Archiv für die Kategorie 'Bücherlese'

Mapping Media Accountability — in Europe and Beyond

Herbert von Halem16 months after the official start of the international research project “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT), the project’s state-of-the-art reports on media accountability research are now available in book form. The volume carries the title “Mapping Media Accountability - in Europe and Beyond”. Besides separate country reports on the status quo of media accountability research in the journalism cultures that are covered by the MediaAcT consortium, the book offers an introduction into the project’s theoretical foundations and a first cross-cultural assessment of current trends in media self-regulation and accountability. “Mapping Media Accountability” was presented to a wider public at the annual conference of the German Communication Association (DGPuK) last week. The following blurb gives a clearer idea about the book’s contents:

While press councils face tough challenges across Europe, and media reporting has almost vanished from the mass media in many countries in a time of media crisis, new forms of media accountability have emerged in the Internet: readers and viewers twitter about the media’s mistakes, online ombudsmen follow up on e-mail complaints, and journalists blog about their profession. Can such innovative instruments of media criticism effectively supplement conventional institutions of media self-regulation like press councils and media journalism?

This volume provides pioneer work in analyzing the development of established and emerging media accountability instruments in 14 countries in Eastern and Western Europe as well as the Arab world. Media scholars and students, professionals and policy-makers alike will be introduced to the specific problems and perspectives of media accountability in different media systems and journalistic cultures. Looked at from a comparative point of view, the reports hint at the formation of different cultures of media accountability within Europe and its adjacent countries. These cultures partly overlap with the journalism cultures identified in the well-known model by Hallin & Mancini. At the same time, the development of media accountability and transparency shows distinctive features incongruent with established models of journalism cultures. Consequently, the book also offers new stimuli for innovations in journalism theory.

A collection of abstracts from the book is now available on the MediaAcT website. More materials can be found on the homepage of the Cologne-based publisher Herbert von Halem.

The complete bibliographical reference:

Tobias Eberwein/Susanne Fengler/Epp Lauk/Tanja Leppik-Bork (eds.) (2011): Mapping Media Accountability - in Europe and Beyond. Cologne: Herbert von Halem Verlag, 267 pages.

Photo: Caroline Lindekamp

Medieninnovationen – neue Chancen für die Medienselbstkontrolle?

wolling2.jpgNoch vier Wochen bis zum Start der 56. Jahrestagung der DGPuK in Dortmund – und die Organisatoren der Konferenz im Vorjahr haben es endgültig hinter sich: Als letzten Akt der Ilmenauer Jahrestagung zum Thema “Medieninnovationen” legen sie nun den dazugehörigen Tagungsband vor, der dieser Tage im UVK-Verlag erschienen ist. Das Dortmunder Team des Forschungsprojekts “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) ist darin mit einem komparativen Beitrag über Medieninnovationen als Chance für die Medienselbstkontrolle vertreten. Ich dokumentiere im Folgenden die einführenden Absätze und hoffe, sie machen Lust auf mehr:

Am 24. Juli 2010 sterben 21 junge Menschen bei einer Massenpanik auf der Duisburger Love Parade. Als die BILD-Zeitung an den Tagen darauf Fotos der Opfer veröffentlicht, auf denen die Toten durch persönliche Details teilweise zu identifizieren sind, entbrennt eine heftige Debatte über die Verantwortung der Medien im Umgang mit der Tragödie – auf den Medienseiten der großen Tageszeitungen diskutieren Journalisten, im Social Web die Mediennutzer, darunter viele junge Leute, die Augenzeugen der Ereignisse in Duisburg waren. Über Facebook kursiert eine Instruktion über das Beschwerdeprozedere des Deutschen Presserats, der in den Wochen nach der Love Parade erstmals in seiner Geschichte rund 250 Beschwerden über einen einzigen Fall – den journalistischen Umgang von BILD mit den Opfern der Massenpanik – zählt.

