Archiv für März 2008

“Beruf: Journalist” — Neues Journalistik Journal

jojo.jpgNach einem längeren Endspurt konnten wir heute die Schlussproduktion des neuen “Journalistik Journals” abschließen. Die Frühjahrsausgabe 2008 (Heft 1/2008) geht morgen in den Druck; die Auslieferung dürfte ab kommender Woche beginnen. Das Schwerpunktthema widmet sich diesmal den Arbeitsbedingungen im Journalismus. Unter dem Titel “Beruf: Journalist” diskutieren zehn Autorinnen und Autoren über aktuelle Entwicklungen rund um den journalistischen Arbeitsplatz.

Einige Beiträge sind bereits vorab auf der Webseite des “Journalistik Journals” zu finden — zum Beispiel:

Fokus: Beruf: Journalist. Zum gegenwärtigen Stand der Journalismusforschung — von Johannes Raabe

Schneller, vielfältiger, anspruchsvoller. Journalisten von morgen: Wer sind sie, was machen sie? — von Sylvia Egli von Matt

Bürgerreporter: Ergänzung mit vielfältigem Potenzial. Übernehmen Laien die Redaktionen? — von Philomen Schönhagen

Die unbekannten Medienmacher. Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor — von Miriam Bunjes

Können, Köpfchen oder Körper? Zu den Karrierechancen von Frauen — von Tina Groll

Weitere Beiträge zum Themenschwerpunkt gibt es von Annika Sehl (”Ökonomisches Qualitätsmanagement? Wie die ARD-Anstalten mit Videojournalismus umgehen”), Frank Biermann (”Besser wird es nicht. Immer mehr Ein-Zeitungs-Kreise in NRW”), Judith Pfeuffer (”Macht der Journalismus krank? Ergebnisse einer Befragung”), Julia Eggs (”Volontariat unter der Lupe. Neue Daten zur journalistischen Ausbildungssituation”) und von mir (”Wider den Journalismus der Unterhosen. Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg über Qualitätsberichterstattung in den Zeiten der Medienkonvergenz”).

Aber auch jenseits des Schwerpunktthemas bietet das JoJo wieder einigen Lesestoff. Hervorzuheben ist sicherlich der spannende Aufsatz von Ingo Fischer (”Eher unbekannt als anerkannt“), in dem er empirisch nachweist, dass ein Großteil der Journalisten noch nie etwas von Pressekodex und Presserat gehört hat. Unbedingt lesenswert sind aber auch die Beiträge von Karola Graf-Szczuka (”Die Persönlichkeit der Zeitungsleser. Neue Erkenntnisse zur Mediennutzung von Jugendlichen”), Nadine Bilke (”Qualität in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Ein Modell für einen konfliktsensitiven Journalismus”), Sonja Roy (”Auf dem Weg zur Unabhängigkeit. Korruption beeinflusst auch die bulgarischen Medien”) und Holger Noltze (”So eine richtig schöne Umstrittenheit. Ein Beitrag zur Debattenkultur im deutschen Feuilleton”).

Wer Interesse an den nicht-verlinkten Beiträgen hat, kann sich gerne an die Redaktion wenden. Wir stellen auch die gedruckten Hefte auf Anfrage kostenfrei zur Verfügung.

Blogging als Erzähljournalismus: “reporting in its natural state”

Mitte März fand in Boston die diesjährige Nieman Conference on Narrative Journalism statt. Das Programm war — wie immer — beneidenswert. Ein besonders positives Echo hat im Nachhinein die Präsentation von Josh Benton, Kolumnist bei den Dallas Morning News und derzeit Nieman Fellow an der Harvard University, gefunden. In seinem Vortrag mit dem Titel “Blogging for Story: Telling tales in a format designed for the info-nugget” stellte er Verbindungslinien zwischen der Blog-Publizistik und verschiedenen (historischen) Formen des narrativen Journalismus her. Unter den Zuhörern war auch Roy Peter Clark, der dem Referenten anschließend eine begeisterte Kolumne widmete. Die Begeisterung ist nachvollziehbar, denn Bentons Konzept hat seinen Charme:

Laut Benton haben Blogging und Erzähljournalismus viele Gemeinsamkeiten. Beide stellten ein besonders brauchbares Vehikel zur Vermittlung von persönlichen Beobachtungen und Emotionen dar, die im konventionellen Nachrichtenjournalismus in der Regel unter den Tisch fallen. Durch ihre Lebendigkeit und Authentizität seien sie in der Lage, den Leser zu fesseln. Dadurch erreichten sie einen besonders hohen Grad an Interessantheit. Im Nachrichtenjournalismus hingegen falle der entsprechende Kennwert eher niedrig aus. Dessen Wirkungsmacht sei daher begrenzt.

