Archiv für die Kategorie 'Journalistik Journal'

Literarischer Journalismus als “media accountability system”

jojo.jpgIn den vergangenen Monaten haben mich vor allem zwei Großprojekte beschäftigt: zum einen das internationale Forschungsprojekt “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT), für das ich seit Beginn des Jahres als Scientific Officer tätig bin, zum anderen meine Dissertation. Für die neue Ausgabe des “Journalistik Journals”, das ich nach wie vor redigiere, habe ich erstmals einen Brückenschlag zwischen diesen beiden Projekten gewagt. Der kurze Aufsatz “Literarisierung als Systemschutz” beschreibt das Berichterstattungsmuster des literarischen Journalismus als Reflexionseinrichtung des Journalismussystems. Ihm kommen damit ähnliche Aufgaben zu wie anderen “media accountability systems” — etwa Presseräten oder Medienjournalismus: Gemeinsam helfen sie der journalistischen Profession, sich selbst zu erhalten.

Der Text ist Teil einer Schwerpunktausgabe des JoJos, die sich unter dem Titel “Kritik in der Krise?” dem “wechselvollen Verhältnis von Kultur und Journalismus” widmet. Äußerer Anlass ist das Kulturhauptstadtjahr 2010, das im Ruhrgebiet gegenwärtig einige Sogwirkung verursacht. Neben meinem Beitrag sind verschiedene andere Aufsätze bereits jetzt online, zum Beispiel von Margreth Lünenborg (”Kultur als zentrale Bezugsgröße”), Stephan Porombka (”Ein kurzes Briefing zum Kulturjournalismus”), Gunter Reus (”Berichter oder Richter?”), Karl Prümm (”Es ist still geworden”) und Jörg-Uwe Nieland (”Popjournalismus als Kulturkritik”). Das gedruckte Heft wird ab der kommenden Woche ausgeliefert.

Wer an einem (kostenlosen) Bezug der Zeitschrift interessiert ist, kann mir gerne schreiben!

Wenn die anderen Medien nicht berichten, tut es das “Journalistik Journal”

jojo.jpgMomentan jagt ein Abgabetermin den nächsten: In dieser Woche war die neue Ausgabe des “Journalistik Journals” an der Reihe. Das aktuelle Heft ist seit vergangenem Montag im Druck und wird ab dem kommenden Montag ausgeliefert. Der Themenschwerpunkt befasst sich mit Nicht-Thematisierung in Journalismus und Massenmedien. Mit anderen Worten: Es geht um die zentrale Frage, warum es manche Inhalte nicht schaffen, Eingang in die Berichterstattung zu finden, obwohl sie relevant wären. Diese Frage wird im Heft aus vielen verschiedenen Perspektiven diskutiert. Eine kleine Auswahl der Texte ist ab sofort online — und zwar:

Ich selbst bin im Themenschwerpunkt mit einem Aufsatz zu den Chancen und Stolpersteinen journalistischer Recherche in sozialen Netzwerkplattformen vertreten. Er trägt den Titel “Auf Themenfang im neuen Netz” und pointiert nochmals einige der Befunde, die ich im Februar in München auf der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik vorgestellt habe. Nachdem mich dort aber vor allem die journalistischen Potenziale von Wikis und Blogs beschäftigt haben, liegt der Fokus diesmal eindeutig auf den Social Networks, die im Zeitraum nach der Tagung ja gleich mehrfach auf eher zweifelhafte Art und Weise vom Journalismus nutzbar gemacht wurden (Stichwort: Winnenden etc.). Mein Text reflektiert die zentralen Problemdimensionen und will damit einen Beitrag dazu leisten, den journalistischen Umgang mit dem Social Web zu professionalisieren. Sofern richtig eingesetzt, können soziale Netzwerkplattformen nämlich ein sehr nützliches Hilfsmittel zum Aufspüren vernachlässigter Themen sein.

Ich freue mich, dass ich zudem Michael Steinbrecher für einen Beitrag in der neuen JoJo-Ausgabe gewinnen konnte. Im Beitrag “Olympische Spiele und Fernsehen” stellt er Zielsetzung, Anlage und einige Ergebnisse seiner Dortmunder Dissertation vor.

