Archiv für die Kategorie 'Netzlese' pt. 3 von 5



Derby Day — 1970 und 2008

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Ich war noch nie in Kentucky. Und ein großer Freund des Pferdesports bin ich auch nicht. Dennoch hat das traditionsreiche Kentucky Derby für mich eine gewisse Strahlkraft. Das hängt vor allem mit Hunter S. Thompsons großartiger Reportage “The Kentucky Derby is decadent and depraved” zusammen. Erstveröffentlicht im Jahr 1970 in der Juni-Ausgabe von “Scanlan’s Monthly”, zählt sie zu den Klassikern der New-Journalism-Literatur, nicht zuletzt aufgrund ihrer späteren Anthologisierung in Tom Wolfes Sammelband “The New Journalism”. Der rasende, fast psychotische Erzählstil macht den Text zu einem anschaulichen Beispiel für Thompsons so genannte Gonzo-Berichterstattung, die später in Buch-Projekten wie “Fear and Loathing in Las Vegas” ihre weitere Ausformung fand.

Die Hochphase des Gonzo Journalism liegt inzwischen lange hinter uns, die Strahlkraft des Derbys ist jedoch ungebrochen. Das Louisville “Courier-Journal”, die Lokalzeitung vor Ort, lieferte am vergangenen Wochenende den eindrucksvollen Beweis dafür. In ihrer Internet-Ausgabe widmete sie der 134. Auflage der Sportveranstaltung ein umfängliches Special. Neben zahllosen Fotostrecken und Bewegtbild-Einspielern finden sich dort auch mehrere Blogs zum Thema und vielfältige Möglichkeiten zur Leserbeteiligung. Ganz “state of the art” eben. Was hätte Hunter S. wohl dazu gesagt? (via)

Literatur:

Hunter S. Thompson (1996): The Kentucky Derby is decadent and depraved. In: Tom Wolfe: The New Journalism. With an anthology edited by Tom Wolfe und E. W. Johnson. London etc.: Picador, S. 195-211.

Foto: Jeff Kubina

Einführung in die Medienwirkungsforschung — online

Noch ein Link nach Augsburg: Am dortigen Institut für Medien und Bildungstechnologie bastelt man seit Beginn des laufenden Sommersemesters mit interaktiven audiovisuellen Veranstaltungsmitschnitten. Versuchskaninchen ist Christiane Eilders. Ihre Vorlesung “Einführung in die Medienwirkungsforschung” kann seit einigen Tagen auch online goutiert werden. Eine RM-Datei mit der Auftaktveranstaltung steht hier zum Download zur Verfügung (243 MB), ein etwas handlicheres MP3 gibt es hier (74 MB). Die nachfolgenden Sitzungen werden nach und nach auf dem Server des Medienlabors ergänzt.

Online-Umfrage zum Thema Knowledge Blogs

Eine interessante Masterarbeit über Knowledge Blogs entsteht derzeit am Institut für Medien und Bildungstechnologie der Universität Augsburg. Tamara Bianco führt zu diesem Zwecke eine Befragung durch — und ist auf der Suche nach bloggenden Wissenschaftlern, die daran teilnehmen. Ich bin diesem Wunsch gerade bereits nachgekommen. Jetzt gebe ich das Stöckchen weiter. Zum Fragebogen geht es hier! (via)

Die Zukunft der Medienkritik

“Um die Zukunft der Medienkritik in den klassischen Medien ist es nicht gut bestellt.” So lautet die Quintessenz eines Vortrages, den Stefan Niggemeier gestern Abend am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn gehalten hat. Dabei ging es vor allem um mögliche Alternativen zum herkömmlichen Medienjournalismus, also um “BILDblog, Medienkritik im Internet, das Selbständigmachen und sowas” — das übliche “Zeugs” eben, um mit den Worten Niggemeiers zu sprechen. Dankenswerterweise haben die Paderborner Kollegen dieses “Zeugs” via Mogulus dokumentiert — oder wenigstens Teile davon, die ersten 20 Minuten des Referats fehlen nämlich. Aber der Rest ist auch sehenswert!

Der neue Pragmatismus

Das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten galt lange Zeit als vergiftet. Inzwischen mehren sich jedoch — zumindest in der Fachpublizistik — die Stimmen, die für eine pragmatische Annäherung der beiden Akteursgruppen plädieren. Im Mittelpunkt steht dabei immer häufiger die Frage: Was können Journalisten von Bloggern lernen? — Eine ganze Menge, wie mehrere aktuelle Beiträge zeigen.