Unterschiede zwischen Blogging und narrativem Journalismus sieht Benton vor allem auf der Zeitleiste: Wenn Blogger als Augenzeugen auftreten, können sie ihre Erlebnisse und Beobachtungen mit Hilfe moderner Technik quasi in Echtzeit publizistisch zu verarbeiten. Durch die schnelle Reaktion seien sie besonders glaubwürdig, weil die Gefahr der Verfälschung auf ein Minimum reduziert werde. Klassischer Erzähljournalismus brauche hingegen mehr Zeit. Bis Journalisten das narrative Pontenzial eines Themas erkennen, seien die damit verbundenen Ereignisse bereits Vergangenheit. Durch die erzählende Darstellung werde die Berichterstattung zwar in der Regel interessanter als im konventionellen Journalismus. Der Reiz des Gegenwärtigen aber fehle. Hier seien Blogs also im Vorteil.

Wie Roy Peter Clark zeigt, sind die skizzierten Zusammenhänge auch grafisch darzustellen: in Form der “Benton Curve of Journalistic Interestingness”. Dieser Graph ist letztlich ein Plädoyer für die Rückkehr zur Augenzeugen-Berichterstattung, die in der Tradition des narrativen Journalismus einstmals eine bedeutende Rolle gespielt hat, in der jüngeren Vergangenheit aber aufgrund der Dominanz des Nachrichten-Paradigmas ins Hintertreffen geraten ist. Benton bezeichnet diese Art der Berichterstattung (unter Rückgriff auf James Fenton) als “reporting in its natural state”. Sie ist für ihn die Idealvorstellung eines modernen Erzähljournalismus.

Etwas zu kurz kommen mir in der Darstellung (zumindest in der Zusammenfassung bei Roy Peter Clark) die Verweise auf mögliche Defizite eines journalistischen Live-Blogging. So dürften vor allem Qualitätsmerkmale wie (Sachliche) Richtigkeit und Vollständigkeit unter einer möglichst schnellen publizistischen Verarbeitung leiden. Nichtsdestotrotz halte ich das Konzept von Josh Benton für bedenkenswert. Es ist ein einleuchtender Versuch, theoretische Verbindungslinien zwischen Blogging und Erzähljournalismus zu ziehen. Nicht nur die Journalismusforschung, auch die journalistische Praxis kann davon profitieren. (via)

Erträge eines nächtlichen Netz-Spaziergangs

Kaum ein Tag vergeht, der einem keine neue Blog-Entdeckung beschert. Während eines nächtlichen Netz-Spaziergangs bin ich auf mehrere viel versprechende Projekte aus den Arbeitsfeldern Medien und Journalismus gestoßen. Auf drei davon sei kurz hingewiesen:

The Changing Newsroom lautet der Titel eines sympathischen neuen Blogs, das sich mit dem Einfluss gegenwärtiger Technik-Entwicklungen auf den Journalismus befasst. Carrie Brown, ab Herbst Assistant Professor of Journalism an der University of Memphis, hat die Seite erst Anfang März ins Leben gerufen. Deswegen ist noch nicht ganz klar, wohin die Reise geht. Die ersten Ansätze machen aber Lust auf mehr. Ich werde auf jeden Fall wieder vorbeischauen.

Bei Poynter Online wird seit einigen Tagen verstärkt über “diversity” in der journalistischen Berichterstattung diskutiert. Das passende Blog dazu heißt Diversity at Work. Gefüllt werden soll es laut Ankündigung von einer Reihe praxisnaher Autoren. Außerdem gibt es eine eigene del.icio.us-Seite zum Thema. Momentan ist allerdings noch nicht viel zu sehen. Auch hier scheint es lohnenswert, das Projekt im Auge zu behalten.