Wer die Printausgabe des “Journalistik Journals” beziehen möchte, kann sich gerne bei mir melden. Wir nehmen alle Interessenten in den Verteiler auf!

Mit dem JoJo durch die Medienkrise

jojo.jpgDie redaktionellen Arbeiten an der neuen Ausgabe unseres Dortmunder “Journalistik Journals” sind abgeschlossen. Genau rechtzeitig zur allgemeinen Medien- und Anzeigenkrise erscheint unser Themenheft “Journalismus und Wirtschaft”. Den insgesamt 28 mitwirkenden Autorinnen und Autoren sei an dieser Stelle nochmals für die Mitarbeit gedankt. Ich denke, wir haben wieder ein lesenswertes Heft zusammenbekommen, das sich differenziert mit den gegenwärtigen Umbrüchen in der Medienlandschaft auseinandersetzt. Einige ausgewählte Beiträge sind ab sofort online — unter anderem:

In der gedruckten Ausgabe finden sich noch viele weitere lesenswerte Texte. Die Printversion wird allerdings erst nach Ostern verschickt. Wer Interesse daran hat, in den Verteiler aufgenommen zu werden, kann sich gerne in der Redaktion melden!

Neues Journalistik Journal: “Journalismus in Europa”

jojo.jpgGerade rechtzeitig zum Beginn der Vorlesungszeit sind wir heute mit dem letzten Feinschliff an der neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” fertig geworden. Die Herbstausgabe 2/2008 ist bereits im Druck und wird ab nächster Woche ausgeliefert. 28 Autorinnen und Autoren haben mitgeholfen, auch das neue Heft wieder zu einer anregenden Lektüre werden zu lassen. Für die Zusammenarbeit sei an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt.

Der Themenschwerpunkt befasst sich diesmal mit “Journalismus in Europa“. Einige der Texte sind bereits vorab online verfügbar — und zwar:

Gerd G. Kopper: „Keine Schnecke, sondern die Maus“. Zwei Jahrzehnte europäische Journalistik

Andrea Czepek: Alles geht. Oder? Tabus im europäischen Journalismus

Horst Pöttker: Braucht Europa einen Presserat? Optionen einer supranationalen Selbstkontrolle

Michael Grytz: Dschungel wäre keine schlechte Bezeichnung. Erfahrungen eines Brüssel-Korrespondenten

Julia Lönnendonker: Die große Unbekannte. Journalisten wissen nur wenig über die EU

Weitere Beiträge zum Schwerpunkt Europa stammen von Andreas Hepp, Michael Brüggemann, Katharina Kleinen-von Königslöw, Swantje Lingenberg und Johanna Möller (”Segmentierte Transnationalisierung. Forschungsprojekt zum Wandel der EU-Öffentlichkeit”), Mirjam Stöckel (”Mehr Aufmerksamkeit für das graue Brüssel? So berichten Regionalzeitungen über die EU”), Marcus Kreutler (”Journalistische Ethik — oder Ethiken? Eine Untersuchung europäischer Medienkodizes”), Liane Rothenberger (”Arte auf dem Vormarsch. Europäisches Fernsehen zwischen Hoch- und Popkultur”), Christian Schwarzenegger (”Von gallischen und potemkinschen Dörfern. Die EU-Kampagne der ‘Kronen Zeitung’”) und Juliana Lofink (”Die Vergangenheit wirkt noch nach. Zum Zustand der Journalistenausbildung in Russland”). Diese Texte können in der Print-Ausgabe des JoJos nachgelesen werden. Bei Interesse reicht eine formlose Mail an mich, wir stellen die Hefte gerne kostenfrei zur Verfügung!

Auch jenseits des Themenschwerpunkts bietet das neue JoJo noch einigen Lesestoff: Frank Siebel trägt Ergebnisse einer Studie zur “zwiespältigen Rolle von Qualitätsmedien in mediatisierten Wahlkämpfen” zusammen; Sven Engesser und Jeffrey Wimmer diskutieren unter dem Titel “Renaissance der Gegenöffentlichkeit?” über die Potenziale des partizipativen Internet-Journalismus; Michael Schulte erklärt, “Warum extreme Fotoformate ihre Wirkung verfehlen” usw. usf.

