Blogging als Erzähljournalismus: “reporting in its natural state”

Mitte März fand in Boston die diesjährige Nieman Conference on Narrative Journalism statt. Das Programm war — wie immer — beneidenswert. Ein besonders positives Echo hat im Nachhinein die Präsentation von Josh Benton, Kolumnist bei den Dallas Morning News und derzeit Nieman Fellow an der Harvard University, gefunden. In seinem Vortrag mit dem Titel “Blogging for Story: Telling tales in a format designed for the info-nugget” stellte er Verbindungslinien zwischen der Blog-Publizistik und verschiedenen (historischen) Formen des narrativen Journalismus her. Unter den Zuhörern war auch Roy Peter Clark, der dem Referenten anschließend eine begeisterte Kolumne widmete. Die Begeisterung ist nachvollziehbar, denn Bentons Konzept hat seinen Charme:

Laut Benton haben Blogging und Erzähljournalismus viele Gemeinsamkeiten. Beide stellten ein besonders brauchbares Vehikel zur Vermittlung von persönlichen Beobachtungen und Emotionen dar, die im konventionellen Nachrichtenjournalismus in der Regel unter den Tisch fallen. Durch ihre Lebendigkeit und Authentizität seien sie in der Lage, den Leser zu fesseln. Dadurch erreichten sie einen besonders hohen Grad an Interessantheit. Im Nachrichtenjournalismus hingegen falle der entsprechende Kennwert eher niedrig aus. Dessen Wirkungsmacht sei daher begrenzt.

Unterschiede zwischen Blogging und narrativem Journalismus sieht Benton vor allem auf der Zeitleiste: Wenn Blogger als Augenzeugen auftreten, können sie ihre Erlebnisse und Beobachtungen mit Hilfe moderner Technik quasi in Echtzeit publizistisch zu verarbeiten. Durch die schnelle Reaktion seien sie besonders glaubwürdig, weil die Gefahr der Verfälschung auf ein Minimum reduziert werde. Klassischer Erzähljournalismus brauche hingegen mehr Zeit. Bis Journalisten das narrative Pontenzial eines Themas erkennen, seien die damit verbundenen Ereignisse bereits Vergangenheit. Durch die erzählende Darstellung werde die Berichterstattung zwar in der Regel interessanter als im konventionellen Journalismus. Der Reiz des Gegenwärtigen aber fehle. Hier seien Blogs also im Vorteil.

Wie Roy Peter Clark zeigt, sind die skizzierten Zusammenhänge auch grafisch darzustellen: in Form der “Benton Curve of Journalistic Interestingness”. Dieser Graph ist letztlich ein Plädoyer für die Rückkehr zur Augenzeugen-Berichterstattung, die in der Tradition des narrativen Journalismus einstmals eine bedeutende Rolle gespielt hat, in der jüngeren Vergangenheit aber aufgrund der Dominanz des Nachrichten-Paradigmas ins Hintertreffen geraten ist. Benton bezeichnet diese Art der Berichterstattung (unter Rückgriff auf James Fenton) als “reporting in its natural state”. Sie ist für ihn die Idealvorstellung eines modernen Erzähljournalismus.

Etwas zu kurz kommen mir in der Darstellung (zumindest in der Zusammenfassung bei Roy Peter Clark) die Verweise auf mögliche Defizite eines journalistischen Live-Blogging. So dürften vor allem Qualitätsmerkmale wie (Sachliche) Richtigkeit und Vollständigkeit unter einer möglichst schnellen publizistischen Verarbeitung leiden. Nichtsdestotrotz halte ich das Konzept von Josh Benton für bedenkenswert. Es ist ein einleuchtender Versuch, theoretische Verbindungslinien zwischen Blogging und Erzähljournalismus zu ziehen. Nicht nur die Journalismusforschung, auch die journalistische Praxis kann davon profitieren. (via)

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