Schon ein paar Tage älter ist das Blog von Robert Picard, Professor an der Jönköping International Business School. Ich bin trotzdem erst heute darauf aufmerksam geworden. Besser spät als nie, denn The Media Business enthält einige medienökonomische Reflexionen, die in dieser Qualität in der Blogosphäre sicherlich Seltenheitswert haben. Aufgrund der mangelnden Vernetzung fehlt der Seite bislang scheinbar die Aufmerksamkeit, die sie haben könnte. Vielleicht ändert sich das ja bald…

You’ll Never Walk Alone

Heimlich, still und leise haben auch meine Kollegen vom DFG-Forschungsprojekt “Mediale Integration ethnischer Minderheiten” mit dem Bloggen angefangen. Schon seit Ende Januar führen sie unter www.integration-und-medien.de/blog ein Projektblog zur Ergänzung und Reflexion ihrer Arbeit. Erst heute bin ich — mehr oder weniger durch Zufall — darauf aufmerksam geworden. Dafür freue ich mich nun umso mehr: Ich bin nicht der einzige Dortmunder Journalistiker, der sich in der Blogosphäre tummelt.

Fiktionale Medieninhalte und der Glaube an eine gerechte Welt

Manchmal muss man den Blick schon auf die internationalen Fachzeitschriften richten, um auf Forschungsarbeiten aufmerksam zu werden, die im deutschen Sprachraum entstanden sind. In der aktuellen Ausgabe des “Journal of Communication” bin ich auf einen lesenswerten Beitrag von Markus Appel (Linz) gestoßen, der für mich im Kontext meines Dissertationsvorhabens interessant ist. Der Titel lautet “Fictional Narratives Cultivate Just-World Beliefs“.

In seinem Aufsatz verarbeitet Appel die Erkenntnisse aus zwei Befragungen zur Fernsehnutzung von 128 Deutschen und 387 Österreichern. In beiden Erhebungen konnte er nachweisen, dass die Rezeption fiktionaler Fernseherzählungen beim Publikum den Glauben an eine gerechte Welt (”where people get what they deserve”, S. 76) fördert. Gleichzeitig bestätigte sich jedoch die Hypothese, dass eine hohe Gesamtdauer der Fernsehnutzung positiv mit Vorstellungen von einer bösen und beängstigenden Welt korreliert ist. Der Autor geht dabei davon aus, dass fiktionale Narrationen in der Regel den gleichen Schemata entsprechen. “Their endings typically include a resolution that brings together unconnected story lines, thus restoring balance and, ultimately, justice.” (S. 64) Andere Fernsehinhalte, unter anderem auch die Nachrichtensendungen der Boulevardmagazine, würden hingegen eine negative Weltsicht kultivieren.

Der Beitrag von Markus Appel ist nicht nur deswegen spannend, weil die Erforschung von fiktionalen Medieninhalten in der Kommunikationswissenschaft generell vernachlässigt ist. Ich habe mich auch deswegen ein wenig intensiver damit befasst, weil der Transfer in mein eigenes Forschungsprojekt zu den Traditionen des literarisch-narrativen Journalismus mir einige neue Denkanstöße geliefert hat.

Direkt übertragbar auf meinen Forschungsgegenstand sind die dargelegten Befunde aber sicherlich nicht. Das hängt zum einen mit den unterschiedlichen Medien zusammen (ich konzentriere mich vorwiegend auf Printberichterstattung, Appel auf das Fernsehen), zum anderen mit den unterschiedlichen Handlungssystemen (mir geht es um Journalismus, Appel berücksichtigt auch und gerade nicht-journalistische Medieninhalte). Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich für die Rezeption von literarisch-journalistischen Printerzeugnissen andere Wirkungsmuster nachweisen lassen würden. Allerdings ist die Forschung dazu bislang allenfalls bruchstückhaft, zumal diese Journalismusgattung selbst schon nicht sonderlich weit verbreitet ist. Ich hoffe, demnächst mehr dazu beitragen zu können.