Und wem das alles nicht passt, der kann sich schon auf Heft 1/2009 freuen. Das wird sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Journalismus und Wirtschaft befassen. Konkrete Themenvorschläge an die Redaktion sind herzlich willkommen!

“Beruf: Journalist” — Neues Journalistik Journal

jojo.jpgNach einem längeren Endspurt konnten wir heute die Schlussproduktion des neuen “Journalistik Journals” abschließen. Die Frühjahrsausgabe 2008 (Heft 1/2008) geht morgen in den Druck; die Auslieferung dürfte ab kommender Woche beginnen. Das Schwerpunktthema widmet sich diesmal den Arbeitsbedingungen im Journalismus. Unter dem Titel “Beruf: Journalist” diskutieren zehn Autorinnen und Autoren über aktuelle Entwicklungen rund um den journalistischen Arbeitsplatz.

Einige Beiträge sind bereits vorab auf der Webseite des “Journalistik Journals” zu finden — zum Beispiel:

Fokus: Beruf: Journalist. Zum gegenwärtigen Stand der Journalismusforschung — von Johannes Raabe

Schneller, vielfältiger, anspruchsvoller. Journalisten von morgen: Wer sind sie, was machen sie? — von Sylvia Egli von Matt

Bürgerreporter: Ergänzung mit vielfältigem Potenzial. Übernehmen Laien die Redaktionen? — von Philomen Schönhagen

Die unbekannten Medienmacher. Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor — von Miriam Bunjes

Können, Köpfchen oder Körper? Zu den Karrierechancen von Frauen — von Tina Groll

Weitere Beiträge zum Themenschwerpunkt gibt es von Annika Sehl (”Ökonomisches Qualitätsmanagement? Wie die ARD-Anstalten mit Videojournalismus umgehen”), Frank Biermann (”Besser wird es nicht. Immer mehr Ein-Zeitungs-Kreise in NRW”), Judith Pfeuffer (”Macht der Journalismus krank? Ergebnisse einer Befragung”), Julia Eggs (”Volontariat unter der Lupe. Neue Daten zur journalistischen Ausbildungssituation”) und von mir (”Wider den Journalismus der Unterhosen. Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg über Qualitätsberichterstattung in den Zeiten der Medienkonvergenz”).

Aber auch jenseits des Schwerpunktthemas bietet das JoJo wieder einigen Lesestoff. Hervorzuheben ist sicherlich der spannende Aufsatz von Ingo Fischer (”Eher unbekannt als anerkannt“), in dem er empirisch nachweist, dass ein Großteil der Journalisten noch nie etwas von Pressekodex und Presserat gehört hat. Unbedingt lesenswert sind aber auch die Beiträge von Karola Graf-Szczuka (”Die Persönlichkeit der Zeitungsleser. Neue Erkenntnisse zur Mediennutzung von Jugendlichen”), Nadine Bilke (”Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus”), Sonja Roy (”Auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Korruption beeinflusst auch die bulgarischen Medien”) und Holger Noltze (”So eine richtig schöne Umstrittenheit. Ein Beitrag zur Debattenkultur im deutschen Feuilleton”).

Wer Interesse an den nicht-verlinkten Beiträgen hat, kann sich gerne an die Redaktion wenden. Wir stellen auch die gedruckten Hefte auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung.

Wider den Journalismus der Unterhosen

Für die kommende Ausgabe (Heft 1/2008) des Journalistik Journals habe ich mit dem Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg ein Interview über die Machbarkeit von Qualitätsjournalismus in Zeiten der Medienkonvergenz geführt. Der daraus entstandene Text steht im Kontext des Schwerpunktthemas, das sich diesmal mit den (sich wandelnden) Arbeitsbedingungen im Journalismus befassen wird. Im Folgenden dokumentiere ich eine ausführlichere Fassung des Gesprächs; für das JoJo werde ich aus Platzgründen wohl noch leicht kürzen müssen. Mehr dazu in Bälde hier!

rosenberg.jpgHerr Rosenberg, Sie arbeiten mittlerweile seit über 30 Jahren beim Österreichischen Rundfunk. Sind Sie gerne Journalist?

