Das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten galt lange Zeit als vergiftet. Inzwischen mehren sich jedoch — zumindest in der Fachpublizistik — die Stimmen, die für eine pragmatische Annäherung der beiden Akteursgruppen plädieren. Im Mittelpunkt steht dabei immer häufiger die Frage: Was können Journalisten von Bloggern lernen? — Eine ganze Menge, wie mehrere aktuelle Beiträge zeigen.
Ein lesenswerter Überblick zu diesem Thema ist beispielsweise die aktuelle Titelgeschichte von “M - Menschen Machen Medien” (Heft 4/2008): Unter der Überschrift “Mit Bloggern auf Augenhöhe” diskutiert Christiane Schulzki-Haddouti einige zentrale Eigenschaften der Blogosphäre, die auch Journalisten sich gewinnbringend zu Eigen machen können. Ihre These: Nicht nur in punkto Diskursivität, Transparenz und Selbstkontrolle seien Blogger den klassischen Medien um einiges voraus. Gerade auch mit Blick auf die Vernetzung hätten viele Journalisten Nachholbedarf. Bemerkbar mache sich das etwa bei der bislang kaum adäquaten Einbindung von “user-generated content” in journalistische Publikationen. Dabei wäre es so einfach, Leser durch Verlinkung in die Berichterstattung zu integrieren. “Ein solcher leserbezogener ‘Backlink’ wäre im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Währung und sollte nicht nur in einem Beikasten, sondern in den Haupttext integriert werden. Konsequent angewandt und weiterentwickelt könnte hier ein neues journalistisches Format entstehen”, argumentiert Christiane Schulzki-Haddouti (2008: 9). Ergänzt wird ihre Analyse durch einen Beitrag zur Zukunft des Print-Journalismus und einige Hinweise auf praktische Social-Media-Tools.
Für Letztere interessiert sich auch Paul Bradshaw. Auf Journalism.co.uk stellt er verschiedene Blogger-Werkzeuge vor, die auch bei einer journalistischen Recherche nützlich sein können. Sein Konzept des “Passive-Aggressive Newsgathering” hat er in seinem Blog inzwischen noch einmal ausführlicher diskutiert: Das Abonnement von thematisch relevanten RSS-Feeds ist demnach als eher passive Art der journalistischen Informationsbeschaffung einzuordnen; die Recherche in sozialen Netzwerken sei hingegen eine eher aktive Vorgehensweise. Für beide Kategorien listet Paul eine Reihe von Beispielen auf, die sicherlich nicht nur für Blog-Beginner interessant sind. Zur Hinterfragung herkömmlicher journalistischer Recherchestrategien taugen seine Einwürfe allemal.
Die angeführten Beiträge sind schöne Beispiele dafür, dass sich Blogger und Journalisten sinnvoll ergänzen können. In der Kommunikationswissenschaft wird schon seit längerem die These diskutiert, “dass zwischen Weblogs und professionellem Journalismus primär eine komplementäre, weniger eine konkurrierende Beziehung besteht” (Neuberger/Nuernbergk/Rischke 2007: 110). Der neue Pragmatismus, der in den Texten von Christiane Schulzki-Haddouti und Paul Bradshaw zum Tragen kommt, füllt diese These nun mit Leben. Wie lange wird es wohl noch brauchen, bis dieses Leben auch in den Redaktionen ankommt?
Literatur:
Bradshaw, Paul (2008): How to: use RSS and social media for newsgathering. Online unter: http://www.journalism.co.uk/7/articles/531343.php
Neuberger, Christoph/Nuernbergk, Christian/Rischke, Melanie (2007): Weblogs und Journalismus: Konkurrenz, Ergänzung oder Integration? Eine Forschungssynopse zum Wandel der Öffentlichkeit im Internet. In: Media Perspektiven, Heft 2/2007, S. 96-112. Online unter: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/ 02-2007_Neuberger.pdf
Schulzki-Haddouti, Christiane (2008): Mit Bloggern auf Augenhöhe. In: M - Menschen Machen Medien 57, Heft 4/2008, S. 8-10. Online unter: http://mmm.verdi.de/archiv/2008/04/titelthema_blogs/ mit_bloggern_auf_augenhoehe


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