Archiv für die Kategorie 'Diss' pt. 2 von 3



“Buy the ticket, take the ride.”

hunter.jpgUnter den Protagonisten des New Journalism ist Hunter S. Thompson eine der schillerndsten Figuren. Als Schöpfer des ihm eigenen Gonzo-Stils hat er in den späten 1960er Jahren Kult-Status erreicht. Seitdem hat sich auch die Journalismusforschung immer wieder für ihn interessiert: Nicht nur in den USA sind unzählige Forschungsarbeiten zu Thompsons Werk und Wirken entstanden (”enough […] to build a bonfire”, wie David Carr in der “New York Times” schreibt). Auch im deutschsprachigen Raum gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Analysen (häufig Studienabschlussarbeiten), die sich mit der von ihm begründeten Spielart des literarischen Journalismus auseinandersetzen.

Nun bekommt Thompson, der sich 2005 erschoss, endlich einen würdigen Dokumentarfilm. Die Produktion mit dem Titel “Gonzo: The Life and Work of Dr. Hunter S. Thompson” kommt ab heute in die US-amerikanischen Kinos. Regie hat der Oscar-Preisträger Alex Gibney geführt; Johnny Depp, der sich schon in der großartigen Verfilmung der Thompson-Reportage “Fear and Loathing in Las Vegas” als gonzo-geeignet erwiesen hat, besorgt den Kommentar. Die Rezensionen in der heimischen Presse klingen mehr als wohlwollend. Es gibt also genug Gründe, sich auf den Film zu freuen.

Bis es auch bei uns “Buy the ticket, take the ride” heißt, dürfte noch ein wenig Zeit vergehen. Begnügen wir uns bis dahin mit dem Trailer…

Foto: Magnolia Pictures

Tom Kummer und der “gute Publizistik-Professor”

kummer.jpgIn einem Rezensionsessay für die “Publizistik” hat Bernhard Pörksen im vergangenen Jahr die Autobiografie des Borderline-Journalisten Tom Kummer besprochen (vgl. Pörksen 2007). Darin setzte er sich unter anderem kritisch mit der journalistischen Arbeitsweise Kummers auseinander, der bekanntlich zahlreiche Star-Interviews u. a. für das Magazin der “Süddeutschen Zeitung” gefälscht und damit einen mittelschweren Medienskandal ausgelöst hatte.

In einem Gastkommentar für die “taz” greift Tom Kummer diese Rezension nun auf. Am Ende eines weit ausholenden Plädoyers für “eine Neudefinition von Realität” in wenig ertragreichen Interview-Situationen kommt er auf Bernhard Pörksen zu sprechen:

Es gibt so viele Fragen rund um das Überleben der Printmedien. Kürzlich wurden mir solche Fragen von einem Publizistik-Professor gestellt, der mich für ein Interviewbuch zum Thema “Zukunft der Printmedien” gewinnen wollte. Es waren fantastische Fragen, Fragen des Überlebens: Wann beginnt der Betrug der Redaktionskollegen und des Publikums? Ist nicht jeder Akt der sprachlich-dramaturgischen Gestaltung letztlich auch ein Akt der Fiktionalisierung? Können Journalisten nur überleben, wenn sie eine scheinbar eindeutige Unterscheidung von Fakt und Fiktion untergraben? Darauf wusste ich nicht viel zu sagen. Außer: dass es vielleicht für Interviewer nur Rettung im New Journalism gibt, der mit der Faszination des Fiktiven spielt.

Aber welcher Grad der von Ihnen, Herr Kummer, angewandten Konstruktivität könnte denn heute als Grundlage einer journalistischen Ethik taugen? Sollte man angesichts des PR-Journalismus und des “Spindoctoring” die von ihnen praktizierte Erfahrung der Intersubjektivität mainstreammäßig anerkennen?

Eine grandiose Wahnsinnsfrage. Meine Rettung!

Was Tom Kummer freilich nicht erwähnt, ist der Umstand, dass diese “Wahnsinnsfragen” teilweise fast wortwörtlich aus Bernhard Pörksens “Publizistik”-Rezension übernommen sind. Er stellt sie in einen neuen, fiktionalisierten Kontext und setzt sein selbstreferenzielles Spiel damit fort.

Ein bemerkenswertes Beispiel für Kummers Art und Weise, Journalismus zu betreiben.

Und eine wirklich kuriose Replik auf eine wissenschaftliche Buchbesprechung.

(Danke an Bernhard Pörksen für den Hinweis an die “Publizistik”-Redaktion!)

