Archiv für April 2008

Calls: Zwei Tagungen in Ilmenau

“Zwischen Babel und ‘Earth City’” — so lautet der Titel der ersten Konferenz des Netzwerks Interkulturelle und Internationale Kommunikation, die vom 30. Oktober bis zum 1. November 2008 am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Ilmenau stattfindet. Inzwischen liegt der Call for Papers vor. Vorschläge für konkrete Vorträge können bis zum 11. August 2008 an Liane Rothenberger geschickt werden. Mögliche Themen:

Ungleichgewichte und Dominanzverhältnisse in internationalen Kommunikationsflüssen, Routinen und Störfälle der grenzüberschreitenden Krisen- und Konfliktkommunikation, der (dysfunktionale) Einfluss internationaler Public Relations auf Länder und Kulturen, die komplexen und keineswegs widerspruchsfreien Entstehungsbedingungen transnationaler und transkultureller Kommunikationsräume oder Erfolgsfaktoren interkultureller Dialogveranstaltungen.

Zum vollständigen Call geht es hier! (via)

Nur eine Woche später — genauer: vom 6. bis zum 8. November 2008 — findet in Ilmenau eine Tagung der DGPuK-Fachgruppe “Computervermittelte Kommunikation” statt. Sie steht unter dem Motto “Politik 2.0″ und soll den Einfluss der CvK auf die Politik und den politischen Prozess ebenso unter die Lupe nehmen wie die Bedeutung der Politik für die Ausgestaltung und Regulierung der CvK. Auch für diese Tagung sind nach wie vor Einreichungen möglich. Mehr dazu auf der Tagungshomepage, die mittlerweile schon einige Informationen zum Programm bereithält. Zumindest der Keynote Speaker steht fest. Es ist — Andrew Keen.

Einführung in die Medienwirkungsforschung — online

Noch ein Link nach Augsburg: Am dortigen Institut für Medien und Bildungstechnologie bastelt man seit Beginn des laufenden Sommersemesters mit interaktiven audiovisuellen Veranstaltungsmitschnitten. Versuchskaninchen ist Christiane Eilders. Ihre Vorlesung “Einführung in die Medienwirkungsforschung” kann seit einigen Tagen auch online goutiert werden. Eine RM-Datei mit der Auftaktveranstaltung steht hier zum Download zur Verfügung (243 MB), ein etwas handlicheres MP3 gibt es hier (74 MB). Die nachfolgenden Sitzungen werden nach und nach auf dem Server des Medienlabors ergänzt.

Online-Umfrage zum Thema Knowledge Blogs

Eine interessante Masterarbeit über Knowledge Blogs entsteht derzeit am Institut für Medien und Bildungstechnologie der Universität Augsburg. Tamara Bianco führt zu diesem Zwecke eine Befragung durch — und ist auf der Suche nach bloggenden Wissenschaftlern, die daran teilnehmen. Ich bin diesem Wunsch gerade bereits nachgekommen. Jetzt gebe ich das Stöckchen weiter. Zum Fragebogen geht es hier! (via)

Die Zukunft der Medienkritik

“Um die Zukunft der Medienkritik in den klassischen Medien ist es nicht gut bestellt.” So lautet die Quintessenz eines Vortrages, den Stefan Niggemeier gestern Abend am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn gehalten hat. Dabei ging es vor allem um mögliche Alternativen zum herkömmlichen Medienjournalismus, also um “BILDblog, Medienkritik im Internet, das Selbständigmachen und sowas” — das übliche “Zeugs” eben, um mit den Worten Niggemeiers zu sprechen. Dankenswerterweise haben die Paderborner Kollegen dieses “Zeugs” via Mogulus dokumentiert — oder wenigstens Teile davon, die ersten 20 Minuten des Referats fehlen nämlich. Aber der Rest ist auch sehenswert!

Der neue Pragmatismus

Das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten galt lange Zeit als vergiftet. Inzwischen mehren sich jedoch — zumindest in der Fachpublizistik — die Stimmen, die für eine pragmatische Annäherung der beiden Akteursgruppen plädieren. Im Mittelpunkt steht dabei immer häufiger die Frage: Was können Journalisten von Bloggern lernen? — Eine ganze Menge, wie mehrere aktuelle Beiträge zeigen.

