Archiv für November 2008

Abschied vom Rezensionsteil der “Publizistik”

Die Redaktion von Ausgabe 4/2008 des “Publizistik”-Rezensionsteils ist abgeschlossen. Die redigierten Fahnen liegen inzwischen im Satzbüro und dürften in Bälde in den Druck gehen. Die letzten Korrekturen habe ich diesmal mit durchaus gemischten Gefühlen umgesetzt, denn das letzte Heft des laufenden Jahrgangs ist gleichzeitig auch mein letztes Heft als “Publizistik”-Redakteur. Horst Pöttker und ich geben die Redaktion des Besprechungsteils zum Jahresende ab. Die Planungen für Heft 1/2009 liegen bereits in den Händen unserer Nachfolger.

publizistik_klein.jpgGemischte Gefühle habe ich deshalb, weil ich meine, dass wir den Rezensionsteil der “Publizistik” in den vergangenen Jahren im positiven Sinne weiterentwickelt haben — und diese Entwicklung nun aus der Hand zu geben, fällt nicht ganz leicht. In der Zeit seit 2001, als zunächst Horst Pöttker und Daniel Müller, die Redaktion übernommen haben, konnte die Anzahl der besprochenen Bücher kontinuierlich ausgebaut werden. Nicht zuletzt die Einführung einer Rubrik mit Kurzbesprechungen hat dazu beigetragen, dass wir zuletzt deutlich mehr als 250 Neuerscheinungen pro Jahr kritisch würdigen konnten. Mitgewirkt haben dabei bis zu 162 verschiedene Rezensenten pro Jahr (vgl. Tabelle 1). Unserem Ziel, die aktuellen Entwicklungen auf dem kommunikationswissenschaftlichen Buchmarkt möglichst umfassend abzubilden, sind wir damit wenigstens teilweise näher gekommen.

Gleichzeitig wurde uns jedoch immer wieder klar, dass einem dynamischen Rezensionswesen innerhalb einer gedruckten Fachzeitschrift wie der “Publizistik” natürliche Grenzen gesetzt sind. So mangelte es zum einen an Platz: Mit zuletzt über 60 Druckseiten nur für die Rezensionen stießen wir so langsam an die Grenzen dessen, was innerhalb dieses Zeitschriftenformats möglich ist. Zudem sorgten die etwas starren Publikationszyklen immer wieder für merkliche Aktualitätsdefizite. Diese Beobachtungen, die ich im Rahmen meiner Diplomarbeit vor drei Jahren übrigens auch empirisch fundiert habe, legten es nahe, sich einige Gedanken über einen alternativen Publikationsrahmen für die kommunikationswissenschaftliche Buchkritik zu machen.

Dass auch der Herbert von Halem Verlag seit längerer Zeit ähnliche Gedanken hegt, habe ich zunächst eher per Zufall erfahren. Mittlerweile haben die Pläne für eine eigene Online-Rezensionszeitschrift für die Kommunikations- und Medienwissenschaften jedoch konkretere Form angenommen. Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hat der Verlag bereits einige Konzeptideen vorgestellt. Ins Netz geht das neue Projekt im kommenden Jahr. Und — naja, wie soll ich es sagen: Ich freue mich, dass ich zur Gründungsredaktion gehören darf!

Mehr dazu in den kommenden Monaten…

Hat die Inverted Pyramid ausgedient?

weldon.jpgDas Inverted-Pyramid-Prinzip, demzufolge alle wichtigen Informationen eines Ereignisses bereits im ersten Satz einer journalistischen Meldung beantwortet werden sollen, galt lange Zeit als ureigenstes Merkmal des modernen Nachrichtenjournalismus. Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Hinweise darauf, dass die Bedeutung der traditionellen Nachrichtenform zurückgeht. Aus meiner regelmäßigen Zeitungslektüre meinte ich schon häufiger schließen zu können, dass mehr und mehr narrative Darstellungsformen Einzug in die Berichterstattung erhalten, während klassische Nachrichten abnehmen. Empirisch fundiert habe ich diese Vermutung nie.

Das hat für den US-amerikanischen Zeitungsjournalismus nun Michele Weldon nachgeholt. In ihrem Buch “Everyman News” trägt sie Ergebnisse einer Inhaltsanalyse von 20 unterschiedlichen US-amerikanischen Tageszeitungen zusammen. Ihre Daten zeigen, dass sich das Verhältnis von Inverted-Pyramid-Nachrichten und erzählenden Darstellungsformen auf den Titelseiten der Zeitungen im Verlauf dieses Jahrzehnts deutlich gewandelt hat: Während 2001 noch 65% der Texte “hard news” waren, traf das 2004 nur noch auf 50% zu. Demgegenüber stieg der Anteil an Features. Die weiterführende Analyse der untersuchten Beiträge macht deutlich, dass sich auch die Quellenlage der Journalisten gewandelt hat: 2004 wurden deutlich mehr inoffizielle Quellen (d. h. solche, die nicht einer staatlichen Institution, einem Unternehmen o. ä. zuzuordnen sind) verarbeitet als noch 2001. Dementsprechend orientierten sich auch die Inhalte der Texte mehr an persönlichen Geschichten einzelner Personen und waren somit näher an den Alltagserfahrungen der Durchschnittsleser. Weldon schlussfolgert: US-amerikanische Zeitungen sind keine “newspapers” mehr, sie seien zu “story papers” geworden. Damit einher geht ein Abschied vom klassischen Gatekeeper-Journalismus, der einem neuartigen “everyman journalism” weiche:

„Everyman and everywoman news is reporting through the eyes of nondeliberate, accidental newsmakers, unofficial sources – the recipients, the customers in line at the movies, not the stars on the red carpet.“ (Weldon 2008: 28f.)

