Archiv für Juni 2008

Neues Promotionskolleg “Communication and Digital Media”

Friedrich Krotz weist auf den Seiten der AG-Games auf ein neues Erfurter Promotionskolleg für Themen aus dem Bereich “Communication and Digital Media” hin. Für das damit verbundene Promotionsstudium werden im Wintersemester 2008/2009 erstmalig vier bis sechs Studierende zugelassen. Wer Interesse an einem der Stipendien hat, sollte sich mit dem Antrag sputen. Bewerbungsschluss ist der 12. Juli 2008. Mehr Informationen gibt es hier!

“Publizistik”-Rezensionen online

Nachdem ich das gedruckte Heft 2/2008 der “Publizistik” als Abonnent bereits vor ein paar Tagen im Briefkasten hatte, ist die neue Ausgabe nun auch online verfügbar. Erfreut stelle ich fest, dass der von Horst Pöttker und mir betreute Rezensionsteil diesmal wieder auch für Nicht-Abonnenten frei zugänglich ist. Die Rezensionen müssen zwar etwas umständlich als Einzel-PDFs gedownloadet werden, aber immerhin…

Auch auf die — leider kostenpflichtigen — Inhalte des Aufsatzteils sei kurz hingewiesen:

Silke Adam: Medieninhalte aus der Netzwerkperspektive

Sonja Glaab: Wilhelm II. und die Presse — Ein Medienkaiser in seinem Element?

Nikolaus Jackob/Thomas Petersen/Thomas Roessing: Strukturen der Wirkung von Rhetorik

Uli Bernhard/Wilfried Scharf: „Infotainment“ in der Presse

Die Kolumne (”Mega-Müll oder Mega-Chance? Bedenken und Bedenkenlosigkeiten aus dem Gratisblätterwald“) stammt diesmal von Marlis Prinzing. Das European Journalism Observatory stellt den Volltext netterweise umsonst zur Verfügung!

Mitarbeiter-Stelle im Bereich Medienpraxis

Die Kollegen vom Münsteraner Institut für Kommunikationswissenschaft suchen nach wie vor einen wissenschaftlichen Mitarbeiter (halbe Stelle, Entgeltgruppe 13 TVL). Der Bewerber soll die Lehrredaktion des Instituts leiten und die Lehrbeauftragten betreuen. Die Lehrverpflichtung liegt im Bereich der medienpraktischen Ausbildung. Wie ich gerade einer Rundmail entnehme, können “auch Bewerbungen, die im Laufe der 27. KW eingehen[,] noch berücksichtigt werden”. Die offizielle Ausschreibung gibt es hier!

Neue Studie: Netz verändert die Recherchekultur

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Google ist (noch) nicht das journalistische Rechercheinstrument Nummer eins. Aber dennoch: Computergestützte Wege der Informationsbeschaffung haben sich in den Redaktionen auf breiter Ebene etabliert und beeinflussen die Recherchekultur nachhaltig. Das sind zwei zentrale Ergebnisse einer neuen Studie, die der Leipziger Lehrstuhl für Journalistik II heute im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt hat.

Kernstück der Mehrmethodenerhebung war eine Beobachtung von 235 Journalisten bei 34 Medien-Angeboten (Print, Hörfunk, Fernsehen und Online). Sie wurde ergänzt durch eine standardisierte Befragung und ein Experiment, mit deren Hilfe analysiert werden sollte, wie Online-Recherchierverfahren den journalistischen Alltag verändern.

Die Auswertung der Daten von Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker zeigt: Das am meisten verwendete Recherchemittel ist nach wie vor das Telefon (15% aller beobachteten Handlungen). Insgesamt überwiegen jedoch computergestützte Recherchetätigkeiten gegenüber klassischen, nicht computergestützten Wegen der Informationsbeschaffung (47 zu 41%). Als wichtigste computergestützte Recherchetools führen Machill und sein Team E-Mails (12%), Suchmaschinen/Webkataloge (8%) und redaktionelle Websites (ebenfalls 8%) an.

Der zunehmende Einfluss des Internets auf den Recherche-Alltag manifestiert sich der Studie zufolge in einigen beunruhigenden Trends: So weisen die Autoren darauf hin, dass in den Redaktionen kaum noch Überprüfungsrecherchen (Quellencheck, Faktenkontrolle etc.) stattfinden. Im Gegensatz zu anderen Teilschritten einer journalistischen Recherche nehmen sie mit 8 Prozent einen vergleichsweise geringen Stellenwert ein.

Problematisch sei außerdem die zunehmende Selbstreferenzialität im Journalismus. Denn: Journalisten greifen bei ihrer Recherche im Netz vorwiegend auf andere journalistische Produkte zurück und nicht etwa auf Primärquellen wie Websites von politischen, wissenschaftlichen oder kulturellen Einrichtungen.

