Archiv für die Kategorie 'IfJ'

Journalismus als Krisenbewältigung

cover_s.jpgWer die Beiträge des neuen „Journalistik Journals“ liest, der muss zwangsläufig zu der Einsicht gelangen, dass Journalismus ein grauenvoller Beruf ist: ein Beruf ohne langfristig gesicherte ökonomische Grundlage, der seinen Akteuren Äußerstes abverlangt und in letzter Konsequenz krank macht.

Dies legen zum einen all die Analysen und Kommentare im vorliegenden Heft nahe, die sich mit der anhaltenden Medienkrise und den von ihr ausgelösten Redaktionsschließungen der vergangenen Monate auseinandersetzen. Sie verleihen der Dramaturgie der neuen JoJo-Ausgabe einen ungeplanten Rahmen: von der scharfen Kritik Ulrich Pätzolds zu den aktuellen Vorgängen rund um die „Westfälische Rundschau“ (WR), die das Heft eröffnet, bis hin zum abschließenden Porträt aus der Feder von Ulrich P. Schäfer, der – wie in jeder Nummer dieser Zeitschrift – in der Rubrik „EX-trablatt“ die Lebens- und Karrierewege der Absolventen des Dortmunder Instituts für Journalistik nachzeichnet. Natürlich geht die Krise auch an den Dortmunder Absolventen nicht spurlos vorbei. Dies gilt vor allem, aber nicht nur für die unrühmliche Abwicklung der „Westfälischen Rundschau“. Nicht wenige der Anfang dieses Jahres geschassten WR-Redakteure – von den zahlreichen freien Mitarbeitern gar nicht zu sprechen – haben einst in Dortmund Journalistik studiert. Mit der Entlassung verlieren sie ihre Existenzgrundlage. Neben den berechtigten Klagen über die fortschreitende Erosion der regionalen Pressevielfalt sind auch die persönlichen Dramen, die die aktuelle Sparstrategie der Essener Funke-Gruppe auslöst, keinesfalls zu verschweigen.

Dass Journalismus und Grauen häufig Hand in Hand gehen, zeigen zum anderen auch die Diskussionsbeiträge zum eigentlichen Titelthema der neuen Ausgabe: „Journalismus und Trauma“. In ganz unterschiedlichen Texten und Textformen erörtern unsere Autoren die besonderen Probleme und Potenziale der journalistischen Berichterstattung in Extremsituationen wie Kriegen, Krisen und Katastrophen. Besonders eindrücklich sind dabei die Erfahrungsberichte einzelner Akteure, die selbst in entsprechende Situationen geraten sind und als Journalisten gefragt waren, darüber zu berichten. So schildert etwa Karl N. Renner, heute Professor für Fernsehjournalismus an der Universität Mainz, wie er vor 25 Jahren als Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks völlig unvorbereitet einen aktuellen Bericht über einen Amoklauf in der süddeutschen Kleinstadt Dorfen abzuliefern hatte. Nicht ganz so weit zurückblicken muss Andreas Sträter: Er war 2010 als Reporter auf der Loveparade in Duisburg – und lässt heute noch einmal Revue passieren, wie er vom Party-Berichterstatter gänzlich unerwartet zum Beobachter einer dramatischen Massenpanik mit 21 Toten wurde. Kaum weniger bewegend sind Claus Eurichs Erinnerungen an einen lange zurückliegenden Einsatz als Unfallreporter für eine Regionalzeitung. Erst im Rückblick auf ihre Erlebnisse als Journalisten in belastenden Ausnahmesituationen gelingt es diesen Autoren, von ihren individuellen Erfahrungen zu abstrahieren – und konkrete Lehren daraus zu ziehen, die auch für andere Medienprofis hilfreich sein können.

Konkrete Tipps und Handlungsempfehlungen bieten auch weitere Texte des JoJo-Schwerpunkts: Thomas Weber und Monika Dreiner formulieren eine Reihe praxisnaher Einsichten zum Thema aus der Perspektive der Psychotraumatologie. Simon P. Balzert entwickelt einen Redaktionsleitfaden zum Umgang mit Gewaltfotos in der Tagespresse. Florian Zollmann erinnert an die besondere demokratische Funktion des Journalismus in Kriegszeiten. Und Annelen Geuking arbeitet einige Faktoren heraus, die auch im ganz normalen Redaktionsalltag zur psychischen Belas­tung journalistischer Akteure führen können.