Ja, sehr gerne!

Warum?

Das hat mit der Wirkungsweise des Radios zu tun. Ich mag vor allem das Dialoghafte des Mediums, durch das ich im besten Fall bei allen Beteiligten Erkenntnisprozesse hervorrufen kann. Das heißt: Meine Neugierde, die natürlich schon geordnet zu sein hat, führt dazu, dass Leute etwas neu überdenken und dadurch zu neuen Erkenntnissen kommen, um diese wiederum zu kommunizieren. Das ist das, was ich besonders interessant finde.

Ich habe es aber auch sehr geliebt, Reportagen zu machen. Wie heißt es so schön: „Die schlechteste Luft für den Journalisten ist die in der Redaktionsstube.“ Rauszugehen ist ganz, ganz wichtig.

Man könnte natürlich auch ganz groß sagen: Als Journalist erfüllt man eine gesellschaftliche Rolle. Aber ich denke: Es ist so eine Mischung von persönlicher Neugier, von Erkenntnisprozess, vom Aufdecken von Widersprüchen, vom Erwägen der Folgen für andere Menschen und so weiter.

Ihr Journalismusverständnis, das Sie hier schildern, ist das eines hintergründigen Qualitätsjournalismus mit gesellschaftlichem Anspruch. Welchen Stellenwert hat ein solcher Journalismus gegenwärtig im deutschsprachigen Raum?

Erstens: Ich glaube, dass dieser Journalismus dringend notwendig ist. Zweitens: Ich glaube, dass er gut funktioniert – auch gegen den ganzen Infotainment-Journalismus und gegen den Journalismus der Unterhosen. Er funktioniert gut. Aber ich bin da in Österreich natürlich in einer besonders glücklichen Situation. Ich arbeite für einen Kultursender, der ein gesamtheitliches Bild des kulturell interessierten Menschen als Basis hat. Wir machen anspruchsvolle Musik. Wir haben Informationssendungen größeren Ausmaßes. Und wir haben das, was man im Allgemeinen „Kulturelles Wort“ nennt – auch mit den ganzen gesellschaftlichen Geschichten und den Reportagen und all diesem. Das gibt es alles innerhalb eines Senders. Wir haben in Österreich jetzt neun Prozent Reichweite. Das ist ein Wert, von dem deutsche Kultursender nur träumen. Und wir gewinnen bei den Jungen dazu. Wir haben erst kürzlich eine Umfrage gemacht, wonach die optimale Länge einer Radiosendung bei unserem Publikum bei 45 Minuten liegt. So gesehen kann ich sagen: Uns geht es wirklich gut, weil wir für Leute, die interessiert sind, eine wirkliche Alternative zu allen anderen Medien darstellen – ergänzend zu den Printmedien.

Das klingt ja so ein bisschen wie die Insel der Glückseligen…

Nein. Ich unterstelle den deutschen Kollegen, wenn sie die Längen der Kultursendungen kürzen, einen Denkfehler. Man fragt: Was ist die optimale Länge eines journalistischen Radiobeitrags? Und man fragt das alle – und nicht das potenzielle Publikum. Und dann hat man eben die vielen, die sagen: 1 Minute 30! Und so kommt man auf einen schlechten Schnitt.

Glauben Sie, dass Ihr Bild eines Qualitätsjournalismus angesichts der gegenwärtigen Medienentwicklung auch dauerhaft eine Zukunft haben wird?

Es gibt dazu keine Alternative! Wir müssen daran arbeiten – und wir machen das, und zwar mit großer Liebe. Was dabei natürlich ganz wesentlich ist: Man muss Kolleginnen und Kollegen haben und finden, die von dem, was sie machen, begeistert sind. Mit Auftragsjournalismus allein kommt man nicht weiter. Gute Journalisten müssen begeistert sein: a) von den formalen Gestaltungsmöglichkeiten ihres Mediums – das ist eine Grundbedingung; und b) von den inhaltlichen Möglichkeiten und den entsprechenden Diskursen. Von der eigenen Wichtigkeit müssen sie nicht so sehr überzeugt sein.

