Autoren-Archiv für tse

Journalismus als Krisenbewältigung

cover_s.jpgWer die Beiträge des neuen „Journalistik Journals“ liest, der muss zwangsläufig zu der Einsicht gelangen, dass Journalismus ein grauenvoller Beruf ist: ein Beruf ohne langfristig gesicherte ökonomische Grundlage, der seinen Akteuren Äußerstes abverlangt und in letzter Konsequenz krank macht.

Dies legen zum einen all die Analysen und Kommentare im vorliegenden Heft nahe, die sich mit der anhaltenden Medienkrise und den von ihr ausgelösten Redaktionsschließungen der vergangenen Monate auseinandersetzen. Sie verleihen der Dramaturgie der neuen JoJo-Ausgabe einen ungeplanten Rahmen: von der scharfen Kritik Ulrich Pätzolds zu den aktuellen Vorgängen rund um die „Westfälische Rundschau“ (WR), die das Heft eröffnet, bis hin zum abschließenden Porträt aus der Feder von Ulrich P. Schäfer, der – wie in jeder Nummer dieser Zeitschrift – in der Rubrik „EX-trablatt“ die Lebens- und Karrierewege der Absolventen des Dortmunder Instituts für Journalistik nachzeichnet. Natürlich geht die Krise auch an den Dortmunder Absolventen nicht spurlos vorbei. Dies gilt vor allem, aber nicht nur für die unrühmliche Abwicklung der „Westfälischen Rundschau“. Nicht wenige der Anfang dieses Jahres geschassten WR-Redakteure – von den zahlreichen freien Mitarbeitern gar nicht zu sprechen – haben einst in Dortmund Journalistik studiert. Mit der Entlassung verlieren sie ihre Existenzgrundlage. Neben den berechtigten Klagen über die fortschreitende Erosion der regionalen Pressevielfalt sind auch die persönlichen Dramen, die die aktuelle Sparstrategie der Essener Funke-Gruppe auslöst, keinesfalls zu verschweigen.

Dass Journalismus und Grauen häufig Hand in Hand gehen, zeigen zum anderen auch die Diskussionsbeiträge zum eigentlichen Titelthema der neuen Ausgabe: „Journalismus und Trauma“. In ganz unterschiedlichen Texten und Textformen erörtern unsere Autoren die besonderen Probleme und Potenziale der journalistischen Berichterstattung in Extremsituationen wie Kriegen, Krisen und Katastrophen. Besonders eindrücklich sind dabei die Erfahrungsberichte einzelner Akteure, die selbst in entsprechende Situationen geraten sind und als Journalisten gefragt waren, darüber zu berichten. So schildert etwa Karl N. Renner, heute Professor für Fernsehjournalismus an der Universität Mainz, wie er vor 25 Jahren als Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks völlig unvorbereitet einen aktuellen Bericht über einen Amoklauf in der süddeutschen Kleinstadt Dorfen abzuliefern hatte. Nicht ganz so weit zurückblicken muss Andreas Sträter: Er war 2010 als Reporter auf der Loveparade in Duisburg – und lässt heute noch einmal Revue passieren, wie er vom Party-Berichterstatter gänzlich unerwartet zum Beobachter einer dramatischen Massenpanik mit 21 Toten wurde. Kaum weniger bewegend sind Claus Eurichs Erinnerungen an einen lange zurückliegenden Einsatz als Unfallreporter für eine Regionalzeitung. Erst im Rückblick auf ihre Erlebnisse als Journalisten in belastenden Ausnahmesituationen gelingt es diesen Autoren, von ihren individuellen Erfahrungen zu abstrahieren – und konkrete Lehren daraus zu ziehen, die auch für andere Medienprofis hilfreich sein können.

Konkrete Tipps und Handlungsempfehlungen bieten auch weitere Texte des JoJo-Schwerpunkts: Thomas Weber und Monika Dreiner formulieren eine Reihe praxisnaher Einsichten zum Thema aus der Perspektive der Psychotraumatologie. Simon P. Balzert entwickelt einen Redaktionsleitfaden zum Umgang mit Gewaltfotos in der Tagespresse. Florian Zollmann erinnert an die besondere demokratische Funktion des Journalismus in Kriegszeiten. Und Annelen Geuking arbeitet einige Faktoren heraus, die auch im ganz normalen Redaktionsalltag zur psychischen Belas­tung journalistischer Akteure führen können.

Wie man Journalisten schon frühzeitig auf traumatische Erlebnisse vorbereiten kann, diskutieren schließlich Max Ruppert und Tobias Schweigmann. Sie haben gemeinsam mit Claus Eurich an der TU Dortmund ein Seminarkonzept entwickelt, das (angehenden) Journalisten dabei helfen soll, in unvorhergesehenen Schocksituationen zu bestehen. Ihr Ausbildungsansatz ist nicht nur das Thema eines Textbeitrags im neuen Heft. Letztlich geht der gesamte Themenschwerpunkt „Journalismus und Trauma“ auf die für besagtes Seminar gesammelten Ideen zurück. Dafür gilt allen Beteiligten mein herzlicher Dank!