Wie man Journalisten schon frühzeitig auf traumatische Erlebnisse vorbereiten kann, diskutieren schließlich Max Ruppert und Tobias Schweigmann. Sie haben gemeinsam mit Claus Eurich an der TU Dortmund ein Seminarkonzept entwickelt, das (angehenden) Journalisten dabei helfen soll, in unvorhergesehenen Schocksituationen zu bestehen. Ihr Ausbildungsansatz ist nicht nur das Thema eines Textbeitrags im neuen Heft. Letztlich geht der gesamte Themenschwerpunkt „Journalismus und Trauma“ auf die für besagtes Seminar gesammelten Ideen zurück. Dafür gilt allen Beteiligten mein herzlicher Dank!

In der Summe liefern die Texte ein facettenreiches Instrumentarium, das dazu beitragen kann, dem Grauen im Journalismus etwas entgegenzusetzen. Ganz beiläufig veranschaulichen sie im Zuge dessen auch die besondere gesellschaftliche Relevanz einer funktionierenden Berichterstattung – und zeigen damit, dass Journalismus nicht nur Opfer der Krise ist, sondern gleichzeitig auch ein Mittel, um die Krise zu bewältigen.

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Alles, was Recht ist

jojo-klein.jpg„Ich glaube, wir können Juristen in die Kategorie der Monster einreihen“, räsonierte einst der englische Lyriker John Keats – und es gibt wohl auch heute nicht wenige Menschen, die der Juristerei mit einem Grundgefühl des Unbehagens begegnen. Zu hermetisch erscheint häufig die Sprache des Rechts, zu undurchdringlich der Dschungel unterschiedlicher Paragraphen und Gesetzestexte. Dieses Unbehagen ist auch unter Medientreibenden weit verbreitet. Leider, denn eigentlich müssten gerade Journalisten ein gesteigertes Interesse an rechtlichen Zusammenhängen haben. Sie bilden – im Falle der Gerichtsberichterstattung – ein wichtiges Themenfeld journalistischer Arbeit. Mehr noch: Sie stellen sogar eine wesentliche Grundlage dieser Arbeit dar, sei es indem sie dem Journalisten besondere Rechte bei der Informationsbeschaffung einräumen – oder indem sie die öffentliche Aufgabe der Massenmedien grundsätzlich legitimieren.

Das komplexe Zusammenspiel von Journalismus und Recht in einer verständlichen Sprache und mit nachvollziehbarem Praxisbezug aufzubereiten – das ist das Ziel der neuen Herbstausgabe des Journalistik Journals. Bei der Umsetzung dieses Ziels gehen die Autoren ganz unterschiedliche Wege:

Udo Branahl diskutiert in seinem Überblicksbeitrag die wesentlichen Funktionen einer gelingenden Justizberichterstattung – und formuliert auf dieser Grundlage einige Aufgaben für die Journalismusforschung und die hochschulgebundene Journalistenausbildung. Hans Mathias Kepplinger untersucht den Einfluss von Medien auf Strafverfahren. Seine Befragung von über 700 Richtern und Staatsanwälten weist vielfältige Wechselwirkungen zwischen Gerichtsberichterstattern und Prozessbeteiligten nach – und räumt gleichzeitig mit einem fundamentalen Irrtum der traditionellen Medienwirkungsforschung auf.

Thomas Vesting legt mit seinem medientheoretischen Beitrag den Grundstein für ein zeitgemäßes Rechtsverständnis, indem er die Entwicklung von den „Büchern des Rechts“ über die „Massenmedien des Rechts“ bis hin zu neuartigen „Netzwerken des Rechts“ verfolgt. Jutta Stender-Vorwachs und Natalia Theissen bieten einen kenntnisreichen Überblick über neue Entscheidungen zum Persönlichkeitsrecht und der Freiheit der Berichterstattung.

Gleich zwei Texte widmen sich der aktuellen Diskussion um ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage: Karl-Heinz Ladeur erörtert die grundsätzliche Sinnhaftigkeit eines solchen Schutzrechtes, Christopher Buschow skizziert die konkreten Folgen für den Journalismus.