Mediennutzer, die sich über Facebook und Twitter organisieren, um massive Medienkritik zu äußern: Das ist ein Novum in Deutschland. Noch heftiger fielen vergleichbare Proteste in Großbritannien aus: Als dort im November 2009 die Daily Mail einen Kommentar über den plötzlichen Tod des homosexuellen Pop-Stars Stephen Gately veröffentlichte, den viele Leser als homophob empfanden, starteten aufgebrachte Fürsprecher eine Kampagne über Twitter, in deren Folge 25.000 Beschwerden bei der Press Complaints Commission eintrafen (Jempson/Powell 2011).

Beide Beispiele zeigen, dass Medieninnovationen erhebliches Potenzial für eine kritische Debatte über Qualität im Journalismus besitzen, die nicht nur Journalisten und professionelle Medienbeobachter, sondern erstmals auf breiter Basis auch die Mediennutzer einbezieht: Media accountability bedeutete in der Vergangenheit meist Medienselbstkontrolle; durch das Internet – und insbesondere das Social Web – haben erstmals auch die Rezipienten einen erleichterten Zugang zum Diskurs über Qualität im Journalismus. Eine besondere Rolle spielt hier, wie im Folgenden noch zu zeigen ist, die junge Publikationsform der Medienblogs. Hinzu kommen die Möglichkeiten, die der technologische Wandel den etablierten Instrumenten der Medienselbstkontrolle eröffnet: Ombudsleute können Beschwerden über das Internet entgegennehmen, Presseräte könnten Beschlussverfahren künftig online begleiten.

Die Forschung hat diesen Wandel bislang kaum reflektiert. Bisherige Studien stellen in der Regel etablierte Instrumente der Medienselbstkontrolle wie Presseräte (Puppis 2009), Ombudsleute (Evers et al. 2010) und Medienjournalismus (Fengler 2002) in den Mittelpunkt; zu Medienblogs liegen erst vereinzelte kleine Forschungsarbeiten vor (z. B. Eberwein 2010a, Fengler 2008, Wied/Schmidt 2008). Doch der Bedarf, das medienkritische Potenzial neuer Formen der media accountability auszuloten, erscheint umso größer, als die vorhandenen empirischen Studien zu einem ernüchternden Fazit kommen: Die Möglichkeiten, Missstände im Journalismus aufzuspüren und publik zu machen und damit selbstregulierend auf den Journalismus einzuwirken, werden von vielen etablierten Instrumenten der Medienselbstkontrolle nur unzureichend genutzt. Medienjournalisten schrecken aus Eigeninteresse vor allzu harter Kollegenkritik zurück, strategische Interessen der Medienkonzerne werden aus Rücksicht auf das Medienmanagement zu selten thematisiert (Fengler 2002, Kreitling 1996, Malik 2004, Porlezza 2005); Ombudsleute verstehen sich weniger als Kritiker denn als Vermittler (Evers et al. 2010); und selbst in den Formulierungen journalistischer Ethik-Kodizes machen Forscher wie Laitila (1995) und Limor/Himelboim (2006) eigennütziges Kalkül aus. Mit Blick auf eine Analyse des Einflusses US-amerikanischer Selbstkontrollinitiativen im Medienbereich schließt Campbell (1999: 755): „(They) do not provide a great deal of support for the claimed advantages of self-regulation.”

Hinsichtlich der – auch in anderen Branchen zu verortenden – Defizite der Medienselbstregulierung favorisieren Forscher wie Puppis daher Konzepte der Co-Regulierung, die den Staat als wichtigen Impulsgeber für Medienselbstkontrolle sehen. Aus unserer Sicht ist jedoch fraglich, inwieweit staatliche (und damit politische) Akteure – soll das hohe Gut konstitutionell garantierter Pressefreiheit nicht aufs Spiel gesetzt werden – geeignete Partner der Selbstkontrolle im Journalismus sein können. Schließlich verfolgen sie – zumal in der Mediengesellschaft – selbst erhebliche Eigeninteressen (North 1990) im Hinblick auf den Journalismus. Erfolgversprechender erscheint uns, das Potenzial von Medieninnovationen für zivilgesellschaftliches Engagement im Bereich der Medienkontrolle auszuloten (vgl. in diesem Sinne auch Baldi/Hasebrink 2007) – wie es die beiden oben angeführten Beispiele exemplarisch verdeutlichen. Im digitalen Zeitalter wächst den Mediennutzern damit neue Verantwortung in der Debatte über Qualität im Journalismus zu, während Bertrand noch 2000 die „ethische Apathie“ der Mediennutzer in Sachen Medienkritik betonte und das Publikum als passiven Nutznießer professioneller Selbstregulierungsaktivitäten betrachtete.