In der Summe liefern die Texte ein facettenreiches Instrumentarium, das dazu beitragen kann, dem Grauen im Journalismus etwas entgegenzusetzen. Ganz beiläufig veranschaulichen sie im Zuge dessen auch die besondere gesellschaftliche Relevanz einer funktionierenden Berichterstattung – und zeigen damit, dass Journalismus nicht nur Opfer der Krise ist, sondern gleichzeitig auch ein Mittel, um die Krise zu bewältigen.

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New book chapter: Participatory media regulation

relation2.jpgA new volume of the book series “Relation — Communication Research in Comparative Perspective” is out now. Edited by Manuel Puppis, Matthias Künzler and Otfried Jarren, it casts a spotlight on the relationship between “Media Structures and Media Performance”. It also contains an article from an early phase of our collaborative research project on “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) in which we are delevoping a heuristic concept for further research on participatory media regulation. Our chapter’s abstract reads as follows:

How are media self-regulation and accountability structures changing under the influence of the current media shift? Can web-based accountability processes compensate for the shortcomings of traditional self-regulatory instruments and pave the way for a novel kind of participatory media regulation? By contrasting the performance of press councils, media journalists and media bloggers in 13 countries, this chapter analyses the status quo of traditional and innovative forms of media accountability from a cross-cultural perspective. The evaluated data, gathered through desk studies and qualitative interviews, permit a categorisation of the countries studied into distinct cultures of media accountability, along the lines of Hallin and Mancini’s model of journalism cultures. However, because of the current developments in web-based media accountability, which prove particularly promising in those countries with traditionally weak structures of media self-regulation, such as in the Mediterranean area or in the Arab world, the boundaries between the categories are becoming permeable.

More information on the book and its contents is available here.

The complete bibliographical data of our contribution:

Tobias Eberwein/Tanja Leppik-Bork/Julia Lönnendonker: Participatory Media Regulation: International Perspectives on the Structural Deficits of Media Self-Regulation and the Potentials of Web-Based Accountability Processes. In: Manuel Puppis/Matthias Künzler/Otfried Jarren (eds.): Media Structures and Media Performance. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2013, 135-158

Ein neues Ehrenamt

aviso56s.jpgSeit Beginn des Jahres habe ich die Ehre, gemeinsam mit Lars Rademacher die Redaktion des “Aviso” leiten zu dürfen. Die erste Ausgabe der Zeitschrift, die unter unserer Regie entstanden ist, liegt bereits vor: Auf der Webseite der DGPuK ist ab sofort die PDF-Version des neuen Heftes (Nr. 56) abrufbar. Die gedruckten Exemplare werden in Kürze in gewohnter Form von der Eichstätter Geschäftsstelle aus an die Mitglieder der Fachgesellschaft verschickt.

In der “Debatte” widmen sich verschiedene Autoren der grundlegenden Frage nach der Normativität in den Kommunikations- und Medienwissenschaften. Darüber hinaus gibt es wie immer einen bunten Strauß unterschiedlicher Rubriken: zu aktuellen Neuerscheinungen, zu den Tagungen der vergangenen Monate, zu neuen Entwicklungen innerhalb der DGPuK, zu aktuellen Personalien – und allem, was sonst noch so im kommunikationswissenschaftlichen Vereinsleben interessiert.

Die nächste Ausgabe des “Aviso” ist bereits in Planung. Nr. 57 wird sich mit dem Thema Plagiate und der öffentlichen Kommunikation darüber befassen. Wer sich als Autor an dem Heft beteiligen möchte, kann sich gerne bei mir melden – oder direkt bei Klaus-Dieter Altmeppen, der diesmal die Koordination des “Debatten”-Themas übernimmt.

Alles, was Recht ist

jojo-klein.jpg„Ich glaube, wir können Juristen in die Kategorie der Monster einreihen“, räsonierte einst der englische Lyriker John Keats – und es gibt wohl auch heute nicht wenige Menschen, die der Juristerei mit einem Grundgefühl des Unbehagens begegnen. Zu hermetisch erscheint häufig die Sprache des Rechts, zu undurchdringlich der Dschungel unterschiedlicher Paragraphen und Gesetzestexte. Dieses Unbehagen ist auch unter Medientreibenden weit verbreitet. Leider, denn eigentlich müssten gerade Journalisten ein gesteigertes Interesse an rechtlichen Zusammenhängen haben. Sie bilden – im Falle der Gerichtsberichterstattung – ein wichtiges Themenfeld journalistischer Arbeit. Mehr noch: Sie stellen sogar eine wesentliche Grundlage dieser Arbeit dar, sei es indem sie dem Journalisten besondere Rechte bei der Informationsbeschaffung einräumen – oder indem sie die öffentliche Aufgabe der Massenmedien grundsätzlich legitimieren.