Den Schlusspunkt in der Aufbereitung des Titelthemas bildet eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Medienrechtsblogs: Lars Harden formuliert in diesem Zusammenhang einige Thesen zum Einfluss derartiger Blogs auf den medienrechtlichen Diskurs. Simon Assion ergänzt diese Überlegungen mit einem aufschlussreichen Perspektiv-Wechsel. Er berichtet aus dem Innenleben des Internetprojekts Telemedicus und zeigt dabei eindrucksvoll, wie die so genannte „Blawgosphäre“ tickt und welche Faktoren die Arbeit an einem medienrechtlichen Weblog zu einem Erfolgsmodell machen können.

Vor allem die beiden letztgenannten Beiträge machen noch einmal deutlich, wie wichtig eine angemessene Vermittlung medienrechtlicher Themen ist, wenn sie auch außerhalb juristischer Fachkreise wahrgenommen und aufgegriffen werden sollen: „In einem Artikel auf Telemedicus hat der typische juristische ‚Kanzleistil‘ nichts verloren“, schreibt beispielsweise Simon Assion. „Passivkonstruktionen werden neuen Autoren ebenso ausgetrieben wie das häufige Substantivieren oder juristische Floskeln.“ Sofern dies beherzigt wird, entwickeln sich breite gesellschaftliche Diskussionen fast von allein, resümiert Assion. In solchen Fällen, prognostiziert Lars Harden, „werden herausragende Medienrechtsblogs zu Ankern und Orientierungspunkten für Interessierte – damit man sich im Gewirr der verschiedenen Stränge der Rechtsgelehrtheit zu Recht finden kann.“

Dass Generationen von Journalistik-Studierenden diese Lehre bereits vor dem Aufkommen der „Medienblawgosphäre“ verinnerlicht hatten, ist vor allem einem zu verdanken: dem langjährigen Dortmunder Medienrechts-Professor Udo Branahl. Für die Inspiration des neuen Schwerpunkt-Heftes gilt ihm daher besonderer Dank – ebenso wie seinem Nachfolger Tobias Gostomzyk, der maßgeblich zur konkreten Themenplanung und zur Feinabstimmung mit den Autoren beigetragen hat. Lässt man sich auf ihre Herangehensweise an das Themengebiet „Journalismus und Recht“ ein, braucht wohl niemand mehr Angst vor Monstern zu haben.

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Partizipativer Journalismus – Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

jojo-1-2012-klein.jpgDer Begriff Partizipation ist in den vergangenen Jahren zu einem vermeintlichen Zauberwort geworden – nicht nur im politischen Diskurs, sondern auch im Journalismus. Vor dem Panorama der Werbe- und Medienkrise werteten viele Beobachter die stärkere Einbindung der Nutzer als Wundermittel im Kampf gegen die Erosion redaktioneller Ressourcen. Was genau jedoch unter sinnvoller Nutzerpartizipation zu verstehen ist, blieb vielen der beteiligten Akteure dabei unklar. Viele Verlagshäuser verordneten sich ein “Mitmachen beim Mitmachen”, häufig jedoch ohne zielgerichtete Strategie. “Irgendwas 2.0″ nennt Thorsten Quandt derartige Vorstöße. Liest man seinen Beitrag in der neuen Ausgabe des “Journalistik Journals” (JoJo), eine pointierte Zusammenfassung einer internationalen Vergleichsstudie zum Status quo des Mitmach-Journalismus, wirkt Partizipation eher wie ein “Plastikwort”, eine jener “sprachlichen Attrappen” also, die sich mit Uwe Pörksen auf alles anwenden lassen, im Inneren jedoch leer bleiben. Von Zauber keine Spur!

Das neue JoJo-Themenheft möchte dazu beitragen, die Diskussion über Partizipation im Journalismus zu systematisieren – und ihr dadurch zu ein wenig mehr Sub­stanz verhelfen. Dazu gehört nicht nur eine grundsätzliche Beschäftigung mit Begriff und Gegenstand des partizipativen Journalismus, wie Sven Engesser sie anbietet. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit der historischen Dimension des Themenfeldes. Denn Mitmach-Journalismus ist keineswegs ausschließlich an netzbasierte Anwendungen wie Weblogs, Wikis, Video- oder Netzwerkplattformen gebunden. Wie vor allem Thomas Birkner und Wiebke Loosen zeigen, gab es User Generated Content schon lange vor dem Aufkommen des Web 2.0: “Jahrhunderte der Mediengeschichte wären ohne die aktive Partizipation von Bürgern in den Medien gar nicht möglich gewesen. Im Jahre 1899 bat beispielsweise die Berliner Illustrierte Zeitung ihre Leser darum, Fotos … einzusenden – bei Veröffentlichung gab es dafür 200 Mark.” Und auch der klassische Leserbrief, das Hörer-/Zuschauertelefon und die Offenen Kanäle waren (und sind) etablierte Plattformen der Nutzerbeteiligung, die nicht erst auf die Verbreitung des Internets warten mussten, um ihre unbestrittenen Potenziale unter Beweis zu stellen.