Ein lesenswerter Überblick zu diesem Thema ist beispielsweise die aktuelle Titelgeschichte von “M - Menschen Machen Medien” (Heft 4/2008): Unter der Überschrift “Mit Bloggern auf Augenhöhe” diskutiert Christiane Schulzki-Haddouti einige zentrale Eigenschaften der Blogosphäre, die auch Journalisten sich gewinnbringend zu Eigen machen können. Ihre These: Nicht nur in punkto Diskursivität, Transparenz und Selbstkontrolle seien Blogger den klassischen Medien um einiges voraus. Gerade auch mit Blick auf die Vernetzung hätten viele Journalisten Nachholbedarf. Bemerkbar mache sich das etwa bei der bislang kaum adäquaten Einbindung von “user-generated content” in journalistische Publikationen. Dabei wäre es so einfach, Leser durch Verlinkung in die Berichterstattung zu integrieren. “Ein solcher leserbezogener ‘Backlink’ wäre im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Währung und sollte nicht nur in einem Beikasten, sondern in den Haupttext integriert werden. Konsequent angewandt und weiterentwickelt könnte hier ein neues journalistisches Format entstehen”, argumentiert Christiane Schulzki-Haddouti (2008: 9). Ergänzt wird ihre Analyse durch einen Beitrag zur Zukunft des Print-Journalismus und einige Hinweise auf praktische Social-Media-Tools.

Für Letztere interessiert sich auch Paul Bradshaw. Auf Journalism.co.uk stellt er verschiedene Blogger-Werkzeuge vor, die auch bei einer journalistischen Recherche nützlich sein können. Sein Konzept des “Passive-Aggressive Newsgathering” hat er in seinem Blog inzwischen noch einmal ausführlicher diskutiert: Das Abonnement von thematisch relevanten RSS-Feeds ist demnach als eher passive Art der journalistischen Informationsbeschaffung einzuordnen; die Recherche in sozialen Netzwerken sei hingegen eine eher aktive Vorgehensweise. Für beide Kategorien listet Paul eine Reihe von Beispielen auf, die sicherlich nicht nur für Blog-Beginner interessant sind. Zur Hinterfragung herkömmlicher journalistischer Recherchestrategien taugen seine Einwürfe allemal.

Die angeführten Beiträge sind schöne Beispiele dafür, dass sich Blogger und Journalisten sinnvoll ergänzen können. In der Kommunikationswissenschaft wird schon seit längerem die These diskutiert, “dass zwischen Weblogs und professionellem Journalismus primär eine komplementäre, weniger eine konkurrierende Beziehung besteht” (Neuberger/Nuernbergk/Rischke 2007: 110). Der neue Pragmatismus, der in den Texten von Christiane Schulzki-Haddouti und Paul Bradshaw zum Tragen kommt, füllt diese These nun mit Leben. Wie lange wird es wohl noch brauchen, bis dieses Leben auch in den Redaktionen ankommt?

Literatur:

Bradshaw, Paul (2008): How to: use RSS and social media for newsgathering. Online unter: http://www.journalism.co.uk/7/articles/531343.php

Neuberger, Christoph/Nuernbergk, Christian/Rischke, Melanie (2007): Weblogs und Journalismus: Konkurrenz, Ergänzung oder Integration? Eine Forschungssynopse zum Wandel der Öffentlichkeit im Internet. In: Media Perspektiven, Heft 2/2007, S. 96-112. Online unter: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/ 02-2007_Neuberger.pdf

Schulzki-Haddouti, Christiane (2008): Mit Bloggern auf Augenhöhe. In: M - Menschen Machen Medien 57, Heft 4/2008, S. 8-10. Online unter: http://mmm.verdi.de/archiv/2008/04/titelthema_blogs/ mit_bloggern_auf_augenhoehe

Ombudsleute in den Medien — Warum erst jetzt?

iq.gifÜber journalistische Qualität wird (völlig zu Recht) gerne und viel diskutiert — zuletzt etwa im Zusammenhang mit unkritischen Recherchemethoden beim RBB-Magazin “Polylux”. Ein neues Patentrezept für eine bessere Berichterstattung hat nun die “Initiative Qualität im Journalismus” (IQ) entdeckt. Per Pressemitteilung fordert sie “mehr Ombudsleute in den Medien”.

Warum Ombudsleute ein wesentlicher Faktor der Qualitätssicherung sein können, erläutert die IQ in sieben Thesen. Hier der Wortlaut:

  1. Ombudsleute in den Medien sind Vermittler zwischen der Leserschaft/den Rezipienten und der Redaktion. Sie verstehen sich sowohl als Anwälte der Leserschaft/der Rezipienten als auch der Pressefreiheit und sind Teil der Medienselbstkontrolle.
  2. Ombudsleute sind allein den gesetzlichen und berufsethischen Standards der Medien und des Journalismus verpflichtet. Sie arbeiten auf dieser Basis unabhängig und sachbezogen.
  3. Ombudsleute sind verlässliche, kompetente Ansprechpartner für Kritik und Anregungen der Leserschaft/der Rezipienten. Sie sind offen für deren Anliegen und vermitteln den Dialog.
  4. Ombudsleute wirken durch ihre berufliche Erfahrung, ihre Unabhängigkeit und ihre Persönlichkeit.
  5. Ombudsleute stärken Transparenz und Glaubwürdigkeit von Medien, indem sie Inhalte, Ergebnisse und Begründungen ihrer Arbeit und damit zugleich Fragen der Pressefreiheit und des Medienalltags in einer eigenen Kolumne/Sendung veröffentlichen.
  6. Ombudsleute fördern auch die interne Diskussion in den Medien über Leistungen und Fehlleistungen. Sie sind damit ein Faktor der Qualitätskontrolle und -verbesserung.
  7. Ombudsleute fördern den Austausch zwischen den professionell tätigen Journalistinnen/Journalisten und ihrem Publikum. Sie tragen dadurch zur Stärkung der Qualität bei, die eine Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der Medien ist.

