Archiv für März 2008 pt. 2 von 2



Neues ICA-Journal für qualitative Kommunikationsforschung

Mit “Communication, Culture & Critique” hat die International Communication Association eine neue Fachzeitschrift ins Leben gerufen, die sich der Kommunikationsforschung vorwiegend aus qualitativer und interpretativer Perspektive annähern soll. Als ich von diesem Ansinnen, das dem kommunikationswissenschaftlichem Mainstream komplett zuwiderläuft, zum ersten Mal gehört habe, war ich positiv überrascht und gespannt. Das klang nach einem lohnenswerten Projekt. Nachdem ich nun die Zeit gefunden habe, die erste Ausgabe des Journals genauer zu prüfen, hat sich diese positive Grundstimmung ein wenig relativiert. Obwohl mich das Themenspektrum des Hefts durchaus anspricht und die Anlage stimmig scheint, wirkt in der Ausführung vieles unfertig. Besonders störend ist der essayistische Plauderton einiger Beiträge, der jegliche wissenschaftliche Fundierung vermissen lässt. Vielleicht ist das Absicht. Vielleicht soll so ein wenig Programmatik in die Premierenausgabe gebracht werden. Ich weiß es nicht. Das knappe Editorial von “Inaugural Editor” Karen Ross (Liverpool) schweigt sich dazu aus.

Symptomatisch für das Geschilderte ist u. a. der Beitrag von Barbie Zelizer (Philadelphia) zur Frage “How Communication, Culture, and Critique Intersect in the Study of Journalism” — einer von zwei enthaltenen Texten, die dem Bereich der Journalismusforschung zuzuordnen sind. Die Autorin skizziert hier holzschnittartig drei divergierende Journalismuskonzepte: das des “[j]ournalism as communication [which] privileges the important role in information gathering and disseminating which journalism fulfills”, das des “[j]ournalism as culture [which] addresses the function of journalism in imparting value preferences and mediating meaning about how the world does and should work” und das des “[j]ournalism as critique [which] highlights the particular value of criticism and opinion as a modality through which journalism can make explicit its response to events and issues of the public sphere” (S. 90). In ihrem Schlussplädoyer fordert Zelizer, diese Konzepte als gleichberechtigt anzuerkennen, und stellt fest: “It is high time we developed the analytical tools necessary to recognize the different facets of their activities and how they interact.” (ebd.) Das ist sicherlich alles nachzuvollziehen und auch durchaus gutzuheißen. Allerdings mangelt es dem Ganzen doch sehr an inhaltlicher Substanz. So fehlen etwa jegliche (!) Bezüge auf bereits existierende Forschung zu den aufgeworfenen Fragen. Der sechsseitige Text kann somit kaum mehr als ein programmatisches Statement sein; ein ernst zu nehmender Forschungsbeitrag ist er offenkundig nicht.

Deutlich überzeugender ist da schon der Aufsatz “Crossing Boundaries: New Media and Networked Journalism” von Charlie Beckett und Robin Mansell (London). Sie beschreiben ihr Konzept eines von Weblogs und anderen kollaborativen Medienformaten geprägten Netzwerk-Journalismus, der sich gegenwärtig mehr und mehr etabliert und dem traditionellen (Gatekeeper-)Journalismus den Raum streitig zu machen scheint. Unter Hinzuziehung einschlägiger Literatur diskutieren sie die Spannungen zwischen neuem und altem Journalismus und erörtern die ethischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Um die dargelegten Probleme zu lösen, drängt sich den Autoren zu Folge vor allem eine Lösung auf: “[T]here must be substantial investment in the new media literacies that extend beyond basic reading and writing.” (S. 100) Das funktioniere aber nicht ohne eine entsprechende Begleitforschung: “An ethically grounded reserach strategy for understanding the changes associated with networked journalism would begin the task of assessing both the potential and the risks of the way the news media are evolving.” (S. 102)

Wenn künftige Ausgaben von “Communication, Culture & Critique” ähnlich sorgfältig gearbeitet sind wie der Beitrag von Beckett und Mansell, werde ich mich mit dem Zeitschriftenkonzept sicherlich noch anfreunden können. Man darf gespannt sein, wie sich das Journal entwickelt.