Unbestritten ist allerdings auch, dass die Partizipationsbarrieren durch die technischen Möglichkeiten des Internets heute so niedrig wie nie zuvor sind. Insofern ist es lohnenswert zu analysieren, wie sich die etablierten Instrumente der Publikumsinklusion unter den Bedingungen des Web 2.0 verändern und weiterentwickeln. Die neue JoJo-Ausgabe untersucht dies in verschiedenen Fallstudien: Annika Sehl, Hannah Lobert und Michael Steinbrecher stellen Ergebnisse ihrer Begleitforschung zum partizipativen TV-Lernsender nrwision vor und vergleichen dessen Merkmale mit denen des Social Web. Ilka Lolies erörtert das diskursive Potenzial von Online-Kommentaren im Vergleich zum herkömmlichen Leserbrief. Wiebke Möhring diskutiert die besonderen Möglichkeiten der Nutzerbeteiligung im Lokaljournalismus. Und Hanna Jo vom Hofe und Chris­tian Nuernbergk präsentieren Befunde einer Redaktionsbefragung zur Nutzung des Microblogging-Dienstes Twitter im professionellen Journalismus.

Zusammengenommen zeigen die Beiträge, dass trotz günstiger Rahmenbedingungen nach wie vor eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit im partizipativen Journalismus klafft. Ebenso geben sie aber zahlreiche Ratschläge, wie diesem Missverhältnis im Bedarfsfalle entgegenzuwirken ist.

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Ein Vademekum für den Sportjournalisten?

jojo.jpgMedienkritik ist nichts Neues. Auch wenn der kritische Diskurs über Journalismus und Medien in der heutigen Erregungsgesellschaft, beflügelt durch web-basierte Themenschleudern wie Twitter oder Facebook, so lebendig ist wie nie zuvor – es gibt ihn schon lange, so lange, wie es Medien gibt.

In kaum einem Bereich wurde und wird dieser Diskurs jedoch so lautstark und emotional geführt wie im Sportjournalismus. Warum das so ist, zeigt die neue Ausgabe des „Journalistik Journals“ (JoJo) mit zahlreichen Beiträgen zum Titelthema „Medien und Sport – eine variantenreiche Verbindung“. „Kein anderes Ressort im Journalismus ist derart von Ökonomisierungs- und Kommerzialisierungsprozessen betroffen wie das Sportressort“, stellt Michael Schaffrath in seiner kritischen Bilanz zur bisherigen Sportkommunikatorforschung fest. Christoph Bertling beschreibt eine „schwierige Gratwanderung des Sportjournalismus“ zwischen Aufklärung und Entertainment. Weitere Analysen widmen sich spezifischen Problemen und Herausforderungen des Berichterstattungsfeldes: unter anderem dem (Vor-)Urteil, dass Sportjournalisten in Wirklichkeit schlecht getarnte Fans sind, die am liebsten selbst eine Sportkarriere gestartet hätten (Michael Steinbrecher); dem unübersehbaren „Sexualisierungsdruck“, der sich vor allem in der redaktionellen Darstellung von Sportlerinnen bemerkbar macht (Jörg-Uwe Nieland und Daniela Schaaf); und den zahlreichen Widrigkeiten, mit denen Sportjournalisten bei der Berichterstattung etwa über Korruption (Daniel Drepper) und Doping (Angelika Mikus) zu kämpfen haben.

Einfache Lösungen für diese Probleme können die Autoren nicht anbieten. So verweist Thomas Horky zwar auf die besonderen Chancen, die beispielsweise soziale Netzwerkmedien bei der Berichterstattung über Sport-Großereignisse mit sich bringen. Gleichzeitig stellt er jedoch fest, dass ein verstärkter Einsatz von Social Media auch mit zahlreichen Folgeproblemen verbunden ist, die den vermeintlichen Mehrwert relativieren. Ein Vademekum für den Sportjournalisten ist das neue JoJo also nicht.