Literatur:

Kummer, Tom (2008): Das Pamela-Anderson-Prinzip. Plädoyer für eine Neudefinition von Realität auf der EM. In: taz vom 6.6.2008. Online unter: http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/die-em-und-das-pamela- anderson-prinzip/

Pörksen, Bernhard (2007): Apologie eines Fälschers. Die Memoiren des Borderline-Journalisten Tom Kummer. In: Publizistik 52, Heft 3/2007, S. 405-408. Online unter: http://www.vsjournals.de/index.php;do=pdf/ sid=676e1aa6603b17238436c27370f3e14d/site=pub/lng=de/area=kom/article _id=5193/doi=10.1007~s11616-007-0178-8

Foto: NiceBastard

Was ist Journalismus?

Journalismusdefinitionen gibt es in der wissenschaftlichen Literatur mittlerweile wie Sand am Meer. Besonders einprägsam finde ich nach wie vor die folgende von Emil Dovifat:

Der Beruf fordert eine eigene stilistische Kraft und Ausdrucksfähigkeit von charaktervoller und tiefgreifender Wirkung. Alle diese Eignungsvoraussetzungen liegen gleich den künstlerischen Begabungen in der Persönlichkeit. […] Der Beruf verlangt ein hohes Maß an opferbereitem Idealismus und moralischer Grundsatzfestigkeit sowie den ganzen Einsatz der Person. Widerstandsfähige, größten Arbeitsanforderungen standhaltende Gesundheit, starke Nerven, Ruhe, Beweglichkeit, gutes Sehen und Hören, keine Gehbehinderung. Gepflegtes Äußeres.

Journalist müsste man sein… ;)

Quelle:

Dovifat, Emil (1965): Journalist. In: Bundesanstalt für Arbeit (Hrsg.): Blätter zur Berufskunde, Bd. 1-3 (Sondergebiete). Bielefeld. (zit. n. Weischenberg, Siegfried (2004): Journalistik. Medienkommunikation: Theorie und Praxis. Band 1: Mediensysteme — Medienethik — Medieninstitutionen. 3. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 39)

Ich und Ich: New Journalism gestern und heute

Auf die Verbindungslinien zwischen Blogging und Erzähljournalismus habe ich kürzlich schon einmal hingewiesen. Klaus Jarchow hat nun einige weitere Indizien gesammelt, die zeigen, dass Weblogs mit einigem Recht als Fortführung der Tradition des New Journalism (in Sinne von Tom Wolfe) gesehen werden können. Für die Medienlese stellt er suggestiv einige Beispiele für gängigen deutschen Zeitungsjournalismus, “neuen Journalismus” US-amerikanischer Prägung und aktuelle deutschsprachige Blog-Einträge gegenüber. Sein Fazit:

Die Grenze zwischen dem “alten Journalismus” und dem hochgerühmten “new journalism”, die verläuft im deutschsprachigen Raum zwischen den Holzmedien und den Blogs, oder zwischen dem “Es” und dem “Ich”.

Klaus Jarchows Analyse ist ein klares Plädoyer für mehr Subjektivität in der journalistischen Berichterstattung, für mehr “Journalismus in der ersten Person”. Dass es daran nach wie vor mangelt, hat erst vor kurzem Christoph Moss gezeigt. In einer empirischen Untersuchung zu den sprachlichen Merkmalen von Weblogs hat er 500 Blog-Texte und 500 Kommentare aus Zeitungen und Zeitschriften inhaltsanalytisch ausgewertet und miteinander verglichen. In einer Zusammenfassung der Ergebnisse für das Handelsblatt stellt er fest:

Durchschnittlich mehr als zweimal pro Blogeintrag taucht in den untersuchten Texten das Wort “ich” auf, fast zehnmal so häufig wie in einem vergleichbaren journalistischen Text.

Für sich genommen mögen die beiden angeführten Sichtweisen zwar kaum überraschen. Ich verstehe sie jedoch als weitere Belege für die These, dass ein subjektives, literarisch geprägtes Journalismusverständnis keineswegs exklusiv an die historische Phase des (klassischen) New Journalism gebunden war, sondern bis in die Gegenwart fortlebt und sich kontinuierlich weiterentwickelt. Der “neue Journalismus” in Wolfe’scher Auslegung war in den USA in den späten 1960er und den -70er Jahren vor allem deswegen erfolgreich, weil er ein willkommenes Gegenkonzept zum objektiven Mainstream-Journalismus anbot und damit dessen Glaubwürdigkeitsprobleme ausgleichen konnte. Gleiches gilt für die Weblog-Publizistik der Gegenwart, die damit das Programm des New Journalism unter neuen medialen Bedingungen fortführt.

