Das Inverted-Pyramid-Prinzip, demzufolge alle wichtigen Informationen eines Ereignisses bereits im ersten Satz einer journalistischen Meldung beantwortet werden sollen, galt lange Zeit als ureigenstes Merkmal des modernen Nachrichtenjournalismus. Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass die Bedeutung der traditionellen Nachrichtenform zurückgeht. Aus meiner regelmäßigen Zeitungslektüre meinte ich schon häufiger schließen zu können, dass mehr und mehr narrative Darstellungsformen Einzug in die Berichterstattung erhalten, während klassische Nachrichten abnehmen. Empirisch fundiert habe ich diese Vermutung nie.
Das hat für den US-amerikanischen Zeitungsjournalismus nun Michele Weldon nachgeholt. In ihrem Buch “Everyman News” trägt sie Ergebnisse einer Inhaltsanalyse von 20 unterschiedlichen US-amerikanischen Tageszeitungen zusammen. Ihre Daten zeigen, dass sich das Verhältnis von Inverted-Pyramid-Nachrichten und erzählenden Darstellungsformen auf den Titelseiten der Zeitungen im Verlauf dieses Jahrzehnts deutlich gewandelt hat: Während 2001 noch 65% der Texte “hard news” waren, traf das 2004 nur noch auf 50% zu. Demgegenüber stieg der Anteil an Features. Die weiterführende Analyse der untersuchten Beiträge macht deutlich, dass sich auch die Quellenlage der Journalisten gewandelt hat: 2004 wurden deutlich mehr inoffizielle Quellen (d. h. solche, die nicht einer staatlichen Institution, einem Unternehmen o. ä. zuzuordnen sind) verarbeitet als noch 2001. Dementsprechend orientierten sich auch die Inhalte der Texte mehr an persönlichen Geschichten einzelner Personen und waren somit näher an den Alltagserfahrungen der Durchschnittsleser. Weldon schlussfolgert: US-amerikanische Zeitungen sind keine “newspapers” mehr, sie seien zu “story papers” geworden. Damit einher geht ein Abschied vom klassischen Gatekeeper-Journalismus, der einem neuartigen “everyman journalism” weiche:
„Everyman and everywoman news is reporting through the eyes of nondeliberate, accidental newsmakers, unofficial sources – the recipients, the customers in line at the movies, not the stars on the red carpet.“ (Weldon 2008: 28f.)
Interessant finde ich, dass Michele Weldon den beschriebenen Wandel in der journalistischen Darstellungshaltung nicht ausschließlich auf den zunehmenden Einfluss Weblogs und Bürgerjournalismus (von der Autorin etwas abfällig als “Chicken Little Journalism” bezeichnet; vgl. Weldon 2008: 9) zurückführt. Darüber hinaus diagnostiziert sie eine allgemeine Sensibilisierung und Humanisierung US-amerikanischer Journalisten, vor allem in der Folge von 9/11. Den narrativen Ansatz begreift sie dabei als “A New Way to Portray Grief” (Weldon 2008: 94). Er könne eine ähnliche Wirkung entfalten wie die narrative Therapie in der Psychologie — Freuds Katharsis-Theorie lässt grüßen.
Diese Auslegung mag man teilen oder nicht. Fest steht, dass Weldon mit ihrer Studie spannende quantitative Daten vorlegt, die dabei helfen können, die gegenwärtige Entwicklung des Nachrichtenjournalismus einzuordnen. Die Befunde zeigen, dass die klassische Nachrichtenform zwar nicht ausgedient hat, aber auch nicht mehr als unangefochtenes Paradigma der Mainstream-Berichterstattung gelten kann. Für den deutschen Sprachraum sind mir entsprechende Erhebungen bislang nicht bekannt. Ich vermute jedoch, dass sich hierzulande ein ähnlicher Trend feststellen ließe. Ein Grund mehr für die deutsche Journalismusforschung, dem Phänomen des narrativen Journalismus endlich mehr Beachtung zukommen zu lassen.
Wer die lesenswerte und auch stilistisch elegante Arbeit von Michele Weldon nicht greifbar hat, sei auf die vorbildlich gestaltete Website und auf das Weblog zum Buch verwiesen. Hier finden sich u. a. einige der Originaldaten aus der Studie, teilweise sogar in aktualisierter Form.
Literatur:
Weldon, Michele (2008): Everyman News. The Changing American Front Page. Columbia, London: University of Missouri Press.











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