Das komplexe Zusammenspiel von Journalismus und Recht in einer verständlichen Sprache und mit nachvollziehbarem Praxisbezug aufzubereiten – das ist das Ziel der neuen Herbstausgabe des Journalistik Journals. Bei der Umsetzung dieses Ziels gehen die Autoren ganz unterschiedliche Wege:

Udo Branahl diskutiert in seinem Überblicksbeitrag die wesentlichen Funktionen einer gelingenden Justizberichterstattung – und formuliert auf dieser Grundlage einige Aufgaben für die Journalismusforschung und die hochschulgebundene Journalistenausbildung. Hans Mathias Kepplinger untersucht den Einfluss von Medien auf Strafverfahren. Seine Befragung von über 700 Richtern und Staatsanwälten weist vielfältige Wechselwirkungen zwischen Gerichtsberichterstattern und Prozessbeteiligten nach – und räumt gleichzeitig mit einem fundamentalen Irrtum der traditionellen Medienwirkungsforschung auf.

Thomas Vesting legt mit seinem medientheoretischen Beitrag den Grundstein für ein zeitgemäßes Rechtsverständnis, indem er die Entwicklung von den „Büchern des Rechts“ über die „Massenmedien des Rechts“ bis hin zu neuartigen „Netzwerken des Rechts“ verfolgt. Jutta Stender-Vorwachs und Natalia Theissen bieten einen kenntnisreichen Überblick über neue Entscheidungen zum Persönlichkeitsrecht und der Freiheit der Berichterstattung.

Gleich zwei Texte widmen sich der aktuellen Diskussion um ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage: Karl-Heinz Ladeur erörtert die grundsätzliche Sinnhaftigkeit eines solchen Schutzrechtes, Christopher Buschow skizziert die konkreten Folgen für den Journalismus.

Den Schlusspunkt in der Aufbereitung des Titelthemas bildet eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Medienrechtsblogs: Lars Harden formuliert in diesem Zusammenhang einige Thesen zum Einfluss derartiger Blogs auf den medienrechtlichen Diskurs. Simon Assion ergänzt diese Überlegungen mit einem aufschlussreichen Perspektiv-Wechsel. Er berichtet aus dem Innenleben des Internetprojekts Telemedicus und zeigt dabei eindrucksvoll, wie die so genannte „Blawgosphäre“ tickt und welche Faktoren die Arbeit an einem medienrechtlichen Weblog zu einem Erfolgsmodell machen können.

Vor allem die beiden letztgenannten Beiträge machen noch einmal deutlich, wie wichtig eine angemessene Vermittlung medienrechtlicher Themen ist, wenn sie auch außerhalb juristischer Fachkreise wahrgenommen und aufgegriffen werden sollen: „In einem Artikel auf Telemedicus hat der typische juristische ‚Kanzleistil‘ nichts verloren“, schreibt beispielsweise Simon Assion. „Passivkonstruktionen werden neuen Autoren ebenso ausgetrieben wie das häufige Substantivieren oder juristische Floskeln.“ Sofern dies beherzigt wird, entwickeln sich breite gesellschaftliche Diskussionen fast von allein, resümiert Assion. In solchen Fällen, prognostiziert Lars Harden, „werden herausragende Medienrechtsblogs zu Ankern und Orientierungspunkten für Interessierte – damit man sich im Gewirr der verschiedenen Stränge der Rechtsgelehrtheit zu Recht finden kann.“

Dass Generationen von Journalistik-Studierenden diese Lehre bereits vor dem Aufkommen der „Medienblawgosphäre“ verinnerlicht hatten, ist vor allem einem zu verdanken: dem langjährigen Dortmunder Medienrechts-Professor Udo Branahl. Für die Inspiration des neuen Schwerpunkt-Heftes gilt ihm daher besonderer Dank – ebenso wie seinem Nachfolger Tobias Gostomzyk, der maßgeblich zur konkreten Themenplanung und zur Feinabstimmung mit den Autoren beigetragen hat. Lässt man sich auf ihre Herangehensweise an das Themengebiet „Journalismus und Recht“ ein, braucht wohl niemand mehr Angst vor Monstern zu haben.

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Zivilgesellschaftliche Medienregulierung

beltz.jpgGut ein Jahr nach der Tagung “Medien- und Zivilgesellschaft“, die im Februar 2011 an der Hochschule für Philosophie in München stattgefunden hat, liegt nun ein Sammelband mit indentischem Titel vor. Das von Alexander Filipovic, Michael Jäckel und Christian Schicha herausgegebene Buch dokumentiert die Ergebnisse der Tagung und eröffnet gleichzeitig die Schriftenreihe “Kommunikations- und Medienethik”, die ab sofort im Verlag Beltz Juventa erscheint. Neben zahlreichen anderen Aufsätzen ist auch ein Beitrag von Janis Brinkmann, Andreas Sträter und mir enthalten, in dem wir einige Befunde aus unserem internationalen Forschungsprojekt “Media Accountability and Transparency in Europe” (MediaAcT) vorstellen. Der Titel des Textes lautet “Zivilgesellschaftliche Medienregulierung. Chancen und Grenzen journalistischer Qualitätssicherung durch das Social Web”. Aus dem Abstract:

Während traditionelle Instrumente der Medienselbstregulierung in Deutschland unter einem chronischen Aufmerksamkeitsdefizit leiden, bringt das Social Web frischen Wind in die gesellschaftliche Diskussion über Qualität im Journalismus: In Blogs, via Twitter und auf Sozialen Netzwerkplattformen wie Facebook tauschen sich Rezipienten über Fehler und Unzulänglichkeiten der etablierten Massenmedien aus und ziehen journalistische Akteure damit zur Rechenschaft. Mit Hilfe einer qualitativen Expertenbefragung lotet der Beitrag die Potenziale einer journalistischen Qualitätssicherung durch das Social Web aus. Es zeigt sich: Wenigstens fallweise können Medienblogs und Co. durch eine verstärkte Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure einen erheblichen Einfluss auf den professionellen Journalismus erwirken und damit die Möglichkeiten einer brancheninternen Medienselbstregulierung erweitern. Ein funktionsadäquater Ersatz dafür sind sie jedoch nicht. Eine spürbare Wirkung erlangen dezentral organisierte Online-Instrumente der Media accountability vor allem dann, wenn sie sich untereinander vernetzen und auch im Verbund mit etablierten Formen der journalistischen Qualitätssicherung auftreten, denn nur so erreichen sie das für ihr Anliegen notwendige Maß an Öffentlichkeit.

Weitere Informationen zum Sammelband gibt es hier!

Call: Networks of transnational and transcultural communication

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As everyday life is changing in an era of growing digitalization and internationalization, “network” has become a catchword in the description of current communication processes: People are employing web-based networking platforms to exchange information and organize their social interactions (sometimes with considerable effects on other social entities, as the recent revolts in North Africa and the Middle East have demonstrated); network organizations, often encompassing different geographical areas and sometimes even the whole globe, are reshaping the patterns of economic relations; social structures in general are transforming themselves into an entity that Manuel Castells calls the “network society”. The idea of communication as a network seems particularly promising in the field of transnational and transcultural communication research. However, despite inflationary use of the term “network” in various analytical contexts, its application in communication and media studies remains vague in most instances, often being stuck in a merely metaphorical meaning of the term which blurs the theoretical concepts that stand behind it.

Which potentials and pitfalls may the network approach entail for the study of transnational and transcultural communication processes? Which scenarios of cross-border communication – e.g. from the fields of journalism studies, political or organizational communication, media economics, sociology of or computer-mediated communication – really deserve to be called a network? Which methodological challenges need to be tackled in transcultural and transnational network analyses? And what does “network” actually mean – and how does it relate to alternative terms and concepts, such as hybridity, translation, connectivity and the public sphere? These questions serve as landmarks for the 2012 conference of the International and Intercultural Communication section of the German Communication Association (DGPuK).

The conference carries the title “Networks of transnational and transcultural communication: Concepts in theory, methodology and research” and will take place from November 22-24, 2012. It will be hosted by the Erich Brost Institute for International Journalism at TU Dortmund University. Submissions for the conference should be made in English and must be sent to the organizers no later than June 1, 2012.

More detailed information about the aims of the conference and the submission process can be found in the full Call for Papers.

Theoretisch praktisch!? - das Buch

theoretisch2.jpgKnapp zehn Monate nach dem Ende der 56. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Dortmund liegt nun der dazugehörige Tagungsband vor. Ich dokumentiere im Folgenden einen längeren Auszug aus der (von Susanne Fengler und mir verfassten) Einleitung des Bandes. Die Passagen geben einen guten Überblick über die insgesamt 20 Aufsätze, die wir aus dem reichhaltigen Tagungsprogramm zur Veröffentlichung ausgewählt haben, und machen hoffentlich Lust auf mehr. Das Buch mit dem Titel “Theoretisch praktisch!?”, Band 39 der Schriftenreihe der DGPuK im Universitätsverlag Konstanz, gliedert sich in vier Hauptteile:

Teil 1: Kommunikations- und Medienforschung in der Mediengesellschaft

Der vorliegende Tagungsband bündelt zentrale Ausschnitte aus den Diskussionen der Dortmunder Jahrestagung – und lädt mit dem Beitrag von Peter Weingart zunächst dazu ein, das Thema aus einer Meta-Perspektive zu reflektieren. Peter Weingart hat sich in den vergangenen Jahren in zahlreichen Schriften mit dem Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit auseinandergesetzt. Er untersucht die Folgen der Medialisierung für die Wissenschaft – und wie die Wissenschaft, trotz steigenden Drucks, sich über die Massenmedien an zunehmend heterogene Publika zu richten, und trotz ihrer Abhängigkeit von gesellschaftlichen Ressourcen, ihre Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Leistungsfähigkeit bewahren kann. Welche (potentiellen) Folgen hat dieser Strukturwandel der Wissenschaftsöffentlichkeit in der Mediengesellschaft für unsere Wissenschaft, die sich mit eben dieser Mediengesellschaft, mit Medienakteuren, -inhalten und -publika, auseinandersetzt? Die Medien sind reflexiver geworden, resümiert Weingart mit Blick auf aktuelle Debatten – und schreibt in seinem Beitrag weiter: „Angesichts der erwähnten Wirkung der Medien […] wird die Medien- und Kommunikationswissenschaft unversehens zu einer Schlüsseldisziplin der Sozialwissenschaft.“ Bezüglich des Verhältnisses des Fachs zu den Medien warnt Weingart vor einer „diffusen Sehnsucht nach medialer Aufmerksamkeit“, weist aber zugleich auf die Dringlichkeit von maßvoller Öffentlichkeitsarbeit hin:

„Die Beachtung einer Disziplin bzw. eines Forschungsgebiets durch die Medien gilt […] als Erfolgsrezept für die Zuwendung öffentlicher Mittel. Der Mechanismus scheint klar zu sein: Wahrnehmung in den Medien bedeutet Wertschätzung in der Öffentlichkeit, die sich in politische Zustimmung und schließlich – durch die Entscheidung der Abgeordneten – in die Zuweisung von Mitteln übersetzt. Das entspricht der Funktionsweise des demokratischen Prozesses. Folglich sind die Disziplinen gut beraten, sich medial gut zu verkaufen.“

Hier knüpft der DGPuK-Vorsitzende Klaus-Dieter Altmeppen an, der in seinem Beitrag Strategien für eine künftig stärkere Institutionalisierung der Medienarbeit der Fachgesellschaft entwickelt – und zugleich an die vielen in Gremien, Verbänden und Kommissionen engagierten Kolleginnen und Kollegen appelliert, neben ihren eigenen Forschungsinteressen und -institutionen auch die Belange der Fachgesellschaft stärker als zuvor zur Geltung zu bringen.

Teil 2: Zum Einfluss der Kommunikations- und Medienforschung auf politisches Handeln

Wie Ergebnisse der Medien- und Kommunikationsforschung inzwischen die Medienpolitik prägen, wird im zweiten Hauptteil dieses Bandes ausgeführt. Natascha Just und Manuel Puppis beschreiben unter Rückgriff auf Paul F. Lazarsfeld den gegensätzlichen Zugang, den Forscher zum Feld wählen können: administrative Forschung im Auftrag von Akteuren der Medienpolitik versus kritische Forschung, die bestehende Strukturen grundsätzlich in Frage stellt. Just und Puppis zufolge kann universitäre Forschung hier eine Sonderrolle einnehmen, da sie

„durch ihre größere Unabhängigkeit von Interessengruppen zumindest im Idealfall in einer einmaligen Position [ist], um auch neue und unbequeme Fragen aufzuwerfen, die von gesellschaftlicher Bedeutung sind. Auch wenn Politiker und Regulierungsbehörden nicht immer auf Forschung warten, die über das politisch Machbare und Umzusetzende hinausgeht: Der Raum des Möglichen wird dadurch erweitert, und alternative Lösungen werden denkbar“.

Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, fordern Just und Puppis von der Medienpolitik-Forschung gesellschaftliche Relevanz, theoretische Fundierung und methodische Kompetenz.

Ihr Argument, dass gerade im Bereich der Medienpolitik – mit den damit verbundenen Gefahren der politischen Instrumentalisierung – erhöhter Bedarf an Selbstreflexion besteht, nehmen Gabriele Siegert, Loris Russi, M. Bjørn von Rimscha und Ulrike Mellmann in ihrem Beitrag auf, der die aus der Ökonomik stammende Prinzipal-Agent-Theorie auf Kommunikationswissenschaftler anwendet. Informationsasymmetrien, Unsicherheit und Zieldivergenz prägen das Verhältnis von Wissenschaftler und Auftraggeber, wenn Akteure aus der Medienpolitik Forschungsaufträge vergeben. Ein Beispiel:

„Regulierer erwarten typischerweise allgemeinverständliche und politisch neutrale Projektberichte mit konkreten regulatorischen Handlungsoptionen, die anschlussfähig an laufende Branchen- und politische Diskurse sind. Die Forschenden wollen jedoch die Daten und Ergebnisse auch in wissenschaftlichen Publikationen verwerten und damit an laufende Fach-Diskurse anschließen“.

Siegert et al. entwickeln Lösungsvorschläge, um den für Prinzipal-Agent-Beziehungen typischen Problemen des Moral Hazard und der Adverse Selection zu entgehen, weisen aber zugleich auch auf die Gefahr von Reputationsschäden nicht zuletzt für die Forscher hin, wenn Akteure der Medienpolitik die ihnen zur Verfügung stehenden journalistischen Kanäle nutzen, um Forschungsergebnisse – interessengeleitet – zu diskreditieren.