Systemtheoretisch gewendet, lassen sich sowohl New Journalism als auch Blogs als Subsysteme des Systems Journalismus auffassen. Wie ihr Muttersystem haben sie vor allem eine Funktion: das Herstellen von Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Transparenz. Bei der Umsetzung dieser Funktion werden jedoch unterschiedliche Strategien verfolgt. Während der (im Zentrum des Muttersystems angesiedelte) Mainstream-Journalismus vor allem auf nachrichtliche, um Objektivität bemühte Darstellungsformen setzt, nutzen New Journalism und Blogs in erster Linie das Erlebnispotenzial subjektiver Vermittlungsmuster. Damit sind sie eher in der Peripherie des Journalismus-Systems verortet. Ob ihre publizistischen Bemühungen aber — wie von Klaus Jarchow erhofft — zu einer (Re-)Subjektivierung des journalistischen Mainstreams führen, scheint eher fraglich. Im Falle des traditionellen New Journalism ist der Zug wohl ohnehin schon abgefahren. Und auch die gegenwärtigen Blog-Trends sind eher als Ergänzung zum etablierten Objektivitäts-Journalismus zu verstehen, weniger als potenzieller Ersatz. Auf Dauer könnten sie sogar eher systemstabilisierend wirken. Durch ihre spezifischen Leistungen gleichen sie Mängel des Journalismus-Systems aus und tragen damit zu dessen Selbsterhaltung bei.

Literatur:

Jarchow, Klaus (2008): Journalismus in der ersten Person. Ich? Ich! In: Medienlese vom 30. Mai 2008. Online unter: http://medienlese.com/2008/05/30/journalismus-in-der-ersten-person-ich-ich/

Moss, Christoph (2008a): Weblogs und die Liebe zum Ich. In: Handelsblatt vom 23. April 2008. Online unter: http://www.handelsblatt.com/News/Journal/Vermischtes/_pv/_p/204493/_t/ft/ _b/1421193/default.aspx/weblogs-und-die-liebe-zum-ich.html

Moss, Christoph (2008b): Viel Luft nach oben. In: Absatzwirtschaft, Heft 5/2008, S. 29-33

Der Mann im weißen Anzug spricht

tomwolfe.jpgPeter M. Robinson hatte in der vergangenen Woche einen interessanten Gast. Für sein Interview-Format “Uncommon Knowledge” sprach er mit Tom Wolfe, unter anderem über dessen für 2009 angekündigten Roman “Back to Blood”. Die Wechselwirkungen zwischen Journalismus und Literatur, die Wolfes Werk prägen, sind sicherlich auch für die Journalistik ein spannendes, weil wenig erforschtes Thema. Das Interview liefert dazu einige Denkanstöße. Lust auf mehr? Hier geht es zu den fünf Video-Episoden:

The Word According to Tom Wolfe: Chapter 1 of 5
The Word According to Tom Wolfe: Chapter 2 of 5
The Word According to Tom Wolfe: Chapter 3 of 5
The Word According to Tom Wolfe: Chapter 4 of 5
The Word According to Tom Wolfe: Chapter 5 of 5

Foto: Susan Sterner

Derby Day — 1970 und 2008

churchilldowns.jpg

Ich war noch nie in Kentucky. Und ein großer Freund des Pferdesports bin ich auch nicht. Dennoch hat das traditionsreiche Kentucky Derby für mich eine gewisse Strahlkraft. Das hängt vor allem mit Hunter S. Thompsons großartiger Reportage “The Kentucky Derby is decadent and depraved” zusammen. Erstveröffentlicht im Jahr 1970 in der Juni-Ausgabe von “Scanlan’s Monthly”, zählt sie zu den Klassikern der New-Journalism-Literatur, nicht zuletzt aufgrund ihrer späteren Anthologisierung in Tom Wolfes Sammelband “The New Journalism”. Der rasende, fast psychotische Erzählstil macht den Text zu einem anschaulichen Beispiel für Thompsons so genannte Gonzo-Berichterstattung, die später in Buch-Projekten wie “Fear and Loathing in Las Vegas” ihre weitere Ausformung fand.