Bei der Präsentation der Studie im Haus der Bundespressekonferenz diskutierten verschiedene journalistische Praktiker über mögliche Konsequenzen aus den Befunden. Mehr oder weniger einhellig forderten sie eine verbesserte Rechercheförderung. Dabei griffen sie auch einige der von Machill et al. formulierten Handlungsempfehlungen auf. Hilfreiche Maßnahmen seien u. a. Recherchestipendien oder eine Formulierung einheitlicher Ausbildungsinhalte. Machills Anregung, als Gegenstück zu Google eine unparteiische und genossenschaftlich finanzierte Suchmaschinentechnologie für alle deutschen Medienunternehmen zu entwickeln, wurde in der Diskussion als unrealistisch verworfen.

Insgesamt kann die Studie zwar keine wirklich überraschenden neuen Erkenntnisse hervorbringen. Ihr kommt jedoch das Verdienst zu, den Zustand der journalistischen Recherchekultur in Deutschland erstmals auf verlässlicher empirischer Basis zu dokumentieren. Es ist zu hoffen, dass Medienpolitik, journalistische Praxis sowie Einrichtungen der Aus- und Weiterbildung die Befunde zur Kenntnis nehmen und jeweils eigene Konsequenzen daraus ziehen.

Eine offizielle Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse ist hier abrufbar.

Literatur:

Machill, Marcel/Beiler, Markus/Zenker, Martin (2008): Journalistische Recherche im Internet. Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online. Berlin: Vistas.

Foto: Peter Himsel 

…und jetzt: Musik!

Da ich momentan recht intensiv an zwei Papers arbeite, die bald abgeschlossen werden wollen, fällt die Postingfrequenz hier dieser Tage etwas mager aus. Überbrücken wir die Zeit mit etwas Musik: Weezer haben für ihren Song “Pork and Beans” (vom neuen “Roten Album”) einen herrlichen Clip vorgelegt, der auf amüsante Art und Weise Youtube-Exegese betreibt. Der “Musikexpress” hat sich die Mühe gemacht, die zahlreichen Verweise herauszuarbeiten. Ein wunderbares Stück Web-2.0-Geschichte!

(via)

Call: Web 2.0 aus medienethischer Perspektive

Ein äußerst spannendes Thema hat sich die DGPuK-Fachgruppe “Kommunikations- und Medienethik” für ihre nächste Jahrestagung ausgesucht. Unter dem Veranstaltungstitel “Web 2.0. Neue Kommunikations- und Interaktionsformen als Herausforderung der Medienethik” lädt sie am 12. und 13. Februar 2009 gemeinsam mit dem Netzwerk Medienethik an die Hochschule für Philosophie München ein. Im Mittelpunkt der Vorträge sollen die folgenden Themenbereiche und Leitfragen stehen:

1. Kommunikation

  • Inwiefern verändern digitale Handlungsbereiche (z.B. Briefsysteme, Bibliotheken, Datenbanken, Werbung, Videokonferenzsysteme, virtuelle Spielewelten) die Qualität der zwischenmenschlichen Kommunikation?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Kommunikationsbereiche der privaten-, wissenschaftlichen-, ökonomischen- und politischen Kommunikation?
  • In welcher Form kann das Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement zum Thema der Medienethik werden?
  • Wie lassen sich Debatten in Internetforen, Wikis und Blogs aus einer medienethischen Perspektive bewerten?
  • Welche Optionen ergeben sich durch die Nutzung digitaler Kommunikationsforen für die Forschung und Lehre im Kontext der “Medienethik”?

2. Öffentlichkeit(en)

  • In welcher Form kann die Grundkategorie “Öffentlichkeit” im neuen Netz medienethisch bewertet werden?
  • Inwieweit lassen sich die normativen Ansprüche an Öffentlichkeiten (u.a. Signal- und Warnfunktion, Kontroll-, Kritik- und Legitimationsfunktion, Transparenz, Allgemeine Zugänglichkeit und Allgemeinverständlichkeit) auf virtuelle Öffentlichkeiten übertragen?

3. Kommerzialisierung

  • Welche moralischen Konflikte ergeben sich zwischen Profitmaximierung und Wohlfahrtsorientierung und inwiefern existiert ein Spannungsfeld zwischen Marktfreiheit und Regulierung im Internet?
  • Welche medienethische Relevanz besitzt die Werbeüberflutung durch Spams, Bannerwerbung usw.?
  • Kann im Netz die Trennung zwischen werblichen und redaktionellen Inhalten transparent gestaltet werden?

4. Datenschutz und -sicherheit

  • Wie lässt sich der Anspruch auf Datenschutz und -sicherheit theoretisch begründen?
  • Wie ist die Erstellung von Nutzerprofilen angesichts des Handelns mit und der kommerziellen Nutzung von Internetdaten medienethisch zu bewerten?

5. Online-Journalismus

  • Inwiefern verändert sich das journalistische Umfeld und die Recherche durch die Nutzung des Internet?
  • Nach welchen normativen Kriterien sollten sich die Informationsauswahl, die Produktion von Inhalten sowie die Präsentation und Distribution von Inhalten orientieren?

6. Inhalte

  • Auf welchen Ebenen liegen die Problemfelder der konkreten Inhalte von Bildern und Texten im Internet und welche konkreten Maßnahmen sind aus medienethischer Perspektive legitim und wünschenswert, um moralisch fragwürdige Medieninhalte aufzuzeigen und zu begrenzen?
  • Wie kann die notwendige Abwägung zwischen dem Jugendschutz einerseits und dem Zensurverbot andererseits bewerkstelligt werden?