In der Tat hat der technologische Wandel die Möglichkeiten der Mediennutzer, sich an der kritischen Diskussion über Journalismus zu beteiligen, erheblich erweitert, indem die Kosten des „Widerspruchs“ (Hirschman 1970) rapide gesunken sind: Musste früher aufwendig ein Leserbrief formuliert und versandt oder die Unannehmlichkeit einer telefonischen Beschwerde in einer Redaktion auf sich genommen werden, bieten Blogs, virtuelle Netzwerke und Kommentarfunktionen eine schnelle, unkomplizierte und bei Bedarf anonyme Möglichkeit, Kritik zu äußern – die gleichwohl Wirkung zeigt, wie auch die Reaktionen auf einen verbalen Fehltritt der ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein während der Fußball-WM 2010 belegten. Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der bislang von der kommunikationswissenschaftlichen Forschung überhaupt nicht thematisiert wurde: Medienkritik kann bei Mediennutzern gerade dann populär werden, wenn sie unterhaltend ist. Einer Studie von Mayer und anderen zufolge ist das zentrale Motiv der Nutzer des bekanntesten deutschen Medienblogs, BILDblog.de, Unterhaltung – gefolgt von der Transparenz- und Kontrollfunktion des Medienblogs (Mayer et al. 2008: 591).

Ein weiteres auffälliges Forschungsdefizit hinsichtlich des Innovationspotenzials von Medienselbstkontrolle und media accountability besteht in komparativer Hinsicht. Während für den deutschsprachigen und den angelsächsischen Raum immerhin erste empirische Studien über einzelne innovative Instrumente der media accountability vorliegen, ist deren Verbreitung und Potenzial in anderen Journalismuskulturen (i. S. v. Hallin/Mancini 2004) noch gänzlich unerforscht. Welches Potenzial haben Medienblogs in den polarisiert-pluralistischen Journalismuskulturen des Mittelmeerraums mit traditionell schwach ausgeprägten Infrastrukturen der Medienselbstkontrolle? Welche Rolle können innovative Instrumente der media accountability unter Einbezug des Publikums in osteuropäischen Ländern mit ihrer besonderen (medien)politischen Geschichte, welche in den Journalismuskulturen der arabischen Welt mit ihrer ausgeprägten Staatskontrolle spielen? Diesen Fragen geht seit 2010 das von der EU geförderte Forschungsprojekt „Media Accountability and Transparency in Europe“ (MediaAcT) mit Projektpartnern in elf west- und osteuropäischen sowie zwei arabischen Staaten nach, in dessen Kontext die nachfolgend dargestellten Überlegungen entstanden sind. […]

Mehr dazu in:

Susanne Fengler, Tobias Eberwein, Tanja Leppik-Bork, Julia Lönnendonker & Judith Pies (2011): Medieninnovationen – neue Chancen für die Medienselbstkontrolle? Erste Ergebnisse einer international vergleichenden Studie. In: Jens Wolling/Andreas Will/Christina Schumann (Hrsg.): Medieninnovationen. Wie Medienentwicklungen die Kommunikation in der Gesellschaft verändern. Konstanz: UVK, 159-176.

Weitere Informationen zum Tagungsband finden sich auf der Verlagshomepage.