Die Hochphase des Gonzo Journalism liegt inzwischen lange hinter uns, die Strahlkraft des Derbys ist jedoch ungebrochen. Das Louisville “Courier-Journal”, die Lokalzeitung vor Ort, lieferte am vergangenen Wochenende den eindrucksvollen Beweis dafür. In ihrer Internet-Ausgabe widmete sie der 134. Auflage der Sportveranstaltung ein umfängliches Special. Neben zahllosen Fotostrecken und Bewegtbild-Einspielern finden sich dort auch mehrere Blogs zum Thema und vielfältige Möglichkeiten zur Leserbeteiligung. Ganz “state of the art” eben. Was hätte Hunter S. wohl dazu gesagt? (via)

Literatur:

Hunter S. Thompson (1996): The Kentucky Derby is decadent and depraved. In: Tom Wolfe: The New Journalism. With an anthology edited by Tom Wolfe und E. W. Johnson. London etc.: Picador, S. 195-211.

Foto: Jeff Kubina

Blogging als Erzähljournalismus: “reporting in its natural state”

Mitte März fand in Boston die diesjährige Nieman Conference on Narrative Journalism statt. Das Programm war — wie immer — beneidenswert. Ein besonders positives Echo hat im Nachhinein die Präsentation von Josh Benton, Kolumnist bei den Dallas Morning News und derzeit Nieman Fellow an der Harvard University, gefunden. In seinem Vortrag mit dem Titel “Blogging for Story: Telling tales in a format designed for the info-nugget” stellte er Verbindungslinien zwischen der Blog-Publizistik und verschiedenen (historischen) Formen des narrativen Journalismus her. Unter den Zuhörern war auch Roy Peter Clark, der dem Referenten anschließend eine begeisterte Kolumne widmete. Die Begeisterung ist nachvollziehbar, denn Bentons Konzept hat seinen Charme:

Laut Benton haben Blogging und Erzähljournalismus viele Gemeinsamkeiten. Beide stellten ein besonders brauchbares Vehikel zur Vermittlung von persönlichen Beobachtungen und Emotionen dar, die im konventionellen Nachrichtenjournalismus in der Regel unter den Tisch fallen. Durch ihre Lebendigkeit und Authentizität seien sie in der Lage, den Leser zu fesseln. Dadurch erreichten sie einen besonders hohen Grad an Interessantheit. Im Nachrichtenjournalismus hingegen falle der entsprechende Kennwert eher niedrig aus. Dessen Wirkungsmacht sei daher begrenzt.

Unterschiede zwischen Blogging und narrativem Journalismus sieht Benton vor allem auf der Zeitleiste: Wenn Blogger als Augenzeugen auftreten, können sie ihre Erlebnisse und Beobachtungen mit Hilfe moderner Technik quasi in Echtzeit publizistisch zu verarbeiten. Durch die schnelle Reaktion seien sie besonders glaubwürdig, weil die Gefahr der Verfälschung auf ein Minimum reduziert werde. Klassischer Erzähljournalismus brauche hingegen mehr Zeit. Bis Journalisten das narrative Pontenzial eines Themas erkennen, seien die damit verbundenen Ereignisse bereits Vergangenheit. Durch die erzählende Darstellung werde die Berichterstattung zwar in der Regel interessanter als im konventionellen Journalismus. Der Reiz des Gegenwärtigen aber fehle. Hier seien Blogs also im Vorteil.

Wie Roy Peter Clark zeigt, sind die skizzierten Zusammenhänge auch grafisch darzustellen: in Form der “Benton Curve of Journalistic Interestingness”. Dieser Graph ist letztlich ein Plädoyer für die Rückkehr zur Augenzeugen-Berichterstattung, die in der Tradition des narrativen Journalismus einstmals eine bedeutende Rolle gespielt hat, in der jüngeren Vergangenheit aber aufgrund der Dominanz des Nachrichten-Paradigmas ins Hintertreffen geraten ist. Benton bezeichnet diese Art der Berichterstattung (unter Rückgriff auf James Fenton) als “reporting in its natural state”. Sie ist für ihn die Idealvorstellung eines modernen Erzähljournalismus.

Etwas zu kurz kommen mir in der Darstellung (zumindest in der Zusammenfassung bei Roy Peter Clark) die Verweise auf mögliche Defizite eines journalistischen Live-Blogging. So dürften vor allem Qualitätsmerkmale wie (Sachliche) Richtigkeit und Vollständigkeit unter einer möglichst schnellen publizistischen Verarbeitung leiden. Nichtsdestotrotz halte ich das Konzept von Josh Benton für bedenkenswert. Es ist ein einleuchtender Versuch, theoretische Verbindungslinien zwischen Blogging und Erzähljournalismus zu ziehen. Nicht nur die Journalismusforschung, auch die journalistische Praxis kann davon profitieren. (via)