Demokratisierung des Journalismus lässt auf sich warten

Das Project for Excellence in Journalism (PEJ) hat gestern eine neue Auflage des jährlichen “State of the News Media“-Reports präsentiert. Wie inzwischen unter anderem AP und AFP berichtet haben, hat die Studie einige bemerkenswerte Ergebnisse zu Tage gefördert. Demnach habe das Internet den Journalismus zwar merklich verändert. Eine Demokratisierung der Berichterstattung in den US-Medien — etwa durch Blogs und andere Formate des Social Web — habe aber (noch) nicht stattgefunden.

Einige der beschriebenen Trends im Überblick:

  • “News is shifting from being a product […] to becoming a service […]. There is no single or finished news product anymore.”
  • “A news organization and a news Web site are no longer final destinations. Now they must move toward also being stops along the way, gateways to other places, and a means to drill deeper, all ideas that connect to service rather than product.”
  • “The prospects for user-created content, once thought possibly central to the next era of journalism, for now appear more limited, even among ‘citizen’ sites and blogs.”
  • “The agenda of the American news media continues to narrow, not broaden.”

Insbesondere der letztgenannte Befund, der sich aus einer Inhaltsanalyse von über 70.000 journalistischen Beiträgen in allen Mediengattungen ergibt, stimmt nachdenklich. Laut der Erhebung bestimmten im vergangenen Jahr vor allem zwei Themen die journalistische Agenda: der Krieg im Irak und der US-Präsidentschaftswahlkampf, die gemeinsam bereits mehr als ein Viertel der analysierten Berichterstattung ausmachten. Demgegenüber seien viele andere gesellschaftlich relevante Themen zu kurz gekommen. Zwar verfüge vor allem das Internet über das Potenzial, eine größere thematische Vielfalt zu ermöglichen. Gegenwärtig beschränkten sich die meisten journalistischen Webseiten allerdings darauf, die vorgegebene Agenda einfach abzubilden. Dadurch verstärke sich der Trend zur Vernachlässigung wichtiger Nachrichten sogar noch weiter.

Das ernüchternde Fazit muss demnach lauten: Der verheißungsvolle Neue Netz-Journalismus ist bislang noch weit davon entfernt, die mit ihm verbundenen Hoffnungen zu erfüllen.

Gute Tags, schlechte Tags

Steffen Büffel führt in Kooperation mit dem Tübinger Institut für Wissensmedien eine interessante Online-Befragung zum Thema Tagging durch. Ich habe selbst gerade schon teilgenommen und bin sehr gespannt auf die Ergebnisse. Weitere Teilnehmer sind natürlich herzlich willkommen. Mehr dazu hier!

Und wo wir gerade schon beim Thema sind: Auch die Online Journalism Review hat gegenwärtig eine spannende Frage der Woche: “What frustrates you about online journalism?” Interessant: Bislang lautet die Antwort mit der größten Resonanz: “Not enough time to pursue all ideas”. Allerdings ist die Teilnehmerzahl momentan wohl noch zu gering, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu Tage zu fördern. Deswegen: Mitmachen!

Frankfurter Tag des Online-Journalismus — jetzt online

“Textstrecken, Tonspuren, Bildströme — Neues Arbeiten im Multimedia-Web” lautete der Titel des diesjährigen Frankfurter Tages des Online-Journalismus, der in der vergangenen Woche im Funkhaus am Dornbusch stattfand. Geladen waren einige namhafte Referenten, die über Chancen und Grenzen multimedialer Darstellungsformen im Web sprachen und Werkstattberichte aus verschiedenen crossmedialen Newsrooms präsentierten — darunter auch Klaus Meier (Darmstadt). In dessen Blog lese ich gerade, dass sämtliche Vorträge des Haupttages inzwischen als Videos auf der Homepage des Hessischen Rundfunks dokumentiert sind. Alle, die nicht persönlich vor Ort waren, können das Versäumte hier nachholen.

Medien und Migration: Zwei freie Mitarbeiter-Stellen

Auf eine beachtenswerte Stellenausschreibung bin ich im Blog der DGPuK-Fachgruppe “Soziologie der Medienkommunikation” gestoßen. Andreas Hepp (Bremen) sucht zwei wissenschaftliche Mitarbeiter (halbe Stellen, Entgeltgruppe 13 TVL) für sein DFG-Projekt zur Erforschung der “Integrations- und Segregationspotenziale digitaler Medien am Beispiel der kommunikativen Vernetzung von ethnischen Migrationsgemeinschaften”. Die beiden Stellen sind auf zwei Jahre befristet. Bewerbungsschluss ist am 31. März 2008. Mehr dazu hier!

