Jan Schmidt hat bereits darauf hingewiesen: In der aktuellen Ausgabe der “Media Perspektiven” ist ein Aufsatz erschienen, der einige zentrale Ergebnisse der “BILDblog”-Leserbefragung bündelt, die er und mehrere Bamberger Kollegen im vergangenen Jahr durchgeführt haben (vgl. Mayer et al. 2008b). Ich habe mich über den Text sehr gefreut. Zwar enthält er im Vergleich zum ersten Projektbericht, der bereits im Februar 2008 vorlag (vgl. Mayer et al. 2008a), keine zentralen neuen Befunde. Schön ist aber, dass er die Fallstudie zu “BILDblog” diesmal in einen etwas breiteren Kontext setzt und auch Überlegungen zu verschiedenen Medienblog-Typen und deren Funktionen und Leistungen dokumentiert. (Eine entsprechende Einbettung hatte ich Anfang des Jahres ja schon einmal zaghaft angemahnt.)
Die vorgeschlagene Typologie der Medienblogs (vgl. Mayer et al. 2008b: 589) entspricht im Wesentlichen dem Ansatz, den Kristina Wied und Jan Schmidt schon im aktuellen Tagungsband der DGPuK-Fachgruppen “Journalismusforschung” und “Computervermittelte Kommunikation” vorstellen (vgl. Wied/Schmidt 2008: 181f.). So wird unterscheiden zwischen
- persönlichen Blogs von Rezipienten,
- Watchblogs,
- Redaktionsblogs und
- Kritikerblogs.
Im neuen Text in den “Media Perspektiven” ist der Bereich der Watchblogs dabei noch untergliedert in mehrere Unterpunkte.
Aus funktionaler Perspektive beschreiben die Autoren Watchblogs als “ein Instrument zur Beobachtung des Journalismus im Sinne einer Kontrolle der Kontrolleure” (Mayer et al. 2008b: 589) und rücken sie damit in die Nähe des Medienjournalismus. Als weitere Potenziale dieses Blogtyps werden angeführt (vgl. ebd.):
- Verbesserung und Sicherung von Qualität im Journalismus
- Herstellung von Transparenz hinsichtlich der Regeln und Praktiken des Journalismus
- Orientierungshilfe für die Rezipienten
- Förderung deren Medienkompetenz
Besonders die funktionale Beschreibung von Medienblogs finde ich sehr spannend, denn sie geht deutlich über den Beitrag von Kristina Wied und Jan Schmidt hinaus. Dort wurden Medienblogs noch vorwiegend als Instrument journalistischer Qualitätssicherung verstanden und entsprechend analysiert. Für den neuen Aufsatz legen die Autoren nun ein erweitertes Funktionsverständnis von Medienjournalismus zu Grunde (als Referenz sind hier m. E. vor allem Michael Beuthner und Stephan Weichert zu nennen, die die genannten Funktionen anschaulich aus Weischenbergs “Zwiebel-Modell” hergeleitet haben [vgl. Beuthner/Weichert 2005: 19]) und übertragen es auf die Gattung der Medienblogs. Inwiefern Medienblogs diese Funktionen tatsächlich umsetzen können, ist bislang noch nicht umfassend untersucht. Der Aufsatz in den “Media Perspektiven” leistet in diesem Sinne eine willkommene Anregung für die weitere Forschung.
Diskutabel erscheint mir hingegen die vorgestellte Typologie der Medienblogs. Da ich mich in einem anderen Projektzusammenhang gerade auch mit diesem Problem auseinandersetze, seien mir einige Anmerkungen erlaubt:
Aus meiner Sicht ist die gewählte Einteilung etwas unglücklich, da sie als Gliederungsmerkmale mal auf die Organisationsform abstellt (Wer betreibt das Blog?) und mal eher die Funktion in den Vordergrund rückt. So definieren sich Redaktionsblogs den Autoren zu Folge über die Mitgliedschaft der Betreiber zu einer journalistischen Redaktion, Kritikerblogs werden hingegen von redaktionsexternen Kritikern betrieben, sind aber trotzdem in ein redaktionelles Angebot eingebunden. Demgegenüber gibt es bei persönlichen Blogs von Rezipienten überhaupt keine organisatorische Anbindung an ein journalistisches Medium. Nicht mit dieser Herangehensweise in Einklang zu bringen ist der Begriff des Watchblogs, der sich laut Mayer et al. (2008b: 589) in erster Linie über die “Fremdbeobachtung und kritische Begleitung journalistisch produzierter Inhalte” definiert. Die Betonung liegt bei dieser Definition scheinbar eher auf der Funktion des Blogtyps, weniger auf dessen Organisationsform. Zwar sind der zitierten Definition zufolge auch die Betreiber von Watchblogs außerhalb journalistischer Redaktionen angesiedelt. Allerdings ergibt sich dadurch eine teilweise Überschneidung mit der Kategorie der persönlichen Blogs von Rezipienten, denn auch diese können — und tun es in der Praxis ja auch — eine kritische Fremdbeobachtung des Journalismus leisten. Die vorgeschlagene Typologie der Medienblogs operiert damit nicht ganz trennscharf, was sie für die Anwendung in künftigen Forschungszusammenhängen problematisch macht.