Wohl aber kann es helfen, viele der häufig beklagten Fehlentwicklungen der Sportberichterstattung zu verstehen, ohne sie damit entschuldigen zu wollen. So erklärt etwa Christoph Bertling, dass Sportjournalismus, historisch betrachtet, gerade nicht aus einem aufklärenden Anspruch heraus entstanden ist, sondern als Unterhaltungsprodukt: „Von Anfang an wurde Sport als Berichterstattungsobjekt genutzt, um die Massen durch populäre Inhalte anzusprechen. Zahlreiche Events, beispielsweise die Tour de France, wurden seitens der Medien als Berichterstattungsobjekt geschaffen. Entsprechend entwickelte sich nicht das gleiche Selbstverständnis wie in anderen Ressorts: Viele Sportjournalisten verstehen sich als Teil der Unterhaltungsindustrie, haben nicht dieselbe Distanz.“ Während emotional aufgeheizte Pauschal-Kritiken meist wenig Konstruktives leisten, tragen Analysen wie diese zu einer Versachlichung der Diskussion über den Sportjournalismus bei – und können damit das Qualitätsbewusstsein bei seinen Akteuren umso nachhaltiger steigern.

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Journalismus und Nationalsozialismus

jojo_klein.jpgDie aktuelle Ausgabe des “Journalistik Journals” ist eine besondere: Zum letzten Mal wird das Heft eingeleitet durch ein Editorial von Horst Pöttker. Er war es, der die Zeitschrift 1998 ins Leben gerufen hat. Nach 13 Jahren als Herausgeber gibt er die Verantwortung für Konzept und Finanzierung der Publikation nun ab. Insofern war es naheliegend, sich im neuen Heft 1/2011 noch einmal auf ein Thema zu konzentrieren, das den JoJo-Gründer seit langer Zeit fesselt: das Verhältnis von Journalismus und Nationalsozialismus. Die Texte im Schwerpunkt-Teil durchleuchten dieses Verhältnis aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Die Print-Version der neuen Ausgabe wird ab der kommenden Woche ausgeliefert. Schon jetzt sind einige ausgewählte Beiträge online — unter anderem:

Verdrängung, Öffnung, Instrumentalisierung
Was vom Umgang mit der NS-Vergangenheit über den Nachkriegsjournalismus zu lernen ist
Von Horst Pöttker

Zwischen den Weltkriegen
Zum Wandel des Pressejournalismus im Nationalsozialismus
Von Gabriele Toepser-Ziegert

Im Schatten von Joseph Goebbels
Otto Dietrich war einer der ranghöchsten Vertreter im Propagandaministerium
Von Stefan Krings

Derricks Erfinder fesselte schon die Hitlerjugend
Die große Frage nach der Mitschuld am Hitler-Regime hat sich Herbert Reinecker nie stellen lassen
Von Christina Kiesewetter

Produkte der Krise
Warum die Auseinandersetzung mit der Publizistik des Exils höchst aktuell ist – eine Verteidigungsrede
Von Gaby Falböck

Außerhalb des Schwerpunkts befassen sich verschiedene Texte mit Fragen der Ethik und Qualität im Journalismus, etwa der Beitrag “Achtsamkeit – Grundzüge eines integralen Journalismus” von Claus Eurich oder Lars Rinsdorfs Analyse zu den Auswirkungen des gemeinsamen Newsdesks auf Qualität und Vielfalt in der Mantelberichterstattung von WAZ, NRZ und WR.

Wer an einem (kostenlosen) Bezug dieser und/oder künftiger JoJo-Ausgaben interessiert ist, kann sich — wie immer — bei mir in der Redaktion melden. A propos: Das “Journalistik Journal” wird auch ohne Horst Pöttkers Mitwirkung weiterhin erscheinen. Dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr. Für heute begnüge ich mich mit einem herzlichen Dank an den Gründungsherausgeber für die langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit. Ich hoffe, dass auch er Freude an dieser “Abschiedsausgabe” hat!

Medienselbstkontrolle im Wandel

jojo.jpgDie aktuellen Wandlungsprozesse im Journalismus stellen auch die publizistische Selbstkontrolle vor neue Herausforderungen: Sind die etablierten Einrichtungen der Selbstregulierung ausreichend auf die fortschreitende Digitalisierung und den Trend zu Crossmedia vorbereitet? Wie ist angemessen mit der Internationalisierung der Medienkommunikation umzugehen? Diese und andere Fragen stehen im Mittelpunkt der neuen Ausgabe (Nr. 2/2010) unseres Dortmunder “Journalistik Journals”. Die Hefte werden seit dieser Woche ausgeliefert, auch die Online-Ausgabe ist inzwischen auf dem neusten Stand.