Ein lesenswerter Überblick zu diesem Thema ist beispielsweise die aktuelle Titelgeschichte von “M - Menschen Machen Medien” (Heft 4/2008): Unter der Überschrift “Mit Bloggern auf Augenhöhe” diskutiert Christiane Schulzki-Haddouti einige zentrale Eigenschaften der Blogosphäre, die auch Journalisten sich gewinnbringend zu Eigen machen können. Ihre These: Nicht nur in punkto Diskursivität, Transparenz und Selbstkontrolle seien Blogger den klassischen Medien um einiges voraus. Gerade auch mit Blick auf die Vernetzung hätten viele Journalisten Nachholbedarf. Bemerkbar mache sich das etwa bei der bislang kaum adäquaten Einbindung von “user-generated content” in journalistische Publikationen. Dabei wäre es so einfach, Leser durch Verlinkung in die Berichterstattung zu integrieren. “Ein solcher leserbezogener ‘Backlink’ wäre im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Währung und sollte nicht nur in einem Beikasten, sondern in den Haupttext integriert werden. Konsequent angewandt und weiterentwickelt könnte hier ein neues journalistisches Format entstehen”, argumentiert Christiane Schulzki-Haddouti (2008: 9). Ergänzt wird ihre Analyse durch einen Beitrag zur Zukunft des Print-Journalismus und einige Hinweise auf praktische Social-Media-Tools.

Für Letztere interessiert sich auch Paul Bradshaw. Auf Journalism.co.uk stellt er verschiedene Blogger-Werkzeuge vor, die auch bei einer journalistischen Recherche nützlich sein können. Sein Konzept des “Passive-Aggressive Newsgathering” hat er in seinem Blog inzwischen noch einmal ausführlicher diskutiert: Das Abonnement von thematisch relevanten RSS-Feeds ist demnach als eher passive Art der journalistischen Informationsbeschaffung einzuordnen; die Recherche in sozialen Netzwerken sei hingegen eine eher aktive Vorgehensweise. Für beide Kategorien listet Paul eine Reihe von Beispielen auf, die sicherlich nicht nur für Blog-Beginner interessant sind. Zur Hinterfragung herkömmlicher journalistischer Recherchestrategien taugen seine Einwürfe allemal.

Die angeführten Beiträge sind schöne Beispiele dafür, dass sich Blogger und Journalisten sinnvoll ergänzen können. In der Kommunikationswissenschaft wird schon seit längerem die These diskutiert, “dass zwischen Weblogs und professionellem Journalismus primär eine komplementäre, weniger eine konkurrierende Beziehung besteht” (Neuberger/Nuernbergk/Rischke 2007: 110). Der neue Pragmatismus, der in den Texten von Christiane Schulzki-Haddouti und Paul Bradshaw zum Tragen kommt, füllt diese These nun mit Leben. Wie lange wird es wohl noch brauchen, bis dieses Leben auch in den Redaktionen ankommt?

Literatur:

Bradshaw, Paul (2008): How to: use RSS and social media for newsgathering. Online unter: http://www.journalism.co.uk/7/articles/531343.php

Neuberger, Christoph/Nuernbergk, Christian/Rischke, Melanie (2007): Weblogs und Journalismus: Konkurrenz, Ergänzung oder Integration? Eine Forschungssynopse zum Wandel der Öffentlichkeit im Internet. In: Media Perspektiven, Heft 2/2007, S. 96-112. Online unter: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/ 02-2007_Neuberger.pdf

Schulzki-Haddouti, Christiane (2008): Mit Bloggern auf Augenhöhe. In: M - Menschen Machen Medien 57, Heft 4/2008, S. 8-10. Online unter: http://mmm.verdi.de/archiv/2008/04/titelthema_blogs/ mit_bloggern_auf_augenhoehe

Mitarbeiter-Stelle im Bereich Online-Journalismus

ifj1.jpgDas Dortmunder Institut für Journalistik sucht einen wissenschaftlichen Mitarbeiter (halbe Stelle, Entgeltgruppe 13 TVL) für den Lehrbereich Online-Journalismus. Bewerbungen sind bis zum 7. Mai 2008 möglich. Weitere Informationen dazu gibt es hier!

Ombudsleute in den Medien — Warum erst jetzt?

iq.gifÜber journalistische Qualität wird (völlig zu Recht) gerne und viel diskutiert — zuletzt etwa im Zusammenhang mit unkritischen Recherchemethoden beim RBB-Magazin “Polylux”. Ein neues Patentrezept für eine bessere Berichterstattung hat nun die “Initiative Qualität im Journalismus” (IQ) entdeckt. Per Pressemitteilung fordert sie “mehr Ombudsleute in den Medien”.