Einen etwas systematischeren Vorschlag zur Typologisierung von Medienblogs machen David Domingo und Ari Heinonen (2008: 7ff.) in einem neueren Aufsatz in der “Nordicom Review”. Sie unterscheiden zwischen
- Citizen Blogs: Journalistic Weblogs Written by the Public Outside the Media,
- Audience Blogs: Journalistic Weblogs Written by the Public within the Media,
- Journalist Blogs: Journalistic Weblogs Written by Journalists Outside Media Institutions und
- Media Blogs: Journalistic Weblogs Written by Journalists within Media Institutions.
Hier wird konsistent auf den Grad der Institutionalisierung als Unterscheidungsmerkmal zurückgegriffen, weswegen der Begriff Watchblog nicht auftaucht. Watchblogs lassen sich hier in verschiedenen Kategorien verorten, je nachdem welche Definition zugrunde gelegt wird. (Ohnehin scheint mir der Begriff der “Fremdbeobachtung” von Journalismus, d. h. der Beobachtung von Journalismus durch Nicht-Journalisten, als Definitionsmerkmal unpassend, denn gerade im deutschen Sprachraum werden die populärsten Medienwatchblogs ja durchaus von Journalisten betrieben, auch wenn sie nicht in redaktionelle Angebote eingebunden sind.) Wollte man den Begriff Watchblog als Bestandteil einer Medienblog-Typologie retten, müsste diese durchgängig auf die Funktionen unterschiedlicher Medienblogs rekurrieren. Dies scheint mir zum gegebenen Zeitpunkt jedoch kaum sinnvoll, da der Wissensstand über die tatsächlichen Funktionen von Medienblogs bislang noch ungenügend ist.
Literatur:
Beuthner, Michael/Weichert, Stephan Alexander (2005): Zur Einführung: Internal Affairs – oder: die Kunst und die Fallen medialer Selbstbeobachtung. In: dies. (Hrsg.): Die Selbstbeobachtungsfalle. Grenzen und Grenzgänge des Medienjournalismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 13-41.
Domingo, David/Heinonen, Ari (2008): Weblogs and Journalism. A Typology to Explore the Blurring Boundaries. In: Nordicom Review 29, Nr. 1/2008, S. 3-15. Online unter http://www.nordicom.gu.se/common/publ_pdf/264_domingo_heinonen.pdf
Mayer, Florian L./Mehling, Gabriele/Raabe, Johannes/Schmidt, Jan/Wied, Kristina unter Mitarbeit von Tom Binder und Oda Riehmer (2008a): Leserschaft, Nutzung und Bewertung von BILDblog. Befunde der ersten Online-Befragung 2007. Online unter http://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/split_professuren/journalistik/Fonk/bildblog/Studie_BILDblog-Nutzerbefragung_2007__Uni_Bamberg_.pdf
Mayer, Florian L./Mehling, Gabriele/Raabe, Johannes/Schmidt, Jan/Wied, Kristina (2008b): Watchblogs aus der Sicht der Nutzer. Befunde einer Onlinebefragung zur Nutzung und Bewertung von Bildblog. In: Media Perspektiven, Heft 11/2008, S. 589-594. Online unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/Mayer.pdf
Wied, Kristina/Schmidt, Jan (2008): Weblogs und Qualitätssicherung. Zu Potenzialen weblogbasierter Kritik im Journalismus. In: Quandt, Thorsten/Wolfgang Schweiger (Hrsg.): Journalismus online: Partizipation oder Profession? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 173-192.









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