Der Themenschwerpunkt zur Medienselbstkontrolle enthält zahlreiche Beiträge, die im Kontext des internationalen Forschungsprojekts “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) entstanden sind. Susanne Fengler fragt — unter Rückgriff auf eine ökonomische Theorie journalistischen Handelns — nach möglichen Anreizen für Medienselbstkontrolle; Colin Porlezza, Stephan Ruß-Mohl und Marta Zanichelli stellen Ergebnisse ihrer Fehlerforschung vor und erörtern die Chancen von Korrekturspalten als Instrument der Media Accountability; Huub Evers lotet die Potenziale von Ombudsleuten als Instanz redaktioneller Kritik aus; Matthias Karmasin diskutiert das Konzept der Corporate Social Responsibility als Bestandteil gelingender Selbstregulierung; und ich selbst untersuche die Beschwerdearbeit des Deutschen Presserates im Jahr 2009 — dem ersten Jahr, in dem auch Beschwerden über online-journalistische Beiträge zugelassen wurden.

In der Printausgabe finden sich noch eine ganze Reihe anderer Texte — es lohnt sich also ein Blick in das Heft. Wer an einem (kostenlosen) Bezug der Zeitschrift interessiert ist, wendet sich am besten direkt an die Redaktion (also an mich)!

Call: DGPuK-Jahrestagung in Dortmund

Die DGPuK kommt nach Dortmund. Die nächste Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft wird vom 1. bis zum 3. Juni 2011 am Institut für Journalistik der Technischen Universität stattfinden. Unser Organisationskomitee arbeitet bereits seit einiger Zeit am Call for Papers für die Tagung. Seit heute wird er nun über die offiziellen Kanäle des DGPuK-Vorstands gestreut.

Inhaltlich dreht sich diesmal alles um das Verhältnis zwischen Kommunikationswissenschaft und Medienpraxis. Unter dem Titel “Theoretisch praktisch!?” haben wir verschiedene mögliche Themenbereiche skizziert, die im Rahmen der Tagung intensiver diskutiert werden können:

  • In seinen Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaft in Deutschland mahnt der Wissenschaftsrat an, das Fach solle die notwendigen “Voraussetzungen für eine profunde kommunikations- und medienwissenschaftliche Beratung von Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit” schaffen. Aber: Versteht sich das Fach (auch) als anwendungsorientierte Wissenschaft – mit welchen Konsequenzen für die Forschung? Von welchem Praxisbegriff geht die Kommunikations- und Medienwissenschaft aus, und welche Forschungsfragen und -projekte spiegeln dies exemplarisch? Unter welchen besonderen – auch wissenschaftspolitischen – Bedingungen hinsichtlich eines Anwendungsbezugs agiert hier die Kommunikations- und Medienwissenschaft? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Kommunikationswissenschaft und Politik, Wirtschaft sowie Öffentlichkeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz?
  • Die Theorienvielfalt in der deutschsprachigen Kommunikations- und Medienwissenschaft nimmt seit einigen Jahren zu. Inwiefern erlauben etablierte und innovative Theorieansätze einen (kritischen) Zugriff auf die soziale Praxis der Medien? Bieten sich mit Blick auf den wachsenden Theorienpluralismus neue Anknüpfungspunkte für den Dialog mit den “Stakeholdern” unseres Fachs? Welche Forschungsprojekte könnten exemplarisch für die These stehen, dass “nichts so praktisch ist wie eine gute Theorie”? Welche Funktionen erfüllen kommunikationswissenschaftliche Theorien für den Alltag in den Kommunikationsberufen, welche Spannungen zwischen Grundlagenforschung und Anwendungsorientierung können exemplarisch anhand von Forschungsprojekten aufgezeigt werden?
  • In einer Zeit des Medienwandels und der Medienkonvergenz erscheinen etablierte Medienstrukturen in vielerlei Hinsicht reformbedürftig. Welche prognostischen Qualitäten hat die Kommunikations- und Medienwissenschaft in dieser spezifischen Umbruchsituation, welche Forschungsarbeit wird hierzu geleistet? Welche Policy-Relevanz besitzt sie und wie beeinflussen Forschungsergebnisse (potenziell) Entscheidungen der relevanten Akteure in Medienpolitik und Medienpraxis? Welche ethischen Probleme ergeben sich für die Kommunikationswissenschaft aus der angewandten Forschung – zumal, wenn profitorientierte Medienunternehmen Auftraggeber sind? Welche Praxis-Relevanz hat die international vergleichende Forschung, und wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis in internationaler Perspektive?
  • Vor allem die dynamische Diversifizierung der computervermittelten Kommunikation hat im Mediensektor zuletzt zahlreiche Innovationen ermöglicht, die in der Kommunikations- und Medienwissenschaft zeitversetzt thematisiert und analysiert wurden. Welche Fragestellungen stehen gegenwärtig im Zentrum der Forschung – und wie lässt es sich angesichts dieses “time lags” rechtfertigen, das Fach als Motor der Medienentwicklung zu verstehen? Kann es, darf es aktiven Einfluss auf diese Entwicklung nehmen? Welche Forschungsarbeiten könnten dies beispielhaft verdeutlichen?
  • Inwiefern wird das Potenzial von Forschung und Ausbildung in unserem Fach genutzt, um in einer sich wandelnden Medienlandschaft “Zukunftslabor” und “Think Tank” für Qualität in den Medien zu sein? Welcher Stellenwert kommt der Kommunikations- und Medienwissenschaft bei der Optimierung von Produktionsprozessen und Produkten medienvermittelter Kommunikation zu? Welchen Einfluss kann und soll sie auf sprachliche und visuelle Aspekte der Medienproduktion nehmen? Dies sind für die Journalistik zentrale Fragestellungen, ebenso aber für die politische Kommunikation, die Nutzerforschung und die PR- und Werbeforschung.
  • (Wie) nutzt die Kommunikations- und Medienwissenschaft ihr Potenzial als Akteur der Medienkritik? Diese Fragestellung erscheint umso relevanter, als die Foren für Medienkritik in vielen etablierten Massenmedien nicht zuletzt in Folge der Medienkrise schwinden. Wie politisch kann bzw. darf die Kommunikationswissenschaft selbst hierbei sein? Und wie viel Medienpräsenz braucht die Kommunikations- und Medienwissenschaft, um sich in einer von wachsendem Wettbewerb gekennzeichneten Hochschullandschaft zu legitimieren? Wie kann, wie soll sich das Verhältnis zwischen der Kommunikations- und Medienwissenschaft und der Medienpraxis in Zukunft strategisch gestalten? Was lehrt der Blick auf andere Fächer, was der Blick ins Ausland?
  • Gerade im Bereich der Rezeptions- und Wirkungsforschung bieten sich zahlreiche Anknüpfungspunkte an die Medien- und Kommunikationspraxis, etwa bei Problemstellungen aus den Bereichen der Publikumsforschung, Programmplanung, Medienmanagement, Marketing, aber auch in Medienpädagogik und politischer Kommunikation. Worin gründet die praktische Relevanz der aktuellen Rezeptions- und Wirkungsforschung, worin die Theorierelevanz gegenwärtiger Rezeptionsprozesse? Lassen sich mögliche Wechselbeziehungen zwischen Forschung und Medienpraxis institutionalisieren?
  • Die unterschiedlichen Traditionen der Kommunikations- und Medienwissenschaft unterscheiden sich auch aufgrund ihrer differierenden Bezüge zur Kommunikations- und Medienpraxis. Welche “Karriere” hat die Forderung nach praxisorientierter Forschung in der fachgeschichtlichen Entwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaft durchlaufen? Beispielhaft kann hier die kommunikationswissenschaftliche Gender-Forschung genannt werden, die sich seit den 1970er Jahren intensiv mit praxisbezogenen Fragestellungen – und deren (gesellschafts)politischer Relevanz – beschäftigt hat. Durch die Beantwortung dieser Fragen will die Tagung nicht zuletzt dazu beitragen, über eine Analyse der Geschichte angewandter Kommunikations- und Medienforschung zu einer Präzisierung des gegenwärtigen Selbstverständnisses der Disziplin beizutragen.

Vortragsvorschläge zu diesen und anderen Themen können ab dem 1. September 2010 über die dann freigeschaltete Tagungshomepage www.dgpuk2011.de eingereicht werden. Deadline ist der 15. Oktober 2010. Weitere Infos im vollständigen Call for Papers!