Archiv für April 2008 pt. 2 von 2



Call: Perspektiven Kritischer Kommunikations- und Medientheorien

Eine Tagung zu den “Perspektiven Kritischer Kommunikations- und Medientheorien” findet vom 30. Oktober bis zum 1. November 2008 an der Universität Lüneburg statt. Ziel ist es, “die Tragfähigkeit und Weiterentwicklung gesellschaftstheoretisch fundierter kritischer Theorien zu diskutieren und voranzutreiben sowie diese im Hinblick auf ihre gemeinsamen Grundlagen zu durchleuchten”. Willkommen sind Beiträge, die

  • [sich] unter Bezug auf Bourdieus Kapitalkonzept kritisch mit dem gesellschaftlichem Wandel durch die Aneignung digitaler Medien und deren Folgen für die Menschen und ihre Lebenschancen beschäftigen und dabei technizistische Konzepte wie ‘Digital Divide’ überwinden,
  • Überlegungen zur Kulturindustrie revitalisieren und die damit verbundenen Begriffe wie etwa den der ‘Selbstverdinglichung’ für die Analyse von Medienhandeln aufgreifen,
  • in der Tradition von Gramsci und den Cultural Studies die Verbindung von Hegemonie und Ideologie für die Analyse von Medien bzw. Medienangeboten fruchtbar machen,
  • die Bedeutung der politischen Ökonomie herausstellen und dem Zusammenhang von Gesellschaftsveränderung und geänderten Bedingungen von Medienproduktion, -repräsentation und -aneignung nachgehen,
  • im Anschluss an Foucault Medien als Kulturtechnologien diskutieren bzw. verfolgen, wie Machtverhältnisse in Mediendiskursen zum Ausdruck kommen oder mediale Angebote als Modus der Subjektivierung und Form der Selbsttechnik in den Mittelpunkt stellen,
  • aktuelle feministische Theoriebildung für Fragestellungen der kommunikations- und medienwissenschaftlichen Geschlechterforschung aufgreifen.

Abstracts von 4000 bis 5000 Zeichen nehmen die Organisatoren Tanja Thomas, Friedrich Krotz und Jan Pinseler bis zum 15. Juni 2008 entgegen. Zum vollständigen Call for Papers geht es hier! (via)

Wandertag

Auf den ersten Blick haben Coole Park und Bristol zwar nicht so furchtbar viel gemein, aber dieser Hinweis sei mir dennoch erlaubt: Portishead haben gestern Nacht auf ihrer Homepage ein beeindruckendes Studiokonzert übertragen, bei dem bereits einige Stücke des für Ende April angekündigten Albums “Third” vorgestellt wurden. Nachdem die Band sich für einige Jahre zurückgezogen hatte, warte ich schon geradezu sehnsüchtig auf den Veröffentlichungstermin — umso mehr nach der gestrigen Performance. Die Frage liegt nahe: Ist das schon die Platte des Jahres?

Möge der Konzertmitschnitt — inzwischen bei Current TV zu sehen — dabei helfen, die letzten Wochen des Wartens zu überbrücken!

Nachtrag vom 29. April 2008: Pünktlich zum Veröffentlichungstermin hat Current TV den Mitschnitt von der Seite genommen. Sei’s drum, jetzt haben wir ja die Platte…

Newsroom: Brauchen wir einen “integrierten” Forschungsansatz?

Einen erwähnenswerten Aufsatz über “Integrated and Cross-Media Newsroom Convergence” enthält die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift “Convergence”. José Alberto García Avilés und Miguel Carvajal (Universidad Miguel Hernández, Elche) haben eine Fallstudie mit zwei regionalen spanischen Medienunternehmen durchgeführt, die bereits seit einigen Jahren an einer crossmedialen Verzahnung ihrer Print-, Online-, Radio- und Fernsehplattformen arbeiten. Für die Erhebung wurden Interviews mit journalistischen Mitarbeitern geführt, ergänzt durch Redaktionsbeobachtungen (Feldphase: November 2006 und Januar 2007). Aus den gewonnenen Daten leiten die beiden Autoren zwei verschiedene Modelle der Newsroom-Konvergenz ab: ein “cross-media model” und ein “integrated model”. Anhand der einzelnen Parameter lässt sich beschreiben, in welchem Maße journalistische Handlungsmuster sich an die konvergente Medienumgebung angepasst haben. Die beiden Modelle im Überblick:

Cross-media model:

  • Physical structure: Two or more separate newsrooms
  • Newsroom management: A multimedia editor in each platform
  • News flow: Based on multimedia editors
  • Degree of multi-skilling: An option
  • Levels of multi-skilling: Distribution
  • Training in multi-skilling: None
  • Compensation for multi-skilling: Professional, no monetary
  • Percentage of multi-skilled journalists: Less than 10%
  • Content/platform relationship: Platform is primary, as important as content
  • Professional cultures: Each medium’s own culture
  • Implementation of the project: Gradually and in the long term
  • Attitude from journalists: Attitude of wait and see
  • Cross-promotion: Advertising, content and some collaboration
  • Project scope: Company convergence
  • Strategy: Convergence as a tool

Integrated model:

  • Physical structure: One single newsroom, direct eye contact
  • Newsroom management: A single news editor
  • News flow: Based on a central desk
  • Degree of multi-skilling: A requisite
  • Levels of multi-skilling: Newsgathering, production and distribution
  • Training in multi-skilling: Some, but insufficient
  • Compensation for multi-skilling: Professional, no monetary
  • Percentage of multi-skilled journalists: At least 50%
  • Content/platform relationship: Content is primary, platform is secondary
  • Professional cultures: One culture across boundaries
  • Implementation of the project: Directly and in the short term
  • Attitude from journalists: Many show resistance, with dismissals
  • Cross-promotion: Advertising, content and collaboration
  • Project scope: Company and newsroom convergence
  • Strategy: Convergence as a goal

(Quelle: García Avilés/Carvajal 2008: 236)

Mit ihrer Analyse ermöglichen die Autoren interessante Einblicke in das Innenleben konvergierender Nachrichtenredaktionen. Indem sie auf einige zentrale Problemzonen hinweisen, bieten sie auch journalistischen Praktikern wertvolle Hilfestellungen bei der weiteren Ausarbeitung bestehender Newsroom-Konzepte.

Durch die vorrangige Ausrichtung auf die journalistische Praxis geraten andere wichtige Perspektiven auf das Phänomen der Konvergenz jedoch ins Hintertreffen. So fehlt beispielsweise eine weiterführende Diskussion technologischer, betriebswirtschaftlicher und kommunikativer Aspekte, die die Arbeitsrealität professioneller Journalisten in einer konvergierenden Medienumgebung in hohem Maße prägen. Eine solche “integrierte” Sichtweise ist für die weitere Forschung aber unbedingt notwendig. Dabei müssten dann dringend auch größere Fallzahlen berücksichtigt werden. Für einen Vergleich verschiedener mehrmedial arbeitender Nachrichtenredakionen bieten García Avilés und Carvajal mit ihrem Modellentwurf einen plausiblen Ansatz.

Literatur:

García Avilés, José Alberto/Carvajal, Miguel (2008): Integrated and Cross-Media Newsroom Convergence. Two Models of Multimedia News Production — The Cases of Novotécnica and La Verdad Multimedia in Spain. In: Convergence 14, Heft 2/2008, S. 221-239

Blogforscher nehmen Maß: AG Social Media gegründet

So schnell kann es gehen: Am Ostermontag rief Benedikt Köhler über sein Blog dazu auf, eine Forschungsgruppe zur Vermessung der Blogosphäre zu gründen. Rund anderthalb Wochen später war sie da: die Arbeitsgemeinschaft Social Media. Wesentliches Anliegen des Zusammenschlusses ist die Erarbeitung von neuen Standards bei der Erforschung von Weblogs und anderer Social Software. Darauf aufbauend soll es möglich werden, Aussagen über die politische und gesellschaftliche Relevanz des Mitmach-Webs zu formulieren.

Die gegenwärtigen Probleme bei der quantitativen und qualitativen Bewertung von Blogs erklärt Benedikt im Interview bei medienlese.com:

Bei der Werbevermarktung gibt es schlicht keine Metriken, die die Reichweite sinnvoll abbilden können. Einfachstes Beispiel: Die Page Impressions, die nach wie vor das gängige Kriterium sind. Die bilden aber das Nutzerverhalten nur sehr ungenau ab, weil sie eine Startseite gleich werten wie ein einzelner Artikel, wie auch ein einzelnes Bild in einer Bildergalerie.