Der Forderung der IQ ist sicherlich zuzustimmen, nur drängt sich die Frage auf: Warum erst jetzt? Dass sich Ombudsleute in Medienunternehmen als Mittler und Schlichter auch positiv auf die Qualität der journalistischen Berichterstattung auswirken können, wird in der Fachliteratur seit vielen Jahren diskutiert — und außerhalb Deutschlands auch sehr erfolgreich praktiziert. Stephan Ruß-Mohl hat beispielsweise 1994 in seinem Buch “Der I-Faktor” von der Arbeit der “reader representatives” bei US-amerikanischen Tageszeitungen berichtet (vgl. Ruß-Mohl 1994: 170ff.) und als “Modell für Europa” empfohlen.

In Deutschland konnte sich diese Idee bislang dennoch nicht durchsetzen. Ruß-Mohl vermutet die Ursache dafür in einem für die USA typischen “grassroots-Verständnis von Politik”, das “nicht nur in einer stärkeren Dezentralisierung politischer Institutionen, sondern eben auch in Form von Selbstkontroll- und Selbskritik-Organen der Presse auf der regionalen, lokalen oder — im Fall von Ombudsleuten — sogar betrieblichen Ebene seinen Ausdruck” (ebd.: 175) findet. In Deutschland hingegen sei das “Gemeinwesen von einem starken Zentralstaat überwölbt. In Analogie dazu gibt es einen Presserat auf Bundesebene; dem föderalistischen Prinzip wird jedoch mit den Medienanstalten und Rundfunkräten auf Landesebene Geltung verschafft.” (ebd.: 174f.)

Ob das unterschiedliche Föderalismus-Verständnis in Deutschland und den USA tatsächlich der zentrale Grund dafür ist, dass das Prinzip des Leseranwalts hierzulande noch kaum auf Gegenliebe gestoßen ist, sei dahingestellt. Immerhin zeigt sich, dass nun langsam auch unter journalistischen Praktikern über die Chancen des Ombudswesens diskutiert wird. Ein Schritt auf dem Weg zur Etablierung der damit verbundenen Ideen ist durch die zitierte Pressemitteilung der “Initiative Qualität im Journalismus” getan. Wann folgt der nächste?

Literatur:

Ruß-Mohl, Stephan (1994): Der I-Faktor. Qualitätssicherung im amerikanischen Journalismus. Modell für Europa? Zürich: Edition Interfrom/Osnabrück: Fromm

Blogforscher nehmen Maß: AG Social Media gegründet

So schnell kann es gehen: Am Ostermontag rief Benedikt Köhler über sein Blog dazu auf, eine Forschungsgruppe zur Vermessung der Blogosphäre zu gründen. Rund anderthalb Wochen später war sie da: die Arbeitsgemeinschaft Social Media. Wesentliches Anliegen des Zusammenschlusses ist die Erarbeitung von neuen Standards bei der Erforschung von Weblogs und anderer Social Software. Darauf aufbauend soll es möglich werden, Aussagen über die politische und gesellschaftliche Relevanz des Mitmach-Webs zu formulieren.

Die gegenwärtigen Probleme bei der quantitativen und qualitativen Bewertung von Blogs erklärt Benedikt im Interview bei medienlese.com:

Bei der Werbevermarktung gibt es schlicht keine Metriken, die die Reichweite sinnvoll abbilden können. Einfachstes Beispiel: Die Page Impressions, die nach wie vor das gängige Kriterium sind. Die bilden aber das Nutzerverhalten nur sehr ungenau ab, weil sie eine Startseite gleich werten wie ein einzelner Artikel, wie auch ein einzelnes Bild in einer Bildergalerie.

Das soll durch die Initiative der AG Social Media nun anders werden. Die Resonanz auf die Gründung zeigt, dass sie mit ihrer Zielsetzung auf ein durchaus beachtliches Interesse stößt. Einige weiterführende Ideen für ein “Messsystem jenseits der Page Impressions” hat mittlerweile Christiane Schulzki-Haddouti zusammengetragen. Doch damit geht die inhaltliche Diskussion gerade erst los.

Es dürfte spannend sein, die Arbeit dieser wichtigen Initiative im Blick zu behalten.