Bis zu 300 Wissenschaftsblogs?

Die wissenschaftliche Blogosphäre wächst. Benedikt Köhler schätzt, dass es mittlerweile 200 bis 300 im deutschen Sprachraum entstehende Blogs gibt, die dem Wissenschaftsbereich zuzuordnen sind. Die Werte ergeben sich aus einer Auswertung des neuen metaroll-Channels für Wissenschaftsblogs, den Benedikt vor einigen Tagen ins Leben gerufen hat. Dort gibt es nun die Möglichkeit, thematisch einschlägige Blogs nach ihrer Technorati-Authority oder nach der Anzahl der verlinkenden Blogrolls zu sortieren. Das gleiche gibt es übrigens auch für medienspezifische Blogs — für meine Arbeit am Institut für Journalistik fast ebenso wichtig.

Besonders gefreut habe ich mich über den expliziten Hinweis auf dieses Blog. Nachdem ich hier in den ersten zwei Monaten noch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschrieben habe, nehme ich eine solche Werbung natürlich dankend an.

Hilfe, wir sind blau!

publizistik2.jpgEin paar Zeilen Preview auf den Rezensionsteil in Heft 1/2008 der “Publizistik” habe ich ja vor einigen Wochen schon abgesondert. Heute kann ich Vollzug melden: Das neue Heft ist da! Das Format ist ein bisschen schlanker als gewohnt; als Farbe der Saison hat ein sanftes Babyblau Einzug erhalten — aber sonst ist (zumindest in optischer Hinsicht) alles beim Alten.

Einige Veränderungen gibt es beim Vertrieb der Zeitschrift: Auf ihrer Mitgliederversammlung bei der letzten Jahrestagung in Bamberg hat die DGPuK beschlossen, die Abonnements der beiden zentralen Journals im Fach, also “Publizistik” und “Medien & Kommunikationswissenschaft”, in den Beitrag zur Mitgliedschaft in der Fachgesellschaft zu integrieren. Das heißt: Ab sofort bekommen alle DGPuK-Mitglieder die beiden Publikationen zu einem Preis, der sogar noch unter dem ermäßigten Abopreis für Studierende liegt. In der Folge dürfte sich eine leichte Auflagensteigerung erreichen lassen. Damit verbindet sich die Hoffnung, das finanzielle Fundament der Zeitschriften sichern zu können — und damit ihr Weiterbestehen. Hoffen wir, dass diese Strategie aufgeht…

Ein kurzer Blick auf den Inhalt der neuen Ausgabe:

Die Kolumne stammt diesmal von “Spiegel Online”-Redakteur Christian Stöcker. Unter dem Titel “Virtuelle Räume und reale Erregungszyklen” diskutiert er die “Hysterie der Medien um ‘Second Life’ und was wirklich dran ist an dreidimensionalen Web-Welten”.

Im Aufsatzteil finden sich ausnahmsweise fünf Beiträge:

Philomen Schönhagen: Ko-Evolution von Public Relations und Journalismus. Ein erster Beitrag zu ihrer systematischen Aufarbeitung. (Der Volltext steht auch für Nicht-Abonnenten als Download zur Verfügung!)

Anna Amelina: Asymmetrie der Verhältnisse. Aktuelle Entwicklungen im Fernsehen der Russischen Föderation.

Bertram Scheufele: Die These der Negativitätsumkehrung. Ein Experiment zur Wirkung von Negativität in den Politiker- und Problemdarstellungen von Printmedien.

Beatrice Kemner/Helmut Scherer/Stefan Weinacht: Unter der Tarnkappe. Der Einsatz “volatiler Themen” und “opportuner Zeugen” in der Berichterstattung zum Übernahmeversuch der ProSiebenSat.1 Media AG durch den Springer-Verlag.

Werner Wirth/Ilona Stämpfli/Saskia Böcking/Jörg Matthes: Führen viele Wege nach Rom? Berufssituation und Karrierestrategien des promovierten wissenschaftlichen Nachwuchses in der Kommunikations- und Medienwissenschaft.

Eine vollständige Inhaltsübersicht, die auch sämtliche Personalien und Rezensionen auflistet, findet sich hier!