Das soll durch die Initiative der AG Social Media nun anders werden. Die Resonanz auf die Gründung zeigt, dass sie mit ihrer Zielsetzung auf ein durchaus beachtliches Interesse stößt. Einige weiterführende Ideen für ein “Messsystem jenseits der Page Impressions” hat mittlerweile Christiane Schulzki-Haddouti zusammengetragen. Doch damit geht die inhaltliche Diskussion gerade erst los.

Es dürfte spannend sein, die Arbeit dieser wichtigen Initiative im Blick zu behalten.

Jetzt auch im Singular: hardbloggingscientist.de

“Kritisch, futuristisch, diskursiv” soll es werden — das neue Blog von Steffen Büffel. Unter hardbloggingscientist.de will der Medienwissenschaftler, in der Community bislang vor allem durch seine Publikationsaktivitäten auf Media-Ocean bekannt, sich künftig forschungsnahen Aspekten rund um das Thema Social Media widmen. Aktuell geht es beispielsweise um die “Zukunft des Lernens“. Auf die weitere Entwicklung des Blogs darf man gespannt sein. (via)

Empirische Sozialforschung und journalistische Recherche im Social Web

Welche forschungsethischen Richtlinien gelten für Erhebungen im Social Web? Diese ebenso wichtige wie spannende Frage hat Jan Schmidt vor knapp zwei Wochen in seinem Blog aufgeworfen und gleichzeitig in einer längeren E-Mail über die GIR-L verbreitet. Hintergrund ist ein gemeinsames Forschungsprojekt des Hans-Bredow-Instituts und der Universität Salzburg zum Thema “Jugendliche und Web 2.0″, für das u. a. die Plattform “SchülerVZ” näher untersucht werden soll. Ein grundlegendes Problem für das Projektteam stellte sich gleich zu Beginn ein: Wie kann man sich als Forscher überhaupt Zugang zu einem sozialen Netzwerk wie “SchülerVZ” verschaffen, das seiner Absicht nach ja nur Schülern offen steht? Sicherlich wäre es ohne weiteres möglich, sich mit einer fiktiven Identität zu registrieren, um dann verdeckte Erhebungen durchzuführen. Dabei würde man jedoch schnell in Argumentationsnöte geraten, denn mit “guter wissenschaftlicher Praxis” hätte ein solches Vorgehen sicherlich nicht viel zu tun. Die sich daraus ergebenden Folgefragen sind mittlerweile an verschiedenen Orten weiterdiskutiert worden. Auch ich habe mich mit einem kurzen Einwurf beteiligt, den das Projektteam inzwischen aufgegriffen hat und den ich nun — mit etwas zeitlichem Abstand — präzisieren möchte:

Denn mich reizt an der Diskussion vor allem ein (Neben-)Aspekt: die Parallelität von empirischer Sozialforschung und journalistischer Recherche im Social Web. Dass die Tätigkeiten von Sozialwissenschaftlern und Journalisten sich in vielerlei Hinsicht ähneln und beide Berufsgruppen infolgedessen voneinander lernen können, hat u. a. Bernd Klammer (2005) anschaulich dargelegt. Entsprechende Vergleiche haben sich in der Vergangenheit allerdings fast ausschließlich auf Beispiele bezogen, bei denen die Daten- bzw. Informationsbeschaffung offline stattfand. Gerade durch die fortschreitende Erschließung des Internets (und nun auch des Social Webs) für wissenschaftliche und journalistische Zwecke werden jedoch neue Fragen aufgeworfen, die in keinem der beiden Arbeitsfelder zufriedenstellend beantwortet sind. So fehlt es beispielsweise in der Journalistenausbildung bislang an einem einschlägigen Ratgeber zur Recherche im Neuen Netz; und dass auch in der empirischen Sozialforschung vieles ungeklärt ist, zeigt die gerade angestoßene Diskussion.

Für den weiteren Verlauf dieser Diskussion halte ich es für nutzbringend, die berufsethischen Fragestellungen in Journalismus und Forschung miteinander in Beziehung zu setzen. Wenn man verschiedene Konfliktfälle aus beiden Bereichen zusammenträgt, wird man unweigerlich Ähnlichkeiten feststellen. Eine Erörterung dieser Fälle dürfte Konfliktlösungsmuster bereitstellen, die sowohl in der Journalismus- als auch in der Forschungsethik anwendbar sind und von denen daher alle Beteiligten nur profititieren können.