Die gegenwärtigen Rahmenbedingungen scheinen die Chancen für eine qualitätsvolle Berichterstattung allerdings nicht unbedingt zu erhöhen. Nur einige Schlaglichter, die sich auch in der aktuellen Ausgabe des „Journalistik Journals“ widerspiegeln: Das journalistische Rollenselbstbild franst aus – unter anderem aufgrund der technischen Entwicklung. Die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse nimmt zu. Auch um die gesundheitlichen Auswirkungen des Journalistenberufs scheint es nicht zum Besten zu stehen. Wie ist Qualitätsjournalismus unter diesen Bedingungen möglich?

Wir haben eine wahnsinnige Beschleunigung und eine wahnsinnige Veroberflächlichung als Bedrohungen. Das ist keine Frage. Und da bin ich natürlich wirklich auf einer Insel der Glückseligen tätig. Ich glaube, Ö1 ist der einzige Sender, der mit dem Aufkommen privater kommerzieller Konkurrenz sogar Reichweitengewinne verzeichnen konnte. Bei Ö3 sind die Beiträge natürlich auch kürzer geworden. Da ist der marktgängige Produktcharakter ziemlich klar. Und in diesem Produktdesign ist natürlich viel mehr Tempo drin. In unseren Landesstudios machen die Leute sehr viel selber. Dort gibt es die Anforderungen der Bi- und der Trimedialität, wo die Redakteure fürs Internet, fürs Radio und fürs Fernsehen arbeiten müssen. Das verursacht sehr viel Stress. Und es birgt die Gefahr der Oberflächlichkeit in sich. Überhaupt keine Frage.

Aber bringt der Trend zum crossmedialen Arbeiten nicht auch Chancen für die journalistische Qualität mit sich?

Das Netz ist eine optimale Ergänzung zum Radio. Es geht gar nicht darum, dass man einzelne Sendungen jetzt streamt – das ist eigentlich eine Absurdität. Aber die restlichen Dinge sind wunderbar: das Downloading, die Podcasts, die Archivfunktion des Internets – das sind wunderbare Chancen, die von den Hörern auch genutzt werden. Das ist die eine Seite.

Für das journalistische Arbeiten kommt es darauf an, wie man es organisiert. Wenn man nur mehr von einer Systemeingabe zur nächsten hetzt, ist das falsch.

Ich fände es zum Beispiel sehr unangenehm, wenn ich ein Interview führen und dann auch noch den Fotoapparat rausholen müsste, um ein Bild zu knipsen. Das ist eine unmögliche zwischenmenschliche Situation. Wenn man ein Interview führt, ist man so konzentriert, dass die andere Handlungsebene einen durcheinanderbringen würde. Darum nehmen viele schreibende Journalisten ja auch Fotografen mit. Es ist schon sinnvoll, dass das ein eigener Beruf ist.

Dennoch: Dieses Switchen ist eine Fähigkeit, die man als Journalist in der Zukunft häufiger brauchen wird. Das kann auch Spaß machen. Ich weiß aber nicht, inwieweit es in der Summe besser ist, die einzelnen Funktionen auseinander zu lassen. Formulieren wir es mal so: Gegenseitiges Verständnis kann sicherlich nicht schaden.

Das Internet bietet – neben den genannten Potenzialen – auch die Möglichkeit, verstärkt nutzergenerierte Inhalte in die Berichterstattung einzubinden. Einige Kritiker befürchten aber, dass die journalistische Qualität dadurch weiter verwässert. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen im Bereich Web 2.0? Ist das eine Chance oder eine Gefahr für den professionellen Journalismus?