Stoyan Radoslavov und Barbara Thomaß nehmen die breite Debatte um den Drei-Stufen-Test der Online-Angebote der öffentlichen-rechtlichen Sender in Deutschland zum Anlass, um danach zu fragen, ob die Kommunikationswissenschaft ihr Potential, sich sowohl mit empirischer Forschung als auch normativen Positionen in die medienpolitische Diskussion einzubringen, genutzt hat. Radoslavov und Thomaß strukturieren die rund um das Thema Drei-Stufen-Test entstandene wissenschaftliche Literatur und arbeiten die zentralen Argumente heraus – ebenso wie die nach wie vor existenten Leerstellen:

„Was […] sind die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse einer Gesellschaft? Werden sie im Rahmen des Funktionsauftrages erfüllt? Es wird zu Recht erwartet, dass diese Fragen ihre Antworten auf der inhaltlichen Ebene der einschlägigen wissenschaftlichen Debatte finden.“

Dennoch ziehen sie ein positives Fazit:

„Im Rahmen der Debatte um den Drei-Stufen-Test der öffentlich-rechtlichen Rundfunkangebote in Deutschland fand eine beachtliche Interaktion zwischen Wissenschaft und Medienregulierung statt. Beide Systeme tauschten aktiv Erkenntnisse und Grundannahmen.“

Matthias Künzler, Manuel Puppis und Otfried Jarren untersuchen für die Schweiz das Wechselverhältnis von Medienpolitik und Medienpolitik-Forschung: Wann und wie hat die Medienpolitik-Forschung medienpolitische Entscheidungen in der Schweiz beeinflusst – und welche Rückwirkungen haben sich hierdurch auf die Fachentwicklung der Medien- und Kommunikationsforschung in der Schweiz ergeben? Die Autoren beschreiben zunächst grundsätzlich die Funktionen wissenschaftlicher Politikberatung und analysieren dann 50 Jahre kommunikationswissenschaftlicher Medienpolitikberatung in der Schweiz. Ihr Fazit: Ein erheblicher Anteil der von den Forschern mit entwickelten Maßnahmen wurde von der Politik zumindest teilweise umgesetzt. Zugleich konnte das Fach profitieren: Seit den 1970er Jahren wurde in der Schweiz die kommunikationswissenschaftliche Forschung an den Hochschulen stetig ausgebaut.

„Diese Institutionalisierung lag jedoch nicht nur im Eigeninteresse des Fachs: Die Medienpolitik hatte einen wissenschaftlichen Beratungsbedarf und war bereit, zu diesem Zweck den Ausbau des Fachs zu fördern.“

Sascha Trültzsch und Christine W. Wijnen schließlich geben Beispiele für die praktische Relevanz medien- und kommunikationswissenschaftlicher Forschung im Bereich der Kinder- und Jugendmedienpolitik. Sie stellen zentrale Ergebnisse der Forschung zur Mediennutzung und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen vor und leiten daraus Empfehlungen für die Medienpraxis ab. Wie diese wiederum von politischen Akteuren und im Bereich der Medienpädagogik engagierten Institutionen umgesetzt wird, zeigen sie anhand von konkreten Projekten und Initiativen auf.

Teil 3: Zur Resonanz der Kommunikations- und Medienforschung in den Öffentlichkeitsberufen

Die in Abschnitt 3 versammelten Beiträge geben einen breit gefächerten Überblick, welche Funktionen kommunikationswissenschaftliche Modelle und Theorien für den Alltag in den Kommunikationsberufen, vor allem in Journalismus und Organisationskommunikation, erfüllen können. Inwiefern erlauben etablierte und innovative Theorieansätze einen (kritischen) Zugriff auf die soziale Praxis der Medien? Welche Forschungsprojekte könnten exemplarisch für Kurt Lewins Diktum stehen, dass „nichts so praktisch ist wie eine gute Theorie“?

Hans-Jürgen Bucher stellt eine empirische Studie vor, in der er – aufbauend auf die Forschung zu Lokaljournalismus und Medienqualität – experimentell die Qualitätskriterien von Rezipienten bei der Beurteilung lokaler Fernsehprogramme untersucht und hierbei insbesondere durch eine Blickaufzeichnungsstudie zu aufschlussreichen Ergebnissen kommt. Buchers Ziel ist es, publizistische Maßstäbe für die Gestaltung lokalen Fernsehens zu ermitteln, das bislang in der Qualitätsforschung vergleichsweise selten beachtet wurde.

Cornelia Wolf wiederum gibt Einblicke in eine Nutzerstudie, die sie in Kooperation mit einem regionalen Zeitungshaus durchführt hat; verglichen wurde die Nutzung des Webangebots durch Abonnenten versus Nicht-Abonnenten. Neben den inhaltlichen Ergebnissen sind insbesondere ihre Anmerkungen über Probleme im Forschungsablauf aufschlussreich. So griff der Auftraggeber – offenbar in Unkenntnis empirischer Forschungsmethoden, aber auch aus Furcht vor einem Loyalitätsverlust der Nutzer – mehrfach in die Gestaltung des Fragebogens ein. Eine effiziente Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis gelinge jedoch nur, „wenn die Kooperation als ergebnisoffener Prozess“ angegangen und nicht als „reine Legitimations- oder Durchsetzungsforschung“ instrumentalisiert wird. Wolfs Fazit:

„Damit Kooperationen zwischen universitärer Kommunikationsforschung und regionaler Medienpraxis für beide Seiten fruchtbare Ergebnisse liefern, müssen […] im Vorfeld klare Absprachen getroffen werden. […] Gegenseitige Transparenz und eine Kooperation auf Augenhöhe sind unabdingbare Voraussetzungen.“

Über ein neues journalistisches Feld berichtet Martin Krieg: In seinem Beitrag „Appsolut praktisch?!“ gibt er einen Überblick über die vorliegende Literatur zur mobilen Mediennutzung und untersucht sodann mobile Medieninhalte und die Rezeption mobiler Medien. Aus einer Blickaufzeichnungsstudie leitet er Empfehlungen zur Gestaltung von Nachrichtenangeboten auf Smartphones und Tablet-PCs ab, die auch für Medienhäuser von großem Interesse sein dürften.

Ingrid A. Uhlemann vergleicht unter Rückgriff auf eine Inhaltsanalyse von Nachrichtenagenturen den praktischen Nutzen von unterschiedlichen Ansätzen der Nachrichtenwert-Forschung – ausgehend von der Beobachtung, dass viele der vorliegenden Modelle zu komplex sind, um die in der Praxis meist sehr schnell erfolgenden redaktionellen Entscheidungsprozesse angemessen widerzuspiegeln. Auf der Suche nach einer „,theoretisch praktischeren‘ Lösung“ entwickelt Uhlemann hieraus ein vereinfachtes Nachrichtenwertmodell, das „der tatsächlichen Praxis von Journalisten möglicherweise deutlich näher kommt“.

Über die Reaktionen der Medienpraxis auf die in ihrem Jahrbuch ‚Qualität der Medien‘ formulierte – empirisch untermauerte – Kritik an den Leistungen des Schweizer Journalismus berichten wiederum Patrik Ettinger, Kurt Imhof und Mario Schranz: Die Forscher haben ihre Medienresonanzanalysen auf die Rezeption des von ihnen als Beitrag zur Förderung des Qualitätsbewusstseins von Publikum und Medienmachern gleichermaßen konzipierten Jahrbuchs ausgeweitet. Ergebnis: Die Studie wurde in Print- und Radio-Qualitätsmedien sowie in Medienblogs vertieft und kritisch analysiert, während gerade die Online-Publikumsmedien die Stichworte der Pressemeldung weitgehend unverändert übernahmen.

„Damit hat ironischerweise das Qualitätsdefizit der Medien wesentlich dazu beigetragen, dass die Resultate zum Qualitätszustand der Schweizer Medien breite und unwidersprochene Resonanz fanden“,

bilanzieren die Forscher – die allerdings auch von harschen Reaktionen des Verlegerverbands berichten, der sich u. a. durch Kritik am empirischen Vorgehen der Forscher publizistisch gegen die Thesen des Jahrbuchs zur Wehr zu setzen suchte.

Susanne Fengler und Julia Jorch loten in ihrem Beitrag die Möglichkeiten für Kooperationen zwischen Forschung und Praxis im Bereich der Medienentwicklungszusammenarbeit aus – einem von der Kommunikationswissenschaft noch wenig beachteten, politisch aber zunehmend relevanten Bereich. Da die derzeit vorhandene Literatur zur Medienentwicklungszusammenarbeit (MEZ) beinahe gänzlich von den Akteuren der MEZ selbst dominiert wird, ist eine externe kommunikationswissenschaftliche Analyse ihrer Ansicht nach umso dringender. Die Autorinnen geben zudem Einblick in ein von ihnen durchgeführtes Forschungsprojekt zur Evaluation von MEZ-Programmen, das – anders als in der MEZ-Praxis bislang üblich – systematisch auf quantitative Methoden zurückgreift und in der Frage des Impacts die Mesoebene journalistischer Organisationen in den Vordergrund rückt.

Claudia Auer und Kathrin Schleicher berichten in ihrem Beitrag über ein DFG-Projekt zur Kommunikation und Medienarbeit des Bundesministeriums der Verteidigung und reflektieren dabei insbesondere die Problematik des Zugangs zu dem zu untersuchenden Praxisfeld. Die – einer gänzlich anderen Kommunikationskultur als die Wissenschaftler entstammenden – Militärs mussten zunächst von der Sinnhaftigkeit des Projekts überzeugt werden, schlussendlich profitierten jedoch gerade auch die Praktiker von der wissenschaftlichen Analyse:

„Durch diese Reflexion, die von einer Person außerhalb der Organisation betrieben wird und daher hier externe Reflexion genannt werden soll, entsteht für die Organisation ein unmittelbarer Nutzen, da die Ressourcenausstattung der betreffenden Organisation eine solche Evaluation häufig nicht erlaubt und zudem oftmals die Kompetenz fehlt, um eine komplexe Analyse durchzuführen.“

Zugleich erhöhte sich bei den Befragten im Zuge der durch die Forschung angestoßenen internen Reflexionsprozesse deren Problembewusstsein – in der Folge nahmen sie teils sogar konkrete Strukturveränderungen in der Organisation in Angriff.