Wider den Journalismus der Unterhosen

Für die kommende Ausgabe (Heft 1/2008) des Journalistik Journals habe ich mit dem Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg ein Interview über die Machbarkeit von Qualitätsjournalismus in Zeiten der Medienkonvergenz geführt. Der daraus entstandene Text steht im Kontext des Schwerpunktthemas, das sich diesmal mit den (sich wandelnden) Arbeitsbedingungen im Journalismus befassen wird. Im Folgenden dokumentiere ich eine ausführlichere Fassung des Gesprächs; für das JoJo werde ich aus Platzgründen wohl noch leicht kürzen müssen. Mehr dazu in Bälde hier!

rosenberg.jpgHerr Rosenberg, Sie arbeiten mittlerweile seit über 30 Jahren beim Österreichischen Rundfunk. Sind Sie gerne Journalist?

Ja, sehr gerne!

Warum?

Das hat mit der Wirkungsweise des Radios zu tun. Ich mag vor allem das Dialoghafte des Mediums, durch das ich im besten Fall bei allen Beteiligten Erkenntnisprozesse hervorrufen kann. Das heißt: Meine Neugierde, die natürlich schon geordnet zu sein hat, führt dazu, dass Leute etwas neu überdenken und dadurch zu neuen Erkenntnissen kommen, um diese wiederum zu kommunizieren. Das ist das, was ich besonders interessant finde.

Ich habe es aber auch sehr geliebt, Reportagen zu machen. Wie heißt es so schön: „Die schlechteste Luft für den Journalisten ist die in der Redaktionsstube.“ Rauszugehen ist ganz, ganz wichtig.

Man könnte natürlich auch ganz groß sagen: Als Journalist erfüllt man eine gesellschaftliche Rolle. Aber ich denke: Es ist so eine Mischung von persönlicher Neugier, von Erkenntnisprozess, vom Aufdecken von Widersprüchen, vom Erwägen der Folgen für andere Menschen und so weiter.

Ihr Journalismusverständnis, das Sie hier schildern, ist das eines hintergründigen Qualitätsjournalismus mit gesellschaftlichem Anspruch. Welchen Stellenwert hat ein solcher Journalismus gegenwärtig im deutschsprachigen Raum?

Erstens: Ich glaube, dass dieser Journalismus dringend notwendig ist. Zweitens: Ich glaube, dass er gut funktioniert – auch gegen den ganzen Infotainment-Journalismus und gegen den Journalismus der Unterhosen. Er funktioniert gut. Aber ich bin da in Österreich natürlich in einer besonders glücklichen Situation. Ich arbeite für einen Kultursender, der ein gesamtheitliches Bild des kulturell interessierten Menschen als Basis hat. Wir machen anspruchsvolle Musik. Wir haben Informationssendungen größeren Ausmaßes. Und wir haben das, was man im Allgemeinen „Kulturelles Wort“ nennt – auch mit den ganzen gesellschaftlichen Geschichten und den Reportagen und all diesem. Das gibt es alles innerhalb eines Senders. Wir haben in Österreich jetzt neun Prozent Reichweite. Das ist ein Wert, von dem deutsche Kultursender nur träumen. Und wir gewinnen bei den Jungen dazu. Wir haben erst kürzlich eine Umfrage gemacht, wonach die optimale Länge einer Radiosendung bei unserem Publikum bei 45 Minuten liegt. So gesehen kann ich sagen: Uns geht es wirklich gut, weil wir für Leute, die interessiert sind, eine wirkliche Alternative zu allen anderen Medien darstellen – ergänzend zu den Printmedien.

Das klingt ja so ein bisschen wie die Insel der Glückseligen…

Nein. Ich unterstelle den deutschen Kollegen, wenn sie die Längen der Kultursendungen kürzen, einen Denkfehler. Man fragt: Was ist die optimale Länge eines journalistischen Radiobeitrags? Und man fragt das alle – und nicht das potenzielle Publikum. Und dann hat man eben die vielen, die sagen: 1 Minute 30! Und so kommt man auf einen schlechten Schnitt.