Das ist für mich keine Bedrohung. Es könnte nur den Journalismus ein wenig irr und wirr machen. Wir kommen da zu einem grundsätzlichen Problem: Was zeichnet den Journalismus als Beruf aus? Natürlich gibt es nutzergenerierte Inhalte – keine Frage. Nur: Ich gehe doch immer davon aus, dass Journalismus ein Beruf ist, ein professionell auszuübender Beruf, und das ist ein wesentliches Kriterium. Das andere ist öffentliche Selbstdarstellung, ist Tagebuchschreiben, ist vielleicht auch der Versuch, Themen zu setzen. Aber meistens – und da kann man sich ja YouTube anschauen – sind das irgendwelche Spaßetten.

Was sind für Sie denn die spezifischen Qualitäten, die Journalismus bieten kann, die Blogosphäre aber nicht?

Zum einen die grundsätzliche Verpflichtung, gewonnene Informationen gegenzuchecken und zu versuchen, auch die andere Seite zu hören. Außerdem halte ich auch die gute alte Trennung von Nachricht und Kommentar für ganz wesentlich. Und die Quellentransparenz: Was für Quellen stecken hinter einer Information?

Viele angehende Journalisten sind unsicher, welche Kompetenzen für ihr berufliches Weiterkommen wichtig sind. Angesichts der angesprochenen Entwicklungen scheinen vor allem möglichst umfassende Technik-Kompetenzen immer wichtiger zu werden. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, dass man sich nicht gegen neue Entwicklungen sträuben darf. Man muss diese Entwicklungen analysieren und für sich selbst entscheiden, was man machen will. Es ist doch in der Mediengeschichte immer so gewesen, dass zwar neue Medien dazukommen, aber die alten bleiben. Und das ist von entscheidender Bedeutung. Sehr wahrscheinlich nimmt Online dem Fernsehen und dem Radio Nutzungszeiten weg. Aber damit werden diese Medien leben müssen. Der wesentliche Punkt ist: Wer wählt aus. Und da wird es immer Menschen geben, die zu einer Redaktion Vertrauen haben, die dann sagen: Die filtern mir aus dem Dschungel der Informationen etwas heraus, was interessant ist. Das lässt sich nicht automatisieren. Man wird auch vom Menschen gemachte Musikprogramme haben wollen, weil man nicht immer selbst auswählen will. Davon bin ich überzeugt: Das wird es immer geben! Ich finde es aber auch toll, dass man so viel wählen kann.

Welche Karrieretipps würden Sie einem Journalistik-Studenten ganz konkret mit auf den Weg geben?

Erstens: Man muss sich ein Medium suchen, das einen interessiert. Zweitens: Man muss beharrlich sein und einfach anfangen. Wenn es nicht auf Anhieb mit einer Festanstellung klappt, dann vielleicht im nächsten Jahr. Ich weiß das von mir selbst. Und drittens: Man muss an dem, was man will, festhalten und sich nicht vom Markt seine Berufswünsche diktieren lassen. Im Notfall – und da gibt es immer wieder wunderbare Beispiele – muss man eben selber etwas gründen. Beharrlichkeit und Lästigkeit sind aber ganz zentral, denn jeder, der Personalentscheidungen trifft, weiß: Wer lästig ist, der hat schon eine wesentliche Voraussetzung für den Journalistenberuf erfüllt. Denn Hartnäckigkeit braucht man, um gute Geschichten zu machen. Und die braucht man, um ordentliche Jobs zu bekommen.

Würden Sie selbst sich heute noch einmal dafür entscheiden, Journalist zu werden?

Keine Frage, natürlich!

Zur Person: Rainer Rosenberg, Jg. 1953, arbeitet seit 1974 für das ORF-Radio, seit 1995 als Leiter der Produktionsgruppe Spezialprogramme bei Ö1. Er begann bei Ö3, wechselte kurz zum Fernsehen und baute das Jugendmagazin „X-Large“ auf. Rosenberg ist verantwortlich für die Wiederinbetriebnahme des Mittelwelle-Programms „Radio 1476“ des ORF ab 1997. Auf Sendung zu hören ist er derzeit am häufigsten in „Von Tag zu Tag“ oder in der Porträtreihe „Menschenbilder“.

