Archiv für die Kategorie 'Netzlese' pt. 2 von 5



“Buy the ticket, take the ride.”

hunter.jpgUnter den Protagonisten des New Journalism ist Hunter S. Thompson eine der schillerndsten Figuren. Als Schöpfer des ihm eigenen Gonzo-Stils hat er in den späten 1960er Jahren Kult-Status erreicht. Seitdem hat sich auch die Journalismusforschung immer wieder für ihn interessiert: Nicht nur in den USA sind unzählige Forschungsarbeiten zu Thompsons Werk und Wirken entstanden (”enough […] to build a bonfire”, wie David Carr in der “New York Times” schreibt). Auch im deutschsprachigen Raum gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Analysen (häufig Studienabschlussarbeiten), die sich mit der von ihm begründeten Spielart des literarischen Journalismus auseinandersetzen.

Nun bekommt Thompson, der sich 2005 erschoss, endlich einen würdigen Dokumentarfilm. Die Produktion mit dem Titel “Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson” kommt ab heute in die US-amerikanischen Kinos. Regie hat der Oscar-Preisträger Alex Gibney geführt; Johnny Depp, der sich schon in der großartigen Verfilmung der Thompson-Reportage “Fear and Loathing in Las Vegas” als gonzo-geeignet erwiesen hat, besorgt den Kommentar. Die Rezensionen in der heimischen Presse klingen mehr als wohlwollend. Es gibt also genug Gründe, sich auf den Film zu freuen.

Bis es auch bei uns “Buy the ticket, take the ride” heißt, dürfte noch ein wenig Zeit vergehen. Begnügen wir uns bis dahin mit dem Trailer…

Foto: Magnolia Pictures

…und jetzt: Musik!

Da ich momentan recht intensiv an zwei Papers arbeite, die bald abgeschlossen werden wollen, fällt die Postingfrequenz hier dieser Tage etwas mager aus. Überbrücken wir die Zeit mit etwas Musik: Weezer haben für ihren Song “Pork and Beans” (vom neuen “Roten Album”) einen herrlichen Clip vorgelegt, der auf amüsante Art und Weise Youtube-Exegese betreibt. Der “Musikexpress” hat sich die Mühe gemacht, die zahlreichen Verweise herauszuarbeiten. Ein wunderbares Stück Web-2.0-Geschichte!

(via)

Call: Web 2.0 aus medienethischer Perspektive

Ein äußerst spannendes Thema hat sich die DGPuK-Fachgruppe “Kommunikations- und Medienethik” für ihre nächste Jahrestagung ausgesucht. Unter dem Veranstaltungstitel “Web 2.0. Neue Kommunikations- und Interaktionsformen als Herausforderung der Medienethik” lädt sie am 12. und 13. Februar 2009 gemeinsam mit dem Netzwerk Medienethik an die Hochschule für Philosophie München ein. Im Mittelpunkt der Vorträge sollen die folgenden Themenbereiche und Leitfragen stehen:

1. Kommunikation

  • Inwiefern verändern digitale Handlungsbereiche (z.B. Briefsysteme, Bibliotheken, Datenbanken, Werbung, Videokonferenzsysteme, virtuelle Spielewelten) die Qualität der zwischenmenschlichen Kommunikation?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Kommunikationsbereiche der privaten-, wissenschaftlichen-, ökonomischen- und politischen Kommunikation?
  • In welcher Form kann das Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement zum Thema der Medienethik werden?
  • Wie lassen sich Debatten in Internetforen, Wikis und Blogs aus einer medienethischen Perspektive bewerten?
  • Welche Optionen ergeben sich durch die Nutzung digitaler Kommunikationsforen für die Forschung und Lehre im Kontext der “Medienethik”?

2. Öffentlichkeit(en)

  • In welcher Form kann die Grundkategorie “Öffentlichkeit” im neuen Netz medienethisch bewertet werden?
  • Inwieweit lassen sich die normativen Ansprüche an Öffentlichkeiten (u.a. Signal- und Warnfunktion, Kontroll-, Kritik- und Legitimationsfunktion, Transparenz, Allgemeine Zugänglichkeit und Allgemeinverständlichkeit) auf virtuelle Öffentlichkeiten übertragen?

3. Kommerzialisierung

  • Welche moralischen Konflikte ergeben sich zwischen Profitmaximierung und Wohlfahrtsorientierung und inwiefern existiert ein Spannungsfeld zwischen Marktfreiheit und Regulierung im Internet?
  • Welche medienethische Relevanz besitzt die Werbeüberflutung durch Spams, Bannerwerbung usw.?
  • Kann im Netz die Trennung zwischen werblichen und redaktionellen Inhalten transparent gestaltet werden?

