In einem Rezensionsessay für die “Publizistik” hat Bernhard Pörksen im vergangenen Jahr die Autobiografie des Borderline-Journalisten Tom Kummer besprochen (vgl. Pörksen 2007). Darin setzte er sich unter anderem kritisch mit der journalistischen Arbeitsweise Kummers auseinander, der bekanntlich zahlreiche Star-Interviews u. a. für das Magazin der “Süddeutschen Zeitung” gefälscht und damit einen mittelschweren Medienskandal ausgelöst hatte.
In einem Gastkommentar für die “taz” greift Tom Kummer diese Rezension nun auf. Am Ende eines weit ausholenden Plädoyers für “eine Neudefinition von Realität” in wenig ertragreichen Interview-Situationen kommt er auf Bernhard Pörksen zu sprechen:
Es gibt so viele Fragen rund um das Überleben der Printmedien. Kürzlich wurden mir solche Fragen von einem Publizistik-Professor gestellt, der mich für ein Interviewbuch zum Thema “Zukunft der Printmedien” gewinnen wollte. Es waren fantastische Fragen, Fragen des Überlebens: Wann beginnt der Betrug der Redaktionskollegen und des Publikums? Ist nicht jeder Akt der sprachlich-dramaturgischen Gestaltung letztlich auch ein Akt der Fiktionalisierung? Können Journalisten nur überleben, wenn sie eine scheinbar eindeutige Unterscheidung von Fakt und Fiktion untergraben? Darauf wusste ich nicht viel zu sagen. Außer: dass es vielleicht für Interviewer nur Rettung im New Journalism gibt, der mit der Faszination des Fiktiven spielt.
Aber welcher Grad der von Ihnen, Herr Kummer, angewandten Konstruktivität könnte denn heute als Grundlage einer journalistischen Ethik taugen? Sollte man angesichts des PR-Journalismus und des “Spindoctoring” die von ihnen praktizierte Erfahrung der Intersubjektivität mainstreammäßig anerkennen?
Eine grandiose Wahnsinnsfrage. Meine Rettung!
Was Tom Kummer freilich nicht erwähnt, ist der Umstand, dass diese “Wahnsinnsfragen” teilweise fast wortwörtlich aus Bernhard Pörksens “Publizistik”-Rezension übernommen sind. Er stellt sie in einen neuen, fiktionalisierten Kontext und setzt sein selbstreferenzielles Spiel damit fort.
Ein bemerkenswertes Beispiel für Kummers Art und Weise, Journalismus zu betreiben.
Und eine wirklich kuriose Replik auf eine wissenschaftliche Buchbesprechung.
(Danke an Bernhard Pörksen für den Hinweis an die “Publizistik”-Redaktion!)
Literatur:
Kummer, Tom (2008): Das Pamela-Anderson-Prinzip. Plädoyer für eine Neudefinition von Realität auf der EM. In: taz vom 6.6.2008. Online unter: http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/die-em-und-das-pamela- anderson-prinzip/
Pörksen, Bernhard (2007): Apologie eines Fälschers. Die Memoiren des Borderline-Journalisten Tom Kummer. In: Publizistik 52, Heft 3/2007, S. 405-408. Online unter: http://www.vsjournals.de/index.php;do=pdf/ sid=676e1aa6603b17238436c27370f3e14d/site=pub/lng=de/area=kom/article _id=5193/doi=10.1007~s11616-007-0178-8
Foto: NiceBastard











0 Rückmeldungen auf “Tom Kummer und der “gute Publizistik-Professor””