Foto: ORF

Auf der Suche nach dem Universalspezialisten

Welchem Journalistentyp gehört die Zukunft: dem Generalisten oder dem Spezialisten? Diese Frage stand im Zentrum einer Tagung der Fachgruppe „Journalistik und Journalismusforschung“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), die am vergangenen Wochenende auf Einladung von Beatrice Dernbach an der Hochschule Bremen stattfand.

Dass eine einfache Antwort darauf kaum möglich ist, verdeutlichte Siegfried Weischenberg (Hamburg) gleich zu Beginn der Veranstaltung. „Ein Zuviel an Spezialisierung kann in die Karrierefalle führen“, sagte er vor rund 80 Tagungsteilnehmern. Allerdings: Generalisten hätten es auch nicht einfacher. Sie sehen sich mit einer fortschreitenden Entgrenzung und Entdifferenzierung des Journalismus konfrontiert, durch die es für sie immer schwieriger werde, sich zu positionieren. Für viele Journalisten stelle sich daher die (Sinn-)Frage: „Nischendasein oder Nichtsein?“ Einen Ausweg aus diesem Dilemma konnte auch Weischenberg nicht aufzeigen und verwies zur Klärung hoffnungsvoll auf das facettenreiche Programm der Tagung.

Dieses näherte sich dem Thema „Spezialisierung im Journalismus“ zunächst auf der theoretischen Ebene. Margreth Lünenborg (Berlin) versuchte, die Phänomene Spezialisierung und Entdifferenzierung aus der Sichtweise der Cultural Studies einzuordnen. Sie forderte dazu auf, Medienangebote in erster Linie als kulturelle Ausdrucksweisen zu verstehen und die Journalismusforschung auf das gesamte journalistische Repertoire zu erweitern – auch und gerade auf die neu entstehenden hybriden Darstellungsformen, die bislang noch kaum untersucht seien.

Einen gänzlich anderen Zugang wählte Alexander Görke (Münster). Er ordnete den Trend zur Hybridisierung als evolutionäre Systemstrategie ein, deren Ursachen vor allem im gesellschaftlichen Wandel zu suchen seien. Ob sich diese Strategie evolutionär bewähren könne, sei noch unklar. Allerdings sei es nicht gerechtfertigt, Hybridisierungstendenzen per se als dysfunktional zu bewerten.

Neben diesen theoretischen Herangehensweisen bot die Tagung auch Einblicke in verschiedene empirische Forschungsarbeiten. Daniel Nölleke (Münster) berichtete über sein Dissertationsprojekt, in dem er untersucht, wie und unter welchen Bedingungen Experten in die journalistische Berichterstattung eingebunden werden. Sein Fazit nach verschiedenen Leitfadeninterviews mit Nachrichtenjournalisten: Nicht allein die (Sach-)Kompetenz eines Experten sei das entscheidende Auswahlkriterium, daneben spielten viele andere Faktoren wie etwa Prominenz, Medientauglichkeit, Erreichbarkeit, Authentizität usw. eine wichtige Rolle.

Auch Andreas Eickelkamp (Berlin) präsentierte einige Ergebnisse aus seiner Dissertation. Ihn interessierte die Frage, ob und inwieweit Rezipienten nutzwertjournalistische Angebote als solche erkennen und wie sie sie bewerten. Eine Inhaltsanalyse ausgewählter Nutzwert-Beiträge mit anschließender Befragung von Testlesern zeigte: Die Erhebungsteilnehmer waren sehr wohl in der Lage, nutzwertbezogene Aussagen von anderen Aussagen zu unterscheiden. Es wurde sogar zwischen unterschiedlichen nutzwertjournalistischen Dimensionen (Anleitung/Aufforderung, Hinweis/Orientierung, Problem/Warnung) differenziert.

Urs Dahinden (Zürich) und Vinzenz Wyss (Winterthur) hatten sich in einem größeren Forschungsprojekt mit dem Thema „Religion im Journalismus“ auseinandergesetzt. Sie berichteten, dass Religionsberichterstattung in der Schweiz nur schwach institutionalisiert sei und von Spezialisierung in diesem Falle kaum die Rede sein könne. Religion tauche in den Medien vor allem als „Parasit“ von „Wirtthemen“ auf, insgesamt seien die Thematisierungschancen eher gering.