Literaturdatenbank zur Medienselbstregulierung

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Die erste Phase des komparativen Forschungsprojekts “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) neigt sich dem Ende zu. Nachdem alle 13 Projektpartner in den vergangenen Monaten in eine Literaturstudie zur Erschließung des Themas vertieft waren, konnten wir in dieser Woche zwei wesentliche Bausteine der ersten Projektphase abschließen. Zum einen ist das Manuskript für unseren ersten Sammelband fertig: Das Buch erscheint im kommenden Jahr im Halem Verlag und versammelt verschiedene State-of-the-art-Berichte zur media accountability in den einzelnen Ländern unseres Projekts. Zum anderen haben wir auf der Projekt-Homepage eine umfangreiche Literaturdatenbank freigeschaltet, in der gegenwärtig gut 850 internationale Publikationen zum Themenkreis “Medienethik — Medienselbstkontrolle — media accountability” versammelt sind. Die Datenbank richtet sich vor allem an Forscher und Studierende, die sich einen strukturierten Überblick über den Forschungsstand verschaffen wollen. Sie wird in den kommenden Jahren fortlaufend ergänzt. Hinweise auf relevante Neuerscheinungen nehme ich daher gerne entgegen!

Journalismus und Öffentlichkeit. Eine Profession und ihr gesellschaftlicher Auftrag

eberweinmueller.jpgIm Rahmen einer akademischen Feierstunde haben Daniel Müller und ich gestern Horst Pöttker anlässlich seines 65. Geburtstages eine Festschrift überreicht. Der Band — “Journalismus und Öffentlichkeit. Eine Profession und ihr gesellschaftlicher Auftrag” — ist seit 2007 in Vorbereitung und konnte nun öffentlich präsentiert werden. Er enthält 29 Fachaufsätze von ehemaligen und gegenwärtigen Weggefährten Horst Pöttkers, die sich aus unterschiedlichsten Perspektiven an dem Themenfeld Journalismus und Öffentlichkeit abarbeiten. Offizieller Erscheinungstermin ist der 11. Februar. Bereits heute dokumentiere ich an dieser Stelle das Inhaltsverzeichnis und den Einführungsaufsatz, der die zentralen Befunde des Bandes zusammenfasst. Den vielen Personen, die zum Gelingen dieses Buchprojekts beigetragen haben, sei auch auf diesem Wege noch einmal herzlich gedankt!

Die vollständigen bibliographischen Angaben:

Tobias Eberwein/Daniel Müller (Hrsg.): Journalismus und Öffentlichkeit. Eine Profession und ihr gesellschaftlicher Auftrag. Festschrift für Horst Pöttker. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010.

Weitere Daten finden sich auf der Verlags-Homepage.

Journalismus in Krisenzeiten

Es ist eine regelmäßige Fluth und Ebbe, Ausdehnung und Zusammenziehung; immer in gewissen Zeiträumen fallen die Blätter vom Baume unserer Journalistik ab, seine Productionskraft erlischt dem Anscheine nach, in der That aber sammelt sie sich nur zu einem neuen, fruchtbaren Triebe, der ihn dann auch in kurzer Zeit wiederum mit neuem, frischem Grün umkleidet. (Prutz 1854: 10; zit. n. Conter 2003: 154f.)

Quellen:

Conter, Claude D. (2003): Kommunikationsgeschichte als Literaturgeschichte. Robert Eduard Prutz’ Geschichte des deutschen Journalismus (1845) als Vorläufer einer historischen Kommunikationswissenschaft. In: Blöbaum, Bernd/Neuhaus, Stefan (Hrsg.): Literatur und Journalismus. Theorie, Kontexte, Fallstudien. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 137-158.

Prutz, Robert (1854): Der deutsche Journalismus, seine Vergangenheit, seine Wirksamkeit und Aufgabe für die Gegenwart. In: ders.: Neue Schriften. Zur deutschen Literatur- und Kulturgeschichte. Band 1. Halle: Schwetschke’scher Verlag, S. 1-103.

Hat die Inverted Pyramid ausgedient?

weldon.jpgDas Inverted-Pyramid-Prinzip, demzufolge alle wichtigen Informationen eines Ereignisses bereits im ersten Satz einer journalistischen Meldung beantwortet werden sollen, galt lange Zeit als ureigenstes Merkmal des modernen Nachrichtenjournalismus. Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass die Bedeutung der traditionellen Nachrichtenform zurückgeht. Aus meiner regelmäßigen Zeitungslektüre meinte ich schon häufiger schließen zu können, dass mehr und mehr narrative Darstellungsformen Einzug in die Berichterstattung erhalten, während klassische Nachrichten abnehmen. Empirisch fundiert habe ich diese Vermutung nie.

