Dazu gehört auch eine ausreichende Quellentransparenz, idealerweise mit direktem Link auf die zitierte Passage. Überdies ist natürlich die Glaubwürdigkeit der verarbeiteten Informationen zu prüfen, aber ein entsprechender Gegencheck sollte bei einer journalistischen Recherche ohnehin selbstverständlich sein.

2. Ähnliches gilt für das Zitieren aus Foren: Bei entsprechender Quellentransparenz halte ich das für unverwerflich, allerdings nur bei öffentlichen Foren. Bei eingeschränktem Zugang sollte sich ein recherchierender Journalist auch als solcher zu erkennen geben und vor einer Verarbeitung gewonnener Informationen bei den Betroffenen um Erlaubnis bitten.

3. Bei zugangsbeschränkten Networking-Plattformen ist es aus meiner Sicht grundsätzlich notwendig, offen zu agieren.

4. Ein wenig komplizierter ist die Beurteilung bei einer Recherche in virtuellen Welten wie “Second Life”, “World of Warcraft” etc. Einige Studierende unseres Instituts haben dazu im vergangenen Jahr ein umfangreiches multimediales Online-Spezial erarbeitet. Die Herangehensweisen waren hierbei sehr unterschiedlich. Folglich fiel die Entscheidung, ob eine verdeckte teilnehmende Beobachtung ethisch vertretbar ist oder nicht, von Fall zu Fall anders aus. Für diesen Bereich fällt es mir schwer, eine allgemeine Richtlinie zu formulieren.

Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortführen. Allerdings wird bereits anhand der genannten Punkte deutlich, wie ähnlich die Problemlagen von Journalisten und Sozialforschern bei der Erkundung des Social Webs sind. Eine Sammlung, Kategorisierung und Erörterung weiterer Fälle aus beiden Arbeitsfeldern wäre sicherlich viel versprechend.

Literatur:

Klammer, Bernd (2005): Empirische Sozialforschung. Eine Einführung für Kommunikationswissenschaftler und Journalisten. Konstanz: UVK

Die Blog-Welt in fünf Minuten

Die Deutsche Welle ist mit einem erwähnenswerten neuen Audio-Format on air bzw. online gegangen: In der “Blogschau” informiert Marcus Bösch ab sofort einmal pro Woche “über Trends im Netz und taucht ein in die Welt der Blogs sowie Pod- und Vodcasts” (Pressemitteilung). Die erste Ausgabe kann zwar noch keine großen inhaltlichen Überraschungen bieten und will mit kurzen Beiträgen über Spreeblick.com, YouTube und das GoogleWatchBlog wohl eher ein Publikum ansprechen, das sich in der Blogosphäre bislang noch nicht heimisch fühlt (das spannende Thema “Tibet 2.0″ fällt hier ein wenig aus der Reihe). Aber das ist ja ein durchaus sympathisches Ansinnen. In diesem Sinne: Weitermachen!

Blogging als Erzähljournalismus: “reporting in its natural state”

Mitte März fand in Boston die diesjährige Nieman Conference on Narrative Journalism statt. Das Programm war — wie immer — beneidenswert. Ein besonders positives Echo hat im Nachhinein die Präsentation von Josh Benton, Kolumnist bei den Dallas Morning News und derzeit Nieman Fellow an der Harvard University, gefunden. In seinem Vortrag mit dem Titel “Blogging for Story: Telling tales in a format designed for the info-nugget” stellte er Verbindungslinien zwischen der Blog-Publizistik und verschiedenen (historischen) Formen des narrativen Journalismus her. Unter den Zuhörern war auch Roy Peter Clark, der dem Referenten anschließend eine begeisterte Kolumne widmete. Die Begeisterung ist nachvollziehbar, denn Bentons Konzept hat seinen Charme:

Laut Benton haben Blogging und Erzähljournalismus viele Gemeinsamkeiten. Beide stellten ein besonders brauchbares Vehikel zur Vermittlung von persönlichen Beobachtungen und Emotionen dar, die im konventionellen Nachrichtenjournalismus in der Regel unter den Tisch fallen. Durch ihre Lebendigkeit und Authentizität seien sie in der Lage, den Leser zu fesseln. Dadurch erreichten sie einen besonders hohen Grad an Interessantheit. Im Nachrichtenjournalismus hingegen falle der entsprechende Kennwert eher niedrig aus. Dessen Wirkungsmacht sei daher begrenzt.