Über die „Kommunikationsberufe im Wandel“ sprachen Joachim Preusse und Jana Schmitt (Münster). Sie hatten gemeinsam mit Ulrike Röttger Leitfadeninterviews mit Vertretern aus PR, Marketing/Werbung und Journalismus durchgeführt, um herauszufinden, wie sich diese Berufsfelder gegenwärtig verändern. Als prägende neue Einflüsse wurden u. a. ein steigendes Informationsaufkommen, ein erhöhter Zeitdruck und ein Trend zur Crossmedialität identifiziert. Interessant mit Blick auf das Tagungsthema: Der Erhebung zu Folge sind Generalisierung und Spezialisierung parallel ablaufende Prozesse, die sich nicht gegenseitig ausschließen. Der Trend gehe vielmehr in Richtung Universalspezialistentum – was auch immer das praktisch bedeuten mag.

Eine weitere Variante der Spezialisierung thematisierte Sonja Kretzschmar (Münster) mit ihrem Vortrag über mobile journalistische Angebote wie die „Tagesschau in 100 Sekunden“. Aus ihrem Vergleich von Rundfunk- und Online-Angeboten mit ihren mobilen Pendants folgerte sie: „News to go“ seien auf dem besten Wege, sich zu etablieren, und würden damit veränderte Anforderungen an die journalistischen Qualifikationsprofile stellen. Vorerst könnten sie aber nicht mehr sein als ein Nischenmedium, zumal die Technik noch nicht voll ausgereift sei und Marketing- bzw. Finanzierungskonzepte bislang noch nicht vollends überzeugen.

Wie der sich wandelnde Journalismus in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, berichteten Anna-Maria Schielicke und Sandra Degen (Dresden) unter Anleitung von Wolfgang Donsbach und Elvira Steppacher. Nach einer telefonischen Befragung von mehr als 1000 Jugendlichen und Erwachsenen resümierten sie, dass in der Bevölkerung kein klares Konzept von Journalismus und journalistischer Qualität vorherrsche. Besonders herausgestellt wurde der Befund, dass sich für die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen keine Präferenz für Boulevard-Themen und Soft News nachweisen ließe.

Da nicht alle Forschungsbeiträge expliziten Bezug auf das Thema „Spezialisierung im Journalismus“ nahmen, hatten die Veranstalter auch einige Journalisten eingeladen, um über sie einen direkten Zugriff auf die Leitfrage der Tagung zu ermöglichen. Die Praktiker berichteten in einem gemeinsamen Panel über ihre redaktionellen Alltagserfahrungen. Lebhaft diskutiert wurde u. a. die berufsethische Frage, inwiefern sich Fachjournalisten in die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen oder Institutionen begeben dürfen, um über sie berichten zu können.

Kaum weniger intensiv war die Diskussion im Anschluss an die Referate von Annette Leßmöllmann (Darmstadt), Christoph Moss (Dortmund) und Stefan Korol (Bonn-Rhein-Sieg), die die Konzepte der fachjournalistischen Ausbildung an ihren Hochschulen erläuterten. In Reaktion darauf wurde im Plenum die Frage aufgeworfen, was wichtiger sei: eine grundständige Journalistenausbildung im Sinne einer möglichst breiten Kompetenzbildung oder eine frühzeitige Spezialisierung auf ein bestimmtes Themengebiet?

Dass auf diese Frage letztlich keine eindeutige Antwort gefunden werden konnte, mahnte auch Christoph Neuberger (Münster) in seinem Fazit am Ende der Tagung an. Er formulierte einige Anregungen für künftige Forschung, die deutlich machten: Das Thema Spezialisierung wird die Journalistik auch nach der Bremer Tagung noch beschäftigen (müssen).

(Eine geraffte Fassung dieses Beitrags erscheint in Heft 1/2008 des Journalistik Journals.)