7. Urheberrecht

  • Auf welchen Ebenen und in welchen Kontexten werden urheberrechtliche Fragen im Web 2.0 tangiert?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, die Urheber vor dem Missbrauch ihrer Werke zu schützen?

8. Postulate

  • Inwiefern lassen sich abstrakte (medien-)ethische Idealnormen wie Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Öffentlichkeit, Partizipation, Verantwortung und Nachhaltigkeit auf die Praxis des Web 2.0 anwenden?
  • Gibt es überhaupt Handlungsspielräume, um die Forderungen an eine “Netiquette” (u.a. Transparenz, allgemeine Zugänglichkeit, Redlichkeit, Aufgeschlossenheit, Dialogbereitschaft, Neugierde und Offenheit für Argumente, Partizipation, Nachprüfbarkeit der Information, offene dezentrale Strukturen) in der Praxis durchsetzen?

9. Institutionelle Selbstkontrolle

  • Kann die Arbeit die bestehenden Medienselbstkontrollinstanzen für das Internet als effektiv angesehen werden und an welchem Punkt gibt es ggf. Verbesserungsmöglichkeiten?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, den Jugendschutz im Web 2.0 angemessen umzusetzen?

Einreichungen können bis zum 30. September 2008 an Barbara Thomaß oder Christian Schicha gerichtet werden. Detaillierte Informationen enthält der vollständige Call for Papers. (via)

Tom Kummer und der “gute Publizistik-Professor”

kummer.jpgIn einem Rezensionsessay für die “Publizistik” hat Bernhard Pörksen im vergangenen Jahr die Autobiografie des Borderline-Journalisten Tom Kummer besprochen (vgl. Pörksen 2007). Darin setzte er sich unter anderem kritisch mit der journalistischen Arbeitsweise Kummers auseinander, der bekanntlich zahlreiche Star-Interviews u. a. für das Magazin der “Süddeutschen Zeitung” gefälscht und damit einen mittelschweren Medienskandal ausgelöst hatte.

In einem Gastkommentar für die “taz” greift Tom Kummer diese Rezension nun auf. Am Ende eines weit ausholenden Plädoyers für “eine Neudefinition von Realität” in wenig ertragreichen Interview-Situationen kommt er auf Bernhard Pörksen zu sprechen:

Es gibt so viele Fragen rund um das Überleben der Printmedien. Kürzlich wurden mir solche Fragen von einem Publizistik-Professor gestellt, der mich für ein Interviewbuch zum Thema “Zukunft der Printmedien” gewinnen wollte. Es waren fantastische Fragen, Fragen des Überlebens: Wann beginnt der Betrug der Redaktionskollegen und des Publikums? Ist nicht jeder Akt der sprachlich-dramaturgischen Gestaltung letztlich auch ein Akt der Fiktionalisierung? Können Journalisten nur überleben, wenn sie eine scheinbar eindeutige Unterscheidung von Fakt und Fiktion untergraben? Darauf wusste ich nicht viel zu sagen. Außer: dass es vielleicht für Interviewer nur Rettung im New Journalism gibt, der mit der Faszination des Fiktiven spielt.

Aber welcher Grad der von Ihnen, Herr Kummer, angewandten Konstruktivität könnte denn heute als Grundlage einer journalistischen Ethik taugen? Sollte man angesichts des PR-Journalismus und des “Spindoctoring” die von ihnen praktizierte Erfahrung der Intersubjektivität mainstreammäßig anerkennen?

Eine grandiose Wahnsinnsfrage. Meine Rettung!

Was Tom Kummer freilich nicht erwähnt, ist der Umstand, dass diese “Wahnsinnsfragen” teilweise fast wortwörtlich aus Bernhard Pörksens “Publizistik”-Rezension übernommen sind. Er stellt sie in einen neuen, fiktionalisierten Kontext und setzt sein selbstreferenzielles Spiel damit fort.

Ein bemerkenswertes Beispiel für Kummers Art und Weise, Journalismus zu betreiben.

Und eine wirklich kuriose Replik auf eine wissenschaftliche Buchbesprechung.

(Danke an Bernhard Pörksen für den Hinweis an die “Publizistik”-Redaktion!)

Literatur:

Kummer, Tom (2008): Das Pamela-Anderson-Prinzip. Plädoyer für eine Neudefinition von Realität auf der EM. In: taz vom 6.6.2008. Online unter: http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/die-em-und-das-pamela- anderson-prinzip/

Pörksen, Bernhard (2007): Apologie eines Fälschers. Die Memoiren des Borderline-Journalisten Tom Kummer. In: Publizistik 52, Heft 3/2007, S. 405-408. Online unter: http://www.vsjournals.de/index.php;do=pdf/ sid=676e1aa6603b17238436c27370f3e14d/site=pub/lng=de/area=kom/article _id=5193/doi=10.1007~s11616-007-0178-8

Foto: NiceBastard