Constanze Rossmann schließlich stellt ein Forschungsprojekt vor, das u. a. die Rolle der Medien bei Kampagnen zur Gesundheitsförderung untersucht, und beschreibt, wie gerade diese komplexen und anspruchsvollen, da auf eine für die Betroffenen mühevolle Änderung ihres Lebensstils abzielenden Kampagnen unter Berücksichtigung des Wissensbestands der Medienforschung optimiert werden können.

Teil 4: Theorie und Praxis in der Kommunikations- und Medienforschung: Rückblicke – Ausblicke

Der mit „Rückblicke – Ausblicke“ überschriebene Teil 4 wird von einem längeren Text eröffnet, der das von Gerhard Vowe konzipierte und in Dortmund viel beachtete Plenumspanel „Gelebte Synthesen“ zusammenfasst. Wolfgang R. Langenbucher, Stephan Ruß-Mohl, Hans Mathias Kepplinger, Hartmut Wessler und Frank Marcinkowski ziehen hier Bilanz, welche Bedeutung die ‚Praxis‘ in den Biographien von fünf für die Kommunikationswissenschaft zentralen Forschern – Paul F. Lazarsfeld, Emil Dovifat, Elisabeth Noelle, Jürgen Habermas und Niklas Luhmann – hat(te). Die Beiträge verdeutlichen, wie selbstverständlich manchem dieser Fachvertreter praktisches Engagement war – machen aber auch klar, wie unterschiedlich die Erfahrungen der Genannten mit Politik und Öffentlichkeit verliefen.

Ebenfalls einen Rückblick auf über sechs Jahrzehnte Fachgeschichte – diesmal aus wissenschaftssoziologischer Perspektive – unternimmt Christian Schäfer. Er beschreibt zunächst Reputation, Öffentlichkeit, Mittelausstattung und Evaluationsergebnisse als die vier „Währungen wissenschaftlichen Erfolgs“ – und analysiert im Anschluss daran, als wie ‚erfolgreich‘ die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Deutschland seit 1945 zu bewerten ist. Während Schäfer für das Fach eine schwankende Reputation konstatiert und nur einzelnen Fachvertretern Öffentlichkeitsgewinne attestiert, bewertet er die Entwicklung im Bereich von Mittelausstattung und Evaluationsergebnissen als positiv – und damit mittelbar auch der Reputation des Fachs zuträglich.

Am Schluss des Buches stehen Ausblicke: Matthias Rath fragt, ausgehend von der eingangs erwähnten Forderung des Wissenschaftsrats, danach, wie eine medienethisch fundierte Politikberatung durch Kommunikationswissenschaft ausgestaltet sein könnte und diskutiert dies am Beispiel politischer Skandale. Soll sie „instrumentell-funktionalistisch“ sein (was seiner Ansicht nach die Beratungsleistung der Kommunikationswissenschaft sein könnte) oder „normativ-ethisch“ (was der Ansatz der Medienethik wäre)? Rath plädiert gegen einen „normativen Taylorismus“ und sieht eine – eigenständige – Medienethik als „Korrektiv auch der technischen Kritik“ durch die Kommunikationswissenschaft.

Christoph Neuberger schließlich stellt die Ergebnisse der ersten bundesweiten, von der DGPuK koordinierten Absolventenstudie vor, die u. a. der Frage nachgeht, inwieweit sich Absolventen der verschiedenen Studiengänge unseres Fachs hinreichend auf die Berufspraxis vorbereitet fühlen. Dies war für die untersuchten Jahrgänge vor allem für Diplom-Kandidaten der Fall, während Bachelor-Absolventen eine mangelnde Akzeptanz des Abschlusses in der Medienpraxis wahrnahmen und sich daher vermehrt für ein Master-Studium entschieden.

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Die Beiträge des Buches zeigen, dass die Kommunikations- und Medienforschung im deutschen Sprachraum über eine bemerkenswert breite Palette an Anwendungsoptionen verfügt. Dass wenigstens ein Teil davon auch tatsächlich realisiert wird, mag als willkommener Beleg für die (theoretisch gegebene) Nützlichkeit und Verwertbarkeit des in unserer Disziplin generierten Wissens dienen. Ebenso deutlich belegen die Beiträge jedoch auch, dass manche der eingangs skizzierten Barrieren zwischen Kommunikationsforschung und gesellschaftlicher Praxis bestehen bleiben oder kontrovers diskutiert werden. In diesem Sinne versteht sich der vorliegende Band, ebenso wie die ihm zugrunde liegende Tagung, als aktuelle Standortbestimmung zur Frage der gesellschaftlichen Verantwortung von Kommunikations- und Medienforschung, nicht als abschließende Bewertung. Das Thema bleibt relevant.

Mehr dazu in:

Susanne Fengler, Tobias Eberwein & Julia Jorch (Hrsg.) (2012): Theoretisch praktisch!? Anwendungsoptionen und gesellschaftliche Relevanz der Kommunikations- und Medienforschung (= Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Band 39). Konstanz: UVK.

Weitere Informationen zum Tagungsband finden sich auf der Verlagshomepage.