Glauben Sie, dass Ihr Bild eines Qualitätsjournalismus angesichts der gegenwärtigen Medienentwicklung auch dauerhaft eine Zukunft haben wird?

Es gibt dazu keine Alternative! Wir müssen daran arbeiten – und wir machen das, und zwar mit großer Liebe. Was dabei natürlich ganz wesentlich ist: Man muss Kolleginnen und Kollegen haben und finden, die von dem, was sie machen, begeistert sind. Mit Auftragsjournalismus allein kommt man nicht weiter. Gute Journalisten müssen begeistert sein: a) von den formalen Gestaltungsmöglichkeiten ihres Mediums – das ist eine Grundbedingung; und b) von den inhaltlichen Möglichkeiten und den entsprechenden Diskursen. Von der eigenen Wichtigkeit müssen sie nicht so sehr überzeugt sein.

Die gegenwärtigen Rahmenbedingungen scheinen die Chancen für eine qualitätsvolle Berichterstattung allerdings nicht unbedingt zu erhöhen. Nur einige Schlaglichter, die sich auch in der aktuellen Ausgabe des „Journalistik Journals“ widerspiegeln: Das journalistische Rollenselbstbild franst aus – unter anderem aufgrund der technischen Entwicklung. Die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse nimmt zu. Auch um die gesundheitlichen Auswirkungen des Journalistenberufs scheint es nicht zum Besten zu stehen. Wie ist Qualitätsjournalismus unter diesen Bedingungen möglich?

Wir haben eine wahnsinnige Beschleunigung und eine wahnsinnige Veroberflächlichung als Bedrohungen. Das ist keine Frage. Und da bin ich natürlich wirklich auf einer Insel der Glückseligen tätig. Ich glaube, Ö1 ist der einzige Sender, der mit dem Aufkommen privater kommerzieller Konkurrenz sogar Reichweitengewinne verzeichnen konnte. Bei Ö3 sind die Beiträge natürlich auch kürzer geworden. Da ist der marktgängige Produktcharakter ziemlich klar. Und in diesem Produktdesign ist natürlich viel mehr Tempo drin. In unseren Landesstudios machen die Leute sehr viel selber. Dort gibt es die Anforderungen der Bi- und der Trimedialität, wo die Redakteure fürs Internet, fürs Radio und fürs Fernsehen arbeiten müssen. Das verursacht sehr viel Stress. Und es birgt die Gefahr der Oberflächlichkeit in sich. Überhaupt keine Frage.

Aber bringt der Trend zum crossmedialen Arbeiten nicht auch Chancen für die journalistische Qualität mit sich?

Das Netz ist eine optimale Ergänzung zum Radio. Es geht gar nicht darum, dass man einzelne Sendungen jetzt streamt – das ist eigentlich eine Absurdität. Aber die restlichen Dinge sind wunderbar: das Downloading, die Podcasts, die Archivfunktion des Internets – das sind wunderbare Chancen, die von den Hörern auch genutzt werden. Das ist die eine Seite.

Für das journalistische Arbeiten kommt es darauf an, wie man es organisiert. Wenn man nur mehr von einer Systemeingabe zur nächsten hetzt, ist das falsch.

Ich fände es zum Beispiel sehr unangenehm, wenn ich ein Interview führen und dann auch noch den Fotoapparat rausholen müsste, um ein Bild zu knipsen. Das ist eine unmögliche zwischenmenschliche Situation. Wenn man ein Interview führt, ist man so konzentriert, dass die andere Handlungsebene einen durcheinanderbringen würde. Darum nehmen viele schreibende Journalisten ja auch Fotografen mit. Es ist schon sinnvoll, dass das ein eigener Beruf ist.

Dennoch: Dieses Switchen ist eine Fähigkeit, die man als Journalist in der Zukunft häufiger brauchen wird. Das kann auch Spaß machen. Ich weiß aber nicht, inwieweit es in der Summe besser ist, die einzelnen Funktionen auseinander zu lassen. Formulieren wir es mal so: Gegenseitiges Verständnis kann sicherlich nicht schaden.

Das Internet bietet – neben den genannten Potenzialen – auch die Möglichkeit, verstärkt nutzergenerierte Inhalte in die Berichterstattung einzubinden. Einige Kritiker befürchten aber, dass die journalistische Qualität dadurch weiter verwässert. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen im Bereich Web 2.0? Ist das eine Chance oder eine Gefahr für den professionellen Journalismus?