Warum Ombudsleute ein wesentlicher Faktor der Qualitätssicherung sein können, erläutert die IQ in sieben Thesen. Hier der Wortlaut:

  1. Ombudsleute in den Medien sind Vermittler zwischen der Leserschaft/den Rezipienten und der Redaktion. Sie verstehen sich sowohl als Anwälte der Leserschaft/der Rezipienten als auch der Pressefreiheit und sind Teil der Medienselbstkontrolle.
  2. Ombudsleute sind allein den gesetzlichen und berufsethischen Standards der Medien und des Journalismus verpflichtet. Sie arbeiten auf dieser Basis unabhängig und sachbezogen.
  3. Ombudsleute sind verlässliche, kompetente Ansprechpartner für Kritik und Anregungen der Leserschaft/der Rezipienten. Sie sind offen für deren Anliegen und vermitteln den Dialog.
  4. Ombudsleute wirken durch ihre berufliche Erfahrung, ihre Unabhängigkeit und ihre Persönlichkeit.
  5. Ombudsleute stärken Transparenz und Glaubwürdigkeit von Medien, indem sie Inhalte, Ergebnisse und Begründungen ihrer Arbeit und damit zugleich Fragen der Pressefreiheit und des Medienalltags in einer eigenen Kolumne/Sendung veröffentlichen.
  6. Ombudsleute fördern auch die interne Diskussion in den Medien über Leistungen und Fehlleistungen. Sie sind damit ein Faktor der Qualitätskontrolle und -verbesserung.
  7. Ombudsleute fördern den Austausch zwischen den professionell tätigen Journalistinnen/Journalisten und ihrem Publikum. Sie tragen dadurch zur Stärkung der Qualität bei, die eine Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit der Medien ist.

Der Forderung der IQ ist sicherlich zuzustimmen, nur drängt sich die Frage auf: Warum erst jetzt? Dass sich Ombudsleute in Medienunternehmen als Mittler und Schlichter auch positiv auf die Qualität der journalistischen Berichterstattung auswirken können, wird in der Fachliteratur seit vielen Jahren diskutiert — und außerhalb Deutschlands auch sehr erfolgreich praktiziert. Stephan Ruß-Mohl hat beispielsweise 1994 in seinem Buch “Der I-Faktor” von der Arbeit der “reader representatives” bei US-amerikanischen Tageszeitungen berichtet (vgl. Ruß-Mohl 1994: 170ff.) und als “Modell für Europa” empfohlen.

In Deutschland konnte sich diese Idee bislang dennoch nicht durchsetzen. Ruß-Mohl vermutet die Ursache dafür in einem für die USA typischen “grassroots-Verständnis von Politik”, das “nicht nur in einer stärkeren Dezentralisierung politischer Institutionen, sondern eben auch in Form von Selbstkontroll- und Selbskritik-Organen der Presse auf der regionalen, lokalen oder — im Fall von Ombudsleuten — sogar betrieblichen Ebene seinen Ausdruck” (ebd.: 175) findet. In Deutschland hingegen sei das “Gemeinwesen von einem starken Zentralstaat überwölbt. In Analogie dazu gibt es einen Presserat auf Bundesebene; dem föderalistischen Prinzip wird jedoch mit den Medienanstalten und Rundfunkräten auf Landesebene Geltung verschafft.” (ebd.: 174f.)

Ob das unterschiedliche Föderalismus-Verständnis in Deutschland und den USA tatsächlich der zentrale Grund dafür ist, dass das Prinzip des Leseranwalts hierzulande noch kaum auf Gegenliebe gestoßen ist, sei dahingestellt. Immerhin zeigt sich, dass nun langsam auch unter journalistischen Praktikern über die Chancen des Ombudswesens diskutiert wird. Ein Schritt auf dem Weg zur Etablierung der damit verbundenen Ideen ist durch die zitierte Pressemitteilung der “Initiative Qualität im Journalismus” getan. Wann folgt der nächste?

Literatur:

Ruß-Mohl, Stephan (1994): Der I-Faktor. Qualitätssicherung im amerikanischen Journalismus. Modell für Europa? Zürich: Edition Interfrom/Osnabrück: Fromm