4. Datenschutz und -sicherheit

  • Wie lässt sich der Anspruch auf Datenschutz und -sicherheit theoretisch begründen?
  • Wie ist die Erstellung von Nutzerprofilen angesichts des Handelns mit und der kommerziellen Nutzung von Internetdaten medienethisch zu bewerten?

5. Online-Journalismus

  • Inwiefern verändert sich das journalistische Umfeld und die Recherche durch die Nutzung des Internet?
  • Nach welchen normativen Kriterien sollten sich die Informationsauswahl, die Produktion von Inhalten sowie die Präsentation und Distribution von Inhalten orientieren?

6. Inhalte

  • Auf welchen Ebenen liegen die Problemfelder der konkreten Inhalte von Bildern und Texten im Internet und welche konkreten Maßnahmen sind aus medienethischer Perspektive legitim und wünschenswert, um moralisch fragwürdige Medieninhalte aufzuzeigen und zu begrenzen?
  • Wie kann die notwendige Abwägung zwischen dem Jugendschutz einerseits und dem Zensurverbot andererseits bewerkstelligt werden?

7. Urheberrecht

  • Auf welchen Ebenen und in welchen Kontexten werden urheberrechtliche Fragen im Web 2.0 tangiert?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, die Urheber vor dem Missbrauch ihrer Werke zu schützen?

8. Postulate

  • Inwiefern lassen sich abstrakte (medien-)ethische Idealnormen wie Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Öffentlichkeit, Partizipation, Verantwortung und Nachhaltigkeit auf die Praxis des Web 2.0 anwenden?
  • Gibt es überhaupt Handlungsspielräume, um die Forderungen an eine “Netiquette” (u.a. Transparenz, allgemeine Zugänglichkeit, Redlichkeit, Aufgeschlossenheit, Dialogbereitschaft, Neugierde und Offenheit für Argumente, Partizipation, Nachprüfbarkeit der Information, offene dezentrale Strukturen) in der Praxis durchsetzen?

9. Institutionelle Selbstkontrolle

  • Kann die Arbeit die bestehenden Medienselbstkontrollinstanzen für das Internet als effektiv angesehen werden und an welchem Punkt gibt es ggf. Verbesserungsmöglichkeiten?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, den Jugendschutz im Web 2.0 angemessen umzusetzen?

Einreichungen können bis zum 30. September 2008 an Barbara Thomaß oder Christian Schicha gerichtet werden. Detaillierte Informationen enthält der vollständige Call for Papers. (via)

Befragung unter Journalisten mit Migrationshintergrund

Die Kollegen vom DFG-Forschungsprojekt “Mediale Integration ethnischer Minderheiten” führen eine Online-Befragung unter Journalisten mit Migrationshintergrund durch. Per Schneeballverfahren sollen möglichst viele Teilnehmer gewonnen werden, die entweder selbst nach Deutschland zugewandert sind oder aus einer Zuwandererfamilie (d. h. Vater und/oder Mutter zugewandert) stammen. Ich leite den Schneeball gerne weiter — vielleicht erreicht er ja einige der Angesprochenen! Zum Fragebogen geht es hier!

Ich und Ich: New Journalism gestern und heute

Auf die Verbindungslinien zwischen Blogging und Erzähljournalismus habe ich kürzlich schon einmal hingewiesen. Klaus Jarchow hat nun einige weitere Indizien gesammelt, die zeigen, dass Weblogs mit einigem Recht als Fortführung der Tradition des New Journalism (in Sinne von Tom Wolfe) gesehen werden können. Für die Medienlese stellt er suggestiv einige Beispiele für gängigen deutschen Zeitungsjournalismus, “neuen Journalismus” US-amerikanischer Prägung und aktuelle deutschsprachige Blog-Einträge gegenüber. Sein Fazit:

Die Grenze zwischen dem “alten Journalismus” und dem hochgerühmten “new journalism”, die verläuft im deutschsprachigen Raum zwischen den Holzmedien und den Blogs, oder zwischen dem “Es” und dem “Ich”.

Klaus Jarchows Analyse ist ein klares Plädoyer für mehr Subjektivität in der journalistischen Berichterstattung, für mehr “Journalismus in der ersten Person”. Dass es daran nach wie vor mangelt, hat erst vor kurzem Christoph Moss gezeigt. In einer empirischen Untersuchung zu den sprachlichen Merkmalen von Weblogs hat er 500 Blog-Texte und 500 Kommentare aus Zeitungen und Zeitschriften inhaltsanalytisch ausgewertet und miteinander verglichen. In einer Zusammenfassung der Ergebnisse für das Handelsblatt stellt er fest:

Durchschnittlich mehr als zweimal pro Blogeintrag taucht in den untersuchten Texten das Wort “ich” auf, fast zehnmal so häufig wie in einem vergleichbaren journalistischen Text.