Interessant finde ich, dass Michele Weldon den beschriebenen Wandel in der journalistischen Darstellungshaltung nicht ausschließlich auf den zunehmenden Einfluss Weblogs und Bürgerjournalismus (von der Autorin etwas abfällig als “Chicken Little Journalism” bezeichnet; vgl. Weldon 2008: 9) zurückführt. Darüber hinaus diagnostiziert sie eine allgemeine Sensibilisierung und Humanisierung US-amerikanischer Journalisten, vor allem in der Folge von 9/11. Den narrativen Ansatz begreift sie dabei als “A New Way to Portray Grief” (Weldon 2008: 94). Er könne eine ähnliche Wirkung entfalten wie die narrative Therapie in der Psychologie — Freuds Katharsis-Theorie lässt grüßen.

Diese Auslegung mag man teilen oder nicht. Fest steht, dass Weldon mit ihrer Studie spannende quantitative Daten vorlegt, die dabei helfen können, die gegenwärtige Entwicklung des Nachrichtenjournalismus einzuordnen. Die Befunde zeigen, dass die klassische Nachrichtenform zwar nicht ausgedient hat, aber auch nicht mehr als unangefochtenes Paradigma der Mainstream-Berichterstattung gelten kann. Für den deutschen Sprachraum sind mir entsprechende Erhebungen bislang nicht bekannt. Ich vermute jedoch, dass sich hierzulande ein ähnlicher Trend feststellen ließe. Ein Grund mehr für die deutsche Journalismusforschung, dem Phänomen des narrativen Journalismus endlich mehr Beachtung zukommen zu lassen.

Wer die lesenswerte und auch stilistisch elegante Arbeit von Michele Weldon nicht greifbar hat, sei auf die vorbildlich gestaltete Website und auf das Weblog zum Buch verwiesen. Hier finden sich u. a. einige der Originaldaten aus der Studie, teilweise sogar in aktualisierter Form.

Literatur:

Weldon, Michele (2008): Everyman News. The Changing American Front Page. Columbia, London: University of Missouri Press.

Nieman Foundation rüstet sich für die digitale Zukunft

Die Nieman Foundation for Journalism an der Harvard University, bislang vor allem für ihre traditionsreichen Fellowship-Programme und ihre Aktivitäten zum Narrativen Journalismus bekannt, hat ein spannendes neues Projekt: das Nieman Journalism Lab. Ziel ist es “to help journalism figure out its future in an Internet age”. Geplant sind einige viel versprechende Forschungsinitiativen in Kooperation mit der Harvard Business School, dem Berkman Center for Internet and Society und dem Hauser Center for Nonprofit Organizations. Gemeinsam sollen neue Geschäftsmodelle entwickelt und Best-Practice-Beispiele identifiziert werden, um vor allem Printjournalisten dabei zu helfen, mit den Herausforderungen der Medienkonvergenz umzugehen.

Ergebnisse aus diesen Forschungsvorhaben liegen bislang nicht vor. Schon jetzt interessant ist aber das Projekt-Blog. Ein Redaktionsteam um Nieman-Fellow Joshua Benton beobachtet dort seit Mitte Oktober 2008, wie traditionelle Medienunternehmen sich bei ihren Vorstößen in die Welt des digitalen Journalismus schlagen — oder daran scheitern. Die Produktivität der drei Redakteure ist durchaus beachtlich: Schon jetzt gibt es mehr als 50 Postings. Die Resonanz von außen hält sich zwar noch in Grenzen, aber das kann ja noch werden. Es lohnt sich auf jeden Fall, das Projekt im Blick zu behalten.

Auf Josh Benton habe ich vor gut einem halben Jahr übrigens schon einmal hingewiesen. Damals hatte er mit einem Vortrag zu den Parallelen zwischen Blogging und Erzähljournalismus auf sich aufmerksam gemacht und dafür ein Sonderlob von Roy Peter Clark eingeheimst. Mal sehen, wie das Feedback für das neue Projekt ausfällt…

Studie zur journalistischen Internet-Recherche — jetzt auch online

Bereits vor einigen Monaten habe ich an dieser Stelle auf die breit angelegte Leipziger Erhebung zur journalistischen Recherche im Internet hingewiesen, deren Ergebnisse der Vistas-Verlag in Buchform veröffentlicht hat. In der neuen Ausgabe der “Media Perspektiven” (Heft 10/2008) legen Marcel Machill und Markus Beiler die wichtigsten Befunde nun noch einmal in Aufsatzform vor. Im Vergleich zum Buch kann der Beitrag keine neuen Erkenntnisse bringen. Schön ist aber, dass alle zentralen Tabellen nun auch online und frei verfügbar sind. Hier geht’s zum Text!

Literatur:

Machill, Marcel/Beiler, Markus/Zenker, Martin (2008): Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Berlin: Vistas.

Machill, Marcel/Beiler, Markus (2008): Die Bedeutung des Internets für die journalistische Recherche. Multimethodenstudie zur Recherche von Journalisten bei Tageszeitung, Hörfunk, Fernsehen und Online. In: Media Perspektiven, Heft 10/2008, S. 516-531.