Unterschiede zwischen Blogging und narrativem Journalismus sieht Benton vor allem auf der Zeitleiste: Wenn Blogger als Augenzeugen auftreten, können sie ihre Erlebnisse und Beobachtungen mit Hilfe moderner Technik quasi in Echtzeit publizistisch zu verarbeiten. Durch die schnelle Reaktion seien sie besonders glaubwürdig, weil die Gefahr der Verfälschung auf ein Minimum reduziert werde. Klassischer Erzähljournalismus brauche hingegen mehr Zeit. Bis Journalisten das narrative Pontenzial eines Themas erkennen, seien die damit verbundenen Ereignisse bereits Vergangenheit. Durch die erzählende Darstellung werde die Berichterstattung zwar in der Regel interessanter als im konventionellen Journalismus. Der Reiz des Gegenwärtigen aber fehle. Hier seien Blogs also im Vorteil.

Wie Roy Peter Clark zeigt, sind die skizzierten Zusammenhänge auch grafisch darzustellen: in Form der “Benton Curve of Journalistic Interestingness”. Dieser Graph ist letztlich ein Plädoyer für die Rückkehr zur Augenzeugen-Berichterstattung, die in der Tradition des narrativen Journalismus einstmals eine bedeutende Rolle gespielt hat, in der jüngeren Vergangenheit aber aufgrund der Dominanz des Nachrichten-Paradigmas ins Hintertreffen geraten ist. Benton bezeichnet diese Art der Berichterstattung (unter Rückgriff auf James Fenton) als “reporting in its natural state”. Sie ist für ihn die Idealvorstellung eines modernen Erzähljournalismus.

Etwas zu kurz kommen mir in der Darstellung (zumindest in der Zusammenfassung bei Roy Peter Clark) die Verweise auf mögliche Defizite eines journalistischen Live-Blogging. So dürften vor allem Qualitätsmerkmale wie (Sachliche) Richtigkeit und Vollständigkeit unter einer möglichst schnellen publizistischen Verarbeitung leiden. Nichtsdestotrotz halte ich das Konzept von Josh Benton für bedenkenswert. Es ist ein einleuchtender Versuch, theoretische Verbindungslinien zwischen Blogging und Erzähljournalismus zu ziehen. Nicht nur die Journalismusforschung, auch die journalistische Praxis kann davon profitieren. (via)

Erträge eines nächtlichen Netz-Spaziergangs

Kaum ein Tag vergeht, der einem keine neue Blog-Entdeckung beschert. Während eines nächtlichen Netz-Spaziergangs bin ich auf mehrere viel versprechende Projekte aus den Arbeitsfeldern Medien und Journalismus gestoßen. Auf drei davon sei kurz hingewiesen:

The Changing Newsroom lautet der Titel eines sympathischen neuen Blogs, das sich mit dem Einfluss gegenwärtiger Technik-Entwicklungen auf den Journalismus befasst. Carrie Brown, ab Herbst Assistant Professor of Journalism an der University of Memphis, hat die Seite erst Anfang März ins Leben gerufen. Deswegen ist noch nicht ganz klar, wohin die Reise geht. Die ersten Ansätze machen aber Lust auf mehr. Ich werde auf jeden Fall wieder vorbeischauen.

Bei Poynter Online wird seit einigen Tagen verstärkt über “diversity” in der journalistischen Berichterstattung diskutiert. Das passende Blog dazu heißt Diversity at Work. Gefüllt werden soll es laut Ankündigung von einer Reihe praxisnaher Autoren. Außerdem gibt es eine eigene del.icio.us-Seite zum Thema. Momentan ist allerdings noch nicht viel zu sehen. Auch hier scheint es lohnenswert, das Projekt im Auge zu behalten.

Schon ein paar Tage älter ist das Blog von Robert Picard, Professor an der Jönköping International Business School. Ich bin trotzdem erst heute darauf aufmerksam geworden. Besser spät als nie, denn The Media Business enthält einige medienökonomische Reflexionen, die in dieser Qualität in der Blogosphäre sicherlich Seltenheitswert haben. Aufgrund der mangelnden Vernetzung fehlt der Seite bislang scheinbar die Aufmerksamkeit, die sie haben könnte. Vielleicht ändert sich das ja bald…

You’ll Never Walk Alone

Heimlich, still und leise haben auch meine Kollegen vom DFG-Forschungsprojekt “Mediale Integration ethnischer Minderheiten” mit dem Bloggen angefangen. Schon seit Ende Januar führen sie unter www.integration-und-medien.de/blog ein Projektblog zur Ergänzung und Reflexion ihrer Arbeit. Erst heute bin ich — mehr oder weniger durch Zufall — darauf aufmerksam geworden. Dafür freue ich mich nun umso mehr: Ich bin nicht der einzige Dortmunder Journalistiker, der sich in der Blogosphäre tummelt.