Das hat für den US-amerikanischen Zeitungsjournalismus nun Michele Weldon nachgeholt. In ihrem Buch “Everyman News” trägt sie Ergebnisse einer Inhaltsanalyse von 20 unterschiedlichen US-amerikanischen Tageszeitungen zusammen. Ihre Daten zeigen, dass sich das Verhältnis von Inverted-Pyramid-Nachrichten und erzählenden Darstellungsformen auf den Titelseiten der Zeitungen im Verlauf dieses Jahrzehnts deutlich gewandelt hat: Während 2001 noch 65% der Texte “hard news” waren, traf das 2004 nur noch auf 50% zu. Demgegenüber stieg der Anteil an Features. Die weiterführende Analyse der untersuchten Beiträge macht deutlich, dass sich auch die Quellenlage der Journalisten gewandelt hat: 2004 wurden deutlich mehr inoffizielle Quellen (d. h. solche, die nicht einer staatlichen Institution, einem Unternehmen o. ä. zuzuordnen sind) verarbeitet als noch 2001. Dementsprechend orientierten sich auch die Inhalte der Texte mehr an persönlichen Geschichten einzelner Personen und waren somit näher an den Alltagserfahrungen der Durchschnittsleser. Weldon schlussfolgert: US-amerikanische Zeitungen sind keine “newspapers” mehr, sie seien zu “story papers” geworden. Damit einher geht ein Abschied vom klassischen Gatekeeper-Journalismus, der einem neuartigen “everyman journalism” weiche:

„Everyman and everywoman news is reporting through the eyes of nondeliberate, accidental newsmakers, unofficial sources – the recipients, the customers in line at the movies, not the stars on the red carpet.“ (Weldon 2008: 28f.)

Interessant finde ich, dass Michele Weldon den beschriebenen Wandel in der journalistischen Darstellungshaltung nicht ausschließlich auf den zunehmenden Einfluss Weblogs und Bürgerjournalismus (von der Autorin etwas abfällig als “Chicken Little Journalism” bezeichnet; vgl. Weldon 2008: 9) zurückführt. Darüber hinaus diagnostiziert sie eine allgemeine Sensibilisierung und Humanisierung US-amerikanischer Journalisten, vor allem in der Folge von 9/11. Den narrativen Ansatz begreift sie dabei als “A New Way to Portray Grief” (Weldon 2008: 94). Er könne eine ähnliche Wirkung entfalten wie die narrative Therapie in der Psychologie — Freuds Katharsis-Theorie lässt grüßen.

Diese Auslegung mag man teilen oder nicht. Fest steht, dass Weldon mit ihrer Studie spannende quantitative Daten vorlegt, die dabei helfen können, die gegenwärtige Entwicklung des Nachrichtenjournalismus einzuordnen. Die Befunde zeigen, dass die klassische Nachrichtenform zwar nicht ausgedient hat, aber auch nicht mehr als unangefochtenes Paradigma der Mainstream-Berichterstattung gelten kann. Für den deutschen Sprachraum sind mir entsprechende Erhebungen bislang nicht bekannt. Ich vermute jedoch, dass sich hierzulande ein ähnlicher Trend feststellen ließe. Ein Grund mehr für die deutsche Journalismusforschung, dem Phänomen des narrativen Journalismus endlich mehr Beachtung zukommen zu lassen.

Wer die lesenswerte und auch stilistisch elegante Arbeit von Michele Weldon nicht greifbar hat, sei auf die vorbildlich gestaltete Website und auf das Weblog zum Buch verwiesen. Hier finden sich u. a. einige der Originaldaten aus der Studie, teilweise sogar in aktualisierter Form.

Literatur:

Weldon, Michele (2008): Everyman News. The Changing American Front Page. Columbia, London: University of Missouri Press.