Für den Journalismus fallen mir aus dem Stegreif eine ganze Reihe von Beispielen ein, die auf die von Jan Schmidt aufgeführten Fragen übertragbar sind. Dabei muss es nicht immer gleich um die Verwertung von Details aus der Privat- und Intimsphäre gehen, wie die “Bild”-Zeitung dies seit einiger Zeit mit Nutzer-Daten aus dem “StudiVZ” praktiziert (vgl. dazu die aktuelle Berichterstattung in der taz). Mögliche Konflikte tauchen bereits auf einer viel grundlegenderen Ebene auf. Dazu einige Schlaglichter aus dem Alltag unserer Dortmunder Lehrredaktion Online- und Medienjournalismus:

1. Wiederholt wurde von Lehrredaktionsteilnehmern die Frage gestellt, ob es ethisch vertretbar sei, aus Blogs zu zitieren, ohne vorher explizit Rücksprache mit dem Urheber gehalten zu haben. Ich meine dazu: Ja, prinzipiell ist das vertretbar, sofern es sich um frei zugängliche Blogs handelt und die relevanten Inhalte auch wirklich als Zitat verarbeitet werden. Dazu gehört auch eine ausreichende Quellentransparenz, idealerweise mit direktem Link auf die zitierte Passage. Überdies ist natürlich die Glaubwürdigkeit der verarbeiteten Informationen zu prüfen, aber ein entsprechender Gegencheck sollte bei einer journalistischen Recherche ohnehin selbstverständlich sein.

2. Ähnliches gilt für das Zitieren aus Foren: Bei entsprechender Quellentransparenz halte ich das für unverwerflich, allerdings nur bei öffentlichen Foren. Bei eingeschränktem Zugang sollte sich ein recherchierender Journalist auch als solcher zu erkennen geben und vor einer Verarbeitung gewonnener Informationen bei den Betroffenen um Erlaubnis bitten.

3. Bei zugangsbeschränkten Networking-Plattformen ist es aus meiner Sicht grundsätzlich notwendig, offen zu agieren.

4. Ein wenig komplizierter ist die Beurteilung bei einer Recherche in virtuellen Welten wie “Second Life”, “World of Warcraft” etc. Einige Studierende unseres Instituts haben dazu im vergangenen Jahr ein umfangreiches multimediales Online-Spezial erarbeitet. Die Herangehensweisen waren hierbei sehr unterschiedlich. Folglich fiel die Entscheidung, ob eine verdeckte teilnehmende Beobachtung ethisch vertretbar ist oder nicht, von Fall zu Fall anders aus. Für diesen Bereich fällt es mir schwer, eine allgemeine Richtlinie zu formulieren.

Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig fortführen. Allerdings wird bereits anhand der genannten Punkte deutlich, wie ähnlich die Problemlagen von Journalisten und Sozialforschern bei der Erkundung des Social Webs sind. Eine Sammlung, Kategorisierung und Erörterung weiterer Fälle aus beiden Arbeitsfeldern wäre sicherlich viel versprechend.

Literatur:

Klammer, Bernd (2005): Empirische Sozialforschung. Eine Einführung für Kommunikationswissenschaftler und Journalisten. Konstanz: UVK

Die Blog-Welt in fünf Minuten

Die Deutsche Welle ist mit einem erwähnenswerten neuen Audio-Format on air bzw. online gegangen: In der “Blogschau” informiert Marcus Bösch ab sofort einmal pro Woche “über Trends im Netz und taucht ein in die Welt der Blogs sowie Pod- und Vodcasts” (Pressemitteilung). Die erste Ausgabe kann zwar noch keine großen inhaltlichen Überraschungen bieten und will mit kurzen Beiträgen über Spreeblick.com, YouTube und das GoogleWatchBlog wohl eher ein Publikum ansprechen, das sich in der Blogosphäre bislang noch nicht heimisch fühlt (das spannende Thema “Tibet 2.0″ fällt hier ein wenig aus der Reihe). Aber das ist ja ein durchaus sympathisches Ansinnen. In diesem Sinne: Weitermachen!