Das ist für mich keine Bedrohung. Es könnte nur den Journalismus ein wenig irr und wirr machen. Wir kommen da zu einem grundsätzlichen Problem: Was zeichnet den Journalismus als Beruf aus? Natürlich gibt es nutzergenerierte Inhalte – keine Frage. Nur: Ich gehe doch immer davon aus, dass Journalismus ein Beruf ist, ein professionell auszuübender Beruf, und das ist ein wesentliches Kriterium. Das andere ist öffentliche Selbstdarstellung, ist Tagebuchschreiben, ist vielleicht auch der Versuch, Themen zu setzen. Aber meistens – und da kann man sich ja YouTube anschauen – sind das irgendwelche Spaßetten.

Was sind für Sie denn die spezifischen Qualitäten, die Journalismus bieten kann, die Blogosphäre aber nicht?

Zum einen die grundsätzliche Verpflichtung, gewonnene Informationen gegenzuchecken und zu versuchen, auch die andere Seite zu hören. Außerdem halte ich auch die gute alte Trennung von Nachricht und Kommentar für ganz wesentlich. Und die Quellentransparenz: Was für Quellen stecken hinter einer Information?

Viele angehende Journalisten sind unsicher, welche Kompetenzen für ihr berufliches Weiterkommen wichtig sind. Angesichts der angesprochenen Entwicklungen scheinen vor allem möglichst umfassende Technik-Kompetenzen immer wichtiger zu werden. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, dass man sich nicht gegen neue Entwicklungen sträuben darf. Man muss diese Entwicklungen analysieren und für sich selbst entscheiden, was man machen will. Es ist doch in der Mediengeschichte immer so gewesen, dass zwar neue Medien dazukommen, aber die alten bleiben. Und das ist von entscheidender Bedeutung. Sehr wahrscheinlich nimmt Online dem Fernsehen und dem Radio Nutzungszeiten weg. Aber damit werden diese Medien leben müssen. Der wesentliche Punkt ist: Wer wählt aus. Und da wird es immer Menschen geben, die zu einer Redaktion Vertrauen haben, die dann sagen: Die filtern mir aus dem Dschungel der Informationen etwas heraus, was interessant ist. Das lässt sich nicht automatisieren. Man wird auch vom Menschen gemachte Musikprogramme haben wollen, weil man nicht immer selbst auswählen will. Davon bin ich überzeugt: Das wird es immer geben! Ich finde es aber auch toll, dass man so viel wählen kann.

Welche Karrieretipps würden Sie einem Journalistik-Studenten ganz konkret mit auf den Weg geben?

Erstens: Man muss sich ein Medium suchen, das einen interessiert. Zweitens: Man muss beharrlich sein und einfach anfangen. Wenn es nicht auf Anhieb mit einer Festanstellung klappt, dann vielleicht im nächsten Jahr. Ich weiß das von mir selbst. Und drittens: Man muss an dem, was man will, festhalten und sich nicht vom Markt seine Berufswünsche diktieren lassen. Im Notfall – und da gibt es immer wieder wunderbare Beispiele – muss man eben selber etwas gründen. Beharrlichkeit und Lästigkeit sind aber ganz zentral, denn jeder, der Personalentscheidungen trifft, weiß: Wer lästig ist, der hat schon eine wesentliche Voraussetzung für den Journalistenberuf erfüllt. Denn Hartnäckigkeit braucht man, um gute Geschichten zu machen. Und die braucht man, um ordentliche Jobs zu bekommen.

Würden Sie selbst sich heute noch einmal dafür entscheiden, Journalist zu werden?

Keine Frage, natürlich!

Zur Person: Rainer Rosenberg, Jg. 1953, arbeitet seit 1974 für das ORF-Radio, seit 1995 als Leiter der Produktionsgruppe Spezialprogramme bei Ö1. Er begann bei Ö3, wechselte kurz zum Fernsehen und baute das Jugendmagazin „X-Large“ auf. Rosenberg ist verantwortlich für die Wiederinbetriebnahme des Mittelwelle-Programms „Radio 1476“ des ORF ab 1997. Auf Sendung zu hören ist er derzeit am häufigsten in „Von Tag zu Tag“ oder in der Porträtreihe „Menschenbilder“.

Foto: ORF