Crossmedia für Gedankenlose

jakubetz.jpgIn der UVK-Buchreihe “Praktischer Journalismus” liegt seit einigen Wochen eine neue Einführung in die crossmediale Berichterstattung vor. Laut Klappentext holt sie “die Journalisten in Zeitungen, Radio, Fernsehen oder Internet ab und vermittelt ihnen die notwendigen Kenntnisse, die sie benötigen, um über Mediengrenzen hinweg zu publizieren und Texte, Fotos, Audios und Videos miteinander zu vernetzen”. Der Band “Crossmedia” scheint genau zum richtigen Zeitpunkt zu kommen. Wie der Autor Christian Jakubetz, Journalist und Dozent u.a. an der Deutschen Journalistenschule, zu Recht feststellt, ist die Journalistenausbildung vielerorts noch auf der Suche nach einleuchtenden Konzepten, um der fortschreitenden Medienkonvergenz zu begegnen. Eine praxisorientierte Handreichung zu diesem Thema stellt daher auch für mich ein willkommenes Hilfsmittel dar, die eigenen Lehrtätigkeiten zu überdenken und zu verbessern. Kurz: Ich habe mich über das Erscheinen des Bandes zunächst sehr gefreut.

Nach der Lektüre hat sich diese positive Grundstimmung etwas relativiert. Sicher: In seiner Struktur ist das Buch sinnvoll angelegt. Dem Anspruch, der Leserschaft die Praxis des crossmedialen Arbeitens anhand von zahlreichen Beispielen vor Augen zu führen, kommt es durchaus erfolgreich nach. Zwar lassen die gut 180 Textseiten nicht allzu viel Raum, um in die Tiefe zu gehen, und zwingen daher an vielen Stellen zur Vereinfachung. Gerade die beiden Abschnitte zum Umgang mit Audio- und Videomaterial jedoch geben dem Berufseinsteiger vom Equipment-Kauf bis zur Verarbeitung des produzierten Contents viele nützliche Tipps an die Hand. Hier hat der Band seine Stärken.

Positiv hervorzuheben ist auch der professionelle Umgang des Autors mit der kurzen Halbwertszeit seines Themas: Aktualisierungen und neue Trends, die im Buch nicht mehr berücksichtigt werden konnten, werden in seinem Blog fortlaufend ergänzt. Auch so kann crossmediales Publizieren funktionieren!

Problematisch — und teilweise sogar ärgerlich — wird das Buch allerdings in den Passagen, wo der Autor übergreifende Journalismusentwicklungen fokussiert und analysiert. Zwar fließen dann und wann auch Erkenntnisse der Journalismusforschung in die Darstellung ein. Die Auswahl der verwendeten Daten ist jedoch zum Teil hochgradig selektiv und damit irreführend. Zudem erschwert der fast schon gedankenlos anmutende Umgang mit den verwendeten Quellen die Nachprüfbarkeit. Ein Literaturverzeichnis, das die erwähnten Quellen zusammenfasst und präzisiert, sucht man vergeblich. Als expliziten Ersatz dafür listet der Autor am Ende sechs einschlägige Weblogs auf, eines davon ist das von ihm selbst betriebene. Die genannten Blogs sind zwar allesamt lesens- und empfehlenswert. An dem eklatanten Mangel an Zitiersorgfalt und Quellentransparenz können sie jedoch wenig ändern. Gerade in einem Buch, das sich gezielt an Journalismus-Einsteiger richtet, wiegen solche Defizite besonders schwer. Sie missachten einige Grundregeln journalistischen Arbeitens und vermitteln damit genau das falsche Signal.

Dass der Autor der (akademischen) Journalistik auch unabhängig von dieser Frage scheinbar nicht sonderlich viel abgewinnen kann, zeigt nicht zuletzt das abschließende Kapitel zur “Aus- und Weiterbildung” im (Crossmedia-)Journalismus: Der enthaltene Überblick über entsprechende Ausbildungseinrichtungen listet ausschließlich Journalistenschulen und Akademien auf — als ob die hochschulgebundene Journalistenausbildung zu diesem Thema gar nichts beizutragen hätte.

Aus den genannten Gründen kann ich das Buch “Crossmedia” leider nicht für den Einsatz in der Lehre empfehlen.

Literatur:

Jakubetz, Christian (2008): Crossmedia. Konstanz: UVK.

Bild: UVK