Für sich genommen mögen die beiden angeführten Sichtweisen zwar kaum überraschen. Ich verstehe sie jedoch als weitere Belege für die These, dass ein subjektives, literarisch geprägtes Journalismusverständnis keineswegs exklusiv an die historische Phase des (klassischen) New Journalism gebunden war, sondern bis in die Gegenwart fortlebt und sich kontinuierlich weiterentwickelt. Der “neue Journalismus” in Wolfe’scher Auslegung war in den USA in den späten 1960er und den -70er Jahren vor allem deswegen erfolgreich, weil er ein willkommenes Gegenkonzept zum objektiven Mainstream-Journalismus anbot und damit dessen Glaubwürdigkeitsprobleme ausgleichen konnte. Gleiches gilt für die Weblog-Publizistik der Gegenwart, die damit das Programm des New Journalism unter neuen medialen Bedingungen fortführt.

Systemtheoretisch gewendet, lassen sich sowohl New Journalism als auch Blogs als Subsysteme des Systems Journalismus auffassen. Wie ihr Muttersystem haben sie vor allem eine Funktion: das Herstellen von Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Transparenz. Bei der Umsetzung dieser Funktion werden jedoch unterschiedliche Strategien verfolgt. Während der (im Zentrum des Muttersystems angesiedelte) Mainstream-Journalismus vor allem auf nachrichtliche, um Objektivität bemühte Darstellungsformen setzt, nutzen New Journalism und Blogs in erster Linie das Erlebnispotenzial subjektiver Vermittlungsmuster. Damit sind sie eher in der Peripherie des Journalismus-Systems verortet. Ob ihre publizistischen Bemühungen aber — wie von Klaus Jarchow erhofft — zu einer (Re-)Subjektivierung des journalistischen Mainstreams führen, scheint eher fraglich. Im Falle des traditionellen New Journalism ist der Zug wohl ohnehin schon abgefahren. Und auch die gegenwärtigen Blog-Trends sind eher als Ergänzung zum etablierten Objektivitäts-Journalismus zu verstehen, weniger als potenzieller Ersatz. Auf Dauer könnten sie sogar eher systemstabilisierend wirken. Durch ihre spezifischen Leistungen gleichen sie Mängel des Journalismus-Systems aus und tragen damit zu dessen Selbsterhaltung bei.

Literatur:

Jarchow, Klaus (2008): Journalismus in der ersten Person. Ich? Ich! In: Medienlese vom 30. Mai 2008. Online unter: http://medienlese.com/2008/05/30/journalismus-in-der-ersten-person-ich-ich/

Moss, Christoph (2008a): Weblogs und die Liebe zum Ich. In: Handelsblatt vom 23. April 2008. Online unter: http://www.handelsblatt.com/News/Journal/Vermischtes/_pv/_p/204493/_t/ft/ _b/1421193/default.aspx/weblogs-und-die-liebe-zum-ich.html

Moss, Christoph (2008b): Viel Luft nach oben. In: Absatzwirtschaft, Heft 5/2008, S. 29-33

Vollständige Video-Dokumentation zur re:publica’08

Oh, wie schön: Die Video-Dokumentation zur re:publica’08 ist endlich komplett. Einen Überblick über die verfügbaren Vorträge und Diskussionen gibt es hier. Als Appetizer folgt unten schon einmal die Keynote von Viktor Mayer-Schönberger. Das Thema: “Nützliches Vergessen — Informationsökologie im digitalen Zeitalter”.

Der Mann im weißen Anzug spricht

tomwolfe.jpgPeter M. Robinson hatte in der vergangenen Woche einen interessanten Gast. Für sein Interview-Format “Uncommon Knowledge” sprach er mit Tom Wolfe, unter anderem über dessen für 2009 angekündigten Roman “Back to Blood”. Die Wechselwirkungen zwischen Journalismus und Literatur, die Wolfes Werk prägen, sind sicherlich auch für die Journalistik ein spannendes, weil wenig erforschtes Thema. Das Interview liefert dazu einige Denkanstöße. Lust auf mehr? Hier geht es zu den fünf Video-Episoden:

The Word According to Tom Wolfe: Chapter 1 of 5
The Word According to Tom Wolfe: Chapter 2 of 5
The Word According to Tom Wolfe: Chapter 3 of 5
The Word According to Tom Wolfe: Chapter 4 of 5
The Word According to Tom Wolfe: Chapter 5 of 5

Foto: Susan Sterner